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Umfrage: Blog-Sortierung – was meint Ihr?

So Leute, jetzt seid Ihr gefragt, wie soll dieses Blog in Zukunft sortiert sein? Ich kann mich da nicht festlegen und möchte deshalb mal wissen, was Euch denn lieber wäre. Das Problem eben folgendes……….. Ein Blog ist eigentlich der Aktualität entsprechend sortiert, man findet also immer die neusten Beiträge zuoberst. Das ist super für regelmässige Leser, man kommt rein und sieht gleich was neu ist……. Ein Tagebuch wiederum sollte chronologisch sein, weil man eine Lebensgeschichte nunmal nicht rückwärts liest.

Einschub: Aufgrund der ersten Umfrage-Resultate habe ich die Sortierung jetzt mal umgestellt zugunsten der Aktualität, aber die Umfrage läuft weiter, bei Bedarf wird wieder umgestellt ;-)

Gerade für diejenigen, die alles durchlesen (ja das gibt’s echt *freu*), ist die chronologische Sortierung ein riesen Vorteil. Aber damit komme ich auch an technische Hürden. Da so ein Blog von sogenannten Blogreadern eingelesen wird, muss ich dem immer das gesamte Blog “anbieten” anstatt wie gewohnt in einem Blog nur die neusten 10 oder 20 Stück. Das bläst das Blog immer mehr auf und im letzten Tagebuch kam ich gegen 500 Beiträge voll langsam an Grenzen, die Feedreader verschlucken sich dort teilweise. Ausserdem muss ich nach jedem Beitrag die Sortierung für eine Weile umstellen, damit die damit überhaupt klar kommen. Technisch gesehen ist ein chronologisches Tagebuch nicht da Gelbe vom Ei, aber ich könnte zumindest die ersten ein bis zwei hundert Beiträge so bleiben.

Es geht übrigens nur um dieses neue Blog hier. Das alte Tagebuch soll ja diese Geschichte erzählen, da ist mir die zeitliche Reihenfolge wichtig. Aber hier scheint es mir eher Sinn zu machen, der Aktualität zu folgen.

Falls ich die Blogsortierung umstelle, werde ich jedenfalls ein Archiv machen mit PDF-Dateien die jeweils einen Monat am Stück beinhalten. So können diejenigen die alles lesen wollen bis zum aktuellen Monat alles chronologisch durchlesen. Wär ja auch ein Kompromiss.

Hmmmmm, ist echt schwer zu entscheiden, Blog oder Tagebuch, das ist hier die Frage……. und die gebe ich nun an Euch weiter, hier könnt Ihr abstimmen………….

Wie soll das Blog sortiert sein

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Mal wieder im Galopp von Freud zu Freud

Uiiiiii, jetzt geht aber die Post ab in nächster Zeit, kaum eine Woche ohne dass irgend ein Highlight in meinem Leben stattfindet, ich zähl mal auf…….

  • Heute Abend in drei Tagen flattere ich wieder gen Hamburg und knuddle Juliet vier Tage lang dumm und dämlich. Bei ungefähr 90 Stunden dürfte das so an die tausend Knutscher geben, höhö :-) Ausserdem können wir zwei Erwachsene und drei Katzen und “der Katze” närrisch machen und ganz viel komisches Zeug essen, ich freu mich ja sowas von.
  • Wenn ich am Montag Abend zurückkomme, geht’s keine vier Tage und schon habe ich ein Gespräch mit meiner Endokrinologin und wir werden uns prügeln äh darüber diskutieren, in welcher Form ich zukünftig meine Hormone einnehme und in welcher Dosierung. Ich bin zuversichtlich, dass ich Pflaster oder sowas verschrieben bekomme, sieht zwar bekloppt aus, so n’Pflaster am Rücken, aber die gesundheitlichen Risiken wären deutlich tiefer. Ausserdem fühle ich mich die letzten Wochen hormonell unterversorgt, schwer zu erklären, da fehlen einfach noch ein Rudel Östrogenchen.
  • Genau eine Woche später habe ich dann das Info-Gespräch bei meinem Chirurgen, dann erfahre ich hoffentlich, wann ungefähr die NachOp ist und vorallem, was er da noch an mir basteln wird. Ich hätt ja eigentlich noch gern ein automatisches Platzhalter-Einführsystem und vielleicht noch einen eingebautn Flaschenöffner, aber ich vermute, dass er meinen Hang zu plastischer Kreativität nicht so teilen wird ;-)
  • Drei Tage später am Montag läuft meine Frist ab und ich kann beim Bezirksgericht das Urteil für die Personenstandsänderung abstempeln lassen und damit zum Passamt stöckeln und meine Identitätskarte bestellen. Aber vielleicht haben die ja dann doch noch eine Überraschung auf Lager und ich muss noch drei dutzend andere Stempel abholen, irgendwo in entlegenen Maja-Tempeln oder beim Papst oder Donald Duck – mich wundert ja gar nix mehr.
  • Die Woche darauf hab ich noch gar kein Highlight – was soll denn sowas – aber da wird sich schon noch was finden – oder nach Majatempel abklappern :-)
  • Die nächste Woche müsste dann meine Identitätskarte ankommen – sofern ich eben nicht doch nach Südamerika reisen muss – und ich wär somit offiziell real und so, mich gibt’s dann so richtig, so schwarz auf weiss, made in Switzerland, wow :-)
  • Die folgenden zwei Wochen werde ich mich dann damit vergnügen, Bankkarte, Kreditkarte, Bahnkarte und vieles mehr gegen Neue einzutauschen und werd mich wohl bei jedem weiteren Kärtchen erneut wie blöd freuen. Ich hätte nicht gedacht, dass mir diese ollen Plastikkärtchen mal Freude bereiten, aber die werde ich vermutlich alle abknutschen wenn ich sie krieg – allenfalls direkt am Postschalter – hüpfend und Grunz- und Pfeifflaute ausstossend :-)
  • Und Dann ist endlich Ostern – jajajaja – und Juliet kommt zu mir, von Donnerstag Abend bis Montag Morgen, schon wieder knuddääääääln – jauuuuuuuhhhhhhhh :-)
  • Von da an sind es noch lausige 7 Wochen bis zu unseren zweiwöchigen Sommerferien und ich hoffe, dass ich irgendwo in dieser Zeit die NachOp habe, dann gäb’s da wieder ein paar Highlights, ins Spital rein, aus der Op aufwachen, aus dem Spital raus, mit Morla quatschen – jauh das wird eine tolle Zeit :-) Und ein Wochenende in Hamburg wär da auch noch geplant, aber wann wird sich zeigen, eben von wegen Op-Termin.
  • Und dann eben Mitte Juni sind die Sommerferien, zwei Wochen schätzeln *schauder*, ey zweeeeiiiii Wochen am Stück, was für eine Krönung dieser vor mir stehenden atemberaubenden Zeit :-)

