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Intuitives Musizieren – Diana im Cello-Rausch

Nachdem ich mich vorhin episch über “Computerfreaks und intuitives Programmieren” ausgelassen habe, beschäftigte ich mich zum zweiten Mal mit meinem letzte Woche eingetroffenen eCello und dabei fiel mir auf, dass ich im Umgang mit Musikinstrumenten genauso “anders ticke” als Andere wie beim Programmieren. Das passt doch zum Thema :-)

Intuitives Musik-lernen

In meinem Leben habe ich eine Vielzahl von Instrumenten gespielt, das Eine mehr, das Andere weniger gut. Mit dabei waren Gitarre, BluesHarp, Keyboard, Indianische Flöte, schottische Bagpipe und nun geht’s mit elektrischer Violine resp. Cello weiter. Obwohl ich Grundkenntnisse habe im Notenlesen, Musiklehre u.s.w. gehe ich eigentlich nie vom Verstand her an so ein Instrument ran, ich begegne dem Instrument eher auf intuitiver Ebene. In der Musik macht das noch viel mehr Sinn als beim Programmieren, weil Musik eben etwas Musisches ist und man da im Bauch einen direkteren Zugang hat als mit dem Verstand. Es ist zwar hilfreich, wenn man weiss was man da tut, ist aber keine Bedingung dazu. Ich lerne meistens, in dem ich einfach damit rumexperimentiere, mir zuhöre, korrigiere und mich so langsam einfinde. Mit der Zeit wissen die Finger wo sie hingehören ohne dass ich weiss, was für einen Ton ich da grad spiele.

Kuscheln mit dem Cello

Beim Cello geht’s mir nun genauso, es wird sich zwar noch zeigen müssen, ob die Finger das wirklich verinnerlichen und die Bogenhand irgendwann selber Regie führt, aber es fühlt sich so an als würde es auch da so funktionieren. Irgendwie steht mir der Verstand resp. das systematische Denken völlig im Weg, es hindert die musikalische Inspiration. Natürlich nutze ich Tipps die ich im Internet finde, betrachte Lernvideos auf youTube und versuche das zu verinnerlichen, aber der Verstand hat damit nur am Rande etwas zu tun, solange, bis es verinnerlicht ist.

Mein Cello-Lehrer

Darf ich vorstellen, das ist Adam Hurst, mein Cello-Lehrer. Er weiss nichts von seiner Ehre, ich hab ihn zufällig im Internet gefunden und engagiert. Auf youTube gibt es ein ganzes Rudel Songs von ihm in denen er meist in vorteilhafter Kameraführung gezeigt wird, man kann vorallem im Vollbildmodus sehr gut zuschauen wie er die Finger bewegt, welche Körperhaltung er hat und vorallem hat er so eine ruhige Ausstrahlung, die schon beim Zukucken entspannt.

Mein erstes Lehrstück – mit Spatzen flirten

Wie schon mit anderen Instrumenten lerne ich am besten, wenn ich mir einfach ein schönes Stück suche das möglichst einfach ist und dann geh ich dem nach bis ich es hab. Dank diesem Video geht das super gut, es ist auf Anhieb zu einem Lieblingslied geworden, weil ich es so lieblich finde, es heisst “Sparrow” was zu deutsch ein Spatz ist (ich lieb diese kleinen Racker), es ist von der Tonfolge sehr einfach und das wichtigste: Ich kann ihm so gut zuschauen auf diesem Video. Nun habe ich das Lied erst mal mindestens ein dutzend Mal angeschaut und dabei genau die Bewegungen beobachtet. Mit der Zeit habe ich in der Luft die Fingerbewegungen oder die Bogenbewegung nachgeahmt. Erst als ich die Melodie auswändig im Kopf hatte und die Bewegungen etwas verinnerlicht hatte, setzte ich mich ans Cello und begann das nachzuspielen. Es klingt natürlich noch so gruselig, dass ich damit jeden Dämon exorzieren könnte und jeden Poltergeist verscheuchen würde, aber schon nach einer halben Stunde konnte ich die Töne in etwa nachspielen. Mit jedem Mal kommt der Klang dem Original ein klein wenig näher, die Hirnarbeit dabei nimmt immer mehr ab. Wenn ich so weiter mache, kommt irgendwann der Moment, an dem die Hände selber tun was sie tun wollen, ich muss nur noch die Melodie denken und der Körper spielt sie – so war das jedenfalls früher mit anderen Instrumenten.

