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Die Bibel – wörtlich oder ernst nehmen?

Der jüdische Neutestamentler Pinchas Lapide sagte mal so treffend:

Man kann die Bibel wörtlich nehmen,
oder man nimmt sie ernst.
(Pinchas Lapide)

Und Lapide muss es wissen, denn er ist nicht nur einer der grössten Kenner des Neuen Testaments sondern auch jüdischen Glaubens wie Jesus selbst. Im Gegensatz zu uns kennt er die historischen und kulturellen Hintergründe und kann gerade jesuanische Worte in eine jüdische Denkwelt hineindenken. Er ist meines Erachtens die grösste Bereicherung der neutastamentlichen Forschung, denn niemand kann einen Text wirklich verstehen geschweige denn übersetzen ohne das kulturelle Fundament zu haben, auf dem ein wahres Verständnis erst möglich wird.

Als ich vor Jahren das Bedürfnis bekam, Jesus besser zu verstehen, begann ich alt-griechisch zu lernen. Wir haben ja keine aramäischen oder hebräischen Urtexte, die ältesten Quellen von ca. 50 n.Chr. sind griechisch oder koptisch verfasst. Mein privates Bibelstudium war unheimlich spannend, denn im griechischen “Urtext” war so Manches plötzlich ganz anders zu verstehen, als man es uns von der Kanzel predigt. Dabei wurden mir zwei Dinge klarer denn je:

  1. Man muss Texte wörtlich nehmen indem man die Worte des Urtextes liest, weil Übersetzungen nie ohne Verluste möglich sind und oft sogar den Sinn völlig verdrehen, gerade wenn Übersetzer theologische Vorstellungen hinein interpretierten.
  2. Man darf die Wörtlichkeit des Urtextes nicht wörtlich nehmen sondern muss sie im kulturellen Rahmen der damaligen Zeit und dem ursprünglichen Denkhorizont entsprechend interpretieren.

Betrachten wir ein paar Beispiele in Kürze, ich werde einzelne davon gelegentlich genauer beleuchten.

Jesus, der Messias?

Wenn Christen das Wort Messias hören, verbinden sie mit dieser Vorstellung Jesus als Sohn Gottes, der das Reich Gottes verkündigte und zur Vergebung unserer Sünden am Kreuz starb. Das ist Quatsch, tut mir leid, man kann’s nicht deutlicher sagen. Das hebräische Wort “משיח” (Maschiach) ist die hebräische Vorstellung, dass Gott eines Tages jemanden schickt, der sie aus der politischen Unterdrückung befreit. Der Messias ist kein Gottessohn, wie er später im griechischen Umfeld als “Μεσσίας” verstanden wurde – kann es nicht sein, weil es nach jüdischem Glauben und Denken völlig unmöglich ist, dass Gott Kinder hat. Der Messias ist ein politischer Befreier, der zwar von Gott gesandt wird, aber nicht göttlichen Ursprungs ist oder religiöse Motive hat sondern eine politische Befreiung bringen soll. Unter der römischen Besatzung der damaligen Zeit war die Messias-Hoffnung gross und weit verbreitet, dementsprechend gab es viele Anwärter auf diese Hoffnung, sowohl vor als auch nach der Zeit von Jesus. Tatsächlich hat Jesus zu Lebzeiten den Titel und die dahinterliegende Hoffnung immer abgelehnt, weil er eine spirituelle Botschaft hatte und keine Politische. Erst im griechischen Umfeld wurde aus dem politischen Befreier “Maschiach” der griechische Erlöser “Messias” und durch Paulus und seine im Ur-Christentum ziemlich in Frage gestellte Vorstellung des Christus (“Χριστός”). Wir werden das zu gegebener Zeit mal etwas genauer betrachten, aber es sollte beispielhaft aufzeigen, wie missverständlich so manche Fehlübersetzungen oder Fehlinterpretationen sein können.