Namaste – Ich grüsse das Göttliche in Dir

Vor vielen Jahren führte ich mal ein Gespräch mit dem Dorfparrer, in dem ich ihm meine Glaubensansichten erklärte. Ich schloss mit der Aussage, dass ich gläubig aber nicht religiös bin. Er lächelte mich an und sagte zur mir: “Glaub mir, Du bist um einiges religiöser als die Meisten, die jeden Sonntag zu mir in die Kirche kommen”.

Hier im Blog habe ich mich schon öfters über religiöse Fundamentalisten ereifert. Es macht mich einfach rasend, wenn jemand sich die Liebe auf die Fahnen schreibt und mit ebendiesen Fahnen dann Leute erschlägt. Oder anders formuliert, wenn beispielsweise Evangelikale sich der christlichen Nächstenliebe verpflichten, aber Homosexuelle, Transsexuelle, Masturbierende oder Unkeusche ausgrenzen und verteufeln, dann kommt mir die Galle hoch. Einerseits weil so eine Haltung menschenverachtend ist, anderseits, weil es Verrat ist an ihrer eigenen Religion und damit Verrat an Gott selbst.

Wahrheitsanspruch verhindert Spiritualität
Ich widerspreche jeder Religion, die einen alleinigen Wahrheitsanspruch aufstellt, jeder Religion die Dogmatismus predigt und jeder Religion, die eine persönliche Spiritualität durch wörtlich genommene Texte und menschgemachte Regeln ersetzt. Aber all mein Engagement gegen solche Gruppierungen ändern nichts daran, dass ich schon immer gläubig war und Spiritualität für mich der Kern des Lebens ist. Und daran wird sich auch nie etwas ändern.

Glauben und Spiritualität machen den Menschen zu einem besseren Menschen, zumindest, wenn es nicht von Fundamentalismus zerfleischt wird. Glauben kann einem helfen, sich selbst anzunehmen, sich zu lieben, weil man sich geliebt fühlt, von einer Macht die über allem steht. Das ist pure Medizin, es ist mehr als das, es ist Erlösung. Und darüber wollen wir jetzt mal ein wenig nachdenken.

Ehrfurcht vor dem Göttlichen in uns Allen
In der hinduistischen Sprache gibt es ein Begrüssungswort, das “Namaste” heisst. Sinngemäss übersetzt heisst das: “Ich ehre in dir den göttlichen Geist, den ich auch in mir selbst ehre – und ich weiß, dass wir somit eins sind.“. Diese Aussage und die dahinterliegende Denkwelt ist atemberaubend. Alles was lebt, alles was kreucht und fleucht, ist von Gott geschaffen, geht von Gott aus und trägt den Funken Gottes in sich. Das fordert uns so einiges ab, denn mit dieser Denkhaltung muss ich jeden Menschen nicht nur respektieren sondern auch ehren, weil jeder mein Bruder oder meine Schwester ist, weil wir alle das Göttliche in uns tragen, weil wir alle eins sind.

Schöpfung oder Entfaltung Gottes?
Die hebräische Torah, die wir als das Alte Testament kennen, beginnt mit dem Satz: “Bereshit bara jah elohim eth ha schamajim ve eth ha eretz”. Übersetzt wird das im christlichen Abendland mit “Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde”. Aber das Verb “bara” bedeutet kein “schaffen” im Sinne eines Lehmkneters, es ist eher als Entfaltung zu verstehen. Inhaltlich korrekt müsste man es eher übersetzen mit “Am Anfang ging Himmel und Erde aus Gott hervor“. Nimmt man den Text ernst, muss man es so verstehen, dass Gott oder das Göttliche sich entfaltete, so wie es moderne Astronomen auch als erwiesen sehen. Am Anfang war ein Urknall, das ganze Universum entstand aus einem einzigen kleinen Punkt und entfaltete sich daraus.

Was bedeutet das nun für uns, für jedes Lebewesen, für jede Form der Andersartigkeit? Es bedeutet, dass Gott oder das Göttliche, wie auch immer man sich das vorstellen mag, sich entfaltet hat und Leben angenommen hat, in mir, in Dir, in uns allen.

Von Pilzen lernen
Es bedeutet, dass jede Entfaltung von Leben, sei es Mensch, Tier oder Pflanze, ein Aspekt ist des grossen Geistes ist, wie es indigene Völker zu nennen pflegen. Du, ich und alle Anderen, sind eine Entfaltung unseres göttlichen Ursprungs. Ein Pilz wirkt wie ein eigenständiges Geschöpf, aber er ist in Wirklichkeit nur eine Emanation eines Pilzgeflechts unter der Erde, das möglicherweise quadratkilometergross ist, er ist ein kleiner Teil eines grossen Ganzen und doch repräsentiert er das Ganze.