Null Ahnung, aber es funktioniert

Das Witzige dabei ist, dass ich keine Ahnung hab was ich da spiele, ich weiss nicht welche Töne ich spiele, ja nicht mal welche Tonart das ist. Seltsamerweise ist das gar nicht nötig, die Finger müssen nur lernen, wie sie zur Melodie in meinem Kopf tanzen müssen und dann spielen sie irgendwann genau die Töne die nötig sind ohne zu wissen, wie die heissen. Noch verrückter ist, dass mein Cello anders gestimmt ist als das meines Lehrers und um die Töne am gleichen Ort zu drücken wie er, muss ich ein paar Töne tiefer spielen. Auch das funkioniert einfach so, ich beginne einfach ein paar Töne tiefer und spiele dieselbe Melodie nur halt eben alles etwas tiefer. Würde ich das vom Verstand her versuchen, müsste ich echt gut sein im Spielen, aber das läuft bei mir übers Ohr, ich sing die Melodie im Kopf und die Finger suchen dann den entsprechernden Ton.

Der Weg bestimmt das Ziel – oder umgekehrt

Wie beim Programmieren, so gibt es auch beim Musizieren kein richtig oder falsch, man kann systematisch oder intuitiv da ran gehen, es ist vorallem eine Frage des Ziels, das einem den Weg aufdrängt – oder die eigene Wesensart, die einem für das Eine empfänglicher macht als für das Andere. Wer irgendwann in ein Orchester oder eine Band möchte, der wird wohl nicht umhinkommen, recht systematisch und logisch zu lernen, im Zusammenspiel mit Anderen ist es schon fast zwingend, dass man genau weiss was man tut und absolut nur das tut. Wer aber wie ich nur für sich selbst musizieren will, einfach um Spass zu haben und um Gefühle auszudrücken und zu kanalisieren, der ist meines Erachtens gut beraten, intuitiv mit dem Instrument umzugehen. Dieser Weg führt kaum zu solcher Präzision wie der systematische Weg, aber es kann unheimlich erfüllend zu sein, sich so auszutoben.

Auf in eine neue Liebschaft – kann jemand helfen?

Ich für meinen Teil freue mich jedenfalls ungemein auf das was vor mir liegt, diese Annäherung an das Cello, das sich bekannt machen, das verschmelzen, das gemeinsame Einswerden. Auf diese Weise hat Musik etwas mit Mystik zu tun, es hat etwas Spirituelles. Ich glaub wirklich, dass wir gute Freundinnen werden, ich und mein Cello, ich halt Euch auf dem Laufenden ;-)

An dieser Stelle frag ich einfach mal in die Runde, kann jemand von Euch Cello spielen, wohnt in der Gegend von Zürich und hätte Zeit und Lust, mir mal einen Crash-Kurs zu geben?

Das Ende der Computer-Freak Generation

Mein Job frustriert mich grad ziemlich, weil ich mich mal wieder mit modernem Quatsch (WPF) herumschlagen muss anstatt das zu tun, was meine Leidenschaft wäre, das Programmieren selbst. Natürlich bin ich als Software-Entwicklerin keine Gegnerin von innovativen Erneuerungen, sonst wäre ich in dieser Branche am falschen Ort. Aber die Technologie mit der ich mich im neusten Projekt herumschlagen muss, zeigt mir einmal mehr was mir seit Jahren immer mehr auffällt. In der Software-Entwicklung findet ein Paradigmenwechsel statt, die Zeit der Computerfreaks neigt sich dem Ende zu zugunsten einer akademischen Software-Entwicklung, die nur noch wenig zu tun hat mit den Ursprüngen der Programmiererei. Und das hält mir vor Augen, dass meine Zukunft in dieser Branche auf wackligen Füssen steht, weil die “rabiate Programmierkunst” der Frühzeit nicht mehr gefragt sein wird in Zukunft. Darüber möchte ich heute schreiben und das wird ein längerer Exkurs, also holt mal wieder Bier und Popcorn, heut wirds wieder mal episch……..

