Politically incorrect since 1966

SF1 Dok – Ich bin Gwen – Steven war gestern

Soeben habe ich “Ich bin Gwen – Steven war gestern“, die Dok-Sendung auf SF1 über die transsexuelle Filmautorin Gwen Haworth gesehen und bin tief berührt. Zum ersten Mal sah ich eine Dokumentation über das Thema Transsexualität, in dem ich mich und vorallem mein Leben und Werdegang repräsentiert fühle.

Umsetzung mal wieder in den Sand gesetzt

Ich fang mit dem Negativen an, nicht weil es wichtiger ist sondern weil es kürzer ausfällt. Wie ich befürchtet habe, war die Umsetzung einmal mehr daneben. Die glücklicherweise kurz gehaltene Einleitung desinformierte wie gewohnt im Stil von “sie ist als Junge geboren”, stellte gleich mal die Blickwinkel falsch und die Übersetzung der englischen Dokumentation hatte einige essentielle Fehler, die sich wie ein roter Faden durch die Doku zogen. Im Speziellen ärgerte mich, dass das Wort “Transition”, was ein Übergang ist und sinngemäss übersetzt werden müsste mit “Angleichung”, einmal mehr in boulevardeskem Stil als “Umwandlung” übersetzt wurde. Aber damit hat sich meine Kritik schon, denn alles Andere war einfach der Hammer.

Licht in der transsexuellen Seele

Am Eindrücklichsten war, wie gut Gwen als begleitende Hintergrundstimme immer wieder Gefühle und Erlebnisse schildern konnte, in denen ich mich wieder fand. Die Gewissheit in frühem Kindheitsalter, dass man dem falschen Geschlecht zugewiesen ist, die Verzweifelung und Ratlosigkeit die damit einhergeht, all das war durch ihre Worte spürbar. Eindrücklich beschreibt Gwen, wie sie ihre “Andersartigkeit” zu verstecken suchte, wie sie sich für ihr “Anderssein” schämte, wie sie sich selbst verleugnete, ich fühlte mich wie im Kino meines eigenen Lebens.

Die Herausforderung für das Umfeld

Auch wenn es für meine Ohren schmerzhaft war, entspricht es halt doch der Realität, dass der Weg eines transsexuellen Menschen für das Umfeld eine ungeheure Herausforderung ist, die von so Manchen nicht bewältigt werden kann. Ein Vater, der stolz auf seinen vermeintlichen Stammhalter ist und sich fühlt als hätte er einen Sohn verloren, eine Mutter die sich vor der Stigmatisierung der Homosexualität fürchtet, Geschwister die verständlicherweise Angst haben, dass Gwen am Schluss ihres Weges bemerken könnte, dass sie so ihr Glück nicht gefunden hat, eine Lebenspartnerin, die einst “ihn” liebte und nun plötzlich mit Gwen verheiratet ist bis hin zum Vorwurf, dass Gwen diese für sie so essentielle Tatsache so lange verschwiegen hat……. All das gehört zur Realität transsexueller Menschen und ihrer Angehörigen. Zuerst leidet die betroffene Person ein Leben lang unter der Selbstverleugnung im falschen Geschlecht und dann, wenn sie endlich wagt, sich selbst zu sein, erlebt sie im besten Fall gehörige Irritationen, im schlechtesten Fall völliges Unverständnis bis hin zu Ablehnung. Auch wenn dieser Aspekt für mich schmerzhaft war, so gehört es halt doch in die Lebensrealität transsexueller Menschen. Diese Spannung auszuhalten, zwischen Gwens Glücklichwerden und der Zerrissenheit die dieser Prozess in geliebten Mitmenschen auslöst, ist kaum auszuhalten. Und gerade um das nachfühlbar zu machen, war es wenn auch für mich schmerzlich so doch realitätsnah, dass man auch mitfühlen konnte, wie die Einen bis zuletzt überfordert blieben und beispielsweise die Eltern recht deutlich durchblicken liessen, dass sie in Gwen nachwievor Steven sehen.

Information versus Empathie

Diese Doku war keine Informationssendung im herkömmlichen Sinn, man erfuhr wenig über das Phänomen Transsexualität. Aber es war auch keine Boulevard-Sauce und es war auch keine Schönschwätzerei. Die Doku zeigte das, was die Lebensrealität transsexueller Menschen ist. Man kämpft ein Leben lang gegen sich selbst, bis zur totalen Erschöpfung, dann, wenn man mit dem Rücken zur Wand steht und nicht mehr anders kann und jeden Schmerz und jeden Hohn zu ertragen bereit ist, geht man endlich den Weg den einem die Seele vorschreibt, man durchquert in einer langen Reise eine Odyssee von Gefühlen, im Guten wie im Schlechten, man stürzt Nahestehende in Verzweiflung, man muss im Bewusstsein um eine gesellschaftliche Stigmatisierung als “identitätsgestörter Mann” ein Selbstbewusstsein aufbauen, als die Frau, die man nie sein durfte und die von Vielen nie wirklich anerkannt wird…….

Nichts ist unmöglich, denen, die das Unmögliche wagen – und denen, die es zulassen

Die Doku gab den Blick frei in die Gefühlswelt einer transsexuellen Frau und ihrer Angehöriger, er zeigte viele der Probleme die sich stellen, liess viel von dem Schmerz und der Verzweiflung mitfühlen, die uns vorbestimmt sind……….. und er endete in der spürbaren Erlösung, wenn am Schluss nicht nur deutlich wird, dass Gwen zu ihrem Glück finden konnte sondern auch Angehörige einräumen, dass Gwen irgendwie die bessere Steven ist.

Ich danke Gwen und ihren Angehörigen für diesen eindrücklichen Einblick…….. und empfehle den Übersetzern, sich baldmöglichst einen geeigneteren Job zu suchen ;-)

Leider ist das SF1-Videoportal nur von der Schweiz aus verfügbar, wer das nicht sehen kann, muss mit dem Trailer auf youTube Vorlieb nehmen oder kann den englischen Film bei Amazon.com downloaden oder bestellen.
DOK vom 23.11.2011

Fundstücke – Wenn Frauen betrunken heimkommen

Im Internet begegnet man immer wieder total lustigen Texten oder Bildern und immer wieder denke ich mir dabei, dass ich das mit Euch teilen müsste. Grund genug, ein neues Kapitel zu eröffnen, das ich “Fundstücke” nenne. Hier werden zukünftig ab und zu solche Texte/Bilder veröffentlicht, die nicht von mir sind, die ich einfach zur Einverleibung weiter empfehle. Beginnen wir dieses Kapitel mit einem Witz den ich diese Woche bei einer Facebook-Freundin antraf – enjoy ;-)

Wenn Frauen betrinken heimkommen

Letztens habe ich mich mal wieder mit meinen Freundinnen getroffen. Ich versprach meinem Mann, dass ich um Punkt 24 h wieder zu Hause sein würde. Aber wie das so ist, zwischen Cocktails, Tanz und Flirt vergaß ich die Zeit. Ich kam erst um 3 Uhr morgens zu Hause an – und das komplett betrunken!

Als ich zur Tür hereinkam, fing gerade die Kuckucksuhr an, dreimal “Kuckuck” zu rufen. Erschrocken stellte ich fest, dass der Kuckuck meinen Mann aufwecken könnte, und dieser dann wüsste, dass es schon 3 Uhr ist! Also fing ich an, neun weitere Male “Kuckuck” zu rufen. Zufrieden und stolz, in meinem Zustand noch einen so guten Einfall gehabt zu haben, begab ich mich ins Schlafzimmer. Ich legte mich beruhigt ins Bett und war beruhigt dank meines schlauen Einfalls.

