Politically incorrect since 1966

Wahres Glück ist unglaublich still

Während ich die letzten Tage wieder an der Bearbeitung der Druckvorlage für das letztjährige Blogtagebuch war, begann etwas von Seite zu Seite mehr in mir zu schwingen, so ein unbeschreibliches Gefühl von Dankbarkeit, Zufriedenheit und Glück. Irgendwie ist es schon erstaunlich, wenn man unglücklich ist, ist einem das ständig bewusst, es verfolgt einem wie der eigene Schatten und lässt sich nicht abschütteln. Doch wenn man glücklich ist, zumindest diese Art von Glücklichsein von der ich grad rede, merkt man das meist nicht – und genau darin liegt das grosse Glück. Wahres Glück ist ein stilles Wasser, so still, dass man es kaum hört – und erst wann man bewusst nach Geräuschen sucht, wird einem klar, dass da gar keine sind, erst dann wird die Ruhe so richtig spürbar.

Das mit der Stille ist generell so eine Sache, wenn es still ist, denkt man selten: Oh ist das still hier. Erst wenn es lärmig wird, realisiert man, wie still es war, bevor es wieder laut wurde. So geht es mir wenn ich mich mit alten Blogtexten von mir beschäftige. Ich sitze da, überfliege Texte, Erinnerungen und Gefühle tauchen auf und der Lärm geht los. Das Durchforsten alter Blogtexte wühlt immer auf und holt längst vergessene Momente und längst nicht mehr verspürte Gefühle aus einer Vergangenheit, die mir aus heutiger Sicht unglaublich fremd erscheinen. Kann es wirklich sein, dass es mir einst so schlecht ging? Kann es sein, dass ich durch soviel Elend watete? Und wie genau geschah es, dass ich aus diesem Morast emporkroch und nun hier im Himmel liege und vergnügt vor mich hinträllere?

In so Momenten, wenn ich so alte Blogtexte lese, tauche ich ob ich will oder nicht wieder in diese Zeit ein und ich spüre wieder, wenn auch nur in einer irgendwie projezierten Form, was ich damals fühlte, welche Ängste mich durchdrangen, welche Verzweiflung mich erschütterte, welche Hoffnungslosigkeit mich erfüllte und welch renitenter Überlebenswille mich trotzig alles durchstehen liess, was man niemandem zumuten möchte. Und all das fühlt sich einerseits vertraut an, weil es meine eigene Vergangenheit ist und anderseits fühlt es sich so fremd an als würde ich einen Horrorthriller von Stephen King lesen. Man erlebt das Grauen mit, spürt es in jeder Pore und weiss doch stets, dass es nur Fiktion ist. Doch nicht in diesem Fall, meine Vergangenheit ist keine Fiktion, auch wenn es sich nur zu oft so anfühlt, ich habe das wirklich alles durchlebt – und überlebt.

All das macht mich immer wieder von Neuem fassungslos, ich sehe und fühle all das was war und so vertraut es doch ist, so fremd ist es auch. Heute führe ich ein stinknormales und schon fast langweiliges Leben, ich habe einen coolen Job, habe tolle Freunde, bin in einer wundervollen Beziehung mit dem süssesten Mädel der Welt, die ab August sogar endlich bei mir wohnt, all der Scheiss mit GaOp und Personenstandsänderung ist vorbei, die unerträgliche Diskrepanz zwischen Innen und Aussen hat sich aufgelöst – all das steht in so krassem Kontrast zu dem was war, dass ich das im Kopf kaum auf die Reihe krieg.

Klar habe ich weiterhin meine Probleme, ich ärgere mich regelmässig über Trans/Medien Scheiss, ärgere mich politische Hirnwäsche und ein Volk das sich seiner Manipuliertheit nicht annähernd bewusst ist, finanziell stehen recht wacklige Zeiten vor uns weil der Umzug und all der Kram recht an die Substanz geht und wir nicht viel Reserven haben, das und tausend kleine Dinge und Problemchen begleiten mich im Alltag. Aber all das fühlt sich sowas von unbedeutend an und es gehört halt einfach zum Leben – jeder hat solche Alltagssorgen und Widrigkeiten im Leben, aber ich habe etwas was nur Wenige haben: Egal was grad nicht gut läuft, ein kurzer Blick zurück reicht um mich mit einer ungeheuren Zufriedenheit zu erfüllen. Ich weiss aus Erfahrung, dass das Leben unsäglich grausam sein kann und ich weiss, dass man Dinge durchleben kann, die einem die Seele in tausend Stücke zerfetzen. Diese Erfahrung und die Erinnerung an all das was war schenkt mir eine Dankbarkeit und Zufriedenheit, die wohl eher selten ist.

Wie lange habe ich mein Leben nicht wirklich gelebt, wie oft war ich unsäglich traurig und verzweifelt, wie oft habe ich mir den Tod gewünscht und ihn doch nie erhalten, durch wieviel Irrsinn musste ich waten bis ich im hier und jetzt ankam – unglaublich viel war da, unvorstellbar viel.

Und heute stehe ich am morgen auf, geh ins Badezimmer und mach mich vor dem Spiegel bereit, ohne dass mir ein Drama meinerselbst entgegenglotzt, ohne dass ich bedaure dass schon wieder ein neuer Tag begonnen hat, ohne dieses allumfassende Gefühl totaler Sinnlosigkeit meines Lebens – ich bin einfach ein fast normales Menschlein, das das Leben lebt, zur Arbeit geht und mega viel Spass dabei hat, bald täglich mit der Liebsten rumkuschelt, genug Freiraum im Kopf hat um auch mal wochenlang Diablo-3 zu spielen weil mir grad danach ist…………

Mann, ist das Leben schön, echt. Und so wirklich schön ist es gerade deshalb, weil es so wenig braucht um es schön zu machen. Ich brauche kein Geld, kein Auto, keinen Ruhm, ich brauche eigentlich nichts ausser mir selbst, der Möglichkeit mich selbst anzunehmen und zu lieben und die Frau meines Lebens zu haben, die mich liebt so wie ich bin und die mir tagtäglich zu spüren gibt, dass ich nie allein bin und wirklich geliebt werde.

Ihr fragt Euch nun vielleicht, was dieses ganze Herumgesülze soll……… ehrlich gesagt, ich weiss es auch nicht, mir ist nur einfach grad danach, weil mir mein eigenes Blog mal wieder vor Augen gehalten hat, wie brutal das Leben sein könnte und wie schön es doch ist, jetzt, da es eben nicht mehr ist, wie es einst war.

All das bestätigt mich darin, dass ich Recht habe mit meinem Lieblingsslogan der schon so oft im Blog zu lesen war: “Nichts ist unmöglich, denen, die das Unmögliche wagen”. Ja in der Tat, nichts ist unmöglich, man muss nur mutig und frech und kreativ und unorthodox genug sein und darf sich nicht gefangen nehmen lassen durch Vorstellungen und Einredungen, die einem glauben machen wollen, es gäbe das Unmögliche. Denn wenn man etwas wirklich will und kreativ genug ist um es umzusetzen und hartnäckig genug ist um dieses Ziel zu verfolgen, dann geht es auch – und es führt ans Ziel – und es führt einfach in den Himmel………….. oder wenigstens den Kühlschrank hinunter ;-)

Im Abgrund zwischen Gut und Böse

Manchmal frag ich mich ja schon, was für ein Volldepp die Regie meines Lebens führt, nicht mal ich hab so einen bekloppten Humor und das will was heissen. Ums vorwegzunehmen, ich will mich nicht wirklich beklagen, mir ging’s noch nie so gut wie in diesen letzten Jahren – und doch wirkt mein Leben manchmal auf mich als hätte der Regisseur diese seltsame Art von morbidem Humor, die das Gute nie wirklich gut sein lassen will und selbst die beste Suppe zu versalzen versucht.

Beziehungs-Jubiläum allein feiern?

Ausgelöst wurden diese mich grad beschäftigenden Gefühle durch unseren Jubiläumstag. Heute ist es zwei Jahre her, dass Juliet und ich uns das Ja-Wort gegeben haben, seit diesem Tag sind wir ein Paar – das Duo Infernale :-) Einst war sie einfach eine Blogleserin, dann Blogkommentatorin, dann wurde sie Kollegin, dann Freundin, dann beste Freundin, dann kam sie mal zu nem Kaffee in die Schweiz und irgendwann wurden wir zum verrücktesten Paar dieser Welt.