Die Ära der Computerfreaks

Als ich vor dreissig Jahren begonnen habe Computer zu programmieren, da gab es keine predigenden Akademien, keine Lehranstalten, keine Zertifikate, keine Denkdogmen, da gab es einfach nichts ausser eben diesen Computer-Freaks, Leute die fasziniert waren von diesen Computern und mit Leidenschaft begannen, diese Kisten zu den verrücktesten Dingen zu programmieren. Damals gab es keine hochkomplexen Komponenten die man verwenden kann, geschwege denn solche die man verwenden muss, die damaligen Computer und die von uns verwendeten Programmiersprachen konnten nahezu nix. Mit primitivsten Mitteln mussten wir diese Kisten programmieren, alles mussten wir selber erfinden, da war eine ungeheure Kreativität gefragt und man benötigte einen enormen Erfindergeist. Das Programmieren war ein Abenteuer und mit den damaligen Programmiersprachen hatte man die totale Macht über diese Computer. Man konnte einfach alles an ihnen verändern, man konnte sie zu allem “überreden”, aber schon kleinste Fehler konnten die Kiste abstürzen lassen. Man musste echt n’Freak sein für sowas – ich war eine von denen.

Die goldene Zeit der Computerfreaks

Nachdem ich während meiner Jugendzeit in meinem stillen Kämmerchen die verrücktesten Programme schrieb, nicht weil ich sie brauchte sondern einfach weil der Machbarkeitswahn mich beflügelte, lernte ich die Kunst des Programmierens auf tiefster Systemebene. Für Insider: wenn ich mit Basic etwas nicht tun konnte oder es zu langsam war, dann wurde halt mit Assembler weiter entwickelt. Als ich dann eine kaufmännische Lehre machte und mein Informatiklehrer ob meinem Talent so begeistert war, empfahl er mir, mich bei der Firma Telekurs zu bewerben, die damals so ziemlich die einzige Firma war, die Ausbildungen anbot. Ich bewarb mich dort obwohl ich fünf Jahre unter dem Mindestalter war und kriegte den Job, weil es damals einfach kaum Leute gab die programmieren konnten, die staunten Bauklötze, dass da jemand antanzt mit solchen Erfahrungen. Damals war es wirklich verrückt, Informatiker kamen nicht im Schlips mit Aktenkoffer sondern im Jeans-Tshirt Look. Wir konnten nicht so klug reden wie heutige Hochschulinformatiker, aber wir konnten aus diesen Computern einfach alles herausholen. So Technikfreaks waren gesucht, weil es gar keine Alternativen gab, wir waren die Einzigen die diese Kisten im Griff hatten.

Die Freiheit der Programmierdinosaurerier

Damals gab es keine Denkmodelle, niemand sagte wie etwas getan werden muss, man gab uns einfach Problemstellungen und wir programmierten die Lösungen dazu. Es gab keine Dogmatik, es gab nur pure Pragmatik. Was auch immer die Kiste tun soll, ich sorge dafür, dass sie es tut, egal wie tief ich notfalls ins System eingreifen muss, egal wie unorthodox ich vorgehen muss, ich werde die Kiste dazu bringen, dass sie genau das tut was sie soll. Wir lernten nicht aus Schulbüchern und brauchten keine Ausbildungen, wir setzten uns einfach hin und tüftelten rum bis wir es im Griff hatten. Das war pure Freiheit im Denken und es war totale Macht über diese Geräte. Und das coolste war, dass damalige Programmiersprachen so primitiv waren, dass nur wir Freaks das wirklich im Griff hatten. Es gab eben keine komplexen Komponenten, alles wurde selber programmiert, man brauchte sehr vertieftes Wissern, was in einem Prozessor abläuft, man musste auf Du und Du sein mit dem Computer.