Geh mal in den Wald und such einen Hexenring, so nennt man eine kreisförmige Pilzsiedling. Betrachte die einzelnen Pilze. Da gibt es Wohlgeformte, da gibt es Verkümmerte, da gibt es Grossprotzige, da gibt es Deformierte, jeder Pilz unterscheidet sich von allen Anderen und doch ist es ein und dasselbe Lebewesen, diese grossköpfigen Wesen sind nur Entfaltungen eines einzigen Pilzgeflechts, das unsichtbar unter dem Boden lebt.

So ist es auch mit uns Menschen. Es gibt Grosse, Kleine, Dicke, Dünne, solche die als schön deklariert werden, andere die von Vielen als hässlich betrachtet werden, und doch sind wir alle aus einem Ursprung, wir sind alle gleich – Entfaltung dessen, was unsichtbar unter uns, um uns und in uns ist.

Das möchte ich DIR zum nachdenken mitgeben. DU bist ein Teil eines grossen Ganzen, bist einzigartig unter Vielen und doch eins mit allem. Egal ob Du gross, klein, dick oder dünn bist, Du bist eine Entfaltung Gottes, Teil einer Schöpfung, die nur in ihrer Gesamtheit vollkommen ist.

DU bist gemeint
Dir, liebe(r) Leser(in) möchte ich zurufen: Namaste! Ich grüsse und ehre Dich, als eine Entfaltung dessen, was mein eigener Ursprung ist, ich ehre Dich als Emanation unseres gemeinsamen Ursprungs. Du bist anders als alles Andere, Du bist einzigartig, bist besser und schlechter, schöner und hässlicher, grösser und kleiner, als andere Teiles dieses ganzheitlichen Gemeinsamen.

DU bist achtenswert und liebenswert, weil Du bist, wie Du bist, weil Du bist was Du bist, weil Du anders und damit einzigartig bist, weil Du Deiner Natur folgend und damit dem göttlichen Willen folgend Dich selbst entfaltest und damit das unfassbar Grosse repräsentierst, das zu gross ist um es je sehen zu können – das, das nur im Kleinen sichtbar ist, das die Summe aller Kleinen ist.

Jesus und das Reich Gottes

Als er gefragt wurde wann das Reich Gottes kommen würde, antwortete er ihnen und sagte: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte und man wird nicht sagen: “Sieh hier!” oder: “Sieh dort!” Denn siehe, das Reich Gottes ist in euch
(Logenquelle Q 17,20)

Wer genau hinschaut, findet in Bibelübersetzungen viele Fehler, teils lustige, teils kuriose, teils fatale Fehlübersetzungen. Im Lukas Evangelium 17,20 steht fast in allen Übersetzungen, “das Reich Gottes ist mitten unter Euch” oder Vergleichbares. Aber im griechischen “Urtext” steht “entos”, was “innerhalb” heisst. Hier geht es nicht um Spitzfindigkeiten, es ist eine radikal andere Aussage. Während Übersetzungen den Anschein machen, Jesus würde sich selbst damit meinen, sagt der griechische Text das, was ich oben beschrieben habe, das was Kern fast aller Religionen ist. Die Überzeugung, dass Gott oder das Reich Gottes oder der Funken Gottes in unserem Inneren zu finden ist. Und wenn er in mir ist, ist er auch in Dir. Diese Denkweise oder mehr dieser Glaubenssatz fordert von uns, alle Anderen zu respektieren, auch uns selbst.

Denkt darüber nach, meine lieben LeserInnen, denkt nach und beginnt zu lieben, Andere so sehr wie Euch selbst, Euch selbst so sehr wie Andere…………. Namaste!

Wikingerblut – Die Kriegerin in mir

Dieser Blogbeitrag stammt aus meinem letzten Tagebuch, aber weil er einen meiner wichtigsten Wesensanteile beschreibt, möchte ich ihn hier auch vorstellen, passt grad so schön zum letzten Beitrag……….

Seit je her hatte ich einen Hang zu Kriegermetaphorik. Das Leben ist ein Kampf, diese Welt ein Schlachtfeld, das Leben erfordert Stärke, Widerstand, Tapferkeit, Mut………. Weshalb mir so Bilder wichtig waren, weiss ich nicht mit Sicherheit. Vielleicht war das Kriegertum einfach das einzige “männliche Ideal”, das ich in mir nachvollziehen konnte, vielleicht lag es auch daran, dass ich in meinem Leben viel zu kämpfen hatte….. vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass Wikingerblut in mir fliesst.

Noch heute benutze ich gerne Metaphern aus diesem Themenbereich und in vielen meiner Blogbeiträge findet man Bilder von Kriegerinnen (meist von Vallejo oder Royo), die Frauen in heldenhaften Posen zeigen. Diese Bilder stehen stets im Zusammenhang mit dem Text und wollen bildhaft darstellen, was nach meinem Empfinden die Essenz des Geschriebenen ist. Und diese Bilder geben mir Kraft, mit ihnen kann ich mich identifizieren, gerade wenn ich mich schwach fühle, erinnern sie mich daran, dass eine Kriegerin in mir steckt, die selbst das Unmögliche möglich machen kann.

