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APA / DSM-V – Transsexualität weiterhin psychopathologisiert

Seit gestern wimmelt’s im Internet von jubilierenden Meldungen, Transsexualität sei in der neusten Fassung der Psychiatrie-Bibel (DSM-V) nicht mehr als psychische Störung klassifiziert. Doch auch wenn diese Meldung tausendfach kopiert und bejubelt wird, dem ist nicht so, wir werden weiterhin im “Handbuch für psychische Störungen” klassifiziert, einzig der Ausdruck hat geändert. Immerhin, möchte man sagen, “gender dysphoria” klingt weit weniger pathologisierender als “gender identity disorder” – doch wenn man die Sache etwas genauer ansieht, merkt man schnell, dass wir alles Andere als Grund zum Jubeln haben, weil diese erneute Psychopathologisierung nun wieder ein bis zwei Jahrzehnte an uns haften bleibt. Warum auch ein Schritt in die richtige Richtung fatal sein kann, möchte ich nachfolgend erklären.

DSM – wo gestört drauf steht, ist auch gestört drin

Beginnen wir mit dem Grundsätzlichen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO gibt regelmässig eine “Diagnosehandbuch” namens ICD heraus, in der transsexuelle Menschen in der Rubrik der psychischen Störungen aufgelistet sind. Wie kürzlich hier erwähnt, läuft momentan eine Petition, die schon von über 60’000 Leuten unterschrieben wurde und die verlangt, dass Transsexualität umklassifiziert wird, von der “Abteilung” für psychische Störungen in eine Andere (z.B. hormonelle Entwicklungsstörungen oder sowas). Es ist absolut in Ordnung, dass wir im ICD aufgeführt werden, Transsexualität verursacht einen enormen Leidensdruck und hat deshalb “Krankheitswert”.

Die “Psychiatriebibel” namens “DSM” wiederum wird von der APA (American Psychiatric Association) herausgegeben, DSM steht für “diagnostic and statistical manual of mental illness” was soviel heisst wie “Handbuch für psychische Störungen”. Und dieser Name ist Programm, alles was hier aufgeführt wird, gilt als psychische Störung. Wenn die APA-Sekte nun wie erfolgt den Begriff “gender identity disorder” in “gender dysphoria” umbenennt, dann ändert das nichts, aber auch überhaupt nichts daran, dass Transsexualität nachwievor als psychische Störung gilt – andernfalls wäre es aus dem DSM gestrichten worden. Beim DSM haben wir nichts gewonnen, wenn wir umklassifiziert oder umbenannt werden, solange wir da drin sind, gelten wir als psychisch gestört.

Ein Schritt in die richtige Richtung? Und mittendrin bleibt man stecken?

Aber immerhin ist es ein Schritt in die richtige Richtung, möchte man erneut jubilieren, wenigstens ist der Begriff mal ersetzt worden durch einen “schöneren” und auch die dort aufgeführten Kriterien sind netter formuliert, klingt doch gut. Wer so jubiliert, vergisst etwas ganz wesentliches: Die Psychiatriebibel DSM wird nur alle paar Jahrzehnte überarbeitet, es dürfte locker zehn bis zwanzig Jahre dauern bis zur nächsten Version – und bis dahin werden wir da drin bleiben. Selbst wenn uns – wie wir alle hoffen – die WHO Transsexualität endlich umklassifiziert, so bleiben wir im DSM drin, aufgeführt unter den sogenannten “Paraphilien”, zusammen mit Exhibitionisten, Kinderschändern und was weiss ich allem. Diese Namensgebung ist zwar ein Schritt in die richtige Richtung, aber einer, der uns irgendwo dazwischen verrotten lässt – für sehr sehr lange Zeit.