Die Weiterentwicklung der Programmiersprachen

Aber gerade weil das Programmieren so kompliziert und aufwändig war, wurden Programmiersprachen weiterentwickelt und wurden immer leistungsstärker. Dinge, für die wir damals seitenlange Programmcodes schrieben, konnten nun mit einem einzigen Befehl ausgeführt werden. Das Programmieren wurde immer einfacher, das war toll, weil man für viel Kleinkram nicht mehr soviel Zeit aufwänden musste und sich so mehr um die Gesamtlogik kümmern konnte. Dadurch wurde das Programmieren aber auch einfacher und die Tür öffnete sich für das was man heute Informatiker nennt. Aber diese Weiterentwicklungen forderten auch ihren Tribut. Diese Programmierbefehle, die immer mächtiger wurden und immer mehr konnten, waren oft so Wollmilchsäue, die sehr viel konnten, meist mehr als man selber brauchte und das ging meist auf Kosten der Performance. Die ersten Generationswechsel der Programmiersprachen (4GL und OOP) hielten sich in Grenzen, man konnte zwar diese Wollmilchsäue benutzen, wenns aber zu langsam war oder nicht genau das tat was es sollte, dann ging man halt eine Stufe näher ans System und programmierte das Zeug selber. Aber je mehr die Informatik akademisiert wurde, umso weniger wurde das zugelassen (z.B. DotNet). Immer mehr setzte sich eine Normierungstendenz ein, etwas, was uns Freaks ein Gräuel war.

Die Machtübernahme der Informatiker

Die Branche wurde immer mehr “professionalisiert”, Informatik wurde nun an Universitäten und Hochschulen gelernt, dort wurden neue Denkdogmen postuliert und die Branche setzte immer mehr auf Hochschul-Informatiker anstelle von Computerfreaks. Das ging soweit, dass man vor etwas mehr als einem Jahrzehnt als Urzeit-Programmierer kaum noch Jobchancen hatte. Ich selber suchte mal monatelang einen Job, bekam diverse Absagen mit der Begründung, ich würde das Anforderungsprofil nicht erfüllen, obwohl ich alle Anforderungen nicht nur erfüllte sondern überbot – bis auf eine, das Hochschulstudium. Ich programmierte seit zwei Jahrzehnten, hatte beste Zeugnisse und Referenzen, aber das zählte plötzlich nichts mehr. Und so veränderte sich die Entwickler-Branche immer mehr, weg vom turnschuhtragenden Computerfreak hin zu schlipstragenden Informatikern. Auch in der Terminologie zeigte sich das. Wir waren damals einfach Programmierer, später nannte man uns dann Analytikerprogrammierer, dann Softwareingenieure, dann Informatiker und und und.

Selbstgemachtes der radikalen Art

Wie gesagt, gab es immer mehr hochkomplexe Programmiersprachen, es gab aber auch immer mehr Zusatzkomponenten die man verwenden konnte, die einem meist sehr spezifische und hochkomplizierte Arbeiten abnahmen. Für viele Problemstellungen gab es sogenannte Middleware, Programmteile die man kaufen konnte, damit man etwas nicht mehr selber programmieren musste sondern nur noch diese Komponente steuerte, damit die das tut, was wir Programmierer von früher selber gestrickt hätten. Vor rund zehn Jahren bekam ich den genialsten Job meines Lebens in einem Startup Unternehmen der ETH Zürich, die sich auf Sprachsynthese spezialisiert hatte, sogenanntes Text-to-speech. Sie hatten ein Programm entwickelt, das Texte liest und diese dann in hörbare Worte übersetzte, also sprechende Computer. Diese Leute waren Sprachspezialisten und brauchten unbedingt jemand, der diesen Sprachsynthese-Kern den Kunden zur Verfügung stellte, sei es auf Handies, Navigationssystemen oder Windows-Computern.