Ich erinnere mich an Zeiten, als ich nicht mehr daran glaubte, dass mich jemand lieben könnte und dann sowas, da lerne ich endlich eine Frau kennen, die nicht nur so verschmust ist wie ich sondern auch noch so einen schrägen Humor hat wie ich, eine Frau, mit der ich alles teilen kann, die einfach alles abdeckt, die mir alles geben kann was ich zum Glücklichsein brauche……….. und dann wohnt die in Hamburg, was soll denn der Scheiss?

Aber trotz dieser unmenschlichen Distanz wurden die Gefühle immer mehr, das Zusammengehörigkeitsgefühl nimmt immer mehr zu und so sehnen wir uns nur noch nach einer Zukunft, in der wir einander mehr sehen werden. Mit all dem haben wir gelernt umzugehen, nicht zuletzt, weil wir ja wissen, dass unsere gemeinsame Zeit in Zukunft zunehmen wird, auf die eine oder andere Art. Aber an einem Tag wie heute ist selbst dieses Wunderschöne irgendwie traurig. Zwei Jahre sind wir zusammen, mir wäre so danach, Juliet wund zu kuscheln. Aber ich lieg hier allein im Dunkeln meiner Wohnung, hör traurige Musik und bin betrübt, weil ich diesen grossartigen Tag nicht bei ihr sein kann.

11. Gebot: Du darfst nicht glücklich sein

Gestern in der Badewanne hatte ich mal wieder so einen Moment, in dem ich hätte heulen können vor lauter Glück. Es gibt immer wieder Momente in denen ich es kaum fassen kann, um wieviel glücklicher ich nun sein darf im Vergleich zu diesen vier Jahrzehnten vorher. Ich bin sowas von im Reinen mit mir selbst, ich fühle mich so uneingeschränkt als mich-selbst, kann mich so frei entfalten wie ich es mir nie erträumt hätte, da stimmt einfach alles. Ich könnte wirklich definitiv sagen, dass ich es geschafft habe und einfach nur noch blödsinnig glücklich bin – wäre da nicht die Welt und der ganze verdammte Scheiss, der da noch aussendran klebt und einem immer und immer wieder die Lebensfreude zu stehlen versucht.

Da ist diese nicht enden wollende Faktenresistenz einer Medizinwelt, die trotz wissenschaftlichem Beweis um die biologischen Ursachen von Transsexualität aus (transsexuellen) Frauen weiterhin “gestörte Männer” bastelt, da ist dieser unerträgliche und scheinbar nie endende Dauerdurchfall der Boulevardmedien, die Menschen wie mich, die nie jemandem etwas zuleide tun und nur einfach leben wollen, immer und immer wieder zum Gespött machen. Da ist dieses Gesellschaftskollektiv, das infolge dieser menschenunwürdigen Psychopathologisierung und dieser das Wort “Anstand” spottenden medialen Verseuchung bestenfalls ein müdes Lächeln übrig hat für diese Gestörterklärten – und in all diesem Wirrwarr von Realitätsverleugnung und Respektlosigkeit sitz ich mittendrin, guck ratlos in die Runde und zermartere mir das Hirn an der Frage, warum all diese Pappnasen um mich rum nicht einfach akzeptieren können, dass ich jetzt nichts mehr anderes bin als eine glückliche Frau.

All das hinterlässt in mir das Gefühl, gefangen zu sein in einer Welt, die mir mein Leben “umsverreckä” nicht gönnen mag. Klar ist der moderne Mensch liberal und tolerant, aber meine Fähigkeit, hinter die Fassaden zu schauen, entlarvt diese Toleranz des dritten Jahrtausends öfters als mir lieb ist als Lippenbekenntnis und das tut immer mal wieder weh, mal mehr, mal weniger, aber auf jeden Fall ist und bleibt immer mindestens etwas zuviel Salz in der Suppe und selbst das Beste verbleibt einem nie so gut, wie es eigentlich wäre.

Geteiltes Leid ist zusätzliches Leid

Verschärfend kommt hinzu, dass ich an tausend Ecken zusätzlich belastet werde. Einerseits kontaktieren mich immer wieder andere Transsexualitätsbetroffene und klagen mir ihr Leid und suchen Rat und ich würde so gerne allen helfen, aber das übersteigt einfach meine Kapazität. Und so schön es auch ist, immer mal wieder jemandem ein wenig zu helfen, so macht es doch auch immer wieder traurig, zu erleben, wieviele Menschen an dieser schwarz-weiss-denkenden Welt kaputt gehen und wieviel Leid unter den Menschen ist, das gar nicht nötig wäre, wenn die Einen die Anderen ganz einfach leben liessen als das was sie sind.

Anderseits stolpere ich ständig über Presseberichte, die mir das Herz aufreissen, sei es wenn wie hier berichtet ein 11-jähriges transsexuelles Mädchen in der Klapse umprogrammiert werden soll oder wenn ein 14-jähriger Junge sich das Leben nimmt, weil er wegen seiner Homosexualität gemobbt wird. Es gibt Leid, das unumgänglich ist, aber es gibt noch viel mehr Leid, das völlig unnötig wäre, das nur deshalb existiert, weil so manche Zeitgenossen einfach null Einfühlungsvermögen haben oder ganz einfach Soziopathen sind.

Die Renitenz der Kriegerin

Auch wenn sich vieles in meinem Leben zum Guten verändert hat und meine Lebensqualität sich vervielfacht hat, auch wenn ich heute im Gegensatz zu früher jeden Morgen aufstehe und mich auf den kommenden Tag freue, auch wenn ich mit mir im Reinen bin, mich annehmen und sogar lieben kann, ja selbst jetzt, da ich so ganzheitlich geliebt werde von Juliet…….. selbst da kann ich eigentlich nur deshalb überleben, weil ich diese unerhörte Renitenz in mir trage, diese Widerspenstigkeit, die allen Widrigkeiten des Lebens trotzt. Da mag man mir die Suppe noch so versalzen, notfalls verdünne ich sie oder schmeiss soviel Chili rein, bis ich das Salz nicht mehr schmecke, aber ich lasse mir den Genuss meines Lebens nicht mehr nehmen.

Wer zuletzt lacht, muss das Echo seines Gelächters nicht fürchten

Ich kann und darf mir nichts vormachen, dieses Schicksal werde ich genauso wenig los wie meinen eigenen Schatten. Ich habe eine transsexuelle Vergangenheit und werde es kaum je erleben, dass ich von dieser Welt als das wahrgenommen werde, das ich bin, diese Stigmatisierung als “gestörter Mann” wird an mir haften bleiben. Ich werde auch nie meinen Hang zum Hinterfragen loswerden, ich bin zur Philosophin geboren und werde kaum je in der Lage sein, diesen ganzen Irrsinn, der so Manchen entgeht, zu ignorieren. Dieser Schmerz wird nie von mir gehen und diese Verzweiflung wird mich immer wieder überfallen, es wäre törricht mir einzureden, dass damit irgendwann Schluss ist.

Aber ich habe viel zu viel erreicht, habe viel zu tief aus der Nektarschalte des Glücklichseins genascht als dass ich je wieder wirklich bedauern könnte, wer oder was ich bin. Ich bin frei, wie noch nie zuvor – und ich liebe und werde geliebt – deshalb bin ich bereit, alles, wirklich alles zu erdulden. Solange ich mich selbst sein kann (was nur noch der Tod verhindern könnte) und solange ich diese wundervolle Frau an meiner Seite habe (sei sie auch noch so weit entfernt)……….. solange ertrage ich es auch, immer mal wieder Blut und Wasser zu weinen und solange werde ich auch das dämliche Grinsen in der Fratze dieser Gesellschaft erdulden……….. und die Lebensfreude geniessen, wann auch immer ich dazu in der Lage bin.

