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Abenteuer-Urlaub in der Notaufnahme

Viele glauben, man bräuchte unheimlich viel Geld um so richtig spannende Abenteuer-Ferien zu erleben, Safari in Kenya oder Tauchgang auf den Malediven – alles Quatsch, wer Abenteuer-Urlaub möchte, kann das auch im trauten Heim erleben – zumindest, wenn man so tolpatschig ist wie ich, denn ich begann meine diesjährigen Sommerferien mit einem spannenden Gang in die Notaufnahme, inklusive Rambo-mässigem Nähen von ausgefranselten Hautfetzen und so.

Eine verschwitzte Tagesreise zum Konsulat

Es begann eigentlich ganz harmlos, wir fuhren mit dem Zug in Allerherrgottsfrühe bei unerträglicher Scheisshitze in die Bundeshauptstadt Bern, um dort im deutschen Konsulat den neuen Pass samt Namensänderung für Juliet zu beantragen. Remember, vor bald einem Jahr haben wir geheiratet resp. geeingetragenepartnerschaftert, Anfang Jahr beantragten wir dann die Namensänderung für Juliet, weil sie meinen Namen annehmen will, erfuhren dann, dass wir das zwar per sofort können, aber als Erstes eben einen neuen deutschen Pass bräuchten. Der Zürcher Honorarkonsul der dafür zuständig wäre, fühlte sich nicht zuständig, weil nebst dem Passantrag auch eine Namenserklärung notwendig war und das irgendwie zuviel des Guten war, also mussten wir bei der deutschen Botschaft einen Termin abmachen und den bekamen wir dann – mit Termin auf ein halbes Jahr später.

Die ganze Abwicklung dauerte höchstens eine Viertelstunde und nun werden wir nochmal so um ein Vierteljahr warten, bis wir aus Deutschland den Pass kriegen. Muss man nicht verstehen, ist halt Behördenirrsinn wie man ihn hie und da erlebt. Jedenfalls fuhren wir eben dahin, erledigen alles, fuhren wieder schwitzenderweise zurück, was natürlich mit einem eiskalten Bierchen belohnt werden musste. Mitte Nachmittag waren wir dann wieder zuhause und so erledigt, dass wir uns schon vor dem Nachtessen auf dem Sofa in den Schlaf wiegen liessen und da lagen wir nun und lagen und lagen und irgendwann war Mitternacht. Bis dahin hatten wir ausser einer Wurst unterwegs noch nichts gegessen und ausser Kaffee und ein wenig Bier noch nichts getrunken – dafür aber literweise geschwitzt. Dass daraus eine sogenannte Dehydration folgen kann, war mir nur theoretisch klar und dass Kaffee und Bier nicht zum täglichen Trinkbedarf mitgerechnet werden darf, war mir auch fremd.

… und platsch

Als wir so um Halbeins aufwachten, spürte ich, dass es mir irgendwie nicht gut ging und ich hatte so eine Art Stalldrang – ab ins Bett solange ich das noch schaffe, war mein letzter Gedanke……… ich stand auf, ging Richtung Wohnzimmertür….. da gingen in meinem Kopf von einer Sekunde zur Anderen die Lichter aus und als ich die Augen wenige Sekunden später wieder öffnete, hatte ich den Boden vor meinem Gesicht. Wie in aller Welt komme ich da auf den Boden, war mein erster Gedanke – warum ist meine Stirn patschnass, war der Zweite – ich fasste an die Stirn, hielt die Hand vor meine Augen und stellte fest, dass sie voll Blut war. Unterdessen war Juliet bereits bei mir, bemerkte aufgeregt, ich würde fürchterlich aussehen und holte mir ein nasses Tuch.

