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Transsexuell, selbstbewusst und stolz im Herz

Manchmal, wenn ich zurück blicke und vergleiche, wie es mir vor zwei Jahren ging und wie ich heute durchs Leben gehe, erschüttert es mich geradezu, weil ich in dieser Zeit offenbar eine unglaubliche Entwicklung durchgemacht habe. Diese Reise begann mit eingeknicktem Kopf, von Scham erfüllt ging ich durch mein Leben, von spöttischen Blicken begleitet, ohne Selbstbewusstsein. Ein gestörter Mann geht einen noch gestörteren Weg, so in etwa sah ich mich von der Welt missverstanden. In diesen zwei schweren Jahren bin ich gewachsen und zu dem geworden was ich heute bin, eine selbstbewusste und stolze Frau, die weiss, dass sie mehr überwunden hat als die meisten Menschen je überwinden müssen. Aber wie in aller Welt habe ich das geschafft? Wie kann ich das Anderen vermitteln? Versuchen wir’s mal…….

Einschub: dieser Beitrag wäre für’s alte Blogtagebuch geplant gewesen, weil er thematisch dort hingehört. Aber alle hier erwähnten Teilaspekte wurden dort bereits einzeln behandelt, deshalb fand ich es besser, diesen Beitrag hier zu veröffentlichen mit Link-Verweisen zu alten Artikeln – sozusagen als Summasummarum zu diesem ganzen Thema.

Psychopathologisierung aufbrechen
Einer der wesentlichsten Faktoren scheint mir die Psychopathologisierung zu sein. Als ich mich damals unter Annahme der offiziellen Terminologie als geschlechtsidentitätsgestört akzeptierte, stülpte ich mir diese Fratze des Gestörtseins über den Kopf, brandmarkte mich mit einer Narrenkappe die aus psychoanalytischen Theorien gestrickt war. Dann bin ich also gestört, was soll’s, ich hab mir das nicht ausgesucht, lass mich wenigstens so leben, wie es meine Seele braucht. Erst als ich im Verlauf dieses Prozesses von Studien hörte, die aufzeigten, dass Transsexualität eben nicht der verrückte Wunsch eines Mannes ist, Frau zu sein sondern dass ich beispielsweise anatomische Hirnstrukturen habe, die einer Frau gleichen, begann ein Umdenken. Die Erkenntnis, dass ich so zur Welt gekommen bin wie ich bin, gab mir eine gewisse Legitimierung. Ob das was ich bin nun krank oder fehlentwickelt oder einfach eine Normvariante ist, war nicht das Wesentliche, wesentlich war die Tatsache, dass ich mich nicht “in eine Transsesxualität entwickelt habe” sondern so zur Welt gekommen bin – ein faktischer Freispruch. Diese Sichtweise, die durch eine Unzahl von wissenschaftlichen Studien gestützt wird, wurde zum Fundament für eine ganz neue Selbstwahrnehmung. Ich will nicht eine Frau sein, ich bin es!
Transsexualität hat biologische Ursachen
Was bestimmt das Geschlecht – Körper oder Geist?
Transsexualität: Psychologische Sichtweise ohne Scheuklappen

Ist es schlecht? Und was ist gut?
Ist es krank? Und was heisst leben?
Nein! Es ist nur ehrlich – menschlich
Und verflucht – Es ist doch nur die Wahrheit!
(Lacrimosa – Stolzes Herz)

Positive Identifikation mit Transsexualität
Gerade weil man zu Beginn stark unter dem Eindruck der Psychopathologisierung steht, ist es umso wichtiger, positive Identifizierungsmerkmale zu finden und davon gibt’s eine Menge. Transsexuelle Menschen werden in ein Leben gezwungen, das sie vor enorme Herausforderungen stellt, die einem in vielen Belangen schulen. Man musste ein Leben führen das dem eigenen Geschlecht entgegengesetzt war, dazu musste man Menschen und Geschlechter genau beobachten und die Sinne schulen. Man führte lange Zeit ein Leben im “anderen Geschlecht” und lernte viel von der Denk- und Verhaltensweise dieses anderen Geschlechts, weil man es selbst nachspielen musste. Das Leben forderte einem sehr viel Leidensbereitschaft ab, die einem tapfer macht. Und schlussendlich wird einem spätestens beim Outing soviel Mut und Überwindung der Angst abgefordert, dass man auch daran wächst. Vieles was mein Wesen ausmacht, wurde durch meine transsexuelle Ausgangslage im Leben geprägt. Ohne diese erschwerten Umstände wäre ich niemals die Philosophin und Kriegerin geworden, die ich heute bin. Ja, all das hat mich stark gemacht, an allen Widrigkeiten bin ich gewachsen und so bin ich heute wie eine Kriegsveteranin, die nicht nur in der Kaserne geübt hat sondern wirklich gekämpft hat. Diese Kriegserfahrung auf dem Schlachtfeld des Lebens hat mich geschult und gross gemacht. Aus diesen und viel mehr Gründen wurden trans-Menschen bei indigenen Völkern als “Two Spirit” geehrt. An diesem Bild sollte man sich festhalten, wir sind vielleicht anders als Andere, aber dieses Anders-sein bringt positive und negative Aspekte mit, die negativen werden mir zu Genüge vor Augen gehalten, die Positiven muss ich mir selbst vor Augen führen – immer und immer wieder, bis ich es endlich glaube ;-)
Lob auf die Transsexualität – über den Zauber der Two Spirits

Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen,
was von selber aus mir heraus wollte.
Warum war das so schwer?
(Hermann Hesse, Demian)

Epiktet und die Bedeutungslosigkeit des Gelächters
Schon immer hatte ich einen Hang zur Philosophie, vorllem in der griechischen Philosophie fand ich immer gute Lehrer, allen voran Sokrates, der sich dadurch hervortat, dass er nur eines wusste: dass er gar nichts weiss. Auch in diesen zwei Jahren fand ich bei den alten Griechen einen guten Lehrer, Epiktet, ein Vertreter der Stoa. In seinen Texten dreht er sich immer wieder um denselben Punkt und kommt immer wieder zur selben Antwort: Was geht es Dich an? Ich war in einer Situation, in der ich mich in einer mich verhöhnenden oder verspotteten oder zumindestest belächelnden Welt fand. Auch wenn ich selbst wusste, dass ich nicht gestört bin, für alle die nichts vom Thema wissen, werde ich weiter das Stigma der Bekloppten tragen. Aber warum sollte mich das interessieren, fragt Epiktet? Wenn mein Weg richtig ist, dann ist er richtig, egal ob Andere das auch so sehen. Wer vermag über mich zu urteilen, wer entscheidet wie ich sein soll, ich selbst oder dieses Gesellschaftskollektiv? Durch Epiktet wurde mir klar, dass weder die Richtigkeit noch der Wert von etwas davon abhängig ist, wie es von aussen beurteilt wird. Der Wert oder die Richtigkeit bestimmt sich durch sich selbst. Wenn ich ok bin, dann kann man mich für noch so gestört halten, ich werde es nicht nur weil man mir diese Maske auferlegt. Wenn man mich für einen Vogel hält, beginne ich ja auch nicht zu fliegen, warum sollte ich also andere Fremdurteile annehmen? Diese Denkweise führten immer mehr zu einer Art Werte-Autarkie, die dazu führte, dass ich heute zu mir stehen kann, egal was Andere darüber denken.
Selbstachtung beginnt bei Dir

Im Auge der Gemeinheit – Der Allgemeinheit
Schlicht verwerflich – transparent
Doch ist es tiefer, stärker und viel mehr
(Lacrimosa – Stolzes Herz)

Das Schwert der Offenheit
Soweit so gut, wenn ich soweit bin, dass ich mich selbst respektieren kann und nicht mehr von der Wertzumessung Anderer abhängig bin, habe ich ein gutes Fundament. Aber es führt in ein zwei-Welten Dasein und hat irgendwie etwas asoziales. Es ist gut und wichtig, wenn ich mich nicht von Anderen beurteilen und verurteilen lasse, aber ich bin ein soziales Wesen und lebe nicht in einer Autarkie, da fehlt also noch einiges für ein menschenwürdiges Leben. Ich machte die Erfahrung, dass Menschen entgegen meiner Annahme überraschend schnell Vorurteile und Falschvorstellungen ablegen können, wenn sie mit Fakten konfrontiert werden. Das Faktum war in diesem Fall ich selbst. Ich nötigte mir eine kompromisslose Offenheit ab. Ich wusste ja mittlerweile, dass ich ok bin, wenn Andere in mich hinein sehen, werden sie dasselbe wahrnehmen wie ich. Und die Strategie ging auf. Ich erlebte oft, dass ich zuerst mit einer gewissen Irritation betrachtet wurde, aber schon relativ kurze Gespräche mit der nötigen Offenheit führten dazu, dass man begann mich zu verstehen. Nicht unbedingt in einem rationalen Sinn, aber man bemerkte, dass es mir ernst ist und dass ich für mich selbst einstand. Das wiederum nötigte Anderen einen gewissen Respekt ab und führte schnell dazu, dass man mich respektierte als das was ich bin. Wer bei neuen Begegnungen mit einem Handicap startet und mit einer Stigmatisierung beginnen muss, steht im Zugzwang. Ich weiss ja, dass Aussenstehende falsche Vorstellunge von transsexuellen Menschen haben, wer wenn nicht ich könnte ihnen eine neue Sichtweise geben, indem ich mit meinem Ich-sein ein lebendiges Beispiel werde? Heute habe ich ein tolles Umfeld, loyale Arbeitskollegen, liebe Freundinnen, respektvolle Freunde – Diana hat sich etabliert, nicht als Transsexuelle sondern als eine Frau, die einen verrückten Weg hinter sich hat. Das verdanke ich meiner Offenheit, das wurde mir mehrmals attestiert, denn Offenheit entwaffnet, sie zerschneidet Vorurteile, Offenheit ist die einzige Waffe gegen das Schwert des Vorurteils.
Das Outing als transsexuelle Frau
Transsexualität und die Kunst der Selbsterklärung

