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Der Abgrund zwischen Pränataldiagnostik und Eugenik

downeugen Seit einem Jahr ist in der Schweiz ein Test auf Trisomie-21 (Down-Syndrom) frei erhältlich, dieser Gen-Test ermöglicht auf relativ einfache Weise zu erkennen, ob ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt kommen wird. Früher ging das nur mittels Test des Fruchtwassers, was nicht nur aufwändig war sondern auch für das Embryo gefährlich, eines von hundert untersuchten Embryonen wurde geschädigt. Diese Vereinfachung des Tests klingt nett, blickt man jedoch etwas weiter, merkt man schon bald mal, dass wir damit die Grenze zwischen Pränataldiagnostik und Eugenik massiv aufweichen. Was vielleicht gut gemeint ist, entwickelt sich meines Erachtens zu einer Türöffnung für etwas, das wär längst der Vergangenheit angehörend glaubten – der selektionerte Mensch.

Eugenik bezeichnet die Anwendung wissenschaftlicher Konzepte
auf die Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik
mit dem Ziel, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern
und den negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern.
(http://de.wikipedia.org/wiki/Eugenik)

Eugenik der Vergangenheit

Mit Schrecken blicken wir zurück in eine Zeit, in der deutsche Nationalsozialisten leidenschaftliche Eugenik betrieben. Der perfekte Arier war gesucht und sollte gefördert werden, gute Gene verbreiten und schlechte Gene ausrotten. Egal ob das nun Juden, Zigeuner, Behinderte oder Homosexuelle waren, wer mal auf der Liste der “schlechten Anlagen” landete, war zum Abschuss freigegeben. Im harmlosen Fall bedeutete das Zwangssterilisierung, im schlimmsten Fall Ermordung. Auch die Schweiz hatte ihre dunklen Kapitel, so wurden bei uns beispielsweise Jenische (Zigeuner) in psychiatrische Kliniken gesteckt und ihre Kinder wurden den Eltern entrissen (Pro Juventute – Kinder der Landstrasse), aber auch andere “Non-Konforme” zwangspsychiatrisiert, mit Elektroschocks “behandelt” oder zwangssterilisiert – alles im Dienste einer “Ausrottung der schlechten Anlagen”.

Down-Syndrom: Kein Recht auf Leben

Dieser Test signalisiert,
dass ein Leben mit Downsyndrom ein unwerteres, leidvolles Leben sei,
obschon man heute weiss, dass auch sie ihr Potenzial entwickeln
und ein glückliches Leben führen können.
(CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz)

Diese Zeiten sind vorbei, dachte ich lange Zeit – wie sehr ich mich doch täuschte. Menschen mit Down-Syndrom gehören zu den Ersten, denen offiziell der Lebenswert aberkannt wird. Warum ausgerechnet die, entzieht sich meinem Verständnis. Wer schon mal Betroffene beobachtet hat, wird auch bemerkt haben, dass die in vielen Fällen ein recht glückliches Leben führen können. Sie brauchen zwar mehr Unterstützung als Andere, aber sie leben, lieben, fühlen und träumen wie wir alle auch. Wer diese Erfahrung noch nicht gemacht hat, sollte vor dem Weiterlesen wenigstens kurz in nachfolgende Doku reinschauen. Da sieht man eine jener Frauen, die ein Down-Syndrom haben. Wer den Standpunkt vertritt, dass dies ein Grund zur Abtreibung sei, der soll bitte diese Doku anschauen und dann nochmal darüber nachdenken, ob dieses Mädel wirklich kein Lebensrecht hat. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich diese Doku sah, nicht wegen der Doku selbst sondern weil mir ständig im Hinterkopf herumspukte, dass Menschen wie sie von unserer Gesellschaft zur Tötung freigegeben wurden – zumindest solange sie nicht geboren sind.
SF-DRS: Dok – Goethe, Faust und Julia

Der Erlaubnis zum Töten folgt der Zwang zur Tötung

Die Befürworter solcher Tests betonen stets, dass es ja freiwillig sei und niemand davon Gebrauch machen müsse. Stimmt das wirklich? Vor einiger Zeit führte ich eine längere Diskussion in den Kommentarspalten deiner renomierten Tageszeitung. Es dauerte nur wenige Kommentare lang, bis sich einer zu Wort meldete der sinngemäss sagte: “Da solche Tests nun möglich sind, sollten wir uns überlegen, ob wir Eltern, die so einen Test nicht machen lassen, die Unterstützung durch die Krankenkasse verweigern. Sie hätten es ja vermeiden können, also sind sie selber für die Folgen verantwortlich”. Nun, das Positive, die Mehrheit der Kommentierenden war wie ich geschockt über diese Äusserung, aber wie lange noch? Wenn solche Tests mal zum Standard gehören, wird es für so eine Haltung früher oder später eine Mehrheit geben. Je mehr Menschen mit DownSyndrom abgetrieben werden, desto mehr ecken die Überlebenden an. Und nicht zuletzt haben die Krankenkassen ein grosses Interesse daran, solche Leistungen zu verweigern, falls sie dazu die Möglichkeit hätten.
Downsyndrom: Angst vor einem Test oder vor den Kosten?

Dieser Test kann dazu führen, dass Eltern,
die keine Untersuchung vornahmen,
von Versicherungsleistungen ausgeschlossen werden,
wie dies bereits heute in der IV der Fall ist.
Das ist ethisch bedenklich.
(CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz)

Wer ist lebenswert, wer rentiert für diese Gesellschaft?

Ein weiterer Einwand der schnell mal kommt, ist die finanzielle Wertbemessung für die Gesellschaft. So Menschen bringen der Gesellschaft nichts, liest man in solchen Diskussionen, warum also solche Menschen zulassen, wenn man anstelle dieses “Behinderten” ja ein anderes, gesundes Kind zur Welt bringen könnte, das der Gesellschaft auch etwas beizusteuern vermag. Oha, wie wertvoll muss ein Mensch der Zukunft sein, damit wir ihn am Leben lassen? Irgendwie kann ich nicht fassen, dass es Menschen gibt, die in der Frage um das Lebensrecht Anderer finanzielle Kriterien einbringen.