Am nächsten Morgen beim Frühstück fragte mich mein Mann, wann ich denn letzte Nacht zu Hause angekommen sei. Ich sagte: “Um Mitternacht, wie ich es dir versprochen hatte!” Er sagte nichts weiter und wirkte auch nicht weiter misstrauisch “Jaaa”, dachte ich mir, “gerettet!”

Aber dann sagte er plötzlich: “Ach übrigens, ich denke, mit der Kuckucksuhr stimmt etwas nicht!”……. “Ach so? Wie kommst Du drauf, mein Schatz?” Und er antwortete: “Nun ja, gestern Nacht rief der Kuckuck dreimal “Kuckuck”, dann – ich kann es mir gar nicht erklären – schrie er auf einmal “Scheiße!” und dann rief er noch viermal “Kuckuck”. Dann übergab er sich im Flur, rief weitere dreimal “Kuckuck”, lachte sich kaputt, rief erneut “Kuckuck”, rannte den Flur hinauf, trat dabei der Katze auf den Schwanz, stolperte über den Couchtisch, der unter dem Gewicht zerbrach, legte sich schließlich an meiner Seite ins Bett, und – begleitet von einem Furz – stöhnte er den letzten “Kuckuck”.

Doofe Sprüche für radikal-philosophische Menschen

Und wenn wir grad dran sind, hier noch eine Auflistung von wirklich saublöden Sprüchen, die mir ebenfalls diese Woche auf Facebook zugelaufen ist……..

  1. Ich lese keine Anleitungen… Ich drücke Knöpfe bis es klappt.
  2. Komm wir machen Teamwork…Ich Team, Du Work
  3. Mein Schienbein hilft mir, im Dunkeln Möbel zu finden.
  4. Ich brauch keinen Alkohol um peinlich zu sein… Das krieg ich auch so hin!
  5. “Wie spät ist es?” – “Da oben hängt eine Uhr.” – “HAB ICH DICH GEFRAGT, WO DIE UHR HÄNGT??!!??!!?”
  6. Wenn ich ein Vogel wäre, wüsste ich ganz genau, wen ich als Erstes anscheißen würde!
  7. Toll wie ich immer meine Sachen vor mir selbst verstecken kann!
  8. Es ist nicht so, dass ich Dich hasse! Es ist nur … nehmen wir mal an Du würdest brennen, und ich hätte Wasser… ich würde es trinken.
  9. Die 3 schönsten Worte der Welt? Essen ist fertig!
  10. Ich habe keine Macken! Das sind Special Effects !!!
  11. Frauen müssen wie FRAUEN aussehen und nicht wie tapezierte Knochen!!!
  12. Vergeben und vergessen? Ich bin weder Jesus, noch habe ich Alzheimer !!!
  13. Meine Motivation und ich haben Beziehungsprobleme und leben gerade getrennt.
  14. Wir Frauen sind Engel…und wenn man uns die Flügel bricht, fliegen wir weiter…auf einem Besen! Wir sind ja schließlich flexibel
  15. Guter Sex ist, wenn selbst die Nachbarn danach eine rauchen.
  16. Je mehr Männer ich kennenlerne, desto netter finde ich Hunde!
  17. Das ist kein Speck! Das ist erotische Nutzfläche!
  18. Wenn ich das nächste mal Schmetterlinge im Bauch habe, sauf` ich gleich Insektengift!
  19. Warum darf man Tiere töten und sie essen, aber nicht Pflanzen pflücken und sie rauchen?!
  20. Auf meinem Grabstein soll stehen:“Guck nicht so doof, ich läge jetzt auch lieber am Strand!“

Nervige Telefonwerbung – Svenja hat die Lösung

Wer jetzt noch mehr zum Schmunzeln möchte oder einfach Nachhilfe in Sachen Notwehr-Exzess gegen nervige Telefonwerbungen sucht, der sollte schleunigst bei Svenja reinschauen, denn die hat die ultimative Lösung gefunden, wie man diese Nervensägen der Werbeindustrie los wird und dabei auch noch ne Menge Spass hat – zur Nachahmung empfohlen: Svenja and the City – Aufgelegt :o )

TV-Tipp: SF1 Dok – Ich bin Gwen – Steven war gestern

Diesen Mittwoch (23.11.2011) kommt auf dem Schweizer Fernsehen SF1 um 22.50 Uhr eine Dok-Sendung mit dem Titel “Ich bin Gwen – Steven war gestern “. Diese Dokumentation über Gwen Haworth ist von ihr selber produziert, sie filmte sich und Angehörige während ihrer “Transition” und wurde für diese Dokumentation sogar mit Preisen bedacht. Der Film soll nicht nur einen Einblick in das Thema Transsexualität geben sondern auch Einblick gewähren in die Gefühlswelt von Betroffenen und Angehörigen. Ob der Film hält was er verspricht, kann ich noch nicht beurteilen, weil ich ihn noch nicht gesehen habe. Aber gerade weil wir uns immer darüber beklagen, dass ständig über uns berichtet wird anstatt mit uns oder durch uns, weckt diese Dokumentation schon Hoffnungen.

Die Sendung “Dok” ist an sich dafür bekannt, dass sie oft gute Dokumentationen zeigt, insofern darf man optimistisch sein. Anderseits macht mich der Ankündigungstext auf SF1 skeptisch, wenn ich dort lese, dass SF1 einmal mehr das Zerrbild des “geschlechtsumgewandelten Mannes” präsentiert. Wenn die Dokumentation mit dem Untertitel “Die Geschichte einer Geschlechtsumwandlung” daher kommt, ist das schon übel genug, da wundert es kaum noch, dass im weiteren Text oft in der männlichen Form von Gwen gesprochen wird. Es erstaunt dann auch nicht, dass von “sein Verlangen, eine Frau zu sein” die Rede ist, als wäre Transsexualität eine sexuelle Obsession. Doch spätestens bei der Formulierung “…..dokumentiert sie ihren Weg vom transsexuellen Mann zur Frau” krieg ich n’Knoten im Hirn.

Einmal mehr frage ich mich, was für Schnapsnasen bei SF1 diese Ankündigungstexte schreiben, noch verdrehter ginge es kaum noch. Ein “transsexueller Mann” ist ein Mann der mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen zur Welt kam, das hier ist eine Frau, deren Hirn in einem männlichen Restkörper zur Welt kam, somit eine “transsexuelle Frau”. Wenn man eine Dokumentation präsentiert und nicht mal diese elementaren Unterschiede begreift, wird aus dem Versuch zu informieren pure Desinformation – und das in einer Dokumentationsreihe. Fünf Minuten Recherche hätte so ein Text nicht überstanden, offenbar wissen sie einmal mehr nicht was sie tun.

Aber eben, der Ankündigungstext ist eine Sache, die Doku eine Andere. Es kann gut sein, dass die Doku super ist und nur der Schreiberling dieses Ankündigungstextes über Themen schreibt ohne sich damit zu beschäftigen. So bleibe ich mal in der Hoffnung, dass ich positiv überrascht werde – so naiv bin ich dann doch wieder……….. mehr darüber dann evtl nach der Ausstrahlung, entweder als Ergänzung in diesem Beitrag oder als eigener Folgebeitrag.

SF1 Dok – Ich bin Gwen – Steven war gestern
Outcast Films: She’s a Boy I Knew

Nachtrag: nachdem ich die Doku gesehen habe, hier noch mein Kommentar dazu
SF1 Dok – Ich bin Gwen – Steven war gestern

Zen und die Kunst des Sabbath Haltens

Zen-Buddhismus hat mit dem jüdisch/christlichen Sabbath/Sonntag eigentlich nichts zu tun – könnte man meinen – ich meine, doch, sehr sogar. Das scheint mir ein guter Auftakt für eine Serie die ich in Zukunft hier machen möchte, Zen und die Kunst des Gummibärchenkauens oder so…..