Kindheitsträume – tapfere Krieger
Als Kind war ich immer fasziniert von tapferen Menschen, Indianer die mit dem Kriegsruf Hokahe (heute ist ein guter Tag zum sterben) in eine aussichtslose Schlacht zogen, Ritter die für die Schwächsten einstanden, alle die für Ideale kämpften und notfalls zu sterben bereit waren, ernteten meine Bewunderung. Damals waren das wohl vorallem kindliche Fantasien eines Mädchens, das ein Junge sein sollte und in der “Männerwelt” nur wenig fand, das erstrebenswert war. Aber das war erst der Anfang, der Kriegermythos würde mich ein Leben lang begleiten und ein grosses Stück weit formen.

Der Pfad des friedvollen Kriegers
Ich war gute zwanzig Jahre alt, als ich irgendwo in der Eso-Ecke eines Buchladens das Buch “Der Pfad des friedvollen Kriegers” von Dan Millman fand. Ein wunderschönes Buch, eine Geschichte voll von Philosophie. Dort fand ich die Kriegermetapher erneut, erstmals jedoch in einem kriegslosen Kontext. Ein Krieger ist jemand, der seinen Weg konsequent geht, der sein Ziel verfolgt und Widrigkeiten aushält. Es würde den Umfang dieses Beitrags sprengen, wenn ich mehr über dieses tolle Buch erzählen würde, die Kriegermetaphorik dort drin ging viel weiter. Aber im Wesentlichen vermittelte mir dieses Buch den Weg des Kriegers, dessen Schlachtfeld das eigene Ich ist, der sich selbst treu ist und für das einsteht, wovon er überzeugt ist. Dieses Buch prägte mein Denken enorm und war wohl auch das Fundament dafür, dass ich später jahrelang für Umweltschutz und gegen faschistoide Politik kämpfte.

Regenbogen-Krieger
Fast ein Jahrzehnt später, als ich mich entschloss, einem Kind das Leben zu schenken, war mein erster Gedanke, dass es eigentlich unverantwortlich ist, ein Kind in diese zerstörerische Welt zu setzen. Wenn ich ein Kind in diese Welt stelle, dann bin ich auch verpflichtet, alles zu tun um diese Welt zu verbessern. Das war der Anfang meines aktiven Kriegertums, ich meldete mich bei Greenpeace als Aktivistin und wurde zur Regenbogen-Kriegerin. Jahrelang kämpfte ich im weissen Overall für eine bessere Welt, kettete mich an Eisenbahngeleise, liess mich vor Gericht stellen, schrieb eine Hundertschaft von Leserbriefen, unterstützte Abstimmungskommitees und tat alles, um die Zerstörung der Umwelt zu verhindern und damit die Zukunft meines Kindes zu verbessern.

Eines Tages erfuhr ich von einer indianischen Prophezeiungen, die der Urspriung war für den Namen des ersten Greenpeace Schiffes, der legendären Rainbow Warrior, die später durch einen terroristischen Bombenanschlag vom französischen Geheimdienst samt einem Fotografen gesprengt wurde.

There will come a time when the Earth grows sick
and when it does a tribe will gather
from all the cultures of the World
who believe in deeds and not words.
They will work to heal it…
they will be known as the “Warriors of the Rainbow.”

etwas frei übersetzt:

Es wird eine Zeit kommen, in der die Erde erkrankt
und ein Stamm sich vereinigen wird
bestehend aus allen Kulturen der Welt
die an Taten und nicht an Worte glauben.
Sie werden daran arbeiten, die Erde zu heilen
man wird sie “Krieger des Regenbogens” nennen.

Mit diesem Mythos identifizierte ich mich sehr, ich folgte einem Ideal, das alle Entbehrungen wert ist und ich war auch irgendwie stolz darauf, eine dieser Regenbogen-Kriegerinnen zu sein, die sich für Mutter Erde einsetzten. Doch nach jahrelangem Kampf folgte die Resignation. Viel zu oft unterlagen wir, weil unser Gegner nicht nur ein paar geldgierige Konzerne waren sondern schlussendlich die gesamte Welt, in der jeder nur sich selbst am Nächsten ist. Es ist eine Sache, Konzerne in die Knie zu zwingen, aber das Denken der Menschen zu verändern, schien eine Unmöglichkeit zu sein. Resignation ist der Tod jedes Kriegers, damit lässt sich nichts mehr gewinnen und so zog ich erstmals besiegt aus einer Schlacht, in der ich jahrelang gekämpft hatte. Ich engagierte mich zwar weiter, erstellte eine Unzahl von Webseiten zu solchen Themen, aber es waren eigentlich nur noch Rückzugsgefechte.

Krieg gegen politische Brandstifter
Wiederum Jahre später wurde die Schweiz erschüttert durch das Grosswerden einer meines Erachtens rechts-faschistoiden Partei, die sich frecherweise Volkspartei nennt. Ich war überzeugt, dass diese Partei, die vorallem durch Volksverhetzung und Brandstiftung gross wurde, eine Bedrohung für dieses Land darstellt. So begann der nächste Krieg und ich investierte wieder Jahre darin, im Internet sozusagen eine Gegenpropaganda aufzubauen. Einmal mehr schrieb ich unzählige Leserbriefe, für die ich dann von SVP-Sympathisanten mit Morddrohungen bedacht wurde, schrieb in Diskussionsforen und vielem mehr. Doch ich verlor auch die Schlacht, an den nächsten Wahlen legten sie 10% zu und seither geht es mit diesem Land immer mehr den Bach runter. Das einst soziale Land wird immer asozialer, Sündenbockmentalität breitet sich aus, es ist ein wahrer Graus was hier passiert und niemand scheint zu bemerken, wie verludert das Denken hierzulande mittlerweile ist. Aber ich war langsam des Kämpfens müde und beendete auch diesen Krieg.