Und was ist überhaupt “behindert”?

Die aus dieser Entwicklung resultierenden Fragen gehen jedoch noch viel weiter. Was gilt denn überhaupt als “behindert”? Es gibt viele “Erbkrankheiten” die genetischen Ursprungs sind, neben Down-Syndrom gäbes da auch Autismus, Diabetes, Depression, MultipleSklerose, Schizophrenie, Parkinson, das und vieles mehr gehört zu den Krankheiten, die genetisch bedingt oder verstärkt sind. Konsequent weiter gedacht stellt sich also die Frage, wen wir als nächstes zum Abschuss freigeben. Wenn wir als Gesellschaft sagen, dass man ein Kind abtreiben darf, wenn es ein DownSyndrom hat, warum sollten wir dann nicht weiter gehen und genauso verfahren mit Menschen, die später eine der vielen anderen Krankheiten bekommen? Und um die Frage etwas auf die Spitze zu treiben, wenn wir schon Menschen mit “schlechten Anlagen” vorgeburtlich töten, nur weil sie eben so sind wie sie sind, warum sollten wir dann nicht auch bereits geborene Menschen im Dorfbrunnen ersäufen, wenn sie sich als nicht-rentabel herausstellen? Wer setzt hier Grenzen, wer bestimmt was als “behindert” oder “krank” gilt, wer spricht die Todesurteile?

Wohin führt uns dieser Weg?

Wie lange wird es dauern, bis wir zur Sanierung der AHV entscheiden, dass wir zukünftig Kinder mit einer genetischen Prädisposition für Alzheimer oder Parkinson schon vor der Geburt abschiessen? Kommt irgendwann der Tag, an dem religiöse oder andere Fundamentalisten auch die Abtreibung von homosexuellen oder transsexuellen Menschen fordert (falls sich da wirklich eine genetische Prädisposition findet)?

Diese Entwicklung macht mir echt Angst, nicht weil ich davon betroffen wäre sondern deshalb, weil es in mir die Befürchtung weckt, dass der Mensch sich noch weiter zu einem gefühlskalten Klotz entwickelt, dass der moderne Mensch je länger desto mehr nur noch als Wertschöpfungsobjekt betrachtet wird.

Eugenik ist nicht für sondern GEGEN den Menschen

Denjenigen, die sich vertiefter mit dem Down-Syndrom beschäftigen möchten, empfehle ich diese TV-Sendung:
Leben mit dem Down-Syndrom (Quarks & Co: 08.05.2012)

Diejenigen, die sich in die Geschichte der Eugenik einlesen möchten, finden hier mehr als ein gesunder Mensch ertragen kann:
3. Der Psychiatrie-Holocaust der “zivilisierten” Welt mit Vorreiter Schweiz – Sterilisierungen und Euthanasie in Zürich

Alle Anderen bitte ich, wenigstens diese kurze Video anzuschauen und darüber nachzudenken, ob all diese Menschen wirklich keinen Lebenswert haben.

Glücklichsein ist lernbar (Buchempfehlung Lebenshilfe)

buchempfehlung-lebenshilfe-sich-wohlfuehlen Unzählig sind die Menschen, die mir bisher begegneten, die sich in ihrem Leben nicht wohlfühlen. Entweder sie werden von Schicksalsschlägen gepeinigt oder sind einfach aus Prinzip unzufrieden. Auch ich gehörte lange Zeit zu denen, die von der Kunst des Lebens zuwenig verstanden um wirklich glücklich zu werden und meist gab ich allem die Schuld, nur nicht mir selbst. Doch ausnahmslos alle, die sich über das Leben beklagten, hätten es besser haben können, wenn sie die richtige Lebenseinstellung gehabt hätten – so auch ich. Deshalb möchte ich Euch heute ein Buch ans Herz legen, das so Manchem die Lebensfreude erhöhen kann und ich sage nicht ohne Stolz, dass der Autor mein Pate ist :-)

Ein Buch, das helfen kann…

Die Wichtigkeit eines Problems ist diejenige, die wir ihm gewähren
(Buchzitat)

Auch mein Pate gehört zu den Menschen, die schier unerträgliche schwere Schicksalsschläge durchlebt haben, der “Höhepunkt” war die jahrelange und tödlich endende Krankheit seiner Frau. Doch irgendwie schaffte er das Unmögliche, er lernte, mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen und er lernte vorallem eines: Ich habe vielleicht nur begrenzten Einfluss darauf, was um mich herum und mit mir geschieht, aber ich habe sehr wohl grossen Einfluss darauf, was ich damit anfange. Es liegt an mir, ob ich mich in die negativen Aspekte meines Lebens verbeisse, mich wie eine irrsinnige Tanzmaus im Kreis um diese Probleme drehe und mich dabei immer mehr in Trauer, Verzweiflung, Wut und Verbitterung steigere – oder ob ich neben den nicht lösbaren Aspekten meines Lebens auch die guten Seiten betrachte und geniesse.

Mein Pate gehört zu den Menschen, die es schafften, mit ihrem Problemen zu wachsen, die nicht resignierten sondern an sich arbeiteten und das allein durch die richtige Einstellung. Diese Lebenserfahrung wollte er mit seinen Mitmenschen teilen, also begann er seine Erfahrungen aufzuschreiben und vollendete schlussendlich vor fast zwei Jahren ein kleines Buch mit dem Titel “Etre bien“…….. und das war der Beginn einer ziemlich verrückten Geschichte.