Zen und die Kunst des……..

Es gibt eine Reihe von Büchern, teils Klassikern, die sich mit dem Zen-Gedanken beschäftigen und ihn als Weg zur “Vervollkommnung” von was weiss ich beatrachten. So gibt es “Zen und die Kunst des Bogenschiessens” genauso wie “Zen und die Kunst des Motorradfahrens”. Teils ernsthaft, teils esoterisch, teils humorvoll, aber alle haben einen gemeinsamen Kern, den Zen-Gedanken. In diese Tradition möchte ich einsteigen, denn es gibt meines Erachtens so Vieles, was die Würdigung dieser Denkweise rechtfertigen würde.

Zen findet im Hier und Jetzt statt

Zentrum des Zen-Buddhismus ist das “Sein im Jetzt”. Klingt banal, isses aber nicht. Seien wir ehrlich, wenn wir essen, denken wir an das TV-Programm, gucken wir TV, denken wir an die Arbeit von morgen und sind wir am Arbeiten, denken wir an sonst etwas. Im Hier und Jetzt sind wir selten, das bedürfte unserer uneingeschränkten Aufmerksamkeit – und genau das fehlt dem modernen westlichen Menschen, der im Alltag ständig von Einem zum Anderen hetzt. Zen fordert genau das Gegenteil, es gibt keine Vergangenheit, keine Zukunft, es gibt nur das hier und jetzt und das ist einmalig, Du kannst es nur einmal in Deinem Leben durchleben, denn gleich ist es weg, Vergangenheit, für immer und ewig.

Sabbath – die Ruhe

Was hat das nun mit dem jüdischen Sabbath zu tun resp. dem christlichen Sonntag? Da muss ich etwas ausholen….. Nach der jüdischen Schöpfungsmythologie hat Gott das Universum und alles Leben in 6 Tagen erschaffen resp. genaugenommen ist alles aus “ihm” hervorgegangen (halt Urknall und so, diese Diskussion verschieben wir aber auf ein anderes Mal) jedenfalls ruhte Gott am siebten Tag (weil so ein Urknall echt anstrengend ist) und ernannte diesen Tag zum Ruhetag, eben zum Sabbath. So kam dann auch das Sabbath-Gebot in die zehn Gebote (Steintafel und so) und seit da ist der Samstag im Jüdischen resp. Sonntag im Christlichen zum Ruhetag geworden. Aber irgendwie auf eine bekloppte Weise, wenn ich das mal so sagen darf. Zuerst wurde man selbst fürs Holzsammeln am Sabbath gesteinigt, später war er nur noch Pflichtprogramm für religiöse Riten, aber der Grundgedanke scheint mir verloren gegangen zu sein – obwohl uns Jesus eigentlich überdeutlich daran erinnern müsste.

Als seine Jungs mal an einem Sabbath durch die Felder hüpften und Ähren abzupften (klingt nach Hippie-Kult), kamen ein paar Stänkerer daher und meckerten Jesus an, weil seine Jungs da so vergnügt Ähren zupften an einem Sabbath. Denen entgegnete Jesus dann das legendäre: “Der Sabbath ist um des Menschen Willen geschaffen und nicht der Mensch um des Sabbaths Willen”. Was er damit sagen wollte ist, dass Sabbath keine Pflicht sondern eine Gunst ist, es ist die Aufforderung an uns, uns wenigstens einen Tag in einer anstrengenden Woche der Ruhe hinzugeben, ganz bei uns sein und damit ganz bei Gott. Das ist Zen, echt wahr :-)

Zen und die Kunst des Sabbath Haltens

Damit kommen wir zum eigentlichen Thema. Auch wenn ich keiner Religion angehöre und mich nicht mal konfessionell einordnen könnte, berührt mich dieser Sabbath Gedanke und ich versuche wenn immer es geht, mir den auch zu gönnen. Für mich bedeutet das, dass ich am Sonntag (oder einem “Ersatztag”) bewusst Ruhe verordne. Am Sonntag gibt es nichts was ich tun muss, der Tag gehört ganz mir. Da gibt es keine vergangene und keine bevorliegende Woche, es gibt nur das Hier und Jetzt. Dabei ist es egal, ob man im Wald unter einem Baum sitzt und die Natur in sich aufsaugt, ob jemand in die Kirche geht, ein Puzzle zusammensetzt, in einem Computerspiel ganz versinkt, in der Badewanne philosophiert oder einfach nur blödsinnig rumliegt. Wahrer Sabbath ist dann, wenn ich ganz bei mir bin, mich mit mir auseinandersetze oder in Dingen versinke die mir grad naheliegen, wenn mein Leben oder etwas in meinem Leben meine ungeteilte Aufmerksamkeit hat – wie beim Knutschen beispielsweise ;-)

Sabbath schenkt Ruhe

Das hebräische Wort “Sabbath” meint ja eben nicht einfach Samstag oder Sonntag, das Wort beinhaltet riesige Bildwelten und im Zentrum davon steht die Ruhe, Stille und Harmonie. Wenn wir es schaffen, uns wenigstens einmal in der Woche aus dieser hecktischen Welt auszuklinken und einen Tag lang ganz im Hier und Jetzt sind, dann versinken wir in einer Ruhe, die unglaublich wohltuend ist. Probiert’s aus, gönnt Euch bewusst diesen Tag, es lohnt sich wirklich ;-)

Und beim nächsten Zen-Beitrag beschäftigen wir uns mit dem Thema:
Zen und die Kunst des Badewanne-Liegens ;-)

Jubiläum – ein Jahr nach der GaOp

Irgendwann wird es geschehen, das Wunder hier auf dieser Erde…
und eine Stimme sagt: Es werde ein neuer Tag.
(Illuminate – ein neuer Tag)

Heute vor einem Jahr wachte ich auf im Aufwachraum des Zürcher Universitätsspital, ein selten dümmliches Grinsen überzog mein ganzes Gesicht, die Hand suchte ihren Weg nach unten, das Grinsen wurde noch dämlicher…….. es ist vollbracht, säuselte es mir ins Ohr, verdammt, es ist wirklich geschafft, ich bin ganz.

Keine Worte dieser Welt könnten das Glück beschreiben, das man empfindet, wenn man vierundvierzig Jahre in einem Kerker begraben war, gefangen “im falschen Körper” und dann wacht man auf und dieser ganze lebenslange Albtraum ist vorbei. Es war als letzter Schritt gedacht, als eine Art Vollendung, aber es war soviel mehr als das.

Schon krass, ich hätte es echt beinahe vergessen, eher zufällig kamen Juliet und ich gestern während dem täglich-Blablah auf die GaOp und ich erschrak, weil ich zuerst dachte, ich hätte das Jubiläum verpasst. Dass mich der Termin so überrascht hat, zeigt vorallem eins: wie fern mir dieses für mich so phänomenale Ereignis doch ist, es fühlt sich an als wäre es Jahre her, als gäbe es kaum mehr von der Zeit davor als ein alter Schwarz-Weiss Film. Und das ist unglaublich schön :-)

Ich lag dann gestern nach dem Telefon noch eine Weile auf dem Sofa rum und schwebte über der Vergangenheit, an eben diesem Abend vor der Vollendung, als ich entgegen aller Logik alles andere aus ängstlich oder aufgedreht war, ganz im Gegenteil, mich erfüllte eine sanfte Ruhe, die Gewissheit, in eine gute Zukunft eingebettet zu sein. Gerade wenn ich im Nachhinein zurückdenke, verblüfft mich das enorm. Ich hätte wirklich erwartet, dass ich am Abend vor der Op völlig durch den Wind bin und garantiert Schlafmittel brauche, weil die Aufregung mich nicht schlafen lässt. Es wäre nur vernünftig, dass ich mir Sorgen machen müsste um all die möglichen Komplikationen und vor mir liegenden Beschwerden. Aber da war nichts mehr an diesem Abend, da war nur noch diese Stille, auf Wolken schwebend, voll von Vertrauen, dass morgen alles gut wird.