Das Reich Gottes innerhalb von Dir

επερωτηθεις δε ποτε ερχεται η βασιλεια του θεου
απεκριθη αυτοις και ειπεν.
ουκ ερχεται η βασιλεια του θεου μετα παρατηρησεως,
ουδε ερουσιν ιδου ωδε η ιδου εκει,
ιδου γαρ η βασιλεια του θεου εντος υμων εστιν

Als er gefragt wurde wann das Königreich Gottes kommen würde,
antwortete er ihnen und sagte:
Das Königreich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte,
und man wird nicht sagen: “Sieh hier!” oder: “Sieh dort!”
Denn siehe, das Königreich Gottes ist innerhalb von euch

(Lukas 17,20 nach rekonstruiertem Text der Logienquelle)

Kein Jesus-Zitat hat mich so sehr erschüttert wie diese Stelle, die in unserem christlichen Verständnis so anders ist als im ursprünglichen Text. Das Wort “εντος υμων” wird immer als “unter Euch” übersetzt, was die Vorstellung in sich trägt, Jesus hätte sich selbst damit gemeint. Wartet nicht auf das Reich Gottes, ich bin ja schon da, mitten unter Euch. So wird das meist verstanden – fälschlicherweise. Denn wenn man den Text nicht theologisch voreingenommen übersetzt, dann muss man das “εντος” mit “innerhalb” übersetzen und dann bekommt das Zitat eine völlig neue Bedeutung. Das Reich Gottes ist innerhalb von uns allen, wir tragen es in uns. Deshalb kann man es nicht beobachten und soll nicht darauf warten, wir selbst müssen es verwirklichen und entfalten. Wir haben den Frieden Gottes in uns und können ihn ausbreiten, wir selbst können Frieden auf Erden bringen. Da kommt niemand der uns das von aussen her bringt, wir haben den Keim in uns, den Atem Gottes (רוח אלוהים / ruach elohim), es liegt in unserer Hand – das war es was Jesus meinte als er forderte, wir sollten ihm nachfolgen.

Hebräische Bildsprache des Alten Testaments

Schon das Neue Testament ist schwer zu verstehen, weil wir ja gar keine Urtexte haben sondern nur griechische oder koptische Übertragungen, die erst jahrzehnte lang mündlich tradiert wurden und erst dann in einem fernen Land aufgeschrieben wurden. Aber immerhin sind die uns zur Verfügung stehenden Texte unserem eigenen sprachlichen Verständnis nah, weil unser westliches Denken doch sehr stark griechisch orientiert ist. Beim Alten Testament wird es viel komplizierter, weil die hebräische Sprache der Unseren völlig fremd ist und wir die kulturellen Hintergründe nicht ansatzweise verstehen. Die hebräische Sprache ist unglaublich bildgewaltig, in einzelnen Wörtern können riesige Denkwelten verborgen sein. Deshalb diskutieren Rabbiner bis heute über den Sinn der heiligen Schriften, über jeden einzelnen Satz wird bis heute gestritten, weil es keinen abschliessenden Dogmatismus geben kann, eben weil die Sprache viel zu vielfältig ist um sie an etwas festzumachen. Auch Jesus war Rabbiner, auch er stritt oft mit anderen Schriftgelehrten über die Wahrheit hinter den Schriften. Beim Lesen der Bibel bekommt man den Eindruck, er hätte ja ach so Streit gehabt mit den bösen Pharisäern, aber auch das ist ein Missverständnis, die Streitrede ist bei Rabbinern und eben Pharisäern zentrales Mittel zur Auseinandersetzung, man muss sogar annehmen, dass Jesus selbst Pharisäer war, zumindest war er ihnen sehr verbunden. Wer glaubt, er könne einen übersetzten hebräischen Text lesen, da einen Abschnitt rauszuzerren und daraus eine Theologie zu basteln, der nimmt diese Schriften eben wörtlich, aber garantiert nicht ernst.

Gott als Erschaffer des Universums?

בְּרֵאשִׁית, בָּרָא אֱלֹהִים, אֵת הַשָּׁמַיִם, וְאֵת הָאָרֶץ

Am Anfang ging Himmel und Erde aus Gott hervor

(Genesis 1,1)