Und das ist das Schöne an dieser ganzen Sache, ich werde von einer Gewissheit getragen, die wohl nur Wenigen zuteil wird. Was auch immer in Zukunft noch geschehen mag, was auch immer für Schmerz und Leid auf mich wartet, es wird nichts, aber auch überhaupt nichts daran ändern, dass ich am Ende meines Lebens zurückblicken werde und mit dankbarem Lächeln sagen werde: Ja, das war mein Leben, ich habe wirklich geliebt und gelebt………. und ich bin mir bis zum Schluss treu geblieben………… semper fi ;-)

Und jetzt naht das Ende, also beginnt die finale Szene
Mein Freund, ich sage klar, ich lege meinen Fall, dessen ich mir sicher bin, dar
Ich habe ein reiches Leben gelebt, ich habe jede einzelne Straße bereist
Und viel mehr, viel mehr als das, ich hab’s auf meine Weise getan

Bereut habe ich einiges, aber dennoch zu wenig, um es zu erwähnen
Ich tat, was ich tun musste und habe alles ohne Ausnahme erlebt
Ich habe jeden Charterflug geplant, jeden einzelnen Schritt auf meinem Weg
Und viel mehr, viel mehr als das – Ich hab’s auf meine Weise getan

Ja, es gab Zeiten – Ich bin sicher, das wusstest du
Als ich mehr abbiss, als ich kauen konnte
Aber dennoch, auch wenn ich zweifelte, habe ich es zerkaut und ausgespuckt
ich habe mich allem gestellt – Und ich stand aufrecht – Und ich tat es auf meine Weise

Ich habe geliebt, ich habe gelacht und geweint, ich hatte meine Fülle, meinen Anteil am Verlust
Und nun, da Tränen aufsteigen, finde ich alles so amüsant, zu denken,
dass ich all das getan habe – Und, erlauben Sie mir zu sagen, nicht auf schüchterne Weise
Oh, nein, oh, nein, nicht ich – Ich habe es auf meine Weise getan

Denn was ist eine Frau, was hat sie denn schon, außer sich selbst,
sonst hat sie nichts als zu sagen, was sie wirklich fühlt
Und nicht die Worte einer, die kniet
Die Akte zeigt, ich habe Rückschläge hingenommen

……. und ich hab es auf meine Weise getan!

(Frank Sinatry – My Way – Mein Weg)

Jubiläum – ein Jahr nach der GaOp

Irgendwann wird es geschehen, das Wunder hier auf dieser Erde…
und eine Stimme sagt: Es werde ein neuer Tag.
(Illuminate – ein neuer Tag)

Heute vor einem Jahr wachte ich auf im Aufwachraum des Zürcher Universitätsspital, ein selten dümmliches Grinsen überzog mein ganzes Gesicht, die Hand suchte ihren Weg nach unten, das Grinsen wurde noch dämlicher…….. es ist vollbracht, säuselte es mir ins Ohr, verdammt, es ist wirklich geschafft, ich bin ganz.

Keine Worte dieser Welt könnten das Glück beschreiben, das man empfindet, wenn man vierundvierzig Jahre in einem Kerker begraben war, gefangen “im falschen Körper” und dann wacht man auf und dieser ganze lebenslange Albtraum ist vorbei. Es war als letzter Schritt gedacht, als eine Art Vollendung, aber es war soviel mehr als das.

Schon krass, ich hätte es echt beinahe vergessen, eher zufällig kamen Juliet und ich gestern während dem täglich-Blablah auf die GaOp und ich erschrak, weil ich zuerst dachte, ich hätte das Jubiläum verpasst. Dass mich der Termin so überrascht hat, zeigt vorallem eins: wie fern mir dieses für mich so phänomenale Ereignis doch ist, es fühlt sich an als wäre es Jahre her, als gäbe es kaum mehr von der Zeit davor als ein alter Schwarz-Weiss Film. Und das ist unglaublich schön :-)

Ich lag dann gestern nach dem Telefon noch eine Weile auf dem Sofa rum und schwebte über der Vergangenheit, an eben diesem Abend vor der Vollendung, als ich entgegen aller Logik alles andere aus ängstlich oder aufgedreht war, ganz im Gegenteil, mich erfüllte eine sanfte Ruhe, die Gewissheit, in eine gute Zukunft eingebettet zu sein. Gerade wenn ich im Nachhinein zurückdenke, verblüfft mich das enorm. Ich hätte wirklich erwartet, dass ich am Abend vor der Op völlig durch den Wind bin und garantiert Schlafmittel brauche, weil die Aufregung mich nicht schlafen lässt. Es wäre nur vernünftig, dass ich mir Sorgen machen müsste um all die möglichen Komplikationen und vor mir liegenden Beschwerden. Aber da war nichts mehr an diesem Abend, da war nur noch diese Stille, auf Wolken schwebend, voll von Vertrauen, dass morgen alles gut wird.

Und der Morgen kam, ich schlief schon bevor man mich in den Op-Raum karrte und als ich aufwachte war wirklich alles vorbei, vier verfluchte Jahrzehnte in so einem surrealen Film namens Leben, vier unerträgliche Jahrzehnte als Hauptdarstellerin in der männlichen Rolle einer kafkaesken Komödie und dann, platsch, aus und vorbei, das Leben beginnt.

Natürlich folgten in den darauffolgenden Wochen Beschwerden und Schmerzen, aber die waren nichts, überhaupt nichts im Vergleich zu dem Schmerz, den ich ein Leben lang tagtäglich ertragen musste, bei jedem Blick in den Spiegel, bei jedem Mal wenn man mich mit meinem damligen Namen ansprach, bei jeder dieser tausend täglichen Lügen, wenn ich mich als Mann ausgeben musste. Diese lebenslange Selbstverleugnung war um soviel grausamer, dass ich in der ersten Zeit nach der Op die Schmerzen nicht mal richtig wahrnahm, es war einfach ein Klacks im Vergleich zu dem was hinter mir lag.

Heute stehe ich da, in meinem so ganz normalen Leben als die Frau die ich nie sein durfte, obwohl ich sie immer war. Ich stehe hier, denke zurück und kann kaum glauben, dass dieses Leben vor der GaOp mit dem Jetzigen auch nur eine Spur von Verwandtschaft in sich trägt. Alles ist so anders geworden, so gut, da ist soviel Freiheit im Umgang mit mir selbst, soviel Zufriedenheit mit meinem Leben, es wirkt völlig grotesk im Vergleich zu all der Zeit vorher, dass ich kaum glauben kann, dass es wirklich einst ein “früher” gab – es fühlt sich eher an wie ein böser und elend langer Albtraum, der an diesem Tag, heute vor einem Jahr endete.

Es gibt Albträume, die enden wenn man aufwacht, es gibt Albträume, die beginnen erst dann. Meiner begann jeden Morgen mit dem Aufwachen von Neuem, vier Jahrzehnte lang, bis zum Erwachen heute vor einem Jahr, Nachmittags um etwa zwei Uhr – es fällt mir schwer, die Tränen zurückzuhalten, wenn ich an diesen wunderschönen Tag zurückdenke.

Nie hätte ich geglaubt, dass mein Leben jemals so wird wie es jetzt ist, wirklich nie, selbst dann nicht, als ich begann es anzustreben. Mich trieb einzig der Mut einer Verzweifelten an, das Unmögliche wenigstens zu versuchen. Heute vor einem Jahr durfte ich das erleben, was zum Motto meines Lebens wurde, was zum Kern meiner “Predigt” wurde…….

Nichts ist unmöglich, denen, die das Unmögliche wagen :-)

Und zur Feier des Tages kommt nochmal mein Lieblingslied, das seit Beginn meines “neuen Lebens” zu meiner Befreiungs-Hymne geworden ist – danke Euch allen, die mir beigestanden sind und zu mir gehalten haben……

Die Wunden des Gelächters

Das Leben wird nicht einfacher durch die leider beachtliche Anzahl an primitiven Leuten in unserer vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft…….
Umso schöner ist es, dass es dafür aber auch Leute gibt, die für einem einstehen, wenn die Primitiven sich mal wieder ihrer Dümmlichkeit hingeben.

Mit diesem Satz in meinem Facebook-Profil eröffnete ich den heutigen Tag und ahnte noch nicht, dass mich das Ganze noch den ganzen Tag beschäftigen würde. Nicht, dass die Erkenntnis um die Primitivität so mancher Zeitgenossen neu wäre, aber auch wenn es noch so “normal” ist, dass einem kleingeistige Menschen begegnen, gewöhnt man sich doch irgendwie nie so recht daran.

 

Wenn Andere sich an meiner Stigmatisierung stossen

Schaut mich nicht an! Ich bin kein Tier!
Nur ein Menschenkind – für euch ein fremdes Wesen – vielleicht
Mit Augen und Ohren, einem Herz und viel Gefühl
Und immer noch mit einem klaren und auch freien Verstand!
(Lacrimosa – Fassade 1. Satz)

Als ich heute morgen wie jeden Tag um Neun raus ging um mein Mittagessen von meiner Futterlieferantin entgegenzunehmen, war sie sichtlich aufgebracht und erzählte, sie hätte mich grad in Schutz genommen und hätte sich sowas von aufgeregt. Sie macht jeden Morgen zwischen Acht und Neun hier im Quartier rund um meine Firma ihre Runde, hält bei allen Firmen an und die Leute können bei Ihr Brötchen, Getränke bis hin zu kompletten Mittagessen kaufen. Durch ebendieses Quartier stöckle ich ebenfalls täglich und da ich das schon seit Beginn meiner “Transition” tue und damals noch recht eigenwillig aussah, werde ich da von vielen Leuten gesehen, die mich vom Sehen her kennen und eben auch wissen, dass ich mich irgendwie arg verändert habe.