… und eine äusserst selbstlose und nicht weniger verrückte Idee

Wahre Liebe ist die kraftvollste erneuerbare Energie, die es überhaupt gibt.
(Buchzitat)

Denn anstatt das Buch einfach zu veröffentlichen wie es Andere tun würden, liess er sagenhafte 100’000 Exemplare auf eigene Kosten drucken und verschickte diese an ebensoviele Haushalte in der französischen Schweiz. Dieses Frühjahr wurde das Buch dann auf deutsch übersetzt und unter dem Titel ‘Sich Wohlfühlen‘ publiziert – und so geschah das Wunder erneut und weitere 150’000 Exemplare wurden an Haushalte in der deutschsprachigen Schweiz verschickt – erneut gratis, einzig mit dem Hinweis, man könne bei Wohlgefallen eine kleine Spende an “Le Cube de Verre” zukommen lassen, eine Stiftung für autistische Kinder, die auch von ihm betreut wird.

Ganz ehrlich, bei soviel Selbstlosigkeit fehlen mir irgendwie die Worte und es macht mich richtiggehend stolz, so einen Paten zu haben :-)

Über das Buch, das einem helfen kann, sein Glück zu finden

Aber nun zum Buch……

Herr, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden

Ich weiss nicht mit Sicherheit, woher dieses kluge Gebet oder Sprichwort ist, ich hörte mal, es sei indianischen Ursprungs, aber es spielt eigentlich keine Rolle, wichtig ist nur, dass man dieses “Mantra” verinnerlicht, denn hier liegt das Geheimnis zum wahren Glück des Lebens. Und genau hier setzt dieses wertvolle Buch an.

Jedes Problem und jedes Unwohlsein hat seine Ursache und an diesen Ursachen kann man oft nichts ändern. Wenn jemand im persönlichen Umfeld oder man selbst krank wird, hat man darauf nur bedingten Einfluss und wenn einem jemand oder etwas das Leben schwer macht, hat man oft auch nur beschränkte Möglichkeiten, diese negativen Einflüsse zu verändern. Aber auch wenn diese Faktoren die Ursache des Unwohlseins sind, so sind sie noch lange nicht die Gründe, weshalb man leidet. Denn der Grund, warum jemand leidet, hat viel mehr mit der Nichtakzeptanz solcher Einflüsse zu tun. Es ist nicht die Frage, was passiert ist sondern viel mehr die Frage, wie ich damit umgehe. Deshalb gibt es eigentlich ein einfaches Rezept. Es gilt, die Ursachen solcher “Störfaktoren” zu akzeptieren, sich nicht darin zu verbeissen sondern anstelle dessen die Energie dafür einzusetzen, damit klarzukommen.

Um es mit einem überspitzt vereinfachten Beispiel aufzuzeigen: Wenn es regnet, kann ich mich stundenlang über das Wetter aufregen, ändern werde ich dadurch nichts und mein Wohlbefinden wird mit zunehmendem Mass schlechter. Wäre es da nicht schlauer, das Wetter zu akzeptieren so wie es ist und anstelle dessen lieber einen Schirm aufzuspannen?

Auf solche Fragen geht dieses Buch ein und bietet Antworten und Strategien und es illustriert solche Fragestellungen mit vielen teils ans Herz gehenden Fallbeispielen aus dem Leben des Autors und seines Umfelds. Und es geht offenbar nicht nur mir so, dass man beim Lesen immer mal wieder staunend innehält und denkt: “Meine Güte, wie einfach könnte das Leben doch sein, wenn man es zulässt”. Ich habe mich in diesem Buch oft wiedergefunden, sei es, dass ich dachte: “Ja, dieser Gedanke hat mich auch schon oft aus dem Elend gezogen” – oder dass ich dachte: “Oops, da sollte ich wohl auch dringend mal wieder über die Bücher gehen, ich mache mich hier oder dort ja völlig unnötig verrückt”.

Beim Lesen des Buches musste ich immer wieder an ein Wortspiel denken, das mich schon vor längerer Zeit mal amüsierte. Wie oft sagt man Dinge im Stil von: “Ich rege mich so auf über Wasauchimmer”………. und ist sich dabei nicht bewusst, wie Recht man doch hat mit dieser Aussage, weil “ICH MICH aufrege”. Es sind nicht die Anderen, die mich aufregen, ICH selbst bin es. Die Anderen sind zwar Ursache meiner Aufregung, sie bieten den Anlass, aber der Grund für meine Aufregung ist, das ich blöd genug bin, mich da reinziehen zu lassen. Beim Lesen dachte ich immer wieder kopfschüttelnd an all die Momente, in denen ich fast Tobsuchtsanfälle bekam bei Diskussionen in öffentlichen Foren und ich erschauerte immer wieder von Neuem beim Gedanken, wieviel Unwohlsein ich mir auferlegt habe, nur weil ICH mich über nervende Menschen ärgerte. Diese Erkenntnis ist für mich nicht neu, aber ich muss mir nachwievor immer wieder vor Augen halten, was ich da tue und in was ich mich da reinreissen lasse – und muss mir immer wieder von Neuem bewusst machen, dass es an mir liegt, wie sehr ich mich reinziehen lasse und wie nah ich mir etwas gehen lassen will – und dazu ist dieses Buch eine wertvolle Hilfe.

Über den Wert eines Buches kann man immer streiten und man kann mich als Patenkind auch der Subjektivität bezichtigen, aber abgesehen davon, dass auch Juliet das Buch super fand, sprechen eine grosse Zahl an dankbaren LeserInnen Bände. Seit der Veröffentlichung bekommt mein Pate fast täglich Dankesbriefe oder Mails und wenn man auf seiner Website mal ein paar dieser “Leserkommentare zum Buch ‘Sich wohlfühlen’” liest, kann man erahnen, wie wertvoll dieses kleine Büchlein sein kann.

Fallbeispiele aus meinem Leben

Man wird nicht glücklich durch Erfolg.
Erfolg ist, wenn man glücklich ist.
(Buchzitat)

Da ich nicht einfach Teile seines Buches hier veröffentlichen möchte, nehme ich ein paar Aspekte aus meiner eigenen Lebensgeschichte, die dieses Thema beispielhaft veranschaulichen können. Das scheint mir passend, weil gerade das Leben “transsexuell-gebrandmarkte Frau” eine ziemliche Herausforderung ist, wenn man unter solchen Umständen glücklich sein möchte.