Und der Morgen kam, ich schlief schon bevor man mich in den Op-Raum karrte und als ich aufwachte war wirklich alles vorbei, vier verfluchte Jahrzehnte in so einem surrealen Film namens Leben, vier unerträgliche Jahrzehnte als Hauptdarstellerin in der männlichen Rolle einer kafkaesken Komödie und dann, platsch, aus und vorbei, das Leben beginnt.

Natürlich folgten in den darauffolgenden Wochen Beschwerden und Schmerzen, aber die waren nichts, überhaupt nichts im Vergleich zu dem Schmerz, den ich ein Leben lang tagtäglich ertragen musste, bei jedem Blick in den Spiegel, bei jedem Mal wenn man mich mit meinem damligen Namen ansprach, bei jeder dieser tausend täglichen Lügen, wenn ich mich als Mann ausgeben musste. Diese lebenslange Selbstverleugnung war um soviel grausamer, dass ich in der ersten Zeit nach der Op die Schmerzen nicht mal richtig wahrnahm, es war einfach ein Klacks im Vergleich zu dem was hinter mir lag.

Heute stehe ich da, in meinem so ganz normalen Leben als die Frau die ich nie sein durfte, obwohl ich sie immer war. Ich stehe hier, denke zurück und kann kaum glauben, dass dieses Leben vor der GaOp mit dem Jetzigen auch nur eine Spur von Verwandtschaft in sich trägt. Alles ist so anders geworden, so gut, da ist soviel Freiheit im Umgang mit mir selbst, soviel Zufriedenheit mit meinem Leben, es wirkt völlig grotesk im Vergleich zu all der Zeit vorher, dass ich kaum glauben kann, dass es wirklich einst ein “früher” gab – es fühlt sich eher an wie ein böser und elend langer Albtraum, der an diesem Tag, heute vor einem Jahr endete.

Es gibt Albträume, die enden wenn man aufwacht, es gibt Albträume, die beginnen erst dann. Meiner begann jeden Morgen mit dem Aufwachen von Neuem, vier Jahrzehnte lang, bis zum Erwachen heute vor einem Jahr, Nachmittags um etwa zwei Uhr – es fällt mir schwer, die Tränen zurückzuhalten, wenn ich an diesen wunderschönen Tag zurückdenke.

Nie hätte ich geglaubt, dass mein Leben jemals so wird wie es jetzt ist, wirklich nie, selbst dann nicht, als ich begann es anzustreben. Mich trieb einzig der Mut einer Verzweifelten an, das Unmögliche wenigstens zu versuchen. Heute vor einem Jahr durfte ich das erleben, was zum Motto meines Lebens wurde, was zum Kern meiner “Predigt” wurde…….

Nichts ist unmöglich, denen, die das Unmögliche wagen :-)

Und zur Feier des Tages kommt nochmal mein Lieblingslied, das seit Beginn meines “neuen Lebens” zu meiner Befreiungs-Hymne geworden ist – danke Euch allen, die mir beigestanden sind und zu mir gehalten haben……

Software entwickeln kann auch spassig sein

….. oder: die Sache mit den Büudläni :-)

Zugegeben, ich bin schon ein verrücktes Huhn, da verrate ich kein grosses Geheimnis. Schon als Kind sagte man mir, ich sei eine Fabrik für Unsinn, weil ich so oft spontan auf die blödsten Ideen komme und im speziellen einen Hang dazu habe, Leute auf humorvolle Weise zu irritieren, indem ich etwas tue, womit man nicht rechnet – mehr darüber dann ein anders Mal. Da ich den ganzen Tag wie wild vor mich hinprogramiere, drückt das natürlich auch dort ab und zu durch, so wie letzte Woche, während ich an meinem neusten Meisterstück herumprogrammierte – und das kam so……..

Unser Teamchef ist Berner, Bärner würde er sagen und hier in der Schweiz haben wir eine Menge Spass daran, dass jeder Dialekt anders klingt und nur zu oft klingt es für die Ohren “Aussenstehender” saulustig. Ich liebe diese sprachliche Vielfalt, es macht die Gespräche so vielfältig und lebendig und so machmal ist es halt eben auch lustig…… Das Berndeutsch ist zumindest für uns in Zürich in vielfacher Weise ulkig, am meisten amüsiert jedoch, dass Berner oft aus einem ‘l’ ein ‘u’ machen, wenn das ‘l’ nicht am Anfang steht. Ein ‘Löffel’ wird so zu einem ‘Löffu’ oder ein aus dem hündischen ‘bellen’, das wir in Zürich ‘bällä’ nennen, wird dort natürlich ein ‘bäuä’ und einem Jungen, in Zürich ‘Bueb’ genannt, wird dann ein ‘Büubu’, cool hä? Kürzlich amüsierten wir uns köstlich über eine spezielle Formulierung, die einfach prächtig ist. In der Schweiz wird ja gern verniedlicht, indem man ein ‘li’ hintenan stellt, man macht alles etwas kleiner, wohl weil unser Land so klein ist. So wird aus einem ‘Bild’ halt ein ‘Bildli’ oder in Bern eben ein ‘Büudli’. Das allein wär für uns schon lustig genug, aber der Hammer kam, als unser Chef das mal in der Mehrzahl verwendete, denn dann wurde daraus ein ‘Büudläni’…….. und Dianchen schmiss sich fast weg deswegen, es lief ihr tagelang nach, dieses ‘Büudläni’ und so kam irgendwann, was kommen musste……..

Nun muss ich noch einschieben, dass ich seit je her eine Leidenschaft habe, ich bringe Computer gern dazu, idiotische Dinge zu tun. Im Speziellen mag ich es, wenn Programme bedeppte Meldungen von sich geben. Dieser Hang zur Realsatire brachte mich früher mal dazu, sämtliche Texte meines Betriebssystems zu hacken, so dass dann beispielsweise bei einem Halt nicht stand: “Bitte eine Taste drücken”, nein, mein Computer meldete bei der Gelegenheit: “Bitte kräftig furzen”. Das mag doof sein, sogar saudoof, aber ich hab unglaublich Spass dabei, vorallem wenn Andere nichts davon wissen und das dann zum ersten Mal lesen :-)

Für mein neues Programm musste ich jetzt ein sogenanntes Context-Menü einbauen, das erscheint, wenn man eine Zeile markiert und die rechte Maustaste drückt, es listet dann eine Reihe von Funktionen auf, die man aufrufen kann wie ‘Zeile löschen’ und so Kram. Naja, da war dann halt noch ein Menüpunkt dabei um Bilder einzufügen und zu löschen – Büudläni eben……. *unschuldigguckt*…….. tja, dann ging’s halt los mit meinem Übermut und mein Chef bekam dann das Programm in dieser Form zu sehen:

Damit meine germanischen LeserInnen verstehen, was da auf breitestem ‘bärntütsch’ steht, übersetz ich das mal, wobei ich bei der Formulierung zugegebenermassen sehr sehr freizügig war…… zuerst auf berndeutsch, dann was der Satz zu gut deutsch etwa heisst und dann, was eigentlich wirklich da stehen sollte……

Gäng no ä Position inä tue
Ständig noch eine Position hinein tun (gäng ist nur unvollkommen übersetzbar mit ‘ständig’)
Position einfügen

U dä no ä Varuablä derzuä, gäu
Und dann noch eine Variable dazu, gäll (gäll = stimmt’s)
Variable hinzufügen