Offenbar bin ich heute an ihr vorbei gelaufen als sie gerade Essen verteilte und die dort Rumstehenden begannen, sich über mich lustig zu machen. Anstatt wie so Manche in den Narrenchor einzutreten, hat sie sich sofort auf meine Seite gestellt und sagte, dass sie mich seit zwei Jahren kenne und ich eine super tolle Frau sei mit einem riesengrossen Herzen – wow, was für ein Kompliment. Im ersten Moment habe ich mich vorallem darüber gefreut und versuchte sie zu beruhigen indem ich ihr sagte, dass es halt auch primitive Leute gäbe und dass man die nicht ernst nehmen soll. Sinngemäss sagte ich zuguterletzt: “Wenn ich so primitive Menschen ernstnehmen würde, wäre mein Leben unerträglich”.

An Grausamkeit gewöhnt man sich nie ganz

Und wenn ihr redet, wessen Geist ist eurer vielen Worte Inhalt?
Wart ihr jemals an dem Abgrund zwischen Herz und dem Verstand?
Könnt ihr sagen: Ich erlerne mich?
Eure schreckliche Einfältigkeit, zu glauben was man euch erzählt:
Natürlichkeit und Selbstbestimmung
Aber bitte nur im Rahmen des Systems dieser Gesellschaft
(Lacrimosa – Fassade 1. Satz)

Da ich Blicke gut einordnen kann, weiss ich längst, dass ich oft Menschen begegne, die nicht das Geringste Problem mit mir haben, die einfach zur Kenntnis nehmen, dass ich bin wie ich bin und damit hat es sich. Genauso gut weiss ich, dass ich auch so Manchen begegne, die mich saumässig lustig finden, bei Einigen steht ihr Spott gar in grossen Lettern in die Augen geschrieben. Daran habe ich mich eigentlich gewöhnt, dass ich immer mal wieder Menschen begegne, die allein in meiner Existenz einen Grund zur Belustigung finden. Ohne es je mit eigenen Ohren zu hören, höre ich doch irgendwie all die blöden Sprüche die geklopft werden, wenn ich da mal wieder vorbeidackle. Die letzten knapp drei Jahre haben mich gelehrt, stark und tapfer zu sein, stärker und mutiger als die Meisten wohl je in der Lage wären. Ich habe gelernt, über der Sache zu stehen, die Bemessung meines Selbstwerts nicht den höhnenden Narren zu überlassen sondern mich selbst einzuschätzen. Und ich habe mir ein Bewusstsein geschaffen über das was ich wahre Grösse nenne.

Wer Andere auslacht, verspottet oder verhöhnt – egal ob er das laut oder leise tut – disqualifiziert sich damit selber, weil sein Lachen einzig Zeugnis abgibt über seine eigene Kleingeistigkeit. Gerade jene, die ihr Selbstbewusstsein erhöhen, indem sie versuchen andere zu erniederigen, sind die Schwächsten – gerade sie hätten niemals die Grösse um so einen Weg zu gehen wie ich ihn gehe. Es ist einfach, ein “normales Leben” zu führen und so zu sein, wie es von einer kollektiven Allgemeinheit erwartet wird. Aber es braucht ungeheuer viel innere Stärke, Mut und Tapferkeit um sich selbst zu sein, wenn man eben nicht der Vorstellung des Mainstreams entspricht – vorallem wenn man zu einer stigmatisierten Menschenart gehört wie transsexuelle Frauen. Mittlerweile gibt es nichts, worauf ich mehr stolz bin als auf die Tatsache, dass ich diesen Weg gegangen bin, dass ich mich allem Spott zum Trotz nicht mehr selber verleugne, dass ich wahrlich Ich bin und dass ich die Schwere des Lebens sogar auf einem Level ertragen kann, der die Meisten in Stücke reissen würde.

Der Spiessrutenlauf zwischen den Guten und den Primitiven

Und doch tut es weh, wenn ich damit konfrontiert werde. Einerseits ganz subjektiv, weil niemand soviel Grösse hat um gegenüber von Spott völlig immun zu sein. Anderseits aber auch, weil es mir vor Augen hält, von was für Dummköpfen ich teilweise umgeben bin und wie grausam und primitiv so Kleingestige sind. Auch wenn mir das egal sein müsste und auch wenn so Leute ja eigentlich nur ihre eigene Beschränktheit demonstrieren, irgendwie macht es trotzdem traurig.

Da ist es ungemein tröstlich, dass es eben auch Andere gibt, solche die hinter die Fassade blicken, die nicht so oberflächlich und empathiebefreit sind. Wenn so kleingeistige Menschen mich verurteilen ohne mich zu kennen, dann mag das zwar weh tun, aber wenn dieses Negative von jemandem so aufgefangen wird, dreht sich schlussendlich doch alles ins Positive. Diese Gackermenschen kennen mich nicht, haben keinen blassen Dunst davon, dass ich stärker bin als sie je sein werden, wie könnten sie ernsthaft über mich urteilen? Diese Frau die mich verteidigt hat, kennt mich jedoch seit 2 Jahren und wenn sie mir attestiert, dass ich eine liebenswerte und bewundernswerte Frau bin (O-Ton), dann ist auch so ein eigentlich trauriges Ereignis mehr Ruhm als Hohn.

Und doch tut es weh – irgendwie – gerade jetzt – aller Unvernunft zum Trotz.

Fragen die den Narren erspart bleiben

So finde ich mich einmal mehr in einem Netz von Fragen, die allein schon hässlich genug wären, deren Beantwortung ausbleibt. Vielleicht ist es gut, dass sie nicht beantwortet werden, die Antworten wären wohl noch um ein Vielfaches grausamer…….

  • Ist es so schwer, ein wenig mitzufühlen und zu erkennen, dass eine transsexuelle Frau ein schmerzliches Leben hinter sich hat und eher Mitgefühl angebracht wäre als Spott?
  • Ist es so schwer, zu begreifen, dass jemand der sich selbst treu ist und allem Geblöke zum Trotz den eigenen Weg geht, eher Respekt verdiente als Hohn?
  • Ist es so schwer, zu akzeptieren, dass ein Mensch – wenn auch in ungewöhnlicher Weise – so doch einfach nur glücklich sein möchte?
  • Wer von Euch blökenden Schafen hätte den Mut, sich selbst unter solchen Umständen treu zu sein, die Tapferkeit ebendieses blökende Gelächter zu ertragen und die innere Stärke, sich die Würde inmitten dieses Spottes zu bewahren – wer von Euch könnte meinen Weg gehen und dabei mir gleich glücklich werden und mit einem Lächeln auf den Lippen durch diese unfreundliche Welt gehen?
  • Und wer von Euch würde nicht innerlich bluten, wenn man verspottet wird nur weil man ist wie man ist, obwohl man sich sein Schicksal nicht ausgesucht hat sondern nur versucht, unter diesen schweren Bedingungen zu überleben?

Und doch tut es weh – irgendwie – gerade jetzt – und und lässt mich einmal mehr ratlos zurück…….

They can verbally abuse me, they can torture me,
they can try to strip me bare of my dignity…
they can even take my life,
but they can never ever snatch who I am at my core…
I will always naturally express who I am on the outside!
(Arianna Davis)

So traurig so Dinge sind, so dankbar bin ich auch, dass diejenigen die mich kennen nicht so ticken und dass so viele zu mir halten. Und auch wenn es wie jetzt grad mal wieder kurz saumässig weh tut, es bestätigt mich nur darin, mir weiter treu zu sein und mich weiterhin Ich sein zu lassen – und mir meine hart erkämpfte Lebenslust weder weglachen noch ausprügeln lasse – express yourself – ich tu’s – und Ihr?

thanks Janis for staying with me in days like that

Mobbing – Homophobie und Transphobie sind tödlich

Heute möchte ich Euch jemanden vorstellen. Das ist Jamey Rodemeyer, ein 14-jähriger amerikanischer Junge. Jamey ist eigentlich ein ganz normaler Junge, er wird von seinem Umfeld sehr geschätzt, ist sensibel, lebensfroh und sozial engagiert.

Nur in einem unterscheidet sich Jamey von anderen Jungs, Jamey ist schwul. Und noch in etwas unterscheidet er sich von Jugendlichen dieses Alters, er ist mutig und tapfer genug um zu seiner Wesensart zu stehen, er steht zu sich obwohl er deswegen gemobbt wird.

Vor einiger Zeit hat Jamey dieses Video veröffentlicht, ein “Alles wird besser” Video, in dem er wie viele andere Schwule, Lesben, Transsexuelle und sonstwie Stigmatisierte sich gegenseitig Mut zusprechen und so die Hoffnung aufrecht erhalten, dass es in dieser Gesellschaft wirklich besser wird, dass Menschen wie Jamey oder ich eines Tages nicht mehr als Stigmatisierte gelten, dass all der Spott und Hohn eines Tages endet.

