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Sonntagspredigt: Über die Tugend der Faulheit

Faulheit oder Müssiggang sei aller Laster Anfang, lernt man uns von klein an, diese Tugend verinnerlichen wir so sehr, dass wir uns irgendwann gar nicht mehr vorstellen können, dass wir das in Frage stellen könnten. Die Arbeitgeber sind dankbar für diese Konditionierung, der Wirtschaftsmotor brummt auf dank der Getriebenheit des modernen Menschen, wir wollen mehr leisten, besser werden, mehr Erfolg haben und wir tun das wenn’s sein muss bis zum Burnout – oder zumindest bis zur Selbstaufgabe, bis zum Vergessen unsererselbst. Und warum genau machen wir das eigentlich?

Die Sternstunden des Sonntags

Wie fast jeden Sonntag klingelte auch heute der Wecker um zehn Uhr, damit ich nicht den ganzen Tag verpenne und wie meistens begann ich den Tag kaffeeschlürfend vor dem TV liegend und sah auf SF1 die Sendungen “Sternstunde Religion” und anschliessend “Sternstunde Philosophie” (siehe SF1 Sternstunden). Bei Ersterer war heute das Thema “Faulheit” im weitesten Sinn, es ging um Menschen, die sich Ruhe gönnen in einer gehetzten Zeit, man interviewte verschiedene Menschen, vom Benediktiner (Anselm Grün) über Zenmeister bis zu ganz durchschnittlichen Menschen, die sich in irgend einer Form etwas Nichtstun gönnen. Ich liebe diese zwei Sendungen und beginne oft meinen sonntäglichen Ruhetag damit, weil ich meistens gute Impulse bekomme und es die Ruhe einläutet, die ich mir am Sonntag in der Regel schenken möchte.

Die zweibeinigen Rädchen der Leistungsgesellschaft

Ehrlich gesagt ist es mir ein Rätsel, wie es soweit kommen konnte und noch mehr ist es mir ein Rätsel, warum wir das nicht mal bemerken und etwas dagegen unternehmen, ich sehe nur, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben, in der fast nur noch Leistung zählt. Der Mensch wird an seinem Erfolg gemessen und um gut bemessen zu werden müssen wir mehr leisten und immer mehr und mehr. Konkurenz heisst der Feind, den wir bekämpfen, ein besserer Job, ein grösseres Auto, ein schöneres Häuschen, eine grössere Anzahl an Freunden, wir hetzten dem Erfolg hinterher wie Mäuse in einem Drehrad – und wie die Maus im Drehrad bemerken wir nicht, dass wir an Ort bleiben und nur das Rad sich schneller dreht, dass es eigentlich kein wirkliches Ziel gibt und was noch schlimmer ist, wir merken nicht, dass wir uns selbst dabei vergessen haben.

Der Krug geht zum Brunnen bis er bricht

Wie wahr, wie wahr – und auch wenn wir keine Krüge sind und unsere hochgezüchtete Zivilisation kein Brunnen, so hetzen wir doch dahin, bis wir daran zerbrechen. Es ist viele Jahre her, als ich zerbrach, von einer Sekunde zur Anderen. Jahrelang habe ich versucht, alles zu geben und immer besser und effizienter zu werden. Doch dann kam der Bruch, Burnout nennt man ihn heutzutage – und dieser Burnout schenkte mir ein Jahr Ruhe – seltsam, dass man immer erst kaputt gehen muss bevor man merkt, dass man sich überfordert. Ein Jahr lang lief die Zeit in meinem Kopf plötzlich langsamer, nichts hatte mehr eine nennenswerte Bedeutung, nichts was ich hätte tun müssen, nichts was von mir gefordert wurde, ich war einfach völlig abgeslöscht, ärztlich freigestellt und sass so jeden Tag stundenlang in einem Park herum, hörte den Vögeln zu, lauschte dem Wind, staunte über die Stille in mir und suchte nach mir selbst. Was für ein Geschenk! Diese Lebensphase war der lehrreichste Prozess meines Lebens, der Teufelskreis der Leistungsgesellschaft, der kein Entrinnen zulässt, hatte mich verächtlich ausgespuckt und mich damit frei gemacht.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens

Die Frage um den Sinn des Lebens dürfte den Meisten vertraut sein, mir scheint jedoch, dass die Meisten diese Frage viel zu schnell beantwortet haben resp. sich die Antwort eintrichtern liessen. Auch ich sah den Sinn des Lebens im “immer mehr” und “immer schneller”, bis zu dem Tag, an dem mich das Schicksal ausknipste die Sicherung eine Stubenlampe die zuviel Energie ansaugt. Plötzlich war all dieser Drang weg, ich sass nur noch rum und tat nichts, einfach nichts – was zur fruchtbarsten Tätigkeit meines Lebens wurde. Was ist mein Ziel, wo liegt mein Weg, wer bin ich, was soll ich sein, wer bestimmt darüber, wer misst – und warum?