Mit dem Leben ist es wie mit einem Bühnenstück:
Was zählt, ist nicht die Länge, sondern das gekonnte Spiel
(Seneca)

Die grosse Bedeutung der banalen Äusserlichkeit
Ein weiterer wichtiger Faktor war für mich das Äusserliche. Auch wenn ich dem an sich keinen Wert zumesse, lebe ich doch in einer Welt, die nicht so tickt. Ich habe vielfach erlebt, dass mein Äusseres einen grossen Einfluss hat darauf, wie ernst ich genommen werde aber auch wie überzeugend ich mein Selbst präsentiere. Machen wir uns nichts vor, das Leben ist ein Bühnenspiel, für uns alle, ob wir wollen oder nicht. Wie ich wahrgenommen werde, hat sehr viel damit zu tun, wie ich auftrete. Ob ich als Kerl im Rock betrachtet werde oder als Frau mit einer etwas seltsamen Vergangenheit, ist stark von meinem Äusseren abhängig – genauso wie meine Selbsteinschätzung massgeblich ist, ob ich als Gestörte oder als Opfer auftrete oder ob ich mich als die Frau präsentiere, die ich bin. Beim Äusseren braucht es einiges an Selbstfindung. Ich durfte ja vier Jahrzehnte nicht mal daran denken, wie ich aussehen möchte, plötzlich durfte und musste ich es können. Es brauchte einiges an Zeit und viele Fehleinkäufe, bis ich meinen Stil fand, bis ich ein Äusseres fand, in dem ich mich wohl fühle und das gleichzeitig mich selbst repräsentiert. Ich halte es für verfehlte Tugend, wenn man sich selbst einschränkt, weil man auf Teufel komm raus nur ja kein Klischee erfüllen will – genauso wie es selbstverleugnend ist, wenn man Klischees bedient die einem nicht entsprechen. Unterdessen glaube ich, meinen Stil oder eher meine Stile gefunden zu haben. Am Morgen wähle ich zielsicher etwas, was einer heutigen Tageslaune entspricht, mal eher elegant, mal eher girlig, je nachdem wie ich gerade drauf bin. Aber es ist in sich meist stimmig und das Resultat davon ist, dass ich kaum noch auffalle. Wenn ich in die Stadt gehe, dreht sich niemand mehr um, jedenfalls nicht mit den Blicken von früher. Ich wirke so, wie naive Gutachter es gerne als authentisch klassifizieren – nicht weil ich muss sondern weil ich mein Äusseres nun ganz mir entsprechend gestalte. Das braucht Übung und Mut und Experimentierfreude, aber schlussendlich hilft es mir, weil ich immer mehr spüre, dass ich auf Andere eben genauso wirke wie ich tief in mir bin – so wird das banale Äussere zur Entfaltung des Wesens und damit rundet sich alles ab.
Kleider machen Leute – eine Stilfrage

Aber wenn man einmal das andere weiss,
dann hat man die Wahl nicht mehr,
den Weg der meisten zu gehen.
Der Weg der meisten ist leicht, unserer ist schwer.
(Hermann Hesse, Demian)