Nachdem ich dieses eine Weile auf die Stirn gedrückt hatte, verlangte ich nach einem Spiegel, um zu sehen, wie schlimm es mich erwischt hat. Sie schaute mich mit zerknitterten Gesicht an und meinte: “Das willst Du nicht sehen, wart mal noch ne Weile”. Aber warten wollte ich nicht, denn wenn es wirklich schlimm war, brauchten wir einen Arzt, also bestand ich auf den Spiegel. Sie holte ihn, aber im Halbdunkel sah ich nicht richtig was da oben auf dem Schlachtfeld genau los war, nur viel Blut war da zu sehen. Also verlangte ich zusätzlich nach einer Taschenlampe. Mit dieser beleuchtete sie mir dann die Stirn, während ich mit einer Hand den Spiegel vor das Gesicht hielt und mit der anderen Hand die über die ganze Stirn verlaufende Wunde mit zwei Fingern oben und unten festhielt, etwas zog………. und mit wenig Begeisterung feststellte, dass ich die Wunde aufklappen kann. Dann kam von mir ein trockenes “Ooops, Schatzi, geh auf Google und gib ein: “Notarzt Zürich” und bestell den Onkel hierher.

Nach der ersten Verwirrung war dann auch klar, was geschehen ist. Mir ist der Kreislauf abgesackt und im Gegensatz zu früheren Kreislaufkrisen wurde mir nicht einfach schwindlig, so dass ich mich schlauerweise an Ort und Stelle gesetzt hätte sondern diesmal war es zum ersten Mal so, dass mir von einem Moment zum Anderen die Lichter ausgingen, ich fiel sozusagen im Stehen in eine kurze Ohnmacht. Und Murphys Naturgesetz folgend hatte ich natürlich das Glück, dass ich mit der Stirn genau auf die Metall-Leiste des Türrahmens krachte und diese schmale Metall-Leiste wie eine Schwertklinge die ganze Stirn schön quer durch aufschlitzte.

Der gitarre-spielende Notarzt

Da der Notarzt noch ein paar andere Fälle auf der Warteliste hatte, dauerte es bis etwa zwei Uhr, bis er bei uns eintrudelte. Ich hatte mich mittlerweile aufs Sofa geschleppt und hielt mir weiterhin den nassen Lappen auf die Stirn, damit es erstens kühlte, zweitens die Wunde etwas auswusch und drittens die Wunde nicht verschliessen konnte. Ansonsten ging’s mir eigentlich überraschend gut, ich hatte abgesehen von der oberflächlichen Verletzung keine Kopfschmerzen und keine Übelkeit, nur etwas mulmig war mir und etwas schlapp fühlte ich mich. Der Arzt kam rein, sein Blick fiel auf unsere Gitarren und sein erster erfreuter Kommentar war: “Oh, eine Stratocaster, Ihr spielt also auch Gitarre?”.

Aber anstelle eines gemütlichen Gitarren-Talks mussten wir uns halt doch um meine Birne kümmern und beim Betrachten derselben bekam er einen ähnlich zerknittern Gesichtsausdruck wie Juliet. Das sieht nicht schön aus, das muss genäht werden. Nun, dass es nicht schön aussieht, hab ich ja vermutet, Narben stehen uns Mädels gerade im Gesicht ja nur in seltensten Fällen und dass man das nähen muss, war zu erwarten. Er könne das an sich gleich hier selber nähen, er hätte Nähzeug dabei, aber bei Wunden im Gesicht würde er dringend empfehlen, das im Spital zu machen, weil die feineres Werkzeug hätten.

Der Blutdruck einer Mumie

Er würde jetzt den Krankenwagen rufen, verkündete er zu meinem Erstaunen. Aber bockig wie ich nunmal bin in so Sachen, war mir das schon etwas zu extrem. Wegen einer ollen Platzwunde gleich die Kavallerie zu holen schien mir doch a bisserl übertrieben. Ich würde mit dem Taxi dahin, meinte ich, worauf er wiederum sagte, dann wolle er aber doch vorher noch den Blutdruck messen – tat dies und erklärte dann mit staunendem Gesichtsausdruck, ich hätte einen Blutdruck von 70/40 und in so einem Zustand sei ich unmöglich reisefähig. Aber wir könnten ja mal was probieren. Da ich vermutlich dehydriert war, hängte er mich kurz an den Tropf, pumpte einen Beutel voll Wasser in mich rein, mass erneut und schwups war ich wieder über 100 mit dem Blutdruck. Damit war er zufrieden und erlaubte, doch mit dem Taxi zu gehen, meldete uns an und zog vondannen.