Fakt ist, dass ich für viele Menschen so eine Art “Kuriosum” bin. Daran kann ich wenig ändern, damit muss ich leben und deshalb bleibt mir nichts Anderes als dies zu akzeptieren. Fakt ist aber auch, dass es Menschen in meinem Umfeld gibt, die mich so sehen wie ich bin, die mich respektieren und mögen, ja sogar lieben. Nun liegt es an mir, worauf ich mehr Energie verwende. Ärgere ich mich über primitive Kommentare in Boulevardmedien oder erfreue ich mich über herzliche Begrüssungen in meinem Stammpub? Es liegt an mir, ob ich mein Selbstbild von Anderen übernehme und mich auch als “Kuriosum” betrachte oder ob ich stolz darauf bin, dass ich etwas geschafft habe, das kaum jemand überwinden könnte.

Ein weiteres Beispiel drängt sich mir auf: Als Frau mit transsexueller Vergangenheit habe ich nunmal nicht grad das Aussehen eines Supermodels. Ich kann und will mich zwar nicht beklagen, aber dieses Thema ist schon eine gewisse Herausforderung für mich. Nun, ich kann mich jetzt täglich vor dem Spiegel verfluchen, weil ich etwas schmale Hüften habe oder meine Stimme nicht grad prickelnd ist und und und und…… oder ich freue mich tagtäglich vor demselben Spiegel darüber, dass mein Äusseres um soviel mehr zu meinem Inneren passt als es früher der Fall war und dass der Anblick meines Spiegelbilds, mag ich auch noch soviel zu kritisieren finden, nun endlich mir entspricht und ein stetes Mahnmal ist, dafür, dass ich es endlich geschafft habe.

Aber auch jenseits des Transsexualitäts-Themas gibt es viele Aspekte meines Lebens, in denen ich mein Leben von zwei Seiten betrachten kann, ein Ausserordentliches drängt sich mir gerade auf: Ich hatte vor Jahren einen Burnout, der mich ein Jahr lang in einen zombie-ähnlichen Zustand versetzte, mich meinen Traumjob kostete, mein Bankkonto um 50’000 Franken erleichterte, mein ganzes Ego in Schutt und Asche legte – darüber könnte ich verzweifeln – oder mich darüber freuen, dass ich damals soviel Zeit für mich bekam in der ich nur mit leerem Blick vor mich hinstarrte und nachdachte – und mich darüber freuen, dass genau diese damalige Leere und Sinnfrage mich an den Punkt brachte, dass ich Jahre später den Mut fand, zu mir selbst zu stehen und meinen Weg gehen konnte. Um es noch deutlicher zu sagen: Wäre ich damals nicht derart zertrümmert worden, hätte ich nie die Reife erlangt, die ich benötigte, um später endlich meinen Weg zu gehen. Dieser Burnout – so brutal er auch war – wurde zum Fundament meiner Selbstbefreiung.

Zurück zum Buch

Der wahre Erfolg, jener der dem Leben einen Sinn gibt, ist meines Erachtens nach die Fähigkeit, sein Leben ständig bewusst oder unbewusst gelassen nehmen zu können, egal in welcher Situation, um alle Probleme des Alltags ruhig, ohne Schmerzen und emotionale Sorgen zu meistern und so glücklich zu sein.
(Buchzitat)

Deshalb, weil ich aus Erfahrung weiss, dass Glücklichsein selbst unter widrigsten Umständen lernbar ist, möchte ich Euch allen dieses Buch ans Herz legen. Man kann natürlich einwänden, dass der Büchermarkt voll ist von Büchern, die über solche Themen schreiben – das stimmt, auch ich kenne enige Bücher in dieser Art – trotzdem empfehle ich dieses Buch, weil es nicht episch ausschweifend und nicht esoterisch angehaucht ist sondern kurz und bündig die Fakten anschaulich auf den Tisch legt – und weil es nebenbei noch einem guten Zweck dient, denn sämtliche Einnahmen aus den verkauften Büchern gehen vollumfänglich an obengenannte Stiftung für autistische Kinder.

Also helft Euch selber, etwas glücklicher und zufriedener zu werden und falls Ihr bereits wunschlos glücklich seid, so lade ich Euch hiermit ein, Euer Glück ein klein wenig zu teilen und der Stiftung “Le Cube de Verre” eine kleine Spende zukommen zu lassen – denn geteiltes Glück ist bekanntlich doppeltes Glück ;-)

Buch ‘Sich wohlfühlen’ bestellen

Das Buch kann entweder via Kontaktformular auf der offiziellen Website des Buches, bei verschiedenen Online-Buchhändlern oder bei einem beliebigen Buchhändler unter ISBN 978-2-940468-02-7 bestellt werden. Nachfolgend ein paar Bestell-Adressen:

Website des Buches ‘Sich Wohlfühlen’
ExLibris.ch
Books.ch
CeDe.ch
Exsila.ch
Amazon.de (noch nicht verfügbar)

Sonntagspredigt: Über die Tugend der Faulheit

Faulheit oder Müssiggang sei aller Laster Anfang, lernt man uns von klein an, diese Tugend verinnerlichen wir so sehr, dass wir uns irgendwann gar nicht mehr vorstellen können, dass wir das in Frage stellen könnten. Die Arbeitgeber sind dankbar für diese Konditionierung, der Wirtschaftsmotor brummt auf dank der Getriebenheit des modernen Menschen, wir wollen mehr leisten, besser werden, mehr Erfolg haben und wir tun das wenn’s sein muss bis zum Burnout – oder zumindest bis zur Selbstaufgabe, bis zum Vergessen unsererselbst. Und warum genau machen wir das eigentlich?