I Chübu mit däm Löu
In den Kübel mit diesem Depp (Löu = Löli = Depp oder so)
Zeile löschen

Dr Unternähmer dörf d’Variablä gäng wächslä
Der Unternehmer darf die Variable ständig wechseln
Unternehmer darf Variable wechseln

Dr Unternähmer söu sine Füdlefinger loh vo dere Variablä
Der Unternehmer soll seine “Popofinger” lassen von dieser Variable
Unternehmer darf Variable nicht wechseln

…… und jetzt kommt’s, jauh :-)

Es Büudläni inä näh
Ein “Bilder” hinein nehmen
Bild hinzufügen

Tuä das Büudläni i Chübu
Tu das “Bilder” in den Kübel
Bild löschen

Ich denke, damit wäre der Beweis erbracht, dass Softwareentwicklung gar keine so trockene Angelegenheit ist, da leuchtet soviel Heiterkeit und Menschlichkeit auf – wie im wahren Leben ;-)

So kommt es dann auch, dass man im Programmcode Bemerkungszeilen von mir findet, die den Alltag etwas aufheitern. Bei einem Programmkonstrukt, das so verworren war, dass ich selbst nach mehrmaligem Lesen nicht kapierte, was es eigentlich tut, steht nun neckisch: “gaht’s no komplizierter?”. Oder wenn ich selber mal etwas umstandsbedingt unschön programmieren musste, weil es beispielsweise der Performance dienlich war, steht dann beispielsweise dort: “ja ich weiss, isch grusig programmiert, aber es lauft, das isch d’Hauptsach”……….. und um der Frage zuvor zukommen, nein, wir dokumentieren unseren Programmcode nicht in Schweizerdeutsch – meistens jedenfalls – ausser eben an so Tagen, wenn mir grad mal wieder sauwohl ist :-)

Achja, über meine früheren Sitzungsprotokolle muss ich unbedingt auch mal schreiben……… und was ich als Kind mit Gartentürchen angestellt hab, wär auch mal noch erwähnenswert *hüstel*…….. :o )

Nachtrag: apropos bärndeutsch, hier eine ganz urchige Variante :-)

Badewannenpredigt: Verantwortung und Kritikfähigkeit

Hier stehe ich, ich kann nicht anders,
Gott helfe mir, Amen
(Martin Luther)

Über Offenheit und Kritikfähigkeit

Wenn man der Wahrheit und Offenheit verbunden ist, muss man gezwungenermassen auch ab und zu Andere vor den Kopf stossen. So komme auch ich nicht umhin, gelegentlich Standpunkte zu vertreten oder Kritik zu üben, die so Manchen beim Zuhören weh tut, die Angesprochene ärgert. Aber was wären wir für eine Welt, wenn es nicht erlaubt wäre, Kritik zu üben? Es ist meine Pflicht, Ansichten und Taten Anderer zu respektieren, das tue ich auch. Das kann und darf mich aber nicht davon abhalten, Kritik zu üben. Ich bin ja nicht Päpstin, Unfehlbarkeit beanspruche ich nicht, meine Ansicht ist nie eine allgemeingültige und unumstössliche Tatsache, es sind ganz einfach meine persönlichen Gedanken und Wertungen, die ich zum Nachdenken mitgebe.

Die Art wie ich das (beispielsweise gestern) tue, mag den Einen oder Anderen stören, aber ich sah es nie als meine Aufgabe an, leichtverdauliche und weichgespülte Texte zu schreiben. Ich will zum Nachdenken anregen und manchmal auch aufrütteln, das hat es an sich, dass es auch mal weh tun kann.

Wenn ich Kritik übe, dann tue ich das nicht, weil ich Andere verteufeln will, meine Kritik ist Ausdruck meiner Liebe zu meinen Mitmenschen. Ich will damit niemanden verdammen sondern nur “ihre Werke” in Frage stellen. Ich tue das auch im Bewusstsein, dass ich selber tausend Fehler gemacht habe in meinem Leben und noch tausend Fehler vor mir liegen, für die man mich kritisieren darf und soll, damit auch ich dazu lernen kann. Doch gerade das Bewusstsein um meine eigene Fehlbarkeit drängt mich dazu, Missstände aufzuzeigen und falsche Vorstellungen zu korrigieren.

Über Verantwortung

Alles was wir tun, hinterlässt Spuren und formt die Zukunft, es gibt nichts, was wir tun, das nicht Konsequenzen hat. Deshalb laufen die Meisten ja auch nicht durchs Leben wie ein Elefant im Porzellanladen, wir wissen das eigentlich und versuchen es mehr oder weniger zu berücksichtigen. Aber viel zu oft hinterfragen wir zu wenig, urteilen zu vorschnell und lösen damit manchmal sogar eine Lawine aus.

Vorallem jene, die Kinder haben, wissen genau was ich meine. Man gibt einem kleinen Kleinkind weder eine Schere noch ein scharfes Messer zum Spielen, weil man sich der möglichen Konsequenzen bewusst ist. Eltern bekommen ein gutes Gespür für die Konsequenzen ihrer Entscheidungen, sie müssen tagtäglich Dinge entscheiden, deren Fehlentscheid fatalste Folgen haben könnte. Aber so wie es im Grossen ist, ist es auch im Kleinen. Und in so manchen Bereichen scheint es mir, dass Viele sich nicht bewusst sind, mit was für einem Feuer sie gerade spielen, dass beispielsweise dieser harmlos aussehende Wahlzettel Welten verändern oder gar vernichten kann.

Über den Baum der Erkenntnis

Die biblische Geschichte vom Sündenfall und dem Baum der Erkenntnis birgt eine interessante Bildwelt zu diesem Thema. Die Geschichte besagt, dass Adam und Eva den Baum der Erkenntnis fanden, von dort den verbotenen Apfel assen und damit den Hinauswurf aus dem Paradies bewirkten. Abgesehen davon, dass es eine beachtliche Metapher ist zum Thema “Entscheid und Konsequenz”, fasziniert mich vorallem die Frage um den Baum der Erkenntnis. Durch das Essen von diesem Baum gelangte die Menschheit zur Fähigkeit, über gut und böse zu urteilen und zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Diese Fähigkeit ist uns Pflicht geworden, wir dürfen nicht nur eintscheiden sondern müssen das auch und mit dem Entscheid müssen wir auch die Folgen tragen, wir müssen selber Verantwortung übernehmen und besitzen so eine Macht, die nur zu oft mehr Fluch als Segen ist. Die Zeit ist vorbei, in der wir achtlos mit Banenen um uns schmeissen, wir sind in der Lage zu beurteilen, ob wir jemanden verletzen, wenn wir dasselbe mit Steinen tun.

Über die Macht der Demokratie

Wer entscheidet übt Macht aus, wer Macht ausübt übernimmt Verantwortung, wer Verantwortung übernimmt haftet für die Konsquenzen – das gilt mehr denn sonstwo in einer Demokratie, weil Mitbestimmende einer Demokratie über eine ganze Nation entscheiden. Wer sich dieser Verantwortung nicht bewusst ist, ist eine Gefahr für die Zukunft eines Landes, weil er nicht die Sorgfalt walten lässt, die solche Macht verlangen würde. Wenn ich über die Zukunft dieses Landes mitentscheide, dann ist es meine Pflicht, mich ernsthaft damit auseinander zu setzen, die Konsequenzen meines Entscheides genau zu prüfen. Wenn mir dazu die Zeit fehlt, dann sollte ich mich auch aus diesem Entscheidungsprozess raushalten und es denen überlassen, die sich ernsthaft damit beschäftigen können. Bei etwa der Hälfte der Abstimmungen enthalte ich mich aus eben diesen Gründen der Teilnahme – diese Nichtteilnahme ist ein Akt der Demokratie, das ist Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein, das von mir verlangt, nicht über Dinge zu entscheiden über die ich nicht Bescheid weiss. Wer anstelle dessen gedreschten Parolen oder Stammtischsprüchen folgend mitentscheidet, verrät die Demokratie und verrät damit das Land, das er zu vertreten glaubt.