Ich bitte Euch, dieses Video nun genau anzuschauen, auch wenn Ihr den englischen Text nicht versteht, betrachtet diesen liebenswürdigen Jungen, beobachtet seine schüchterne Körpersprache, erspürt seine Sensibilität………

Das war Jamey Rodemeyer, ein 14-jähriger amerikanischer Junge……. nur in einem unterscheidet sich Jamey von anderen Jungs……. Jamey ist tot, er hat sich letzten Sonntag das Leben genommen.

Jamey reiht sich damit ein in eine Unzahl von homosexuellen Jugendlichen, die dem Druck einer homophoben Gesellschaft nicht mehr standhalten konnten. Seit seinem Outing wurde er in der Schule und von anderen Jugendlichen aufs Heftigste gemobbt, er wurde verhöhnt und verspottet. Kurz vor seinem Tod schrieb er in seinem Blog: “Ich sage immer, wie sehr ich gemobbt werde, aber das interessiert niemanden. Was muss ich tun, damit Leute mir zuhören?” und wenige Tage vorher schrieb er: “Ich wäre so glücklich wenn ich sterben könnte”. Sind das die Worte, die ein 14-Jähriger aussprechen sollte? Wie brutal muss eine Gesellschaft sein, dass ein 14-jähriger Junge solche Empfinden hat, weil man ihn derart ausgrenzt und kaputt macht, bis er sich nicht mehr anders zu helfen weiss als sich das Leben zu nehmen? Aber wundert es einem, dass ein Junge nicht mehr weiter weiss, wenn er beispielsweise über sich liest: “Jamey ist stupid, schwul, fett und hässlich, er muss sterben”?

Das Wort “Homophobie” leitet sich ab von der Vorstellung, dass wir das ablehnen, wovor wir uns fürchten, in der Regel ist es “das Fremde”, in welcher Gestalt auch immer es uns begegnet. Die Angst vor dem Fremden, die Xenophobie, macht Menschen zu Fremdenhassern, Homophobie führt zu Schwulenhass und Transphobie zu Transsexuellenfeindlichkeit. Eine Studie der Columbia University mit 32’000 Elftklässlern zeigt erschreckende Fakten. Homosexuelle resp. lesbische Jugendliche haben eine viermal höhere Selbstmordversuchsrate als der Durchschnitt. Die Studie zeigte auch, dass das Suizidrisiko umso grösser ist, wenn das soziale Umfeld negativ mit der Homosexualität der Betroffenen umgeht. Homosexuelle Menschen, die von ihrem Umfeld nicht gestützt werden, haben ein 20% höheres Suizidrisiko, das sollte uns wirklich zu denken geben.

Ich kenne diese Abgründe der Gesellschaft mehr als mir lieb ist. Als Kind wurde ich oft verspottet, weil ich so feminin war. Man hielt mich ja für einen Jungen und fand das total lustig, dass ich “so weibisch” bin. Und heute, da ich nun endlich meinem wirklichen Geschlecht entsprechend als Frau lebe, muss ich wieder hie und da spöttische Blicke ertragen, vorallem von Kindern und Jugendlichen. Oft habe ich mich gefragt, warum ich nicht schon als Kind mutig genug war um so für mich einzustehen, warum ich vierzig Jahre lang mich selbst verleugnete. An so Tagen wie heute wird mir mal wieder klar warum, ich wäre damals wie Jamey nicht stark genug gewesen um die hässliche Seite der Gesellschaft zu erdulden, ich wäre genau wie er kaputt gegangen an der Grausamkeit dieser Welt.

An Jugendliche:

Wenn Du Dich mal wieder lustig machen möchtest über einen Mitschüler, dann erinnere Dich daran, dass Mobbing tödlich sein kann, halte Dir vor Augen, dass jährlich tausende von Kindern sich das Leben nehmen, weil sie das nicht ertragen können, was Du vielleicht grad im Begriff bist zu tun. Du weisst nicht, was die Zukunft für Dich bereit hält, vielleicht bemerkst Du eines Tages, dass Du homosexuell bist, vielleicht outet sich Dein Vater oder Deine Mutter als Homosexuelle oder Transsexuelle, vielleicht kommt der Tag, an dem man Dir “Schwuchtel” oder “Transentochter” oder “Krüppel” nachruft. Vielleicht kommt der Tag, an dem auch Du zu den Stigmatisierten dieser Gesellschaft gehörst, geh so mit Deinen Mitmenschen um wie Du es Dir erhoffen würdest in so einer Lage.

An Erwachsene:

Wenn Du Dich mal wieder lustig machen möchtest über einen Mitmenschen, nur weil dieser irgendwie anders ist, dann erinnere Dich daran, dass Verachtung und Verspottung tödlich sein können, halte Dir vor Augen, dass tausende von Menschen sich das Leben nehmen, weil sie mit dem Gespött durch Menschen wie Dich nicht mehr klar kommen.

An Eltern:

Wenn Ihr wirklich so erbärmlich seid, dass Ihr es nicht lassen könnt, Euch über Andere lustig zu machen, dann tut das wenigstens nicht in Anwesenheit Eurer Kinder, denn Eure Kinder lernen durch Euch solche Verhaltensweisen und wenn Ihr ihnen so ein Vorbild seid, werden sie eines Tages genauso asoziale Arschlöcher wie Ihr es seid.

An die Jugendlichen die Jamey gemobbt haben:

Redet Euch nicht ein, Jamey hätte sich selbst getötet, Ihr wart das, Ihr habt sein Leben auf dem Gewissen, mit dieser Schuld müsst Ihr nun leben. Und falls Eure Eltern mal wieder betonen, dass Gott angeblich Schwule hasst, dann vergesst nicht, dass Gott vorallem Mörder hasst, Ihr seid solche Mörder – willkommen in der Hölle!

An Mobbing-Opfer:

Und all den Mobbing-Opfern, die immer mal wieder an die Grenzen des Erträglichen anstossen, möchte ich diese alten Blogbeiträge von mir zum Nachdenken mitgeben…… glaubt mir, Ihr seid nicht allein!

Selbstmord – die vorweggenommene Niederlage
Transsexualität und Selbstsicherheit

An Jamey:

Ich kannte Dich nicht und so hörte ich Dich auch nicht, wie gerne wäre ich Dir beigestanden um diesen Widrigkeiten zu trotzen. Aber wenigstens jetzt wirst Du gehört, weit über Deine Landesgrenzen hinaus. Vielleicht bekommt Dein sinnloser Tod wenigstens so ein wenig Sinn. Es ist allseits bekannt, dass viel zu viele Jugendliche sich das Leben nehmen und es dürfte auch vielen bekannt sein, dass die Suizidrate von homosexuellen Jugendlichen vier mal höher ist als bei Anderen. Aber mit so Zahlen erreicht man keine Menschen, die Meisten sind nicht feinfühlig genug um hinter diesen Zahlen all die Schicksale zu erspühren. Durch Dich hat Homophobie und Mobbing ein Gesicht bekommen, möge die Welt wenigstens jetzt etwas daraus lernen, auch wenn es für Dich zu spät ist. Eines kann ich Dir versichern: Du hast mich berührt, mich zu Tränen gerührt……. ich hoffe, dass ich diese Rührung mit diesem Blogbeitrag weiter geben kann, damit Du nie vergessen wirst.

Wirklich tot sind nur die, an die niemand mehr denkt,
wir vergessen Dich nie, Jamey!