Die Sternstunden des Sonntags

Wie fast jeden Sonntag klingelte auch heute der Wecker um zehn Uhr, damit ich nicht den ganzen Tag verpenne und wie meistens begann ich den Tag kaffeeschlürfend vor dem TV liegend und sah auf SF1 die Sendungen “Sternstunde Religion” und anschliessend “Sternstunde Philosophie” (siehe SF1 Sternstunden). Bei Ersterer war heute das Thema “Faulheit” im weitesten Sinn, es ging um Menschen, die sich Ruhe gönnen in einer gehetzten Zeit, man interviewte verschiedene Menschen, vom Benediktiner (Anselm Grün) über Zenmeister bis zu ganz durchschnittlichen Menschen, die sich in irgend einer Form etwas Nichtstun gönnen. Ich liebe diese zwei Sendungen und beginne oft meinen sonntäglichen Ruhetag damit, weil ich meistens gute Impulse bekomme und es die Ruhe einläutet, die ich mir am Sonntag in der Regel schenken möchte.

Die zweibeinigen Rädchen der Leistungsgesellschaft

Ehrlich gesagt ist es mir ein Rätsel, wie es soweit kommen konnte und noch mehr ist es mir ein Rätsel, warum wir das nicht mal bemerken und etwas dagegen unternehmen, ich sehe nur, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben, in der fast nur noch Leistung zählt. Der Mensch wird an seinem Erfolg gemessen und um gut bemessen zu werden müssen wir mehr leisten und immer mehr und mehr. Konkurenz heisst der Feind, den wir bekämpfen, ein besserer Job, ein grösseres Auto, ein schöneres Häuschen, eine grössere Anzahl an Freunden, wir hetzten dem Erfolg hinterher wie Mäuse in einem Drehrad – und wie die Maus im Drehrad bemerken wir nicht, dass wir an Ort bleiben und nur das Rad sich schneller dreht, dass es eigentlich kein wirkliches Ziel gibt und was noch schlimmer ist, wir merken nicht, dass wir uns selbst dabei vergessen haben.

Der Krug geht zum Brunnen bis er bricht

Wie wahr, wie wahr – und auch wenn wir keine Krüge sind und unsere hochgezüchtete Zivilisation kein Brunnen, so hetzen wir doch dahin, bis wir daran zerbrechen. Es ist viele Jahre her, als ich zerbrach, von einer Sekunde zur Anderen. Jahrelang habe ich versucht, alles zu geben und immer besser und effizienter zu werden. Doch dann kam der Bruch, Burnout nennt man ihn heutzutage – und dieser Burnout schenkte mir ein Jahr Ruhe – seltsam, dass man immer erst kaputt gehen muss bevor man merkt, dass man sich überfordert. Ein Jahr lang lief die Zeit in meinem Kopf plötzlich langsamer, nichts hatte mehr eine nennenswerte Bedeutung, nichts was ich hätte tun müssen, nichts was von mir gefordert wurde, ich war einfach völlig abgeslöscht, ärztlich freigestellt und sass so jeden Tag stundenlang in einem Park herum, hörte den Vögeln zu, lauschte dem Wind, staunte über die Stille in mir und suchte nach mir selbst. Was für ein Geschenk! Diese Lebensphase war der lehrreichste Prozess meines Lebens, der Teufelskreis der Leistungsgesellschaft, der kein Entrinnen zulässt, hatte mich verächtlich ausgespuckt und mich damit frei gemacht.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens

Die Frage um den Sinn des Lebens dürfte den Meisten vertraut sein, mir scheint jedoch, dass die Meisten diese Frage viel zu schnell beantwortet haben resp. sich die Antwort eintrichtern liessen. Auch ich sah den Sinn des Lebens im “immer mehr” und “immer schneller”, bis zu dem Tag, an dem mich das Schicksal ausknipste die Sicherung eine Stubenlampe die zuviel Energie ansaugt. Plötzlich war all dieser Drang weg, ich sass nur noch rum und tat nichts, einfach nichts – was zur fruchtbarsten Tätigkeit meines Lebens wurde. Was ist mein Ziel, wo liegt mein Weg, wer bin ich, was soll ich sein, wer bestimmt darüber, wer misst – und warum?

Auszeiten für den Seelenfrieden

Zum Glück hatte ich mir schon früher immer mal wieder Auszeiten gegönnt, viel zu selten aber immerhin manchmal. Gerade mit dem Motorrad hatte ich so eine Nische, die mir erlaubte, immer mal wieder abzuschalten, auf den Sattel zu klettern und loszufahren, ohne wirkliches Ziel einfach durch die Welt zu gleiten und einfach zu sein, das war Meditation pur. Auch meine Liebe zur Natur förderte tolle Möglichkeiten für so Auszeiten, so sass ich immer mal wieder ein paar Tage lang irgendwo im tiefen Wald, fern jeglicher Zivilisation, nur mit einem Schlafsack, einem Rucksack voll Essen und Getränken – und mir selbst. Ich stellte immer wieder fasziniert fest, dass mich so Auszeiten in einen völlig neuen Bewusstseinszustand versetzten. Am ersten Tag denkt man noch: was zum Kuckuck tu ich da eigentlich? Am zweiten Tag hört man langsam auf zu denken und spätestens ab dem dritten Tag IST man, man ist einfach nur noch und das ist unbeschreiblich.

Der Rhythmus der Zeit

Wer würde nicht bestätigend mit dem Kopf nicken, wenn ich sagen würde, dass die Zeit in unserer modernen Welt immer schneller läuft? Soll ich Euch ein Geheimnis verraten? Es ist ein Trugschluss, die Zeit läuft nicht schneller, die Stunde hat auch heute noch 60 Minuten. Was sich geändert hat ist nicht der Rhythmus der Zeit, was sich änderte ist, dass wir immer mehr Tätigkeiten in diese Zeit hineinpferchen und uns dann wundern, wenn wir da drin irgendwann ersticken. Während meinem Burnout war ich mal eine Woche lang bei den Benediktinern im Kloster Einsiedeln. Ich hatte dort mein Zimmer, nahm mit den Mönchen zusammen an den Stundengebeten teil, ass mit ihnen an einem Tisch und den Rest des Tages verbrachte ich mit lesen oder sass irgendwo im Klosterareal rum und tat nichts. Ich staunte Bauklötze, wie langsam an so einem spirituellen Ort die Zeit läuft, an diesem Ort an dem es keine Hektik gibt und keinen Erfolg, an dem alle einfach ihren Weg gehen, in gemächlichem und andächtigem Rhythmus. Es war sowas von wohltuend und es hat mein Denken stark geprägt. Ich kannte die Hektik der Zivilisation, ich kannte die Ruhe der Natur, aber hier erlebte ich erstmals die Ruhe unter Menschen und ich begann den Zauber der Zeit zu begreifen. Ich erkannte, dass die Zeit überall gleich schnell läuft, dass unsere Lebensart jedoch das Empfinden dieser Zeit radikal beeinflusst – dass wir selbst den verspürten Rhythmus der Zeit festlegen.