Auszeiten für den Seelenfrieden

Zum Glück hatte ich mir schon früher immer mal wieder Auszeiten gegönnt, viel zu selten aber immerhin manchmal. Gerade mit dem Motorrad hatte ich so eine Nische, die mir erlaubte, immer mal wieder abzuschalten, auf den Sattel zu klettern und loszufahren, ohne wirkliches Ziel einfach durch die Welt zu gleiten und einfach zu sein, das war Meditation pur. Auch meine Liebe zur Natur förderte tolle Möglichkeiten für so Auszeiten, so sass ich immer mal wieder ein paar Tage lang irgendwo im tiefen Wald, fern jeglicher Zivilisation, nur mit einem Schlafsack, einem Rucksack voll Essen und Getränken – und mir selbst. Ich stellte immer wieder fasziniert fest, dass mich so Auszeiten in einen völlig neuen Bewusstseinszustand versetzten. Am ersten Tag denkt man noch: was zum Kuckuck tu ich da eigentlich? Am zweiten Tag hört man langsam auf zu denken und spätestens ab dem dritten Tag IST man, man ist einfach nur noch und das ist unbeschreiblich.

Der Rhythmus der Zeit

Wer würde nicht bestätigend mit dem Kopf nicken, wenn ich sagen würde, dass die Zeit in unserer modernen Welt immer schneller läuft? Soll ich Euch ein Geheimnis verraten? Es ist ein Trugschluss, die Zeit läuft nicht schneller, die Stunde hat auch heute noch 60 Minuten. Was sich geändert hat ist nicht der Rhythmus der Zeit, was sich änderte ist, dass wir immer mehr Tätigkeiten in diese Zeit hineinpferchen und uns dann wundern, wenn wir da drin irgendwann ersticken. Während meinem Burnout war ich mal eine Woche lang bei den Benediktinern im Kloster Einsiedeln. Ich hatte dort mein Zimmer, nahm mit den Mönchen zusammen an den Stundengebeten teil, ass mit ihnen an einem Tisch und den Rest des Tages verbrachte ich mit lesen oder sass irgendwo im Klosterareal rum und tat nichts. Ich staunte Bauklötze, wie langsam an so einem spirituellen Ort die Zeit läuft, an diesem Ort an dem es keine Hektik gibt und keinen Erfolg, an dem alle einfach ihren Weg gehen, in gemächlichem und andächtigem Rhythmus. Es war sowas von wohltuend und es hat mein Denken stark geprägt. Ich kannte die Hektik der Zivilisation, ich kannte die Ruhe der Natur, aber hier erlebte ich erstmals die Ruhe unter Menschen und ich begann den Zauber der Zeit zu begreifen. Ich erkannte, dass die Zeit überall gleich schnell läuft, dass unsere Lebensart jedoch das Empfinden dieser Zeit radikal beeinflusst – dass wir selbst den verspürten Rhythmus der Zeit festlegen.

Des Menschen Angst vor der Erlösung

Ich glaube, dass eigentlich die Meisten spüren, dass in der Ruhe soviel Kraft liegt und dass der gelegentliche Müssiggang wohltuend ist. Aber ich glaube genauso, dass die Meisten diese Form von Erlösung fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Und das ist bemerkenswert. Wer kann nicht erzählen von so Momenten, in denen man mal nichts tut und einfach mal ist, ohne sein zu müssen? Und doch meiden viele diese erlösende Stille, sie fürchten die Ruhe mehr als einen möglicherweise drohenden Zusammenbruch – warum eigentlich? Ich glaube, dass Viele so sehr getrieben sind von dieser Illusion die uns weismacht, dass erst unser Erfolg unser Selbst ausmachen würde, dass sie gar nicht aufhören können und immer weiter rennen müssen. Denn solange wir rennen und solange wir unsere ganze geistige Energie von der Wirtschaft oder Sonstigem auffressen lassen, solange beschäftigen wir uns nicht mit uns selbst und damit ersparen wir uns die Frage, die eigentlich einst am Anfang stand, die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens, die Frage danach wer man ist und was man selbst will. Doch wer diese Frage verdrängt, verdrängt das eigene Ich-sein und damit verkommt das menschliche Leben zum Roboterdasein, in der die Funktionalität alles ist, in der der Mensch entkernt ist wie die Kirsche auf einem Eis – süss, weich aber nicht mehr entfaltungsfähig.