Mehr zu diesem traurigen Ereignis:

Queerdenker: Selbstmord eines 14-Jährigen in den USA
Fabio Huwyler: Paws Up!
Technorati: It Didn’t Get Better For Jamey Rodemeyer
John Shore: Christians and the Blood of Jamey Rodemeyer
Buffalo News: Teenager struggled with bullying before taking his life
Facebook Gedenkseite für Jamey Rodemeyer

They can verbally abuse me, they can torture me,
they can try to strip me bare of my dignity…
they can even take my life,
but they can never ever snatch who I am at my core…
I will always naturally express who I am on the outside,
Trans (and Homo) phobic social oppressors be damned!
(Arianna Davis)

UPDATE 23.9.2011: So traurig dieser Vorfall auch ist, es sieht danach aus, als ob die Welt von einer Solidaritätswelle erschüttert wird, infolgedessen das “Paws Up Forever Project” am entstehen ist. Dieses Video ist ein erstes Statement………. in dem Sinne…… PAWS UP *fauch*

UPDATE 26.09.2011: Die Musikerin “Lady Gaga” hat sich ihrem Fan angenommen und unterstützt die “Paws Up for Jamey” Bewegung an vorderster Front, hoffen wir, dass diese Welle nicht mehr aufhört, bis auch der hinterletzte Depp versteht: “Mobben ist was für Verlierer” (O-Ton Lady Gaga). Anlässlich eines Auftritts widmete sie Jamey ein Lied……

MTV: Lady Gaga – Kampf dem Mobbing
MTV: Lady Gaga – Song für Mobbing-Opfer
BlueWin: Lady Gaga gedenkt ihrem toten Fan
Queerdenker: Grossartige Lady Gaga

Und die Erde war wüst und leer und es war finster auf der Tiefe

Am Ende vernichtete der Mensch Himmel und Erde.
Und die Erde war wüst und leer, und es war finster in der Tiefe.
Und der letzte Mensch schrie: ‘Es werde Licht!’ – Aber es blieb dunkel.
So ward aus einem Abend ohne Morgen die letzte Nacht.
(Michael Ende – Der Spiegel im Spiegel)

Die Lust zum Bloggen ist mir momentan ziemlich vergangen, in letzter Zeit gabs da so einiges in meinem Leben, das mich ziemlich erschüttert hat, Dinge über die ich zumindest vorläufig nicht schreiben kann oder will. Und es gab Vieles, das mir durch den Kopf ging, das mein Bedürfnis nach dem, was die Gesellschaft ironisch “Gemeinschaft” nennt, etwas gedämpft hat. Ich versuch jetzt trotzdem mal zusammenzufassen, wie es mir geht und was vor mir liegt.

Ein Leben (fast) in Freiheit

Beginnen wir mit dem Angenehmen. Unterdessen ist mein Leben so richtig schön unspektakulär geworden und das fühlt sich sowas von gut an. Meine Ausweise entsprechen nun mir selbst, meine Bankkonten sind geändert, ich bin einfach nur noch Diana, so wie tausend andere Dianas auch, nur mit einer etwas verrückten Vergangenheit. Vorbei ist das Gefühl, dass ich allein schon mit meiner Namensnennung irgendwie lüge, weil im Ausweis ja etwas Anderes steht, vorbei auch die Zeiten, in denen mein gelebtes Ich im Widerspruch zu irgendwelchen anatomischen Sonderbarkeiten stand. All das bringt so eine Stille mit sich, eine wohlige Ruhe nach einem elend langen und grausam wilden Sturm. Aber so gut es mir selber auch geht, es bleiben doch Widrigkeiten, die auch jetzt noch an die Substanz gehen und immer wieder peitschende Schüsse durch die Stille jagen.

Blog-Selbstzensur

Schon vor einigen Wochen habe ich kurz anklingen lassen, dass mir eine Zeitung ihre Anwälte auf den Hals gehetzt hat, weil ihr Name in einem Stichwortverzeichnis von mir vorkam. Ich habe das Stichwort darauf entfernt, weil ich keine Lust habe auf ein episches Gerichtsdrama, habe aber die geforderte Unterlassungserklärung nicht unterschrieben. Vermutlich kehrt diesbezüglich nun Ruhe ein, sicher kann ich mir aber nicht sein, dass nicht doch noch etwas kommt von der Seite. Schon dieses Erlebnis hat mir vor Augen geführt, dass das Recht auf freie Meinungsäusserung auch hierzulande nur begrenzt gilt. Ein zweites Ereignis, über das ich noch nicht schreiben kann, zeigte dann auch, dass meine Offenheit gegen mich oder mir Nahestehende als Waffe verwendet werden kann. Vorallem dieses zweite Erlebnis hat mich dazu bewogen, kurzfristig mal das alte Tagebuch und das GaOp-Tagebuch vom Netz zu nehmen und auch in diesem Blog meine Fotos zu entfernen. Die Illusion der Freiheit – darüber habe ich ja schonmal geschrieben – ist eben Teil unserer achso toleranten Gesellschaft. Ich werde mir in Ruhe Gedanken darüber machen, wie es mit meiner Bloggerei weitergehen soll und wieviel Offenheit ich noch zu opfern bereit bin, dann werde ich entscheiden, in welchem Umfang meine alten Blogs wieder online gestellt werden.

Das Irrenhaus da draussen

Aber neben dem was ich im eigenen persönlichen Leben erlebe, gibt es noch all den Irrsinn, der täglich aus der grossen weiten Welt in mich hineingegossen wird. Wo ich auch hinsehe, sehe ich eine Brutalisierung und Verluderung dieser Gesellschaft, die mich betrübt und manchmal beängstigt. In einer Zeit, in der Waterboarding als legitmes Mittel zur Wahrheitsfindung betrachtet wird und grundlos wutentbrannte Mitmenschen am Boden liegenden Opfern den Schädel einstampfen, weil ihnen einfach grad danach ist, in der sich so Manche viel zu oft lieber mit möglichen Tätern als mit möglichen Opfern solidarisieren, in der politische Brandstifterei zum politischen Alltag gehört und die Radikalisierung der potentiellen Wählerschaft bereits als normal angenommen wird – in so einer Zeit fällt es schwer, seine Artgenossen zu lieben, wenn man selber nicht diesem kollektiven Beisswahn verfallen ist.

Wenn wir im TV Nachrichten und Berichte sehen und Zeitungsartikel und Kommentare in denselben lesen, dann sehen wir in einen Spiegel, ein Spiegel der uns die Fratze dieser Gesellschaft zeigt, der wir angehören und die wir alle geschaffen haben. Bin ich wirklich die Einzige, die beim Anblick dieses Spiegelbilds das kalte Kotzen bekommt? Ist es wirklich schon so normal geworden, dass wir diesen Krieg gegen uns selbst führen? All das macht mich ratlos, ich möchte die Augen verschliessen vor all dem da draussen und doch schaffe ich es nicht, blind zu bleiben. Einmal mehr stellt sich mir die Frage, wie ich damit umgehen soll.

Sommerferien mit Juliet

Aber so gruselig all das ist, so schön ist das Leben eben auch, zumindest in meiner kleinen persönlichen Welt. Nächsten Freitag landet Juliet hier und wir haben gute zwei Wochen Ferien zusammen, jauh, endlich wieder knuddeln bis alle oberen Hautschichten erneuert sind :-) Im Wesentlichen werden wir wohl wieder rumliegen und uns geniessen, aber ein paar Dinge haben wir anvisiert, unter Anderem ein Pub-Abend am 17. Juni und ein Treffen mit meinem Paps und seiner Frau in der zweiten Woche, auch ein Punk-Konzert steht noch zur Auswahl. Wir werden voraussichtlich zwischendurch in unserem gemeinsamen Blog darüber berichten, sofern es denn etwas zu berichten gibt. Auf jeden Fall werde ich mich in der Zeit gut erholen können und Kräfte sammeln für das was dann folgt, denn an dem Tag, an dem Juliet am Morgen um Neun abfliegt……..

Korrektur-Operation

….. werde ich vom Flughafen aus direkt ans Unispital gehen und dort um Zwölf einrücken für die zweite Korrektur-Op. Die wird im Vergleich zur Ersten eine harmlose Geschichte sein und ich werde nur wenige Tage das Vergnügen haben, wieder von diesen netten Pflegerinnen betüdelt zu werden. Ende Woche kann ich dann schon wieder abrauschen und werde geplanterweise die Woche darauf schon wieder voll arbeiten können. Für mich ist diese zweite Op nicht mehr allzu spektakulär, es wird halt einfach noch fertig gemacht, aber es ist nichts im Vergleich zur Letzten, als sich durch die Op mein Leben radikal änderte. Aber es ist das letzte Kapitel einer langen Reise, der definitive Abschluss meiner Befreiung, insofern freue mich mich trotzdem sehr darauf.

wie auch immer, aber weiter so

Was das Negative anbelangt, so ist das alles ja nicht allzu neu, seit ich begonnen habe über die Welt nachzudenken, seit da traure ich um sie und seit da möchte ich sie wenigstens ein klein wenig verändern. Diese Trauer, manchmal Wut, manchmal Verzweiflung, all das ist nichts Neues, es begleitete mich mein ganzes Leben, das ist scheinbar das Los einer Philosophin. Neu ist hingegen, dass ich mit mir selber zum ersten Mal im Reinen bin und dass ich mich selbst leben kann. Und genau das werde ich auch weiter tun. So schwer es manchmal auch sein kann, mit dieser doch arg durchgedrehten Welt klar zu kommen, so schön ist auch dieses neue Erleben, am Morgen aufzustehen und mich darüber zu freuen, dass ein neuer Tag vor mir liegt.

