Politically incorrect since 1966

Selbstbestimmtes Leben und Sterben

Die letzten Tage skandalisierte die Boulevard-Presse die bevorstehende Dok-Sendung von SF-DRS mit dem Titel “Tod nach Plan“, die den Suizid eines psychisch kranken Menschen begleitete. Genauso eifrig skandalisierten Kommentarschreiber in ebendiesen Blättern und Foren, man demonstrierte Empörung über diesen Tabu-Bruch. Man darf doch so einen Suizid nicht medial ausschlachten, meinten die Einen, ein gezeigter Suizidprozess könnte Nachahmer motivieren, meinten die Anderen – kurz nachdem das Volk entschieden hat, dass weiterhin hundertausende von Armeewaffen in Wohnungen herumliegen. Die ganze Diskussion war mehr eine Moralische als eine Ethische, man darf doch nicht, das geht doch nicht – ich wollte es genauer wissen und sparte mir einen Kommentar auf, bis ich die Sendung gesehen hatte.

Die Geschichte
Der manisch-depressive André kann und will nicht mehr, seit Langem. Er hat zwanzig Psychiatrieeinweisungen hinter sich, Untersuchungshaft wegen einer Gewalttat während einer manischen Phase, er weiss, dass weitere Vorkommnisse zu einer Verwahrung oder zumindest zu weiteren Zwangspsychiatrisierungen führen. Er hat sich entschieden, sein Leben zu beenden, fast ein Jahr vor seinem geplanten Suizid. Er ist nicht einer dieser vielen Fälle, die in einer akuten Krisensituation überreagieren, er weiss genau was er tut und er weiss, warum er es tun will. Fast ein Jahr lang plant er seinen Ausstieg, organisiert alles, verabschiedet sich von seinen Freunden – und schläft schlussendlich erlöst ein.

Die Sendung
So kam die Sendung bei mir an. Da war kein mediales Ausschlachten, es war ein offenes Aufzeigen eines Lebens, eines Menschen, der die Grenzen des Erträglichen überschritten hatte und im vollen Bewusstsein und bei vollem Verstand sein Recht auf Selbstbestimmung einforderte und sein Leben, das er nicht mehr als lebenswert wahrnahm, beendete. Es war erstaunlich, wie ruhig und zielstrebig André seinen Weg ging. Das war keine Überreaktion, da war kein Kurzschluss, er war einfach am Ende und wollte dieses Ende wenigstens in Würde begehen. Ein Tabu wurde gebrochen, ja, aber es war nicht reisserisch sondern konfrontierte uns mit der Tatsache, dass es wirklich Menschen gibt, die keine Ausweg mehr haben. Dass diese Sendung Nachahmer produziert, bezweifle ich, weil der Film eben keinen Kurzschluss zeigte sondern jemanden, der einen langen Weg geht und dabei wohlüberlegt agiert. Es war höchste Zeit, dass uns dieses Thema einmal näher gebracht wird als eine Blick-Schlagzeile es tut. Man konnte mitfühlen und ein Stück weit verstehen lernen, dass man in dieser Thematik nicht vorschnell urteilen sollte.

Suizid ist nie eine Lösung
In meinem alten Blogtagebuch schrieb ich einst einen Beitrag mit dem Titel “Selbstmord – die vorweggenommene Niederlage“, in dem ich erklärte, warum ich Selbstmord nie als eine Lösung ansehen kann. Davon bin ich nachwievor überzeugt, wenn man sein Leben aufgibt, verschenkt man jede Chance auf Besserung und alles bisher Erlittene war vergebens. Aber was, wenn es keine Chance auf Besserung gibt? Vielleicht gibt es Situationen, in der Suizid zwar keine Lösung ist, aber immerhin Erlösung?

Ich verstehe den Wunsch nach Selbstaufgabe, ich hatte genug Phasen in meinem Leben, in denen ich alle Kräfte brauchte um weiter durchzuhalten. Bei mir hat es sich gelohnt, ich konnte mir schlussendlich doch wider aller Erwartung ein menschenwürdiges Leben erkämpfen. Was für eine grässliche Vorstellung, ich hätte aufgegeben und all das verpasst, was mir nun vergönnt ist. Aber ich hatte Chancen, so klein die auch waren. Und ich hatte offenbar die Kraft dazu, sie zu nutzen. Aber das bedeutet nicht, dass es allen Anderen in sämtlichen Lebenssituationen so geht.