Dianas Wikinger-Blut
Als ich vor einigen Jahren eher zufällig mal eine Woche in Schottland in den Ferien war, musste ich verblüfft feststellen, dass ich mich mit diesem Land, der Kultur, Musik und den Menschen so verbunden fühle, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Es war als sei ich nachhause gekommen. Als ich zum ersten mal eine Great Highland Bagpipe hörte (schottischer Dudelsack), war klar, dass ich dieses Instrument lernen musste, was ich dann zuhause angekommen auch gleich in Angriff nahm. Aber die Frage, weshalb ich von dieser Kultur so berührt wurde, liess mich nicht mehr los. Hatte ich vielleicht schottische Wurzeln? Das Ganze beschäftigte mich so sehr, dass ich eines Tages einen DNA Test machte, der ermitteln sollte, was für genetische Wurzeln ich habe. Das Resultat liess mir das Blut in den Adern gefrieren und mein Dad dürfte beim Lesen der nächsten Zeilen vom Stuhl fallen *grins*. Mütterlicherseits war ich Germanin, das war soweit ja kein grosses Wunder hierzulande. Aber väterlicherseits stamme ich von einem Wikingergeschlecht ab, das sich irgendwann in Schottland breit machte und sich dann über England bis in die Schweiz ausbreitete. Ich stamme also nicht nur von Wikingern ab sondern habe tatsächlich Vorfahren in Schottland und Skandinavien. Manchmal denke ich mir spasseshalber, dass ich vielleicht deshalb mit XY-Chromosomen zur Welt kommen musste, weil diese Welt dringend Wikingerfrauen braucht. Ohne Y-Chromosom hätte ich kein Wikingerblut in mir. So hat doch alles irgendwie sein Gutes ;-)

Der letzte Kampf – für mich
So verbrachte ich also vier Jahrzehnte im Kampf. Zuerst gegen mich selbst, dann gegen Umweltverschmutzung, dann gegen politische Brandstifter……. aber der grösste und schwerste Kampf stand noch vor mir, der Kampf für mich selbst. Vielleicht brauchte ich all diese Kämpfe um stark zu werden, auf jeden Fall war es wohl gut, dass ich bis zum vierzigsten Lebensjahr zu einer erprobten Kriegerin gewachsen war. Nun war ich bereit für den Kampf aller Kämpfe, gegen den Feind in mir, gegen die Angst, gegen die Abhängigkeit, gegen die Feigheit, gegen die Eitelkeit. Ich würde einen Weg gehen, der mir keinen Ruhm einbringt, den ich vielleicht nicht überlebe, der mich möglicherweise um Freunde beraubt – eine Schlacht die aus damaliger Sicht nicht zu gewinnen war. Aber – und das ist eben der Geist des Kriegers – ob man einen Krieg führt ist nicht eine Frage des Erfolgs sondern eine Frage der Notwendigkeit. Und wenn etwas sein muss, dann wird es auch getan, ohne Rücksicht auf Verluste. Und auch wenn ich es nie erwartet hätte, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht nur eine Schlacht gewonnen sondern den gesamten Krieg.

Zum ersten Mal im Leben habe ich einen Kampf geführt, der Frieden brachte, Frieden in mir, mit mir selbst – und mit dem Rest der Welt.

Die Kraft des Kriegermythos
Der Mensch ist nicht geboren um besiegt zu werden, er ist geboren um zu siegen. Zu Leben bedingt zu Überleben und dazu bedarf es des Kampfes, manchmal gegen Andere, manchmal gegen sich selbst, manchmal gegen das Schicksal. Wir alle haben den Kriegergeist in uns, ohne diesen hätten wir uns in der Evolution niemals durchsetzen können. Der Kriegermythos hat mir ein Leben lang Kraft und Mut gegeben. Wenn ich schwach bin und mich an die Kriegerin in mir erinnere, gibt mir das Wissen um ihre Existenz Kraft. Bin ich hoffnungslos, gibt sie mir Mut. Bin ich verwundet, heilt sie mich. Bin ich ängstlich, gibt sie mir Mut. Sie ist immer da, ich muss sie nur ins Bewusstsein rufen, damit sie ihre Kraft entfalten kann.

Ihr alle habt einen Krieger oder eine Kriegerin in Euch, der/die nur darauf wartet, für Euch eintreten zu können. Seid Euch dieser kraftvollen Energie bewusst und lasst sie zu, wenn sie benötigt wird. So seid Ihr unbesiegbar. Vielleicht verliert Ihr die eine oder andere Schlacht, aber man wird Euch nie auf die Knie zwingen können, weil eine Kriegerin immer wieder aufsteht ;-)

Stand and fight
Live by your heart
Always one more try
I’m not afraid to die
Stand and fight
say what you feel
Born with a heart of steel

(Manowar – Heart of Steel)

Transsexuell, selbstbewusst und stolz im Herz

Manchmal, wenn ich zurück blicke und vergleiche, wie es mir vor zwei Jahren ging und wie ich heute durchs Leben gehe, erschüttert es mich geradezu, weil ich in dieser Zeit offenbar eine unglaubliche Entwicklung durchgemacht habe. Diese Reise begann mit eingeknicktem Kopf, von Scham erfüllt ging ich durch mein Leben, von spöttischen Blicken begleitet, ohne Selbstbewusstsein. Ein gestörter Mann geht einen noch gestörteren Weg, so in etwa sah ich mich von der Welt missverstanden. In diesen zwei schweren Jahren bin ich gewachsen und zu dem geworden was ich heute bin, eine selbstbewusste und stolze Frau, die weiss, dass sie mehr überwunden hat als die meisten Menschen je überwinden müssen. Aber wie in aller Welt habe ich das geschafft? Wie kann ich das Anderen vermitteln? Versuchen wir’s mal…….