Die psychiatrischen Gaunereien im Kleingedruckten

Der definitive Wortlaut ist leider noch nicht veröffentlicht, doch aufgrund des Entwurfes der mir einst vorlag, ist zu befürchten, dass diese Diagnose nun nicht nur nett verpackt ist sondern auch leichter zuzuweisen. Gerade die nette Formulierung ermöglicht es im Speziellen bei Kindern, diese Diagnose einfacher zu stellen und je nach verantwortlichem Arzt gleich mal mit der Umpolungstherapie zu beginnen. Diese Gefahr sollte man nicht unterschätzen. Wir befürworten ja, dass transsexuelle Kinder so früh wie möglich (körperlich) behandelt werden können, aber für Ärzte, die sich unter Hilfe eher “reparative Verhaltenstherapien” als medizinische Massnahmen vorstellen, kann dies eine Möglichkeit werden, Betroffene schon von klein an kaputt zu konditionieren – oder auch nicht-transsexuelle Kinder, die nur einfach von erwarteten Geschlechterstereotypen abweichen, gleich mitzubehandeln.

Auf der Strecke bleibt die Realität

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass die amerikanische Psychiatrievereinigung APA in ihrem “Handbuch für psychische Störungen” Realitätsverweigerung betreibt. Ich habe in diesem und vorallem meinem alten Blog oft genug auf wissenschaftliche Studien verwiesen, die klar zeigen, dass es beim Geschlecht mehr als nur Barbie und Ken gibt. Es gibt Frauen mit XY-Chromosomen und Männer ohne Y-Chromosom, es gibt Frauen mit männlichen Genitalien umgekehrt. Es gibt zwar keinen absoluten und unumstösslichen Beweis, aber die Summe aller neurologischen, endokrinologischen und genetischen Forschungen sprechen eine klare Sprache, damit würde man jeden Indizienprozess gewinnen – Transsexualität hat biologische Ursachen und keine psychologische Entwicklungsstörung. Auf der anderen Seite ist nicht eine einzige psychologische Hypothese, die nicht längst widerlegt worden wäre. Wir haben hirnorganische Befunde, die zeigen, dass es sehr wohl Menschen gibt, die trotz XY-Chromosom und männlichem Äusseren eine weibliche Hirnanatomie haben, wir haben genug Forschungen, die zeigen, dass transsexuelle Menschen nach erfolgter Genitalangleichung keine ansonsten zu erwartenden Phantomgefühle haben u.s.w. Die Psychiatrie-Sekte interessiert das alles nicht, DAS ist eine psychische Störung. Wer die Realität nicht wahrnimmt, leidet unter einer Psychose……… und diese Leute glauben, sie könnten darüber urteilen, wer psychisch krank ist und wer nicht?

Und die Krankenkasse?

Um die Frage vorwegzunehmen, nein das hat nichts mit der Kassenpflicht zu tun. Die Kassen müssen dann bezahlen, wenn ein “Krankheitswert” besteht, der misst sich am Leiden der Person. Solange wir im ICD der WHO aufgeführt sind, stellt sich diese Frage nicht. Es wird kaum jemand daran zweifeln, dass eine Frau kaputt geht, wenn sie in einem männlichen Körper ein männliches Leben führen muss. Im DSM haben wir jedoch nichts zu suchen. Die Kasse bezahlt auch für die Behandlung von Grippe, zahlt bei Schwangerschaften u.s.w., da braucht’s keine Psychiatriediagnose. Soviel nur mal kurz, weil ich weiss, dass dieser “aber wir brauchen doch eine Diagnose für die Kasse” Reflex bei diesem Thema kommt.

Abschied vom Ausstieg

Aus den genannten Gründen ist das Ganze in meinen Augen eine sehr traurige Entwicklung. Die Hoffnung, dass wir aus dem Teufelskreis der Psychopathologisierung aussteigen, hat sich mindestens fürs nächste Jahrzehnt ausgeträumt. Wie sich die Welt bis dahin entwickelt, wissen nur die Götter – und die Hüter des DSM-Grals werden sich in der Zwischenzeit die grösste Mühe geben, dass sie uns nicht aus ihren Fängen lassen müssen. Was dann in zehn oder zwanzig Jahren kommt, wissen einmal mehr nur die Götter. Vielleicht erlebe ich ja doch irgendwann das Ende der Psychopathologisierung von transsexuellen Menschen – vielleicht erlebe ich aber auch eines Tages, wie es sich anfühlt, wenn man versucht meine “Dysphorie” mit lustigen Elektroschocks zu “heilen”. Wie dem auch sei, wir bleiben dran und kämpfen weiter, weil es um nicht weniger geht als um uns selbst, um unser Selbst, um das Recht, als der Mensch akzeptiert zu sein, der wir sind.

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