In dem Sinne – es wird mir noch so Mancher Steine in den Weg legen und Knüppel zwischen die Beine werfen und so Manche Decke wird mir noch auf die Birne knallen – aber all das wird mich nicht davon abhalten, mein nun endlich wahr gewordenes Leben zu leben und in vollen Zügen zu geniessen.

Spätestens Ende Woche werde ich mich hier wohl nochmal melden resp. abmelden für die Ferien, dann wird’s voraussichtlich im DuoInfernale-Blog weiter gehen für zwei Wochen und dann werde ich geplanterweise das GaOp-Blogtagebuch wieder ins Netz stellen und dort weiter schreiben. Nach der Op geht’s dann hier wieder weiter – nehm’ ich mal an – auf jeden Fall: wir lesen uns ;-)

If you want a picture of the future,
imagine a boot stamping on a human face – for ever.
(Georg Orwell – Nineteen Eighty-Four)

Die verbeulte Kugel

Dieser Blogbeitrag stammt aus meinem letzten Tagebuch, aber weil er mir sehr viel bedeutet, möchte ich ihn hier auch vorstellen……….

Sehn Sie mich bitte nicht so an, ich weiss dass ich etwas seltsam aussehe….. nein ich bin kein Würfel, ich bin eine verbeulte Kugel….. ja ich weiss dass ich ähnlich aussehe wie ein sehr seltsamer Würfel, aber das liegt daran dass ich eben kein Würfel bin sondern eine verbeulte Kugel.

Ich weiss das mit Bestimmtheit, ich kam schon als Kugel zur Welt. Schon damals wollte mir das niemand glauben, alle hielten mich für einen unförmigen Würfel. So begannen sie, an mir rumzudrücken, rumzuwürgen, rumzuhämmern, schlugen mir mal links eine, mal rechts eine und so kam es dann, dass aus mir halt mit der Zeit eine ziemlich verbeulte Kugel wurde. Irgendwie schafften sie es in all der Zeit nicht, mich in eine Würfelform zu kriegen. Ist ja auch kein Wunder, ich bin ja eine Kugel. Wie in aller Welt soll aus einer Kugel ein Würfel werden?

Immer und immer wieder habe ich es ihnen gesagt, bin sogar demonstrativ rumgerollt, damit wirklich auch der hinterst und letzte Depp merkt, dass ich eine Kugel bin. Aber nein, jedesmal nur dieses „Ach jetzt rollt dieser Scheisswürfel schon wieder“ und dann sofort n’paar links, n’paar rechts und dann ab in eine Ecke.

Das Leben als unvollkommener Würfel ist echt anstrengend, fast so anstrengend wie das als verbeulte Kugel. Aber was will man machen, hätten sie mir doch nur von Anfang an geglaubt, dass ich eine Kugel bin. Ich wette, aus mir wär eine richtig schöne Kugel geworden, aber eben, im Nachhinein ist man ja oft schlauer…….. oft, ja aber leider nicht immer.

So ich muss jetzt eins weiter, hab noch n’Termin bei meinem Psychiater. Der behandelt mich weil er denkt, ich würde mich für eine Kugel halten. Irgendwie bin ich froh um meinen Psychiater, das Leben ist manchmal wirklich sehr sehr verwirrend.

Wikingerblut – Die Kriegerin in mir

Dieser Blogbeitrag stammt aus meinem letzten Tagebuch, aber weil er einen meiner wichtigsten Wesensanteile beschreibt, möchte ich ihn hier auch vorstellen, passt grad so schön zum letzten Beitrag……….

Seit je her hatte ich einen Hang zu Kriegermetaphorik. Das Leben ist ein Kampf, diese Welt ein Schlachtfeld, das Leben erfordert Stärke, Widerstand, Tapferkeit, Mut………. Weshalb mir so Bilder wichtig waren, weiss ich nicht mit Sicherheit. Vielleicht war das Kriegertum einfach das einzige “männliche Ideal”, das ich in mir nachvollziehen konnte, vielleicht lag es auch daran, dass ich in meinem Leben viel zu kämpfen hatte….. vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass Wikingerblut in mir fliesst.

Noch heute benutze ich gerne Metaphern aus diesem Themenbereich und in vielen meiner Blogbeiträge findet man Bilder von Kriegerinnen (meist von Vallejo oder Royo), die Frauen in heldenhaften Posen zeigen. Diese Bilder stehen stets im Zusammenhang mit dem Text und wollen bildhaft darstellen, was nach meinem Empfinden die Essenz des Geschriebenen ist. Und diese Bilder geben mir Kraft, mit ihnen kann ich mich identifizieren, gerade wenn ich mich schwach fühle, erinnern sie mich daran, dass eine Kriegerin in mir steckt, die selbst das Unmögliche möglich machen kann.

Kindheitsträume – tapfere Krieger
Als Kind war ich immer fasziniert von tapferen Menschen, Indianer die mit dem Kriegsruf Hokahe (heute ist ein guter Tag zum sterben) in eine aussichtslose Schlacht zogen, Ritter die für die Schwächsten einstanden, alle die für Ideale kämpften und notfalls zu sterben bereit waren, ernteten meine Bewunderung. Damals waren das wohl vorallem kindliche Fantasien eines Mädchens, das ein Junge sein sollte und in der “Männerwelt” nur wenig fand, das erstrebenswert war. Aber das war erst der Anfang, der Kriegermythos würde mich ein Leben lang begleiten und ein grosses Stück weit formen.

Der Pfad des friedvollen Kriegers
Ich war gute zwanzig Jahre alt, als ich irgendwo in der Eso-Ecke eines Buchladens das Buch “Der Pfad des friedvollen Kriegers” von Dan Millman fand. Ein wunderschönes Buch, eine Geschichte voll von Philosophie. Dort fand ich die Kriegermetapher erneut, erstmals jedoch in einem kriegslosen Kontext. Ein Krieger ist jemand, der seinen Weg konsequent geht, der sein Ziel verfolgt und Widrigkeiten aushält. Es würde den Umfang dieses Beitrags sprengen, wenn ich mehr über dieses tolle Buch erzählen würde, die Kriegermetaphorik dort drin ging viel weiter. Aber im Wesentlichen vermittelte mir dieses Buch den Weg des Kriegers, dessen Schlachtfeld das eigene Ich ist, der sich selbst treu ist und für das einsteht, wovon er überzeugt ist. Dieses Buch prägte mein Denken enorm und war wohl auch das Fundament dafür, dass ich später jahrelang für Umweltschutz und gegen faschistoide Politik kämpfte.

Regenbogen-Krieger
Fast ein Jahrzehnt später, als ich mich entschloss, einem Kind das Leben zu schenken, war mein erster Gedanke, dass es eigentlich unverantwortlich ist, ein Kind in diese zerstörerische Welt zu setzen. Wenn ich ein Kind in diese Welt stelle, dann bin ich auch verpflichtet, alles zu tun um diese Welt zu verbessern. Das war der Anfang meines aktiven Kriegertums, ich meldete mich bei Greenpeace als Aktivistin und wurde zur Regenbogen-Kriegerin. Jahrelang kämpfte ich im weissen Overall für eine bessere Welt, kettete mich an Eisenbahngeleise, liess mich vor Gericht stellen, schrieb eine Hundertschaft von Leserbriefen, unterstützte Abstimmungskommitees und tat alles, um die Zerstörung der Umwelt zu verhindern und damit die Zukunft meines Kindes zu verbessern.

Eines Tages erfuhr ich von einer indianischen Prophezeiungen, die der Urspriung war für den Namen des ersten Greenpeace Schiffes, der legendären Rainbow Warrior, die später durch einen terroristischen Bombenanschlag vom französischen Geheimdienst samt einem Fotografen gesprengt wurde.

There will come a time when the Earth grows sick
and when it does a tribe will gather
from all the cultures of the World
who believe in deeds and not words.
They will work to heal it…
they will be known as the “Warriors of the Rainbow.”

etwas frei übersetzt:

Es wird eine Zeit kommen, in der die Erde erkrankt
und ein Stamm sich vereinigen wird
bestehend aus allen Kulturen der Welt
die an Taten und nicht an Worte glauben.
Sie werden daran arbeiten, die Erde zu heilen
man wird sie “Krieger des Regenbogens” nennen.