Einschub: dieser Beitrag wäre für’s alte Blogtagebuch geplant gewesen, weil er thematisch dort hingehört. Aber alle hier erwähnten Teilaspekte wurden dort bereits einzeln behandelt, deshalb fand ich es besser, diesen Beitrag hier zu veröffentlichen mit Link-Verweisen zu alten Artikeln – sozusagen als Summasummarum zu diesem ganzen Thema.

Psychopathologisierung aufbrechen
Einer der wesentlichsten Faktoren scheint mir die Psychopathologisierung zu sein. Als ich mich damals unter Annahme der offiziellen Terminologie als geschlechtsidentitätsgestört akzeptierte, stülpte ich mir diese Fratze des Gestörtseins über den Kopf, brandmarkte mich mit einer Narrenkappe die aus psychoanalytischen Theorien gestrickt war. Dann bin ich also gestört, was soll’s, ich hab mir das nicht ausgesucht, lass mich wenigstens so leben, wie es meine Seele braucht. Erst als ich im Verlauf dieses Prozesses von Studien hörte, die aufzeigten, dass Transsexualität eben nicht der verrückte Wunsch eines Mannes ist, Frau zu sein sondern dass ich beispielsweise anatomische Hirnstrukturen habe, die einer Frau gleichen, begann ein Umdenken. Die Erkenntnis, dass ich so zur Welt gekommen bin wie ich bin, gab mir eine gewisse Legitimierung. Ob das was ich bin nun krank oder fehlentwickelt oder einfach eine Normvariante ist, war nicht das Wesentliche, wesentlich war die Tatsache, dass ich mich nicht “in eine Transsesxualität entwickelt habe” sondern so zur Welt gekommen bin – ein faktischer Freispruch. Diese Sichtweise, die durch eine Unzahl von wissenschaftlichen Studien gestützt wird, wurde zum Fundament für eine ganz neue Selbstwahrnehmung. Ich will nicht eine Frau sein, ich bin es!
Transsexualität hat biologische Ursachen
Was bestimmt das Geschlecht – Körper oder Geist?
Transsexualität: Psychologische Sichtweise ohne Scheuklappen

Ist es schlecht? Und was ist gut?
Ist es krank? Und was heisst leben?
Nein! Es ist nur ehrlich – menschlich
Und verflucht – Es ist doch nur die Wahrheit!
(Lacrimosa – Stolzes Herz)

Positive Identifikation mit Transsexualität
Gerade weil man zu Beginn stark unter dem Eindruck der Psychopathologisierung steht, ist es umso wichtiger, positive Identifizierungsmerkmale zu finden und davon gibt’s eine Menge. Transsexuelle Menschen werden in ein Leben gezwungen, das sie vor enorme Herausforderungen stellt, die einem in vielen Belangen schulen. Man musste ein Leben führen das dem eigenen Geschlecht entgegengesetzt war, dazu musste man Menschen und Geschlechter genau beobachten und die Sinne schulen. Man führte lange Zeit ein Leben im “anderen Geschlecht” und lernte viel von der Denk- und Verhaltensweise dieses anderen Geschlechts, weil man es selbst nachspielen musste. Das Leben forderte einem sehr viel Leidensbereitschaft ab, die einem tapfer macht. Und schlussendlich wird einem spätestens beim Outing soviel Mut und Überwindung der Angst abgefordert, dass man auch daran wächst. Vieles was mein Wesen ausmacht, wurde durch meine transsexuelle Ausgangslage im Leben geprägt. Ohne diese erschwerten Umstände wäre ich niemals die Philosophin und Kriegerin geworden, die ich heute bin. Ja, all das hat mich stark gemacht, an allen Widrigkeiten bin ich gewachsen und so bin ich heute wie eine Kriegsveteranin, die nicht nur in der Kaserne geübt hat sondern wirklich gekämpft hat. Diese Kriegserfahrung auf dem Schlachtfeld des Lebens hat mich geschult und gross gemacht. Aus diesen und viel mehr Gründen wurden trans-Menschen bei indigenen Völkern als “Two Spirit” geehrt. An diesem Bild sollte man sich festhalten, wir sind vielleicht anders als Andere, aber dieses Anders-sein bringt positive und negative Aspekte mit, die negativen werden mir zu Genüge vor Augen gehalten, die Positiven muss ich mir selbst vor Augen führen – immer und immer wieder, bis ich es endlich glaube ;-)
Lob auf die Transsexualität – über den Zauber der Two Spirits

Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen,
was von selber aus mir heraus wollte.
Warum war das so schwer?
(Hermann Hesse, Demian)

Epiktet und die Bedeutungslosigkeit des Gelächters
Schon immer hatte ich einen Hang zur Philosophie, vorllem in der griechischen Philosophie fand ich immer gute Lehrer, allen voran Sokrates, der sich dadurch hervortat, dass er nur eines wusste: dass er gar nichts weiss. Auch in diesen zwei Jahren fand ich bei den alten Griechen einen guten Lehrer, Epiktet, ein Vertreter der Stoa. In seinen Texten dreht er sich immer wieder um denselben Punkt und kommt immer wieder zur selben Antwort: Was geht es Dich an? Ich war in einer Situation, in der ich mich in einer mich verhöhnenden oder verspotteten oder zumindestest belächelnden Welt fand. Auch wenn ich selbst wusste, dass ich nicht gestört bin, für alle die nichts vom Thema wissen, werde ich weiter das Stigma der Bekloppten tragen. Aber warum sollte mich das interessieren, fragt Epiktet? Wenn mein Weg richtig ist, dann ist er richtig, egal ob Andere das auch so sehen. Wer vermag über mich zu urteilen, wer entscheidet wie ich sein soll, ich selbst oder dieses Gesellschaftskollektiv? Durch Epiktet wurde mir klar, dass weder die Richtigkeit noch der Wert von etwas davon abhängig ist, wie es von aussen beurteilt wird. Der Wert oder die Richtigkeit bestimmt sich durch sich selbst. Wenn ich ok bin, dann kann man mich für noch so gestört halten, ich werde es nicht nur weil man mir diese Maske auferlegt. Wenn man mich für einen Vogel hält, beginne ich ja auch nicht zu fliegen, warum sollte ich also andere Fremdurteile annehmen? Diese Denkweise führten immer mehr zu einer Art Werte-Autarkie, die dazu führte, dass ich heute zu mir stehen kann, egal was Andere darüber denken.
Selbstachtung beginnt bei Dir