Die Grenzen der Hoffnung
Ich erinnere mich an den Tod meiner Mutter. Sie war todgeweiht, kein Arzt konnte ihr noch Hilfe bieten. Sie konnte nur noch abwarten, bis sie endlich sterben kann. Sie hatte im Hals ein Loch zwischen Speiseröhre und Luftröhre, alles was runter ging, ging auch teilweise in die Lunge, regelmässige Erstickungsanfälle waren ihr steter Begleiter. Aber sie hatte nicht mehr die Möglichkeit, Sterbehilfe zu organisieren, weil es da Fristen gibt, die eingehalten werden müssen. Sie konnte nur passive Sterbehilfe wählen, um dieses sinnlose Leiden wenigstens zu verkürzen. Diese passive Sterbehilfe, bei der man einen Menschen faktisch verhungern lässt, ist unsagbar grausam. Auch vollgepumpt mit Morphium durchlebte sie Wochen, in denen sie alle paar Minuten die Augen schreckgeweitet aufriss, weil sie Erstickungsanfälle hatte. Würde man ein Tier so verrecken lassen, würde man wegen Verstoss gegen das Tierschutzgesetz eingeklagt. Mit Menschen darf man das machen, wir nennen das Ethik. Es gibt Situationen, in denen Suizidverweigerung pure Grausamkeit ist, wenn Organisationen wie Exit die einzige Möglichkeit sind. Dafür habe ich Verständnis und in so einem Fall würde ich selber auch aufgeben, weil es nichts mehr gibt, das man aufgibt ausser Leiden.

Leidenszwang für psychisch Kranke?
Bei unheilbaren Krankheiten mit grossem Leiden haben doch viele Menschen ein gewisses Verständnis, dass man dem Leiden ein Ende setzt und todkranke Menschen nicht noch weiter quält. Anders sieht es bei psychisch Kranken aus. Ihnen wird per Definition die Selbstbestimmung aberkannt, in vielen Fällen vielleicht sogar mit gutem Grund. Gerade bei akuten Depressionen besteht eine gute Chance, dass man den Betroffenen helfen kann, da lohnt es sich Zeit zu gewinnen und zu versuchen, den Zustand zu verbessern. So Mancher hat schon Lebenslagen erlebt, in denen man aufgeben wollte und es doch nicht getan hat und heute froh ist darüber. Aber es gibt auch psychische Erkrankungen, die man nicht heilen kann, die einen Leidensdruck hervorbringen, der einfach unerträglich ist – auch auf lange Sicht hinaus. Gerade bei nicht akuter Lebensmüdigkeit kann man irgendwann die Grenze des Erträglichen überschreiten. Wer darf darüber entscheiden, wer wann am Ende seiner Kraft ist?

Pflicht zur Hilfe – so oder so
Wäre in meinem Umfeld jemand nicht mehr in der Lage, das Leben zu ertragen, würde ich ihm helfen. Bei akuten Fällen würde ich Chancen aufzeigen, unterstützen, Lösungen suchen, ich würde alles daran setzen, um diesen Menschen davon abzuhalten, weil es fast immer eine Chance gibt. Egal ob jemand den Partner verloren hat, keinen Job oder kein Geld hat, ausgestossen oder diskriminiert wird, hoffnungslos ist, ich würde immer alles ausschöpfen, um ein Weitergehen möglich zu machen. Aber wenn es keine Chancen mehr gibt – und solche Fälle gibt es, ob uns das passt oder nicht – dann würde ich mich genauso verpflichtet fühlen, diesen Menschen auch auf diesem letztem Weg zu begleiten und zu unterstützen.

Kämpfen bis zum letzten Blutstropfen
Ich bin eine Kämpfernatur und als Solche möchte ich auch ein Vorbild sein. In meinem Leben musste ich vieles erdulden und es gab oft Zeiten, in denen ich froh gewesen wäre, wenn ich hätte aufgeben können. Ein Psychologe sagte mir mal, dass die meisten Menschen sich das Leben genommen hätten, wenn sie all das hätten durchmachen müssen. Da wird er wohl Recht haben. Aber ich habe durchgehalten und bin so zum lebenden Beweis geworden, dass sich das Durchhalten auszahlen kann, wenn man nur hartnäckig genug ist. Es ist erstaunlich, wie oft man zu Boden gehen kann und wieder aufzustehen vermag – noch erstaunlicher ist, dass man nach so einem Leben irgendwann sogar aufrecht steht und mit glücklichem Lächeln in die Zukunft schaut. Aber jeder Mensch hat Grenzen, niemand ist unbesiegbar, auch das gilt es zu respektieren.

All denen, die glauben keine Kraft mehr zu haben, die aufgeben möchten, die keine Hoffnung mehr haben, all denen möchte ich zurufen: Gib nicht auf, kämpfe weiter, manchmal geschehen Wunder und Du würdest möglicherweise das Beste in Deinem Leben wegwerfen, weil das Beste noch vor Dir liegt. Gib nicht auf, bitte, gib nicht auf, es wäre so schade um Dein zukünftiges Leben, das vielleicht so schön würde wie Meines geworden ist, weil ich nicht aufgegeben habe.

Aber in den wenigen Fällen, in denen es wirklich keine Aussicht mehr gibt, möchte ich deren Umfeld zurufen: Lasst sie los, wenn sie schon nicht mit Würde leben konnten, dann gönnt ihnen wenigstens, in Würde zu sterben. Doch diese Aussichtslosigkeit ist erst erreicht, wenn der letzte Blutstropfen vergossen ist, bis dahin rufe ich auch diesen Menschen zu: Kämpfe weiter – nichts ist unmöglich, denen, die das Unmögliche wagen – kämpfe weiter!

Copyright © 2017 by: A girl called Diana • Template by: BlogPimp Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.