Erschreckend ist, dass das Unverständnis bereits im ersten Satz der Bibel beginnt, wenn in der Bibel steht, Gott hätte am Anfang Himmel und Erde erschaffen, obwohl in der Torah steht, Himmel und Erde sei aus Gott hervorgegangen (בָּרָא/barah), was eher eine Entfaltung als eine Schaffung ist. So zieht sich das Unverständnis wie ein roter Faden durch unser Verständnis dieser Schrift und kaum jemand weiss, dass beispielsweise das überall auftauchende “Geist Gottes” im Urtext ein dutzend verschiedene Worte hat, die völlig andere Denkwelten beinhalten. Welches hebräische Wort sich jeweils hinter “Geist Gottes” verbirgt, wissen wir nicht, wie wollen wir da beurteilen, was der Text wirklich aussagt? Über den “Geist Gottes” (רוח אלוהים / ruach elohim), der in Genesis 1 genannt wird, ist in nachfolgendem Link Spannendes zu lesen, das auch etwas aufzeigt, wie komplex das Verständnis eines einzelnen hebräischen Wortes sein kann:
Die Sprache der Bibel

Unartige Kinder steinigen?

Wenn ein Mann einen unbändigen und widerspenstigen Sohn hat, welcher der Stimme seines Vaters und der Stimme seiner Mutter nicht gehorcht, und sie züchtigen ihn, aber er gehorcht ihnen nicht: so sollen sein Vater und seine Mutter ihn ergreifen und ihn zu den Ältesten seiner Stadt und zum Tore seines Ortes hinausführen, und sollen zu den Ältesten seiner Stadt sprechen: Dieser unser Sohn ist unbändig und widerspenstig, er gehorcht unserer Stimme nicht, er ist ein Schlemmer und Säufer! Und alle Leute seiner Stadt sollen ihn steinigen, daß er sterbe; und du sollst das Böse aus deiner Mitte hinwegschaffen.

(5. Moses 21, 18-21)

Gerade beim Alten Testament ist ein Wörtlichnehmen tödlich – im wahrsten Sinne des Wortes. Umso erschreckender ist, dass die Anhänger des amerikanischen Evangelikalismus eine wörtliche Auslegung der Bibel fordern. Aufgrund dieser Wörtlichnehmung bekämpfen sie beispielsweise homosexuelle Menschen bis aufs Blut, stützen sich auf lausige zwei Bibelstellen, deren fragwürdige Übersetzung sie wörtlich nehmen und die Bibel so zu ihrem Schwert machen. Dass an diesen Stellen steht, es sei Gott ein Gräuel, wenn ein Mann neben einem Jungen liegt, wirft ja schon entsprechend Fragen auf und wurde von mir in meinem anderen Blog hier schonmal thematisiert. Seltsam ist mehr, dass man andere Stellen dann aber nicht wörtlich nehmen will, wenn beispielsweise der Verzehr von Meeresfrüchten verboten wird oder unartige Kinder gesteinigt werden sollen. Gerade im Alten Testament ist ein wörtliches Verständnis extrem gefährlich und wird der Schrift nicht gerecht.

Wahre Grösse respektieren

Wenn meine häretischen Gedanken hier von einigen gläubigen LeserInnen vielleicht als ketzerisch empfunden werden, so möchte ich doch klarstellen, dass meine kritischen Gedanken alles Andere als ketzerisch sind, sie sind Ausdruck meiner Liebe zu diesen Schriften und im Speziellen zu den Worten von Jesus, die mir das gebührliche Ernstnehmen abfordern.

Mit all dem will ich dazu anregen, diese Schriften ernst zu nehmen oder sie liegen zu lassen. Die heiligen Schriften des Judentums und Christentums bieten eine Fülle von Gedanken und Bildern, die viel mehr Tiefe haben als man uns in der Regel von der Kanzel predigt. Wer einzelne Textstellen ohne vertieftes Verständnis nimmt und Anderen um die Ohren haut, betreibt Schabernack mit der Schrift, die ihm selbst angeblich heilig sein soll. Die Bibel wurde nicht als Waffe geschaffen, es sind eine Unzahl an spirituellen Texten, geschrieben von Menschen mit enormem geistigem Tiefgang, die uns dazu anregen wollen, Gott in uns zu erkennen und das Licht und die Liebe Gottes in die Welt zu tragen. Aber dazu muss man die Komplexität dieser Texte ernst nehmen und sie nicht lesen wie eine Bild-Zeitung, erst dann schafft man es, hinter die Geheimnisse dieser Schriften zu dringen. So schliesse ich diese Gedanken einmal mehr mit einem Zitat von mir, das ich mal vor Jahren irgendwo schrieb:

Wer glaubt, zu Wissen,
der weiss nicht, zu Glauben

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