Im Auge der Gemeinheit – Der Allgemeinheit
Schlicht verwerflich – transparent
Doch ist es tiefer, stärker und viel mehr
(Lacrimosa – Stolzes Herz)

Das Schwert der Offenheit
Soweit so gut, wenn ich soweit bin, dass ich mich selbst respektieren kann und nicht mehr von der Wertzumessung Anderer abhängig bin, habe ich ein gutes Fundament. Aber es führt in ein zwei-Welten Dasein und hat irgendwie etwas asoziales. Es ist gut und wichtig, wenn ich mich nicht von Anderen beurteilen und verurteilen lasse, aber ich bin ein soziales Wesen und lebe nicht in einer Autarkie, da fehlt also noch einiges für ein menschenwürdiges Leben. Ich machte die Erfahrung, dass Menschen entgegen meiner Annahme überraschend schnell Vorurteile und Falschvorstellungen ablegen können, wenn sie mit Fakten konfrontiert werden. Das Faktum war in diesem Fall ich selbst. Ich nötigte mir eine kompromisslose Offenheit ab. Ich wusste ja mittlerweile, dass ich ok bin, wenn Andere in mich hinein sehen, werden sie dasselbe wahrnehmen wie ich. Und die Strategie ging auf. Ich erlebte oft, dass ich zuerst mit einer gewissen Irritation betrachtet wurde, aber schon relativ kurze Gespräche mit der nötigen Offenheit führten dazu, dass man begann mich zu verstehen. Nicht unbedingt in einem rationalen Sinn, aber man bemerkte, dass es mir ernst ist und dass ich für mich selbst einstand. Das wiederum nötigte Anderen einen gewissen Respekt ab und führte schnell dazu, dass man mich respektierte als das was ich bin. Wer bei neuen Begegnungen mit einem Handicap startet und mit einer Stigmatisierung beginnen muss, steht im Zugzwang. Ich weiss ja, dass Aussenstehende falsche Vorstellunge von transsexuellen Menschen haben, wer wenn nicht ich könnte ihnen eine neue Sichtweise geben, indem ich mit meinem Ich-sein ein lebendiges Beispiel werde? Heute habe ich ein tolles Umfeld, loyale Arbeitskollegen, liebe Freundinnen, respektvolle Freunde – Diana hat sich etabliert, nicht als Transsexuelle sondern als eine Frau, die einen verrückten Weg hinter sich hat. Das verdanke ich meiner Offenheit, das wurde mir mehrmals attestiert, denn Offenheit entwaffnet, sie zerschneidet Vorurteile, Offenheit ist die einzige Waffe gegen das Schwert des Vorurteils.
Das Outing als transsexuelle Frau
Transsexualität und die Kunst der Selbsterklärung

Mit dem Leben ist es wie mit einem Bühnenstück:
Was zählt, ist nicht die Länge, sondern das gekonnte Spiel
(Seneca)

Die grosse Bedeutung der banalen Äusserlichkeit
Ein weiterer wichtiger Faktor war für mich das Äusserliche. Auch wenn ich dem an sich keinen Wert zumesse, lebe ich doch in einer Welt, die nicht so tickt. Ich habe vielfach erlebt, dass mein Äusseres einen grossen Einfluss hat darauf, wie ernst ich genommen werde aber auch wie überzeugend ich mein Selbst präsentiere. Machen wir uns nichts vor, das Leben ist ein Bühnenspiel, für uns alle, ob wir wollen oder nicht. Wie ich wahrgenommen werde, hat sehr viel damit zu tun, wie ich auftrete. Ob ich als Kerl im Rock betrachtet werde oder als Frau mit einer etwas seltsamen Vergangenheit, ist stark von meinem Äusseren abhängig – genauso wie meine Selbsteinschätzung massgeblich ist, ob ich als Gestörte oder als Opfer auftrete oder ob ich mich als die Frau präsentiere, die ich bin. Beim Äusseren braucht es einiges an Selbstfindung. Ich durfte ja vier Jahrzehnte nicht mal daran denken, wie ich aussehen möchte, plötzlich durfte und musste ich es können. Es brauchte einiges an Zeit und viele Fehleinkäufe, bis ich meinen Stil fand, bis ich ein Äusseres fand, in dem ich mich wohl fühle und das gleichzeitig mich selbst repräsentiert. Ich halte es für verfehlte Tugend, wenn man sich selbst einschränkt, weil man auf Teufel komm raus nur ja kein Klischee erfüllen will – genauso wie es selbstverleugnend ist, wenn man Klischees bedient die einem nicht entsprechen. Unterdessen glaube ich, meinen Stil oder eher meine Stile gefunden zu haben. Am Morgen wähle ich zielsicher etwas, was einer heutigen Tageslaune entspricht, mal eher elegant, mal eher girlig, je nachdem wie ich gerade drauf bin. Aber es ist in sich meist stimmig und das Resultat davon ist, dass ich kaum noch auffalle. Wenn ich in die Stadt gehe, dreht sich niemand mehr um, jedenfalls nicht mit den Blicken von früher. Ich wirke so, wie naive Gutachter es gerne als authentisch klassifizieren – nicht weil ich muss sondern weil ich mein Äusseres nun ganz mir entsprechend gestalte. Das braucht Übung und Mut und Experimentierfreude, aber schlussendlich hilft es mir, weil ich immer mehr spüre, dass ich auf Andere eben genauso wirke wie ich tief in mir bin – so wird das banale Äussere zur Entfaltung des Wesens und damit rundet sich alles ab.
Kleider machen Leute – eine Stilfrage