Des Menschen Angst vor der Erlösung

Ich glaube, dass eigentlich die Meisten spüren, dass in der Ruhe soviel Kraft liegt und dass der gelegentliche Müssiggang wohltuend ist. Aber ich glaube genauso, dass die Meisten diese Form von Erlösung fürchten wie der Teufel das Weihwasser. Und das ist bemerkenswert. Wer kann nicht erzählen von so Momenten, in denen man mal nichts tut und einfach mal ist, ohne sein zu müssen? Und doch meiden viele diese erlösende Stille, sie fürchten die Ruhe mehr als einen möglicherweise drohenden Zusammenbruch – warum eigentlich? Ich glaube, dass Viele so sehr getrieben sind von dieser Illusion die uns weismacht, dass erst unser Erfolg unser Selbst ausmachen würde, dass sie gar nicht aufhören können und immer weiter rennen müssen. Denn solange wir rennen und solange wir unsere ganze geistige Energie von der Wirtschaft oder Sonstigem auffressen lassen, solange beschäftigen wir uns nicht mit uns selbst und damit ersparen wir uns die Frage, die eigentlich einst am Anfang stand, die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens, die Frage danach wer man ist und was man selbst will. Doch wer diese Frage verdrängt, verdrängt das eigene Ich-sein und damit verkommt das menschliche Leben zum Roboterdasein, in der die Funktionalität alles ist, in der der Mensch entkernt ist wie die Kirsche auf einem Eis – süss, weich aber nicht mehr entfaltungsfähig.

Die Spiritualität des Nichtstuns

Könnte ich allen Menschen drei Ratschläge geben, wäre das einer davon: Lasst die Stille wieder zu, gönnt Euch so oft wie möglich Auszeiten, in denen Ihr bewusst nichts tut und einfach für Euch selbst da seid. Schenkt Euch diese Spiritualität der Stille und gebt Euch Einlass an den einzigen Ort, an dem man sich selbst finden kann. Zu Beginn kann dieses Insichgehen stürmisch oder schmerzhaft sein, aber das ist gut so, es sind die Geburtswehen für ein erwachendes Ich. Solche Auszeiten kann man auf verschiedenste Weise finden, man muss dazu nicht zwingend in der räucherstäbchen-geschwängerten Stube im Yoga-Sitz sitzen und eine Kerze anstarren, man kann sich genauso unter einen Baum setzen und den Vögeln lauschen oder sieht sich einen Sonnenuntergang an, hört sich eine Symphonie an und versinkt ganz hinein – oder spielt Diablo :D ……….. denn immer dann, wenn man etwas tut, weil man Lust hat es zu tun und wenn man es nicht tun muss sondern eben tun will, immer dann ist man ganz bei sich selbst und ist losgelöst von einem antreibenden Druck, der uns hier wie dahin hetzen lässt. Das So-sein, nennen es die Zen-Buddhisten, sich gegenwärtig sein nennen es Andere.

Das Paradoxon der lärmenden Stille

Es mag wie ein Scherz geklungen haben als ich soeben schrieb, man könne auch Diablo spielen. In einem Computerspiel durch die Gegend zu hetzen und feuerballschmeissend Dämonen niederzubretzeln – wenn ich Ruhe und Stille suche und dem Druck der Hektik weichen möchte? Hä? Ne ich scherze nicht, denn auch ein hektisches Computerspiel bietet all das, was eine Auszeit bieten kann. Denn ich spiele ja nicht weil ich unbedingt auf Level 60 kommen muss, ich spiele einfach weil es Spass macht. Und ich tue es auch nicht, weil es mich scheinbar besser machen sollte, ich gönne mir einfach eine Zeit in der ich tun kann ohne tun zu müssen und eine Zeit in der ich mich voll und ganz auf etwas einlasse.

Die Tugend des Nichtstuns

Das Nichtstun ist nichts Schlechtes, da hat man uns n’schönen Käse erzählt. Es ist wie bei allem in der Welt, zuviel ist zuviel, zuwenig ist zuwenig. So schlecht es auch ist, wenn man ständig nichts tut, so schlecht ist es auch, wenn man immer etwas tut. Deshalb halte ich das Nichtstun für eine kostbare Tugend. Wer sich diese nie gönnt, wird vielleicht eines Tages sterben ohne sich selbst jemals kennen gelernt zu haben. Ganz schön blöd, sag ich Euch.

Gebt Euch etwas Zeit und wagt den Blick in den Spiegel Eurer Seele. Auch wenn es sich zu Beginn vielleicht etwas einsam und dunkel anfühlt da drin, früher oder später werdet Ihr dort in diesem Spiegel Euch selbst sehen…….. und werdet sehen können, was für wunderbare Menschen Ihr alle eigendlich seid, einigartig unter Milliarden von Einzigartigen……….. und dann könnt Ihr dieses Selbst freilassen und wahrlich “Ich” werden.