Die Spiritualität des Nichtstuns

Könnte ich allen Menschen drei Ratschläge geben, wäre das einer davon: Lasst die Stille wieder zu, gönnt Euch so oft wie möglich Auszeiten, in denen Ihr bewusst nichts tut und einfach für Euch selbst da seid. Schenkt Euch diese Spiritualität der Stille und gebt Euch Einlass an den einzigen Ort, an dem man sich selbst finden kann. Zu Beginn kann dieses Insichgehen stürmisch oder schmerzhaft sein, aber das ist gut so, es sind die Geburtswehen für ein erwachendes Ich. Solche Auszeiten kann man auf verschiedenste Weise finden, man muss dazu nicht zwingend in der räucherstäbchen-geschwängerten Stube im Yoga-Sitz sitzen und eine Kerze anstarren, man kann sich genauso unter einen Baum setzen und den Vögeln lauschen oder sieht sich einen Sonnenuntergang an, hört sich eine Symphonie an und versinkt ganz hinein – oder spielt Diablo :D ……….. denn immer dann, wenn man etwas tut, weil man Lust hat es zu tun und wenn man es nicht tun muss sondern eben tun will, immer dann ist man ganz bei sich selbst und ist losgelöst von einem antreibenden Druck, der uns hier wie dahin hetzen lässt. Das So-sein, nennen es die Zen-Buddhisten, sich gegenwärtig sein nennen es Andere.

Das Paradoxon der lärmenden Stille

Es mag wie ein Scherz geklungen haben als ich soeben schrieb, man könne auch Diablo spielen. In einem Computerspiel durch die Gegend zu hetzen und feuerballschmeissend Dämonen niederzubretzeln – wenn ich Ruhe und Stille suche und dem Druck der Hektik weichen möchte? Hä? Ne ich scherze nicht, denn auch ein hektisches Computerspiel bietet all das, was eine Auszeit bieten kann. Denn ich spiele ja nicht weil ich unbedingt auf Level 60 kommen muss, ich spiele einfach weil es Spass macht. Und ich tue es auch nicht, weil es mich scheinbar besser machen sollte, ich gönne mir einfach eine Zeit in der ich tun kann ohne tun zu müssen und eine Zeit in der ich mich voll und ganz auf etwas einlasse.

Die Tugend des Nichtstuns

Das Nichtstun ist nichts Schlechtes, da hat man uns n’schönen Käse erzählt. Es ist wie bei allem in der Welt, zuviel ist zuviel, zuwenig ist zuwenig. So schlecht es auch ist, wenn man ständig nichts tut, so schlecht ist es auch, wenn man immer etwas tut. Deshalb halte ich das Nichtstun für eine kostbare Tugend. Wer sich diese nie gönnt, wird vielleicht eines Tages sterben ohne sich selbst jemals kennen gelernt zu haben. Ganz schön blöd, sag ich Euch.

Gebt Euch etwas Zeit und wagt den Blick in den Spiegel Eurer Seele. Auch wenn es sich zu Beginn vielleicht etwas einsam und dunkel anfühlt da drin, früher oder später werdet Ihr dort in diesem Spiegel Euch selbst sehen…….. und werdet sehen können, was für wunderbare Menschen Ihr alle eigendlich seid, einigartig unter Milliarden von Einzigartigen……….. und dann könnt Ihr dieses Selbst freilassen und wahrlich “Ich” werden.

So und jetzt leg ich mich für ne Stunde in die Badewanne, betrachten wir das als Symbolhandlung ;-)

Shalom al echem – Friede sei mit Euch

so und jetzt: Augen zu und Lied hören…… und ganz hineingeben ;-)

http://www.youtube.com/watch?v=y8Kupc5TtHw

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