Mein grösster Stolz – mein Client-Server System

Eines Tages kam der Boss und sagte, wir bräuchten ein Client-Server System, also ein System, bei dem ein Server Daten von beliebigen Client-Computern entgegen nahm. Es ging da um die Steuerung von Telefonieanlagen, beispielsweise für Callcenter oder computergesteuerte Telefonsysteme. Das Prinzip war, dass beliebige Computer dem Server Texte schickten, der sammelte die, übersetzte die in Audiodaten und schickte die Audiodaten paketweise zurück an die Clients. Da war Performance die grösste Herausforderung, weil der Sprachfluss nie unterbrochen werden durfte. Mein Boss meinte, ich hätte freie Hand, ich könne jede Middleware einkaufen die ich bräuchte. Naja, ich war ja eine “echte Programmiererin”, ich brauchte sowas nicht. Ich erklärte ihm, dass wir in Anbetracht der hohen Anforderungen das Risiko nicht eingehen können, dieses wichtige Teil von einem Fremdhersteller zu übernehmen, weil wir dann keine Kontrolle haben darüber, was da drin abgeht und vorallem keine Einflussmöglichkeiten haben, wenn das Teil rumzickt. Also kaufte ich mir ein Buch über diese Client-Server Technologie (TCP-IP) und begann mit dem Projekt von null auf. Monatelang programmierte ich daran herum, machte verrückteste Zeittests, änderte die Algorythmen immer wieder und optimierte das System bis zum geht nicht mehr. Am Schluss programmierte ich Testclients, die meinen Server mit Daten fütterten. Schlussendlich lief mein Server tagelang und wurde während dem von allen Firmencomputern permanent mit Daten gefüttert. Für Insider: die Clients hatten ein Multithreading Programm, das bis zu 80 Kanäle simulierte und ständig Daten schickte und Zeiten mass für die Resultatankunft. Als alles fertig war, wurde das System an den Kunden ausgeliefert, an Telefonieanlagen angehängt und lief einwandfrei, ich bekam nicht ein Problem gemeldet. Das ist insofern sensationell, weil ich das nie mit Telefonieanlagen testen konnte, alles lief nur in einer simulierten Umgebung. Aber ich hatte das so im Griff, dass ich garantieren konnte, dass mein Client-Server System in jedem Umfeld funktioniert.

Wenn Fähigkeit zum Makel wird

Diese langatmige Erzählung ist wichtig um diesen nächsten Punkt zu verstehen, denn nun kommt der Hammer. Als ich später wieder einen Job suchte, fand ich eine geniale Stellenausschreibung in einer Firma die Musiker-Anlagen programmierte, das wäre für mich als Musikliebhaberin zu genial gewesen. Eine der vielen Jobanforderungen waren Kenntnisse in Client-Server Programmierung und Multi-Threading Programmierung. Für Aussenstehende: ClientServer kann man sich sozusagen als Computerfernsteuerung vorstellen, MultiThreading bedeutet, das ein Computer mehrere Dinge gleichzeitig tut, was einfach klingt aber kompliziert zu programmieren ist, weil sich parallele Prozesse gegenseitig abschiessen können. Nun denn, ich durfte zum Bewerbungsgespräch und erlebte dort den Beginn des Endes der Computerfreak-Generation in übelster Weise, das klang dann in etwa wie folgt:

  • Er: Wir brauchen jemand mit vertieften Kenntnissen in Client-Server Architektur, Sie schreiben, Sie hätten da Erfahrung?
  • Ich: Ja ich habe in der letzten Firma ein komplexes Client-Server System ganz alleine programmiert.
  • Er: Was für Middleware haben Sie verwendet?
  • Ich: Middleware? Wer braucht denn sowas? Ne ich hab ein eigenes System programmiert, die Anforderungen waren viel zu spezifisch um Middleware zu verwenden.
  • Er: Ah dann haben Sie keine Erfahrung mit Client-Server Systemen?
  • Ich: Doch, ich kann selber eins programmieren, hab das ja schon gemacht und es läuft heute noch einwandfrei
  • Er: Oh das ist schade, wir brauchen jemand mit Middleware Erfahrung,.
  • Ich: *staun*.