Über Fehlbarkeit und Rechtschaffenheit

Niemand ist unfehlbar, nicht mal der Papst, selbst das liesse sich an vielen Beispielen beweisen. Diesen Anspruch kann und darf man nicht stellen, weder an sich noch an Andere. Jeder Entscheid, sei er noch so gründlich hinterdacht, kann sich als falsch erweisen und kann fatale Folgen haben. So zu irren ist legitim und das darf uns auch nicht von Entscheidungen abhalten. Aber das Bewusstsein um möglichen Irrtum und dessen Konsequenzen nötigt uns einen Respekt ab und erfordert eine Gewissenhaftigkeit. Wer nach reiflicher Überlegung zu einem Entscheid kommt, der sich dann als falsch herausstellt, hat seine Sorgfaltspflicht erfüllt und darf auch dazu stehen, halt leider Gottes einen Fehler begangen zu haben. Und man kann daraus lernen, kann daraus wachsen, all das ist gut und gehört zum Lauf menschlicher Entwicklung und Spiritualität. Aber es wäre eines denkfähigen Menschen unwürdig, die Augen zu verschliessen und so zu tun, als hätten die Konsequenzen des Entscheids nichts mit einem zu tun, das habe ich gestern deutlich genug ausgedrückt.

Ich teile Ihre Meinung nicht,
ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen,
daß Sie Ihre Meinung frei äußern können.
(Voltaire)

Über die Pflicht zum Protest

Doch sowohl das Bewusstsein um die eigene Fehlbarkeit als auch das Respektieren der Fehlbarkeit Anderer darf uns nicht davon abhalten, Kritik zu üben, gegebenenfalls auch mal lautstark und vehement. Wenn ich mich mit etwas vertieft auseinandergesetzt habe und aufgrund meiner Erkenntnisse zu einem klaren Entscheid komme, dann muss ich zwar anders Entscheidende respektieren, muss aber nichtsdestotrotz meinen Standpunkt darlegen und gegebenenfalls lautstark widersprechen. Einer der Grundgedanken der Greenpeace-Bewegung war die von den “Quakern” übernommene Vorstellung, dass man verpflichtet ist, “Zeugnis abzulegen” über das was man weiss oder glaubt. Dieses Zeugnis ablegen geht zurück bis auf Jesus, der seine Predigt nach Jerusalem trug, im Wissen, dass man ihn in Konsequenz dessen töten wird. Er hatte ein Leben lang nicht mit Samthandschuhen gepredigt, er verwendete klare Worte und gewaltige Metaphern um seine Vorstellungen auszudrücken. In dieser Tradition “predige” auch ich – es steht mir fern, Anderen hinterherzurennen und ihnen zu sagen, was sie tun und lassen sollen, das steht mir nicht zu. Meine Aufgabe sehe ich darin, Zeugnis abzulegen über das woran ich glaube und das was ich zu wussen glaube. Wer zuhören will, ist dazu herzlich eingeladen, wer das nicht hören will, darf es lassen. Wer jedoch zuhört, muss auch damit leben können, dass ich keine Rücksicht darauf nehmen darf, ob mein Gesagtes gern gehört wird. Ich stehe ein für meine Überzeugung und ich wünsche mir nichts mehr, als dass Ihr alle das tut, ungeachtet davon, ob Eure Überzeugung mit Meiner übereinstimmt.

Über Kritik als Ausdruck von Liebe

Deshalb sage ich es in aller Klarheit: Wenn ich jemanden von Euch mit meinem Gesagten oder Geschriebenen kritisiere, dann ist das Ausdruck meiner Liebe zu Euch und selbst wenn ich die ganze Nation kollektiv anklage, so ist auch das Ausdruck meiner Liebe zu meinen Landsgenossinnen. So wie ich gegenenfalls bei der Erziehung eines Kindes mal “schimpfen” muss, so muss ich das manchmal auch gegenüber einer Gesellschaftsmehrheit. Ihr alle seid mir zu wichtig, als dass ich schweigen würde, wenn ich zum Schluss komme, dass Ihr manipuliert werdet oder dass sich eine geistige Verrohung breit macht. Wenn Euch das unter Umständen mal verletzt, dann dürft Ihr Euch ungeniert über mich ärgern, so wie ich mich vielleicht auch über Euch geärgert habe. Aber ich wünschte mir, dass uns das nicht davon abhält, einander weiterhin zu schätzen – so werden wir einer Gesellschaft wahrhaft würdig ;-)

Ich fühle mich an nichts von dem gebunden, was ich geschrieben habe.
Ich nehme aber auch kein Wort davon zurück
(Jean Paul Sartre)

Blutverschmierte Stimmzettel

Mit dem Risiko, dass ich heute ein paar LeserInnen oder Freunde verliere, muss ich heute mal wieder Klartext reden. Offenheit ist mir wichtiger als falsche Rücksichtnahme und wer Kritik nicht hören kann, muss halt weghören.

Vor einer Woche ist Christina B. gestorben, sie wurde von ihrem Ex-Freund Anthony A. mit seinem Armee-Sturmgewehr erschossen. Nach der Tat rannte der Täter weinend und schreiend ins nächstliegende Bistro, nachdem er seiner Ex-Freundin in den Kopf geschossen hat. Angeblich sei es ein Unfall gewesen, aber in Anbetracht früherer Gewaltübergriffe auf seine Freundin und der eher geringen Wahrscheinlichkeit, dass sich aus einem Gewehr, das nicht geladen sein dürfte, ein Schuss löst, der zufällig genau den Kopf trifft – naja, für Christina spielt das keine Rolle, ob es ein Unfall war weil diese idiotische Knarre zuhause herumlag oder ob er einfach getan hat, was ihm im Militär gelernt wurde, Konfiktlösung mit Schwarzpulver.

Auch wenn ich die Betroffenen nicht kenne, macht mich das mal wieder schaurig wütend, weil dieser Tod nicht nur unnötig war sondern vom Schweizer Volk demokratisch in die Wege geleitet. Schon nach der Ablehnung der Volksinitiative, die Armeewaffen in Zeughäuser verbannt hätte, habe ich gepoltert und gesagt, dass alle die gegen diese Initiative stimmten nun mitverantwortlich sind für alle Toten, die zukünftig mit Armeewaffen niedergeknallt werden – dieses Wochenende begann der Bodycount, das erste Blut tropft über die Stimmzettel und beginnt die Hände Hunderttausender zu beflecken. Diejenigen, die jetzt schon an der Decke kleben und aufschreien, das sei doch nicht ihre Schuld, sollten mal die Füsse stillhalten und zuhören, ich mein das nämlich verdammt ernst.

Wer abstimmt, bestimmt – wer bestimmt, trägt Verantwortung

Abstimmungen sind kein Gesellschaftsspiel, Demokratie bedeutet, dass alle mitbestimmen dürfen, dass sich die Verantwortung über die Zukunft eines Landes auf alle Mitbestimmenden verteilt. Wer daran teilnimmt, hat seinen Teil dazu getan, die Zukunft aufzugleisen und das bleibt an einem kleben, im Guten wie im Schlechten.