Wechselwirkungen im Strudel der Entfaltung
Diese Aspekte, die eigentlich alles andere Seiten sind, haben enorme Wechselwirkungen und sind von einander abhängig. Wenn ich äusserlich gut rüber komme, werde ich auch weniger belächelt, werde mehr respektiert, muss weniger negative Erfahrungen über mich ergehen lassen – aber all diese positiven Veränderungen sind gleichzeitig auch Voraussetzung, dass ich selbstbewusst auftrete und ohne selbstbewusstes Auftreten komme ich eben nicht gut rüber – damit beisst sich die Schlange in den Schwanz. Deshalb kann man diese oben genannten Aspekte eben nicht der Reihe nach durchlaufen, man muss alles gleichzeitig tun und das ist eine enorme Herausforderung. Selbstbewusst auftreten, solange das Äussere dieses Selbstbewusstsein zulässt, braucht eine gehörige Portion Renitenz. Und selbstbewusst auf Fremde zuzugehen, bevor man ihnen erklären konnte, dass man nicht ein gestörter Kerl im Rock ist, braucht unglaublich viel Mut und Entschlossenheit. Aber wenn man diese Aspekte pflegt und an sich arbeitet, kommt irgendwann der Tag an dem man zurück blickt und erschüttert ist, wieviel sich zum Positiven verändert hat. Die Summe der Veränderung ist weit mehr als die Teile dieses Ganzen und man weiss nicht genau, wo man warum welche Fortschritte gemacht hat. So wie ein Baum in alle Richtungen wächst, wird aus einem dürren Stängelchen ein würdevoller Baum. Da braucht es mehr als alles Andere eine hohe Leidensbereitschaft und eine lebenssüchtige Beharrlichkeit.

Mit blutverschmierten Händen, mit einer Träne im Gesicht,
Einem Lächeln auf dem Lippen, und der Hoffnung tief im Blick.
Aufzustehen auch aus dem Dreck tief beschmutzt und stolz im Herz,
Dem Leben neu erwacht – Und erwacht ganz neu im Leben.
(Lacrimosa – Stolzes Herz)

Die Normalität des Aussergewöhnlichen
Wenn man seine Selbstentfaltung in diesen Aspekten vollendet hat, was bei mir zwei Jahre dauerte, steht man endlich so im Leben, dass man sich selbst sein kann in allen Fascetten seines Seins. Und man steht mitten in einem sozialen Umfeld, das diesen Weg mitgegangen ist. Was bleibt ist das vollendete Ziel, das man nicht mehr verfolgen muss, man ist angekommen. Und damit beginnt der letzte und wichtigste Teil, das Loslassen. Denn all das Aussergewöhnliche dieser “Metamorphose”, das die eigene Welt genauso wie die Welt um einem herum so auf den Kopf gestellt hat, all das ist normal geworden. Dann ist der Moment gekommen, an dem man das “T” ablegen muss. So wie der Schmetterling keinen Salat mehr frisst und auch nicht in Cocoons schläft, so muss man die Flügel entfalten und einfach Schmetterling sein. Dabei geht es nicht um Verleugnung der Vergangenheit, es geht um eine zukunftsgerichtete oder noch besser gegenwartsgerichtete Lebenshaltung. Es geht auch nicht darum, etwas an sich selbst zu verleugnen, dazu gibt es keinen Grund. Mir wurde ein erschwertes Leben im falschen Körper aufgebürdet, diese erschwerten Umstände haben aus mir gemacht, was ich heute bin, dieses Ich von heute ist mir lieb, auf dieses Ich bin ich stolz, es ist so wie es ist gerade weil ich all das durchlebt habe, ich bin und bleibe Two Spirit, aber ich definiere mich nicht mehr allein durch diese Andersartigkeit, ich bin keine Transsexuelle sondern ein Frau, die aufgrund einer Transsexualität eine schwere Entwicklung durchleben musste und sich selbst entfaltet hat. All das gilt es anzunehmen und mitzunehmen, aber nicht als Kette die einem in einer Psychopathologisierungs-Schublade gefangen hält sondern als Fundament, auf dem man gewachsen ist, dem man entwachsen ist – dann ist es Zeit loszulassen und zu fliegen, wie es die eigene Seele bedarf.
Leben als TransFrau – Über die Normalität des Aussergewöhnlichen

Und um die Frage vorwegzunehmen: Nein, ich hab das alles natürlich nicht immer im Griff, mich haut’s nachwievor immer mal wieder hin, das Selbstbewusstsein bröckelt manchmal ab, manchmal knirscht es ganz schön im Gebälk. Aber ich habe es in dem Sinn erreicht, dass ich heute in der Regel einen schönen Tag verbringen kann, in dem ich mein Leben ein wenig zelebriere und geniesse. Damit bin ich echt zufrieden, bei all dem was ich hinter mir habe, da bin ich wirklich im Paradies angekommen :-)

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