Den Job bekam ich nicht, eben weil ich keine Erfahrung habe, haha. Das ist in etwa wie wenn man jemand sucht der Autos reparieren soll und einer kommt der selber Autos gebaut hat und man bezweifelt, dass er was von Motoren versteht. Das ist einfach zu absurd. So wurde meine Stärke zum Nachteil, ich war nicht mehr wertvoll für den Markt, weil ich mehr kann als Andere, cool was?

Computerfreak = nicht vermittelbar

Als ich dann beim RAV antanzte zwecks Stellenvermittlung, wurde mir dort allen Ernstes gesagt, ich sei nicht mehr vermittelbar. Sie hätten unterdessen sogar Informatiker mit Hochschulabschluss die keinen Job finden, ich ohne Abschluss hätte da keine Chance mehr. Dass ich schon Computer programmierte als diese Hochschulinformatiker noch im Sandkasten spielten, zählte nichts und dass ich zwanzig Jahre lange Erfahrung habe, beste Referenzen und Zeugnisse, all das zählte nichts mehr, weil mir Diplome fehlten die bewiesen, dass ich das gelernt habe, was ich zwanzig Jahre lang tagtäglich gemacht habe – wie bekloppt ist das denn? Nun, ich fand dann selber wieder einen Job und arbeite heute noch in dieser Branche.

Wenn die Theorie die Praxis überholt

Aber wie lange wird mir das noch gelingen? In der Informatik will man junge Leute und man will Hochschulabschlüsse. Ich als Frau mit Transsexualitätsstigma, ohne Hochschulabschluss, mit für Informatik zu hohem Alter, da steh ich langsam auf dünnem Eis. Ich kann nicht so klug reden wie die Hochschulinformatiker, ich kenne keine “Design-Patterns” mit denen man Programme in hübsche Denksysteme pfercht, ich kenne keine Middleware die man braucht wenn man’s selber nicht kann, ich kenne nicht all die unzähligen Komponenten die moderne Sprachen bieten und ich kenn nicht all die klug klingenden Begriffe die man heutzutage in der Softwareentwicklung benützt. Ich hab nie theoretische Denkmodelle oder kluge Worte gebraucht, ich tue einfach was getan werden muss und meine Programme funktionieren.

Systematik versus Pragmatik

In meiner Firma habe ich in letzter Zeit einige Programmteile überarbeitet, weil sie viel zu langsam waren. Dabei stellte ich immer dasselbe fest. Die Programme waren absolut logisch aufgebaut, sie waren sehr systematisch, waren sehr ordentlich, aber gerade weil sie so systematisch resp. modular waren, ging die Performance in die Knie. Ich habe all diese Programmteile verschnellert, teilweise um das Zehnfache. Nun sind diese Programme vielleicht etwas weniger hübsch programmiert, etwas weniger systematisch, aus akademischer Sicht vielleicht etwas chaotischer. Aber die sind optimiert auf das was sie tun sollen, sie sind effizient. Dabei merke ich, dass ein Überordnen der Systematik oft zulasten der Performance geht, ich will das an einer kleinen Analogie erklären.

Das Problem mit der bekloppten Tür

Stellen wir uns vor, wir müssen ein Programm schreiben, das verschiedene Dinge tun kann, es muss durch Gänge laufen können, dabei Türen öffnen, Treppen steigen, Dinge holen u.s.w. Wenn jemand systematisch vorgeht, wird er dieses Gesamtproblem in einzelne Module aufteilen, er programmiert ein Modul fürs Gängelaufen, eins fürs Türdurchschreiten u.s.w. Das Modul fürs Türdurchschreiten heisst beispielsweise: Tür öffnen, durchgehen, Tür schliessen. Ist an sich logisch, das Modul in sich abgeschlossen, das ist saubere Programmierung. Nun wird dieses Programm angewiesen, alle Ordner eines Büros zu zügeln. Das arme Programm geht nun durch den Gang, öffnet die Tür, geht hindurch, schliesst die Tür, holt den Ordner, geht zurück, öffnet die Tür, geht hindurch, schliesst die Tür………… arme Tür.

