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Das Erwachen der Hexenmeisterin

Es ist früh am morgen, noch halb in der Nacht, Nebelschwaden hängen in der Luft und vereinzelt erklingen schaurige Eulenklänge und Fledermausgeblöke, als plötzlich ein markerschütterndes Geräusch die friedliche Idylle der Fantasiewelt Azeroth durchdringt. Diana, Hexenmeisterin vom Volk der Blutelfen, reisst erschreckt die Augen auf und blickt durch verschwommene Nebenschwaden. Sofort wirft sie ein paar Feuerbälle und ein paar Blitze in Richtung des Geräuschs, das noch grausamer klingt als all die Orks, Trolle und Feuerdrachen, die sie am Abend zuvor bis in alle Nacht bekämpft hat. Verwirrt blickt sie um sich, was war das für ein Monster? Und schon wieder erklingt dieses grässliche Geräusch, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wieder wirft Diana ein paar Feuerbälle, aber das Ding scheint gegen ihre Zauberkräfte immun zu sein. Noch immer ist die Luft nebelumhangen, sie kann kaum ihre Hand vor Augen sehen. Todesmutig streckt Diana ihre Hand aus um das brüllende Ungetüm mit blosser Hand zu erwürgen – und ertastet zu ihrer grossen Verblüffung einen Wecker. Urks. Was ist denn hier geschehen, im Lande der Elfen und Feen? Was ist das bloss für ein seltsames Kästchen, das schlimmer klingt als tausend Orks? Da beginnt die Blutelfe zu begreifen, dass etwas Seltsames geschehen ist, sie ist nicht mehr in Azeroth, dem Land der Elfen, Feen und gruseligen Monster, sie ist im Paralleluniversum gelandet, dem Land, das man….. *schluck*……. “reales Leben” nennt……. *schauder*………..

So ähnlich ging’s mir heute morgen, als der bekloppte Wecker bereits um halb Sieben losgackerte, obwohl ich ja eben erst grad um zwei Uhr noch am Monster plätten war. Brrrrr, ist das gruselig. Nachdem ich übers Wochenende nun doch mal das legendäre Computerspiel “World of Warcraft” installierte, kam’s natürlich wie es kommen musste und ich spielte Sonntag und Montag jeweils bis zwei Uhr und stand beide Male viereinhalb Stunden später wieder auf – das ist echt zuviel für n’altes Weib wie mich, echt. Als der Wecker losging, fühlte es sich tatsächlich schlimmer an als all die Monster, die ich gestern noch dank Feuer- und Blitzzauber beseitigen konnte, der Wecker war da eine viel grausamere Sache, ich musste kapitulieren.

Und so kroch ich dann halt Richtung Badezimmer, tüdelte mich an während ich nachwievor die Welt durch Nebelschwaden zu durchringen versuchte und irgendwie kam mir dieses reale Leben einiges surrealer vor als das virtuelle Leben des Vorabends. Aber irgendwie schaffte ich es, schlaftrunken in der Firma anzukommen, stürzte mich als Erstes gleich mal auf die Kaffeemaschine, liess einen Kaffee raus, nahm einen Schluck, verzog das Gesicht als hätt ich Krötenschleim im Mund und blickte verwirrt auf meine Tasse, die aussah als wäre nur dreckiges Wasser drin. Ork-Zauberei? Hmmmmm, ach jaaaaaahhh, ich muss ja erst eine Kapsel in die Kaffeemaschine tun bevor ich Kaffee machen kann – na denn, auf ein Neues.

Als ich dann mit belämmertem Gesichtsausdruck in den Bildschirm starrte und vergeblich nach Monstern Ausschau hielt, kam ich schnell zum Schluss, dass mein verschwommenes Blickfeld rein atmosphärisch viel besser in WorldOfWarcraft passen würde als hier ins Office. Als kurz drauf ein Teamkollege reinkam und ich ihm versuchte zu erklären, dass mein Monitor kaputt sei, ich würde alles verschwommen sehen, erntete ich auch nicht allzuviel Verständnis – bis ich ächtzend brabbelte: “hab WoW gespielt letzte Nacht”, dann war alles klar und ich bekam meine mir zustehende Portion Mitleid.

Und so quälte ich mich durch den Tag und mir gruselte bereits davor, dass ich heute Abend Wäschetag hab und deshalb nach der Arbeit auch noch waschen muss. Also nix mit WoW oder Cello spielen, ich würde mich weiter schlaftrunken durch eine nebenverhangene Waschküche kämpfen müssen anstatt die Heldin zu sein, die ich nunmal bin *seufz*. Kurz vor Feierabend musste ich noch einen Termin ins Outlock eintragen und guckte dann noch blöder als eh schon den ganzen Tag……… Dienstag? Warum zum Geier ist heute schon wieder Dienstag? Das war doch gestern schon? Bin ich mal wieder in einer Zeitschleife gelandet oder hat mich über Nacht so ein bekloppter Ork durchs Raum-Zeit-Gefüge geschleudert? Und wenn Mittwoch erst morgen ist, also mein “heute” erst “morgen” kommt, muss ich dann trotzdem heute waschen oder ist dann morgen gleich Donnerstag, weil wieder so ein Gnom mit der Universumsspieluhr gespielt hat? Ich war echt verwirrt für einen Moment, ich hätte meinen Hintern darauf verwettet, dass heute Mittwoch ist, hmmmmmm……..

Und so begann ich langsam aber sicher zu erahnen, dass ich doch ein klein wenig Restvernunft walten lassen sollte beim compüterlen. Zwei mal hintereinander so spät ins Bett, bringt auch die härteste Blutelfe an ihre Grenzen. Und wenn ich bedenke, wie verdreht mein heutiges Delirum war, dann kann ich wohl nicht ausschliessen, dass ich bei noch mehr solchen Nachtabenteuern eines Tages schwertschwingend durch’s Quartier schleiche und Briefkästen anzünde oder so.

Mit anderen Worten: vor so Spielen muss man sich echt hüten, die sind zu cool um daneben auch noch im sogenannt realen Leben Zeit zu verbringen und die Wechsel zwischen diesen zwei doch etwas unterschiedlichen Welten können auch mal a bisserl verwirrend sein, zumindest wenn man saumässig übernächtigt ist. Deshalb möchte ich heute Nacht mal ganz vernünftig sein und Azeroth fernbleiben……… naja……. oder vielleicht ganz kurz……… ich bin jetzt auf Level 8, auf Level 10 krieg ich neue Zaubersprüche……… kann mir bitte jemand den Internetanschluss kappen? :D

PS: Anzumerken wäre noch, dass ich die Grafik von WoW überhaupt nicht mag, dieser Comics-Look ist irgendwie Kinderkram im Vergleich zum Spiel “Rift” das ich kürzlich gespielt habe. Aber weil Rift vom Schwierigkeitsgrad her einfach jenseits ist für Gelegenheitsspielerinnen wie mich, versuch ich’s nun halt doch mal mit WoW – Stimmung kommt überraschenderweise trotzdem auf :-)

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