Wenn ich für einen Atomausstieg stimme und dank dessen eines Tages die ganze Schweiz aus erneuerbaren Energien Strom bezieht, dann darf ich mit Recht stolz sein und von mir behaupten, dass dieses Land mit meiner Hilfe dahin gelangt ist. Und falls wie von Atomlobbyisten schwarzgemalt wird, infolge des Atomausstiegs der Strompreis massiv höher wird, dann werde ich mir auch den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass ich daran mitschuld bin. Ich kann und würde dann zwar argumentieren, dass es mir dieser Mehrpreis wert ist und dass ein Super-GAU teurer geworden wäre, aber die Verantwortung über den höheren Strompreis habe ich mitzuverantworten.

Vor über einem Jahrzehnt stimmte ich für die Abschaffung der Armee. Wäre das angenommen worden und eines Tages wäre eine Armee hier eingerückt und hätte und besetzt, müsste ich mir auch diesen Vorwurf gefallen lassen, ich wäre mitschuldig an der Wehrlosigkeit dieses Landes. Dasselbe natürlich umgekehrt, die Armeebefürworter sind mitschuldig daran, dass wir alle mehr Steuern zahlen um die Armee zu finanzieren.

Wer entscheidet, bleibt in der Verantwortung

In all diesen Themen kann und darf man jeden Standpunkt einnehmen, wir sind ja ein freies Land. Aber es geht nicht an, dass man sich dann aus der Verantwortung zu schleichen versucht.

Wer “nur ein paar” erschossene Hausfrauen als Kollateralschaden betrachtet, darf in einem demokratischen Land natürlich dafür eintreten, dass die Freiheit, vollautomatische Schusswaffen im Kleiderschrank zu haben, wichtiger ist als ein paar abgeknallte Menschen. Man darf auch der Meinung sein, das verfassungsmässige Recht auf Gleichheit und Religionsfreiheit müssten nicht mehr für Muslime gelten und ein Minarettverbot annehmen. Man darf auch wie bei der 5. IV-Revision 80’000 Schwerstinvaliden die eh schon mickrige Rente kürzen und gleichzeitig ein paar Milliarden Steuergeschenke an die Wirtschaft verteilen – wir dürfen das alles, wir sind eine Demokratie…….. Aber es ist scheinheilig, dann zu behaupten, man hätte damit gar nichts zu tun. Wer dafür abstimmt, dass ein paar hunderttausend vollautomatische Gewehre in Privatwohnungen herumliegen, im Wissen, dass nunmal einzelne Zeitgenossen früher oder später durchdrehen und diese Waffen einsetzen, der ist genauso Mittäter wie derjenige, der mit einem Minarettverbot die Rechtsgleichheit aus unserer Verfassung kippt oder auf dem Buckel der Schwächsten Geld umverteilt. Man darf in einer Demokratie all das tun, aber es ist eines stimmenden Bürgers unwürdig, wenn man dann behauptet, die Folgen der Abstimmung hätten nichts mit einem selbst zu tun.

Wer Waffen erlaubt, erlaubt auch die Tötung

Gerade das mit den Waffen führt zu bizarrsten Ausflüchten.

Sofort wird betont, dass ja nicht Waffen Menschen töten, ein Mord geschieht durch den Menschen hinter der Waffen. Klar ist der hinter der Waffe der Mörder, aber wenn ich einem Kleinkind eine geladene Waffe in die Hand drücke, dann bin ich ja wohl auch mitverantwortlich. Und wenn ich hundertausend Gewehre verteile, obwohl bei so einer grossen Zahl von Leuten zwangsläufig auch Gestörte dabei sind, dann bewaffne ich indirekt Psychopathen – dann bin ich für jeden einzelnen Schuss mitverantwortlich.

Weiters wird betont, der Täter hätte sie ja sowieso getötet, wenn nicht mit dem Gewehr, dann halt mit dem Messer oder von Hand. Was für ein Quatsch. Gerade Gewaltdelikte infolge eskalierender Gefühlsausbrüche sind dafür bekannt, dass die Verfügbarkeit einer schnell einzusetzenden Waffe das Risiko massiv erhöht. Ausserdem ist das Schiessen mit einer Schusswaffe ein indirektes Töten, es braucht um ein Vielfaches mehr um jemanden mit einer Kontaktwaffe zu töten, geschweige denn mit blossen Händen. Hinzu kommt, dass man sich gegen fast jede Waffe wehren kann, einer Kugel entkommt niemand.

Fazit: Steht zu Eurer Verantwortung

Ihr habt das Recht, Waffen zu erlauben oder zu verbieten, Ihr könnt Menschenrechtskonventionen ratifizieren oder kündigen, Ihr könnt sogar einen zweiten Hitler wählen, könnt Kriege beginnen, in einer Demokratie dürfen wir bestimmen was die Schweiz tun wird – aber egal wie Ihr Euch entscheidet, denkt wenigstens vor der Entscheidung darüber nach, was für Konsequenzen Euer Mitentscheid haben kann, überlegt genau, ob es das wirklich wert ist und wenn Ihr entschieden habt, dann steht wenigstens dazu, wenn Ihr damit kleine oder grosse Katastrophen auslöst.

UPDATE 14.11.2011: aus aktuellem Anlass grad noch ein Nachtrag, nicht nur wegen potentiellen Amokläufern gehören Armeewaffen ins Zeughaus sondern auch weil immer mal wieder so Deppen mit Schusswaffen rumspielen und dabei Unfälle passieren – soviel zum Thema “Verantwortungsbewusstsein des Schweizer Soldaten”
Junge Frau erschiesst Mann mit Armeepistole
Somit: Bodycount+2

Weiterführendes zum Thema:

Diana: Die Schweiz und das Recht aufs Töten
Blick: Anthony A. schoss seiner Freundin Christina B. in den Kopf
Jedes vierte Familiendrama passiert mit Armeewaffe
Gesucht: 30’000 Munitionsdosen der Armee
Mit Armeewaffe angeschossen
90 Tote durch Suizid mit Sturmgewehr

Die Wunden des Gelächters

Das Leben wird nicht einfacher durch die leider beachtliche Anzahl an primitiven Leuten in unserer vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft…….
Umso schöner ist es, dass es dafür aber auch Leute gibt, die für einem einstehen, wenn die Primitiven sich mal wieder ihrer Dümmlichkeit hingeben.

Mit diesem Satz in meinem Facebook-Profil eröffnete ich den heutigen Tag und ahnte noch nicht, dass mich das Ganze noch den ganzen Tag beschäftigen würde. Nicht, dass die Erkenntnis um die Primitivität so mancher Zeitgenossen neu wäre, aber auch wenn es noch so “normal” ist, dass einem kleingeistige Menschen begegnen, gewöhnt man sich doch irgendwie nie so recht daran.

 

Wenn Andere sich an meiner Stigmatisierung stossen

Schaut mich nicht an! Ich bin kein Tier!
Nur ein Menschenkind – für euch ein fremdes Wesen – vielleicht
Mit Augen und Ohren, einem Herz und viel Gefühl
Und immer noch mit einem klaren und auch freien Verstand!
(Lacrimosa – Fassade 1. Satz)

Als ich heute morgen wie jeden Tag um Neun raus ging um mein Mittagessen von meiner Futterlieferantin entgegenzunehmen, war sie sichtlich aufgebracht und erzählte, sie hätte mich grad in Schutz genommen und hätte sich sowas von aufgeregt. Sie macht jeden Morgen zwischen Acht und Neun hier im Quartier rund um meine Firma ihre Runde, hält bei allen Firmen an und die Leute können bei Ihr Brötchen, Getränke bis hin zu kompletten Mittagessen kaufen. Durch ebendieses Quartier stöckle ich ebenfalls täglich und da ich das schon seit Beginn meiner “Transition” tue und damals noch recht eigenwillig aussah, werde ich da von vielen Leuten gesehen, die mich vom Sehen her kennen und eben auch wissen, dass ich mich irgendwie arg verändert habe.