Ich wiederum würde das zu programmierende System eher pragmatisch analysieren, mein Programm würde dann beim Thema Türdurschreitung eher so klingen: Tür öffnen falls sie geschlossen ist, durschreiten, Türschliessen falls ich den letzten Ordner schleppe. Es gäbe kein in sich abgeschlossenes Modul für die Türdurschreitung, mein Programm müsste bei jedem Durchschreiten zusätzliche Abfragen machen, muss wissen ob die Tür offen bleiben soll oder nicht. So zu programmieren ist nicht ganz so modular und aus akademischer Sicht nicht so trendy, aber es ist so effizient wie nur möglich.

Meine oben genannten Optimierungen basierten meist auf genau so Schwächen. In meinen optimierten Programmen finden sich ne Menge offene Türen, aber gerade wenn man mit Ordnern in den Händen hindurchgeht, wird man froh sein darüber, dass die Tür offen geblieben ist. Aber diese unorthodoxe Programmierweise gilt heutzutage nicht mehr als cool, Pragmatik zählt heute nicht mehr soviel wie Systematik – und damit endet das Zeitalter der Computerfreaks.

Das Sterben der Programmmier-Dinos

In Diskussionen merke ich immer mehr, dass meine Denkweise in der modernen Informatik am aussterben ist und es ist anzunehmen, dass dieser Trend anhält. Ich höre immer wieder Sätze im Stil von: “das darf man nicht so machen” und ich bin erstaunt darüber, dass man sich diese Frage überhaupt so stellen kann. Mir ist es mit Verlaub gesagt scheissegal was “man” darf und was “richtig” ist, ich bin ganz pragmatisch, die Lösung drängt einen Weg auf und den gehe ich, egal ob dieser Weg in irgendwelchen Büchern steht. Was zählt ist das Resultat, ich bekomme eine Problemstellung und suche die beste Lösung, ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob “man” das so macht oder nicht. Und ich erlebe heutzutage auch immer häufiger, dass man sich in der Softwareentwicklung kaum noch vorstellen kann, dass man komplexe Dinge selber programmieren kann, geschweige denn, dass das Selbstgemachgte besser sein könnte. Die Technikgläubigkeit, die einem vorgaukelt, dass hypermoderne Wollmilchsäue zwangsläufig besser sein müssen als das was man selber programmiert, raubt mir immer mehr das Existenzrecht in dieser Branche.

Intuitive Programmierung und das Geschlecht im Hirn

Ich lese gerade ein Buch über Geschlechtsunterschiede im Gehirn, darüber werde ich demnächst mal ausgiebig hier schreiben. Kurz gefasst gibt es S-Gehirne (systematisch) und es gibt E-Gehirne (empathisch) und es gibt ausgeglichene Mischformen. Männer sind tendenziell eher S-Typen während Frauen eher E-Typen sind. Mir ist schon vor langer Zeit aufgefallen, dass ich völlig anders ans Programmieren herangehe als die Meisten die ich kenne. Ich setz mich sozusagen in die Mitte des Problems und fang an den Raum auszufüllen, die Lösung wächst sozusagen aus mir heraus. Ich mach mir nicht allzuviel Systemüberlegungen sondern programmiere sehr intuitiv. Für Systemmenschen dürfte das eher chaotisch wirken, aber ich sagte schon vor langer Zeit, dass Ordnung etwas für Dilletanten ist, das Genie beherrscht das Chaos ;-) Aber Spass beiseite, ich denke, dass beide Denkweisen Vor- und Nachteile haben. In diesem Buch heisst es beispielsweise, dass Programmieren eher für S-Gehirne etwas ist, das bestreite ich vehement. S-Gehirne können zwar tolle Strukturen bauen, ihre Programme sind modular und logisch und dementsprechend gut wartbar. Aber E-Gehirne haben genauso ihre Vorteile, eben gerade weil sie nicht durch überbordende Systematisierung eingeschränkt sind. Bei mir gibt es kein “das macht man nicht so”, wenn es dem Ziel dient, mache ich es eben so wie es nötig ist, ich bin nicht “man”.