Aber wenn man einmal das andere weiss,
dann hat man die Wahl nicht mehr,
den Weg der meisten zu gehen.
Der Weg der meisten ist leicht, unserer ist schwer.
(Hermann Hesse, Demian)

Wechselwirkungen im Strudel der Entfaltung
Diese Aspekte, die eigentlich alles andere Seiten sind, haben enorme Wechselwirkungen und sind von einander abhängig. Wenn ich äusserlich gut rüber komme, werde ich auch weniger belächelt, werde mehr respektiert, muss weniger negative Erfahrungen über mich ergehen lassen – aber all diese positiven Veränderungen sind gleichzeitig auch Voraussetzung, dass ich selbstbewusst auftrete und ohne selbstbewusstes Auftreten komme ich eben nicht gut rüber – damit beisst sich die Schlange in den Schwanz. Deshalb kann man diese oben genannten Aspekte eben nicht der Reihe nach durchlaufen, man muss alles gleichzeitig tun und das ist eine enorme Herausforderung. Selbstbewusst auftreten, solange das Äussere dieses Selbstbewusstsein zulässt, braucht eine gehörige Portion Renitenz. Und selbstbewusst auf Fremde zuzugehen, bevor man ihnen erklären konnte, dass man nicht ein gestörter Kerl im Rock ist, braucht unglaublich viel Mut und Entschlossenheit. Aber wenn man diese Aspekte pflegt und an sich arbeitet, kommt irgendwann der Tag an dem man zurück blickt und erschüttert ist, wieviel sich zum Positiven verändert hat. Die Summe der Veränderung ist weit mehr als die Teile dieses Ganzen und man weiss nicht genau, wo man warum welche Fortschritte gemacht hat. So wie ein Baum in alle Richtungen wächst, wird aus einem dürren Stängelchen ein würdevoller Baum. Da braucht es mehr als alles Andere eine hohe Leidensbereitschaft und eine lebenssüchtige Beharrlichkeit.

Mit blutverschmierten Händen, mit einer Träne im Gesicht,
Einem Lächeln auf dem Lippen, und der Hoffnung tief im Blick.
Aufzustehen auch aus dem Dreck tief beschmutzt und stolz im Herz,
Dem Leben neu erwacht – Und erwacht ganz neu im Leben.
(Lacrimosa – Stolzes Herz)

Die Normalität des Aussergewöhnlichen
Wenn man seine Selbstentfaltung in diesen Aspekten vollendet hat, was bei mir zwei Jahre dauerte, steht man endlich so im Leben, dass man sich selbst sein kann in allen Fascetten seines Seins. Und man steht mitten in einem sozialen Umfeld, das diesen Weg mitgegangen ist. Was bleibt ist das vollendete Ziel, das man nicht mehr verfolgen muss, man ist angekommen. Und damit beginnt der letzte und wichtigste Teil, das Loslassen. Denn all das Aussergewöhnliche dieser “Metamorphose”, das die eigene Welt genauso wie die Welt um einem herum so auf den Kopf gestellt hat, all das ist normal geworden. Dann ist der Moment gekommen, an dem man das “T” ablegen muss. So wie der Schmetterling keinen Salat mehr frisst und auch nicht in Cocoons schläft, so muss man die Flügel entfalten und einfach Schmetterling sein. Dabei geht es nicht um Verleugnung der Vergangenheit, es geht um eine zukunftsgerichtete oder noch besser gegenwartsgerichtete Lebenshaltung. Es geht auch nicht darum, etwas an sich selbst zu verleugnen, dazu gibt es keinen Grund. Mir wurde ein erschwertes Leben im falschen Körper aufgebürdet, diese erschwerten Umstände haben aus mir gemacht, was ich heute bin, dieses Ich von heute ist mir lieb, auf dieses Ich bin ich stolz, es ist so wie es ist gerade weil ich all das durchlebt habe, ich bin und bleibe Two Spirit, aber ich definiere mich nicht mehr allein durch diese Andersartigkeit, ich bin keine Transsexuelle sondern ein Frau, die aufgrund einer Transsexualität eine schwere Entwicklung durchleben musste und sich selbst entfaltet hat. All das gilt es anzunehmen und mitzunehmen, aber nicht als Kette die einem in einer Psychopathologisierungs-Schublade gefangen hält sondern als Fundament, auf dem man gewachsen ist, dem man entwachsen ist – dann ist es Zeit loszulassen und zu fliegen, wie es die eigene Seele bedarf.
Leben als TransFrau – Über die Normalität des Aussergewöhnlichen

Und um die Frage vorwegzunehmen: Nein, ich hab das alles natürlich nicht immer im Griff, mich haut’s nachwievor immer mal wieder hin, das Selbstbewusstsein bröckelt manchmal ab, manchmal knirscht es ganz schön im Gebälk. Aber ich habe es in dem Sinn erreicht, dass ich heute in der Regel einen schönen Tag verbringen kann, in dem ich mein Leben ein wenig zelebriere und geniesse. Damit bin ich echt zufrieden, bei all dem was ich hinter mir habe, da bin ich wirklich im Paradies angekommen :-)

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