Basteln in der Notaufnahme

Der Taxi-Chauffeur guckte zwar etwas verwirrt, als ich mich um halb Drei mit blutverschmiertem Kopf und schickem Nachthemd angezogen in sein Taxi setzte, fuhr uns in die Notaufnahme des örtlichen Spitals und wir enterten die Notaufnahme. Wie überall in diesem Land gab’s zuerst eine Litanei von Formularen auszufüllen, das ist schliesslich wichtiger als das Versorgen von Wunden. Dann ging’s ab in ein Zimmer und dort kam dann irgendwann das medizinische Personal.

Damit der Abenteuerurlaub auch so richtig doll wird, verängstigten sie uns als Erstes gleich mal mit der Information, dass die Wunde bis zu 4mm tief war und ich möglicherweise etwas gebrochen hätte, vielleicht ein Schädelbasisbruch oder eine Hirnverletzung oder sowas. Die wussten ja nicht, dass ich immer so bekloppt bin ;-) Ne Spass beiseite, sie überprüften dann Zoll um Zoll meines Kopfes indem sie überall herumdrückten, aber da war offenbar nix kaputt, auch wenn’s noch so kaputt aussah. Dann ging’s los mit der Versorgung.

Zuerst gab’s ne Spritze, die sich anfühlte als wäre da Kobragift drin, dafür spürte ich dann von der Näherei nichts – fast nichts, denn eine kleine Verletzung auf dem Nasenrücken übersahen sie zuerst weil alles voll Blut war und als er dann merkte, dass er da noch was nähen müsse, bekam ich die Wahl, ob ich diesen einen Faden ohne Spritze möchte oder nochmal so eine Kobragiftspritze – ich wählte dann Ersteres, einerseits, weil die Spritze mehr weh tut als so ein Fadeneinzug und zweitens, weil ich auch so cool sein wollte wie Rambo, der sich im Film ja wie wir alle wissen die Wunden selber und ohne Betäubung nähte. Ihr könnt mich also jetzt definitiv Kriegerin nennen, was Rambo kann, kann ich noch lange ;-)

Während diesem ganzen Prozedere musste ich mir ständig das Lachen verkneifen, weil mir immer wieder derselbe Blödsinn durch den Kopf ging: “Ich fühl mich wie ein kaputter Teddybär, der beim Teddybärendoktor neue Augen kriegt”. Echt, es fühlte sich so schräg an, zu spüren, wie beim Einfädeln die Haut spannt, ohne dass man die Stiche selber fühlt – so muss sich ein Teddy fühlen – und irgendwie hat’s was surreales, sich wie ein Plüschtierchen zu fühlen, aber in Sachen Surrealität habe ich schon Verrückteres erlebt.

Jedenfalls wurden wir dann um Halbfünf entlassen, mit der Auflage, dass ich 24 Stunden unter Beobachtung sein muss und im Falle von Schmerzen oder Übelkeit oder Wesensveränderung sofort zurück ins Spital müsse. Das mit der Wesensänderung war für Juliet ja leicht zu überprüfen, sollte ich mich plötzlich nicht mehr bekloppt benehmen, dann war was im Kopf kaputt ;-)

Eine Woche meditieren oder was?

Ulkig war ja, dass die Leute im Spital sagten, ich dürfe nun eine Woche lang nicht an die Sonne, mich nicht anstrengen und müsse audiovisuelle Reize vermeiden. Joh iss klaaaaaaaar – wir haben Montag, der erste Tag meiner Sommerferien und ich soll nicht raus und drin darf ich weder TV, Computer noch Musik – also eigentlich gar nix was Spass macht – so stellt man sich Ferien ja vor, gelle. Artig wie ich bin, blieb ich die ersten Tage tatsächlich zuhause, aber das weniger aufgrund meiner Vernunft als mehr, weil ich mich ein paar Tage lang recht teigig fühlte. Aber rumliegen und nix tun geht ja nun wirklich nicht, erst Recht nicht während der Ferien, also ignorierte ich etwas weniger artig den Rest der klugen Ratschläge und verbrachte ein paar Tage mit TV gucken, Musik hören, mit Schatzi brabbeln und sinnlosem Herumliegen. Hat auch gut getan, Ferien dienen ja primär der Entspannung und davon hatte ich jetzt definitiv genug abgekriegt, trotz anfänglichem Abenteuerurlaub.