Düstere Prognosen für eine aussterbende Art

Das alles frustriert mich gerade sehr und es macht mir Sorgen. Das Zeitalter der Computerfreaks neigt sich dem Ende zu, eigentlich ist es längst zuende und nur noch ein paar hartnäckige Exemplare weigern sich unterzugehen. Aber die Zukunft sieht düster aus. Ich muss resp. darf vielleicht noch zwei Jahrzehnte in dieser Branche arbeiten und es ist anzunehmen, dass ich früher oder später mal wieder auf Jobsuche sein werde. Ehrlich gesagt, mir graut es vor dem was dann auf mich zukommt. Was für Chancen habe ich bei Bewerbungen, wenn ich beim Begriff “Design Pattern” nur ein müdes Lächeln aufbringen kann, wenn ich weder weiss wie Middleware funktioniert noch gewillt bin, mich durch solche Fremdleistungen einschränken zu lassen? Das was meinen Wert ausmacht, die Fähigkeit, einfach alles und jedes programmieren zu können und überall das Letzte rauszuholen, wird je länger desto mehr nicht mehr gefragt sein. Meine Nonkonformität, die früher als meine grösste Stärke galt, wird immer mehr als Schwäche eingestuft. Und das macht mir Angst. Es mag arrogant klingen, aber ich könnte jedem potentiellen Arbeitgeber anbieten, mir ein beliebiges Programmteil zu geben das zu langsam ist und würde garantieren, dass ich es massiv optimiere. Und man könnte mir eine beliebige Programmoberfläche geben und ich würde die Benutzerfreundlichkeit erhöhen. Aber ich befürchte, dass ich dazu kaum noch eine Chance kriegen würde, weil ich weder Hochschulabschluss habe noch all die klugen Begriffe kenne, so dass man mir schon gar nicht die Gelegenheit bietet um zu beweisen, dass ich so Manches kann, von dem heutige Informatiker nicht mal mehr träumen.

Und das ist in doppelter Hinsicht traurig. Zum Einen bedeutet das für mich persönlich, dass ich in Zukunft einen schweren Stand habe um mich in dieser Branche noch zu behaupten. Zum Zweiten bedeutet das, dass man uns Pioniere vergessen wird. Wir waren diejenigen, die die Informatik auf die Beine gestellt haben, dank uns hat heutzutage jeder seinen PC zuhause, dank uns können Computer heute das was sie können. Aber daran erinnert sich kaum noch jemand, weil Computerfreaks wie ich eigentlich nur noch ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten sind.

Nachtrag – gemeinsam sind wir stark

Im Nachhinein ist mir etwas durch den Kopf gegangen, das trotz der Länge dieses Blogbeitrags zu kurz gekommen ist und einen falschen Eindruck hinterlassen könnte, deshalb noch eine Präzisierung. Das soll kein Votum sein gegen “Hochschul-Informatiker”, nicht im Geringsten. Ich erlebe seit Jahren, dass ich fast ausschliesslich von dieser Spezies umgeben bin und ich bin heilfroh darüber, weil diese “Jungen” wie wandelnde Lexikas sind. Sie kenne all den neuen Kram und haben faszinierende Ideen, gerade wegen ihrer Systematik. Es vergeht kaum ein Tag an dem ich nicht in die Runde frage, ob jemand eine Idee hat wie ich irgendwas einfach lösen kann. Meist hat jemand eine Idee und ich erspar mir eine lange Sucherei. Ich halte diese “neuen Einflüsse” für eine grosse Bereicherung, zweifle nur daran, ob man längerfristig noch wahrnehmen wird, dass wir, “die Alten”, genauso wichtig sind. In meiner Firma läuft das soweit recht gut, aber es gruselt mich schon vor einer Zukunft, in der man vielleicht nicht mehr begreift, dass wir gerade gemeinsam so stark sind, weil beide Programmiertypen auf ihre Weise wertvoll sind.

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