Mit diesem Mythos identifizierte ich mich sehr, ich folgte einem Ideal, das alle Entbehrungen wert ist und ich war auch irgendwie stolz darauf, eine dieser Regenbogen-Kriegerinnen zu sein, die sich für Mutter Erde einsetzten. Doch nach jahrelangem Kampf folgte die Resignation. Viel zu oft unterlagen wir, weil unser Gegner nicht nur ein paar geldgierige Konzerne waren sondern schlussendlich die gesamte Welt, in der jeder nur sich selbst am Nächsten ist. Es ist eine Sache, Konzerne in die Knie zu zwingen, aber das Denken der Menschen zu verändern, schien eine Unmöglichkeit zu sein. Resignation ist der Tod jedes Kriegers, damit lässt sich nichts mehr gewinnen und so zog ich erstmals besiegt aus einer Schlacht, in der ich jahrelang gekämpft hatte. Ich engagierte mich zwar weiter, erstellte eine Unzahl von Webseiten zu solchen Themen, aber es waren eigentlich nur noch Rückzugsgefechte.

Krieg gegen politische Brandstifter
Wiederum Jahre später wurde die Schweiz erschüttert durch das Grosswerden einer meines Erachtens rechts-faschistoiden Partei, die sich frecherweise Volkspartei nennt. Ich war überzeugt, dass diese Partei, die vorallem durch Volksverhetzung und Brandstiftung gross wurde, eine Bedrohung für dieses Land darstellt. So begann der nächste Krieg und ich investierte wieder Jahre darin, im Internet sozusagen eine Gegenpropaganda aufzubauen. Einmal mehr schrieb ich unzählige Leserbriefe, für die ich dann von SVP-Sympathisanten mit Morddrohungen bedacht wurde, schrieb in Diskussionsforen und vielem mehr. Doch ich verlor auch die Schlacht, an den nächsten Wahlen legten sie 10% zu und seither geht es mit diesem Land immer mehr den Bach runter. Das einst soziale Land wird immer asozialer, Sündenbockmentalität breitet sich aus, es ist ein wahrer Graus was hier passiert und niemand scheint zu bemerken, wie verludert das Denken hierzulande mittlerweile ist. Aber ich war langsam des Kämpfens müde und beendete auch diesen Krieg.

Dianas Wikinger-Blut
Als ich vor einigen Jahren eher zufällig mal eine Woche in Schottland in den Ferien war, musste ich verblüfft feststellen, dass ich mich mit diesem Land, der Kultur, Musik und den Menschen so verbunden fühle, wie ich es noch nie zuvor erlebt hatte. Es war als sei ich nachhause gekommen. Als ich zum ersten mal eine Great Highland Bagpipe hörte (schottischer Dudelsack), war klar, dass ich dieses Instrument lernen musste, was ich dann zuhause angekommen auch gleich in Angriff nahm. Aber die Frage, weshalb ich von dieser Kultur so berührt wurde, liess mich nicht mehr los. Hatte ich vielleicht schottische Wurzeln? Das Ganze beschäftigte mich so sehr, dass ich eines Tages einen DNA Test machte, der ermitteln sollte, was für genetische Wurzeln ich habe. Das Resultat liess mir das Blut in den Adern gefrieren und mein Dad dürfte beim Lesen der nächsten Zeilen vom Stuhl fallen *grins*. Mütterlicherseits war ich Germanin, das war soweit ja kein grosses Wunder hierzulande. Aber väterlicherseits stamme ich von einem Wikingergeschlecht ab, das sich irgendwann in Schottland breit machte und sich dann über England bis in die Schweiz ausbreitete. Ich stamme also nicht nur von Wikingern ab sondern habe tatsächlich Vorfahren in Schottland und Skandinavien. Manchmal denke ich mir spasseshalber, dass ich vielleicht deshalb mit XY-Chromosomen zur Welt kommen musste, weil diese Welt dringend Wikingerfrauen braucht. Ohne Y-Chromosom hätte ich kein Wikingerblut in mir. So hat doch alles irgendwie sein Gutes ;-)

Der letzte Kampf – für mich
So verbrachte ich also vier Jahrzehnte im Kampf. Zuerst gegen mich selbst, dann gegen Umweltverschmutzung, dann gegen politische Brandstifter……. aber der grösste und schwerste Kampf stand noch vor mir, der Kampf für mich selbst. Vielleicht brauchte ich all diese Kämpfe um stark zu werden, auf jeden Fall war es wohl gut, dass ich bis zum vierzigsten Lebensjahr zu einer erprobten Kriegerin gewachsen war. Nun war ich bereit für den Kampf aller Kämpfe, gegen den Feind in mir, gegen die Angst, gegen die Abhängigkeit, gegen die Feigheit, gegen die Eitelkeit. Ich würde einen Weg gehen, der mir keinen Ruhm einbringt, den ich vielleicht nicht überlebe, der mich möglicherweise um Freunde beraubt – eine Schlacht die aus damaliger Sicht nicht zu gewinnen war. Aber – und das ist eben der Geist des Kriegers – ob man einen Krieg führt ist nicht eine Frage des Erfolgs sondern eine Frage der Notwendigkeit. Und wenn etwas sein muss, dann wird es auch getan, ohne Rücksicht auf Verluste. Und auch wenn ich es nie erwartet hätte, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben nicht nur eine Schlacht gewonnen sondern den gesamten Krieg.

Zum ersten Mal im Leben habe ich einen Kampf geführt, der Frieden brachte, Frieden in mir, mit mir selbst – und mit dem Rest der Welt.

Die Kraft des Kriegermythos
Der Mensch ist nicht geboren um besiegt zu werden, er ist geboren um zu siegen. Zu Leben bedingt zu Überleben und dazu bedarf es des Kampfes, manchmal gegen Andere, manchmal gegen sich selbst, manchmal gegen das Schicksal. Wir alle haben den Kriegergeist in uns, ohne diesen hätten wir uns in der Evolution niemals durchsetzen können. Der Kriegermythos hat mir ein Leben lang Kraft und Mut gegeben. Wenn ich schwach bin und mich an die Kriegerin in mir erinnere, gibt mir das Wissen um ihre Existenz Kraft. Bin ich hoffnungslos, gibt sie mir Mut. Bin ich verwundet, heilt sie mich. Bin ich ängstlich, gibt sie mir Mut. Sie ist immer da, ich muss sie nur ins Bewusstsein rufen, damit sie ihre Kraft entfalten kann.

Ihr alle habt einen Krieger oder eine Kriegerin in Euch, der/die nur darauf wartet, für Euch eintreten zu können. Seid Euch dieser kraftvollen Energie bewusst und lasst sie zu, wenn sie benötigt wird. So seid Ihr unbesiegbar. Vielleicht verliert Ihr die eine oder andere Schlacht, aber man wird Euch nie auf die Knie zwingen können, weil eine Kriegerin immer wieder aufsteht ;-)

Stand and fight
Live by your heart
Always one more try
I’m not afraid to die
Stand and fight
say what you feel
Born with a heart of steel

(Manowar – Heart of Steel)

Das Kapitel Emotionales

Man muss mit dem Herzen sehen,
denn das Herz sieht Dinge,
die dem Auge verborgen bleiben.
(Der Kleine Prinz)

Das Kapitel ‘Emotionales’ dient all dem, was mir speziell nah geht. Ok, mir geht das Meiste sehr nah, ich bin einfach ein Sensibelchen. Aber viele Themen gehören vorallem in bestimmte Kapitel wie Politik, Religion u.s.w., diese werden vorallem dort stehen. Aber wenn meine Gefühle im Zentrum stehen, dann landet der Beitrag hier.

Wer meine anderen Blogs kennt, weiss, dass ich ein sehr gefühlsbetontes Mädel bin. Ich habe Hochs und Tiefs in ausgeprägtem Masse, kann mich über so Manches freuen wie ein kleines Kind, kann aber auch tiefbetrübt am Boden liegen und lauthals vor mich hinjammern. Dafür ist in diesem Kapitel Platz, hier ist der Ort, an dem man tief in mein kleines Herzchen sehen kann, hier kann man mich wohl besser kennen lernen als in allen anderen Kapiteln.

Für diejenigen, die mich noch nicht kennen, sei gesagt, dass ich sehr sehr offen bin. Wenn mir etwas nah geht, dann scheue ich mich nicht, auch tiefste Gefühle zu offenbaren, das war seit je her ein wesentliches Merkmal meiner Schreibweise. Ich schäme mich nicht für meine Gefühle und rede über alles, was mich bewegt, mit den Worten, die dem Thema angepasst sind. Da fliessen Tränen, da quillt Verzweiflung über, da herrscht Euphorie, da gibt es nichts, was mich bewegt und nicht gesagt werden dürfte.

Meine Augen der Angst sind geflohen
Mein Geist will sich mit mir verschliessen
Mein Herz ist verhungert
Und meine Seele blickt mich fragend an
(Lacrimosa – Tränen der Existenzlosigkeit)

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