Aber am Donnerstag hatten wir ja unsere Flüge um für eine Woche zu Juliets Mama nach Hamburg zu fliegen, was wir natürlich auch machten, auch wenn ich mit meiner Stirnwunde und den 8 vergnügt aus der Haut herausguckenden Fäden alles andere als schick aussah – nicht zuletzt, weil ich nicht mal Makeup draufklatschen durfte. Aber nach so Rambo-mässigen Erlebnissen ist man hart wie Stahl und so schafften wir auch das und lagen dann halt ein paar Tage auf Mamas Sofa rum. Am Montag musste ich die Fäden dann wieder ziehen lassen, was wir bei einem dort ansässigen Hausarzt erledigen konnten – und damit war die Geschichte sozusagen vorbei, bis auf die Tatsache, dass ich wohl noch längere Zeit wenn nicht sogar ewig eine Narbe auf der Stirn tragen werde. Naja, mir als Wikingerin steht das ja irgendwie auch gut ;-)

Eine Hamburger Woche ohne viel Abenteuer

Aufgrund der Umstände wurde diese Hamburg-Woche dann halt etwas ruhiger als geplant, nur einmal waren wir einen Tag lang unterwegs um Juliets Freundin zu besuchen und einmal waren wir am Abend aus um in einem unglaublich schönen Park (Planten und Blumen) nebst dem Park noch eine total coole Wasser-Show zu erleben. Ansonsten war eben Rumliegen angesagt und darin sind wir ja geübt. Am darauf folgenden Donnerstag ging’s dann zurück nachhause, diesmal ohne drollige Fäden die aus der Stirn rausguckten. Und am Samstag vor Ferienende waren wir dann noch bei meinen Eltern zum Essen eingeladen und konnten nochmal einen richtig lustigen Tag einlegen.

Aber entgegen meiner oben im Blog gemachten Behauptung muss ich nun doch eingestehen, dass so ein Billig-Abenteuerurlaub zwar abenteuerlich ist, aber zwei Wochen Safari auf Kenya letztendlich glaub doch etwas cooler ausgefallen wären. Immerhin etwas Gutes hatte das Ganze, ich bin jetzt wieder um zwei Erkenntnisse schlauer: 1. ich muss mehr trinken, vorallem an heissen Tagen – und 2. wenn ich mich wieder mal nicht gut fühle, dann ist es besser, an Ort zu bleiben und abzuwarten als dem Fluchtinstinkt nachzugeben und zu versuchen, so schnell wie möglich ins Bett zu kommen……… und die Narbe auf meiner Stirn wird mich sicher noch ne Weile daran erinnern ;-)

Wenn das kein Glück ist

Und wie so oft in letzter Zeit musste ich auch in dieser Episode öfters mal an meines Paten Buch denken, das ich offenbar schon sehr verinnerlicht habe. Meine Güte, was habe ich für ein Glück, ging mir immer wieder durch den Kopf. Klar ist es blöd, die Ferien mit solchem Quatsch zu füllen, aber wenn man bedenkt, was alles hätte passieren können, ich hätte mir den Schädel spalten können bei so einem Sturz, ich hätte ein Auge verlieren können, die ganze Front der Zähne mit einem Schlag rausbrechen, das Genick brechen, es gibt tausend Dinge die bei so einem Sturz passieren können bis hin zu einer tödlichen Hirnblutung. Und was ist mir passiert? Nichts ausser einer Narbe die man einfach so wieder zunähen kann, also nichts, was anderen Teddybären nicht auch irgendwann mal passiert. Ich hatte wirklich unglaubliches Glück!

PS: zuguterletzt sei noch ausdrücklich betont, dass ich in der Regel keine so spriessenden Augenbrauen habe, aber das Zupfen derselben war schon länger überfällig und ich wollte mir das für den Ferienbeginn aufsparen – woraus aber aus gegebenem Anlass halt nix mehr wurde – und ebenfalls erwähnen sollte ich, dass ich unterdessen zumindest mit Makeup nicht mehr so geschunden aussehe wie auf dem ersten Bild – für eine Teilnahme an den diesjährigen Miss World Wahlen dürfte es aber noch nicht reichen ;-)

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