Offenbar bin ich heute an ihr vorbei gelaufen als sie gerade Essen verteilte und die dort Rumstehenden begannen, sich über mich lustig zu machen. Anstatt wie so Manche in den Narrenchor einzutreten, hat sie sich sofort auf meine Seite gestellt und sagte, dass sie mich seit zwei Jahren kenne und ich eine super tolle Frau sei mit einem riesengrossen Herzen – wow, was für ein Kompliment. Im ersten Moment habe ich mich vorallem darüber gefreut und versuchte sie zu beruhigen indem ich ihr sagte, dass es halt auch primitive Leute gäbe und dass man die nicht ernst nehmen soll. Sinngemäss sagte ich zuguterletzt: “Wenn ich so primitive Menschen ernstnehmen würde, wäre mein Leben unerträglich”.

An Grausamkeit gewöhnt man sich nie ganz

Und wenn ihr redet, wessen Geist ist eurer vielen Worte Inhalt?
Wart ihr jemals an dem Abgrund zwischen Herz und dem Verstand?
Könnt ihr sagen: Ich erlerne mich?
Eure schreckliche Einfältigkeit, zu glauben was man euch erzählt:
Natürlichkeit und Selbstbestimmung
Aber bitte nur im Rahmen des Systems dieser Gesellschaft
(Lacrimosa – Fassade 1. Satz)

Da ich Blicke gut einordnen kann, weiss ich längst, dass ich oft Menschen begegne, die nicht das Geringste Problem mit mir haben, die einfach zur Kenntnis nehmen, dass ich bin wie ich bin und damit hat es sich. Genauso gut weiss ich, dass ich auch so Manchen begegne, die mich saumässig lustig finden, bei Einigen steht ihr Spott gar in grossen Lettern in die Augen geschrieben. Daran habe ich mich eigentlich gewöhnt, dass ich immer mal wieder Menschen begegne, die allein in meiner Existenz einen Grund zur Belustigung finden. Ohne es je mit eigenen Ohren zu hören, höre ich doch irgendwie all die blöden Sprüche die geklopft werden, wenn ich da mal wieder vorbeidackle. Die letzten knapp drei Jahre haben mich gelehrt, stark und tapfer zu sein, stärker und mutiger als die Meisten wohl je in der Lage wären. Ich habe gelernt, über der Sache zu stehen, die Bemessung meines Selbstwerts nicht den höhnenden Narren zu überlassen sondern mich selbst einzuschätzen. Und ich habe mir ein Bewusstsein geschaffen über das was ich wahre Grösse nenne.

Wer Andere auslacht, verspottet oder verhöhnt – egal ob er das laut oder leise tut – disqualifiziert sich damit selber, weil sein Lachen einzig Zeugnis abgibt über seine eigene Kleingeistigkeit. Gerade jene, die ihr Selbstbewusstsein erhöhen, indem sie versuchen andere zu erniederigen, sind die Schwächsten – gerade sie hätten niemals die Grösse um so einen Weg zu gehen wie ich ihn gehe. Es ist einfach, ein “normales Leben” zu führen und so zu sein, wie es von einer kollektiven Allgemeinheit erwartet wird. Aber es braucht ungeheuer viel innere Stärke, Mut und Tapferkeit um sich selbst zu sein, wenn man eben nicht der Vorstellung des Mainstreams entspricht – vorallem wenn man zu einer stigmatisierten Menschenart gehört wie transsexuelle Frauen. Mittlerweile gibt es nichts, worauf ich mehr stolz bin als auf die Tatsache, dass ich diesen Weg gegangen bin, dass ich mich allem Spott zum Trotz nicht mehr selber verleugne, dass ich wahrlich Ich bin und dass ich die Schwere des Lebens sogar auf einem Level ertragen kann, der die Meisten in Stücke reissen würde.

Der Spiessrutenlauf zwischen den Guten und den Primitiven

Und doch tut es weh, wenn ich damit konfrontiert werde. Einerseits ganz subjektiv, weil niemand soviel Grösse hat um gegenüber von Spott völlig immun zu sein. Anderseits aber auch, weil es mir vor Augen hält, von was für Dummköpfen ich teilweise umgeben bin und wie grausam und primitiv so Kleingestige sind. Auch wenn mir das egal sein müsste und auch wenn so Leute ja eigentlich nur ihre eigene Beschränktheit demonstrieren, irgendwie macht es trotzdem traurig.

Da ist es ungemein tröstlich, dass es eben auch Andere gibt, solche die hinter die Fassade blicken, die nicht so oberflächlich und empathiebefreit sind. Wenn so kleingeistige Menschen mich verurteilen ohne mich zu kennen, dann mag das zwar weh tun, aber wenn dieses Negative von jemandem so aufgefangen wird, dreht sich schlussendlich doch alles ins Positive. Diese Gackermenschen kennen mich nicht, haben keinen blassen Dunst davon, dass ich stärker bin als sie je sein werden, wie könnten sie ernsthaft über mich urteilen? Diese Frau die mich verteidigt hat, kennt mich jedoch seit 2 Jahren und wenn sie mir attestiert, dass ich eine liebenswerte und bewundernswerte Frau bin (O-Ton), dann ist auch so ein eigentlich trauriges Ereignis mehr Ruhm als Hohn.

Und doch tut es weh – irgendwie – gerade jetzt – aller Unvernunft zum Trotz.

Fragen die den Narren erspart bleiben

So finde ich mich einmal mehr in einem Netz von Fragen, die allein schon hässlich genug wären, deren Beantwortung ausbleibt. Vielleicht ist es gut, dass sie nicht beantwortet werden, die Antworten wären wohl noch um ein Vielfaches grausamer…….

  • Ist es so schwer, ein wenig mitzufühlen und zu erkennen, dass eine transsexuelle Frau ein schmerzliches Leben hinter sich hat und eher Mitgefühl angebracht wäre als Spott?
  • Ist es so schwer, zu begreifen, dass jemand der sich selbst treu ist und allem Geblöke zum Trotz den eigenen Weg geht, eher Respekt verdiente als Hohn?
  • Ist es so schwer, zu akzeptieren, dass ein Mensch – wenn auch in ungewöhnlicher Weise – so doch einfach nur glücklich sein möchte?
  • Wer von Euch blökenden Schafen hätte den Mut, sich selbst unter solchen Umständen treu zu sein, die Tapferkeit ebendieses blökende Gelächter zu ertragen und die innere Stärke, sich die Würde inmitten dieses Spottes zu bewahren – wer von Euch könnte meinen Weg gehen und dabei mir gleich glücklich werden und mit einem Lächeln auf den Lippen durch diese unfreundliche Welt gehen?
  • Und wer von Euch würde nicht innerlich bluten, wenn man verspottet wird nur weil man ist wie man ist, obwohl man sich sein Schicksal nicht ausgesucht hat sondern nur versucht, unter diesen schweren Bedingungen zu überleben?

Und doch tut es weh – irgendwie – gerade jetzt – und und lässt mich einmal mehr ratlos zurück…….

They can verbally abuse me, they can torture me,
they can try to strip me bare of my dignity…
they can even take my life,
but they can never ever snatch who I am at my core…
I will always naturally express who I am on the outside!
(Arianna Davis)

So traurig so Dinge sind, so dankbar bin ich auch, dass diejenigen die mich kennen nicht so ticken und dass so viele zu mir halten. Und auch wenn es wie jetzt grad mal wieder kurz saumässig weh tut, es bestätigt mich nur darin, mir weiter treu zu sein und mich weiterhin Ich sein zu lassen – und mir meine hart erkämpfte Lebenslust weder weglachen noch ausprügeln lasse – express yourself – ich tu’s – und Ihr?

thanks Janis for staying with me in days like that

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