So und jetzt leg ich mich für ne Stunde in die Badewanne, betrachten wir das als Symbolhandlung ;-)

Shalom al echem – Friede sei mit Euch

so und jetzt: Augen zu und Lied hören…… und ganz hineingeben ;-)

http://www.youtube.com/watch?v=y8Kupc5TtHw

Semper Fi – Sich selbst treu sein

Aber Sie selber müssen eben auch kein Moralist sein!
Sie dürfen sich nicht mit anderen vergleichen,
und wenn die Natur Sie zur Fledermaus geschaffen hat,
dürfen Sie sich nicht zum Vogel Strauss machen wollen.
Sie halten sich manchmal für sonderbar,
Sie werfen sich vor, dass Sie andere Wege gehen als die meisten.
Das müssen Sie verlernen. Blicken Sie ins Feuer, blicken Sie in die Wolken,
und sobald die Ahnungen kommen und die Stimmen in Ihrer Seele anfangen zu sprechen,
dann überlassen Sie sich ihnen und fragen Sie ja nicht erst,
ob das wohl auch dem Herrn Lehrer oder dem Herrn Papa
oder irgendeinem lieben Gott passe oder lieb sei!
Damit verdirbt man sich!

(Hermann Hesse, Demian)

Als ich heute ein paar aufgenommene Teile der TV-Serie “Navy CIS” sah, wurde ich wieder mal mit dem Motto der US-Marines konfrontiert, das mich seit einiger Zeit fasziniert. Ihr Motto lautet “Semper Fi” und ist abgeleitet vom lateinischen “semper fidelis”, was zu gut deutsch “für immer treu” heisst. Für die US-Marines bedeutet das: “einmal Marine, immer Marine”, es ist ein Kodex der für immer bindend ist, der kompromissloses treu sein verlangt.

Dieses “treu sein” bedeutet mir sehr viel, ich sehe darin sogar den Schlüssel zu wahrhaftem Leben. Denn treu sein kann man nicht nur einer Organisation, einem geliebten Menschen, einer Überzeugung oder Ideologie, mehr als das kann man sich selbst treu sein, wenn man dieses Wagnis denn einzugehen bereit ist.

Von diesem Tag an – bis ans Ende meiner Zeit
gelobe ich, mir selbst treu zu sein,
in guten wie in schlechten Tagen,
unter Erduldung sämtlicher Konsequenzen,
verpflichtet einzig der Entfaltung meinerselbst,
selbst wenn es das Letzte ist, das ich tue.

So oder ähnlich hätte der Schwur lauten müssen, wenn ich vor drei Jahren einen geleistet hätte, als ich begann, mir selbst entsprechend zu leben, als ich aufhörte, mein wahres Geschlecht zu verbergen. Aber so dramatisch und heroisch war es nicht. Dieser Moment vor bald drei Jahren, als ich alle Ängste überwand und mich aus diesem falschen Leben entfernte, war viel mehr ein Akt totaler Verzweiflung, ich wusste noch nicht annähernd, dass mir soviel Treue abverlangt würde, ich wusste nur, dass es so nicht mehr weiter gehen kann, dass ich kaputt gehe, wenn ich mich weiterhin weigere, mich selbst zuzulassen.

Heute an diesem gemütlichen Sonntag habe ich das nachgeholt, heute da ich mich an einem Punkt angelangt sehe, an dem ich mir im Klaren bin, was in diesen drei Jahren alles geschehen ist und welche Bedeutung all das hat. Damals wusste ich nicht, ob ich all das durchstehe, ich wusste nicht mal, ob ich so glücklich werden würde, ich wusste rein gar nichts. Heute weiss ich nicht nur all das, ich weiss vorallem auch, dass ich eher sterben würde als dieses erkämpfte Ich-sein aufzugeben. Keine Macht dieser Welt würde mich davon abbringen, mir selbst treu zu sein und mich selbst zuzulassen, so wie es meiner Seele bedarf. Heute weiss ich, wie essentiell Treue ist, vorallem wenn es darum geht, sich selbst treu zu sein – weil ich erleben durfte, um wieviel wertvoller das Leben ist, wenn man sich selbst wirklich zulässt.

Dieses “Semper Fi” wurde für mich zu einer Art Schlachtruf, ein Kodex der mich durch die letzten drei Jahre getragen hat, auch wenn ich diese lateinische Formulierung noch nicht sooooo lange kenne. Damals war es mehr eine Ahnung, heute eine Gewissheit – nichts auf dieser Welt ist auch nur annähernd so wichtig wie sich selbst treu zu sein.

In gewissen Belangen habe ich das schon immer so gehandhabt, wenn es beispielsweise um Überzeugungen geht, dann stand ich schon immer für meinen Standpunkt ein, liess mich beispielsweise im Rahmen meiner damaligen Greenpeace Aktivitäten beschimpfen und vor Gericht zerren, erduldete beispielsweise auf Eisenbahngeleisen angekettet Schmerzen, nahm in Kauf, dass ich infolge von Leserbriefen Morddrohungen erhielt – aber ich habe nie begriffen, dass meine Loyalität viel mehr als allem Anderen mir selbst hätte gelten müsste – was für ein fataler Kapitalfehler.

Das ist eine der grössten Weisheiten, die ich in meinem Leben erarbeiten konnte, es ist der grösste Schatz, den ich besitze und den ich mit meinen LeserInnen teilen möchte.

Wie oft habe ich von Mitmenschen resignierte Worte gehört im Stil von: das darf man doch nicht machen – was denken dann die Leute über mich – mein Mann mag nicht wenn ich das tue…….. und niemand fragt, wer zum Teufel ist dieses “man” das bestimmt was ich tun darf? Und wie denke ich selbst über mich? Und was möchte ich tun, wer bin ich wirklich und wie lebe ich mich selbst? Ich befürchte, dass die meisten Menschen viel zu oft sich selbst behindern, weil sie nicht fragen, was sie möchten oder brauchen sondern fragen, was Andere von ihnen erwarten.

Natürlich heisst das nicht, dass man nicht auch mal Kompromisse eingehen soll, dass man auf Andere Rücksicht nimmt oder wenn nötig sogar mal eine Maske trägt – solange man sich dabei bewusst ist, dass man sie trägt oder dass man sich hier gerade beschränkt – und solange dieser Zustand nicht Gewohnheit wird.

Selbstverleugnung ist Selbstverhinderung – ist Lebensverweigerung – wie könnten wir mehr versagen in der Aufgabe, unser Leben zu leben als wenn wir etwas Anderes sind als das, was in uns ist und was sich aus unserem Innersten heraus entfalten will? Wie könnten wir den Sinn des Lebens mehr verfehlen als wenn wir unser Selbst einschränken und versuchen so zu sein, wie wir eigentlich gar nicht sind?

Es ist nicht einfach, sich selbst treu zu sein, es kann manchmal wirklich weh tun. Wer für sich selbst kämpft, wird auch verletzt. Wer das nicht tut, erspart sich brutale Kämpfe und schmerzhafte Wunden – aber ich versichere Euch, ich weiss aus Erfahrung – kein Schmerz und keine Verletzung sind so traurig wie der Zustand, wenn man sich selbst verleugnet – es sind schlussendlich ausgerechnet die nicht gekämpften Kämpfe, die uns am meisten verletzen, weil es einer Totalkapitulation vor dem Leben voraussetzt.

Deshalb: Schaut in den Spiegel. blickt Euch tief in die Augen – und tut was ich getan habe, schwört Euch selbst bei Allem was Euch heilig ist die Treue – Semper Fi !!!

….dann weisst du aber auch,
dass du nie ganz das gelebt hast, was du dachtest,
und das ist nicht gut.
Nur das Denken, das wir leben, hat einen Wert.
Du hast gewusst, dass deine ‘erlaubte Welt’ bloss die Hälfte der Welt war,
und du hast versucht, die zweite Hälfte dir zu unterschlagen…..
Es wird dir nicht glücken!
Es glückt keinem, wenn er einmal das Denken angefangen hat.
….Es gibt keine Wirklichkeit als die, die wir in uns haben.
Darum leben die meisten Menschen so unwirklich,
weil sie die Bilder ausserhalb für das Wirkliche halten
und ihre eigene Welt in sich gar nicht zu Wort kommen lassen.

(Hermann Hesse, Demian)

Badewannenpredigt: Verantwortung und Kritikfähigkeit

Hier stehe ich, ich kann nicht anders,
Gott helfe mir, Amen
(Martin Luther)

Über Offenheit und Kritikfähigkeit

Wenn man der Wahrheit und Offenheit verbunden ist, muss man gezwungenermassen auch ab und zu Andere vor den Kopf stossen. So komme auch ich nicht umhin, gelegentlich Standpunkte zu vertreten oder Kritik zu üben, die so Manchen beim Zuhören weh tut, die Angesprochene ärgert. Aber was wären wir für eine Welt, wenn es nicht erlaubt wäre, Kritik zu üben? Es ist meine Pflicht, Ansichten und Taten Anderer zu respektieren, das tue ich auch. Das kann und darf mich aber nicht davon abhalten, Kritik zu üben. Ich bin ja nicht Päpstin, Unfehlbarkeit beanspruche ich nicht, meine Ansicht ist nie eine allgemeingültige und unumstössliche Tatsache, es sind ganz einfach meine persönlichen Gedanken und Wertungen, die ich zum Nachdenken mitgebe.

Die Art wie ich das (beispielsweise gestern) tue, mag den Einen oder Anderen stören, aber ich sah es nie als meine Aufgabe an, leichtverdauliche und weichgespülte Texte zu schreiben. Ich will zum Nachdenken anregen und manchmal auch aufrütteln, das hat es an sich, dass es auch mal weh tun kann.

Wenn ich Kritik übe, dann tue ich das nicht, weil ich Andere verteufeln will, meine Kritik ist Ausdruck meiner Liebe zu meinen Mitmenschen. Ich will damit niemanden verdammen sondern nur “ihre Werke” in Frage stellen. Ich tue das auch im Bewusstsein, dass ich selber tausend Fehler gemacht habe in meinem Leben und noch tausend Fehler vor mir liegen, für die man mich kritisieren darf und soll, damit auch ich dazu lernen kann. Doch gerade das Bewusstsein um meine eigene Fehlbarkeit drängt mich dazu, Missstände aufzuzeigen und falsche Vorstellungen zu korrigieren.

Über Verantwortung

Alles was wir tun, hinterlässt Spuren und formt die Zukunft, es gibt nichts, was wir tun, das nicht Konsequenzen hat. Deshalb laufen die Meisten ja auch nicht durchs Leben wie ein Elefant im Porzellanladen, wir wissen das eigentlich und versuchen es mehr oder weniger zu berücksichtigen. Aber viel zu oft hinterfragen wir zu wenig, urteilen zu vorschnell und lösen damit manchmal sogar eine Lawine aus.

Vorallem jene, die Kinder haben, wissen genau was ich meine. Man gibt einem kleinen Kleinkind weder eine Schere noch ein scharfes Messer zum Spielen, weil man sich der möglichen Konsequenzen bewusst ist. Eltern bekommen ein gutes Gespür für die Konsequenzen ihrer Entscheidungen, sie müssen tagtäglich Dinge entscheiden, deren Fehlentscheid fatalste Folgen haben könnte. Aber so wie es im Grossen ist, ist es auch im Kleinen. Und in so manchen Bereichen scheint es mir, dass Viele sich nicht bewusst sind, mit was für einem Feuer sie gerade spielen, dass beispielsweise dieser harmlos aussehende Wahlzettel Welten verändern oder gar vernichten kann.

Über den Baum der Erkenntnis

Die biblische Geschichte vom Sündenfall und dem Baum der Erkenntnis birgt eine interessante Bildwelt zu diesem Thema. Die Geschichte besagt, dass Adam und Eva den Baum der Erkenntnis fanden, von dort den verbotenen Apfel assen und damit den Hinauswurf aus dem Paradies bewirkten. Abgesehen davon, dass es eine beachtliche Metapher ist zum Thema “Entscheid und Konsequenz”, fasziniert mich vorallem die Frage um den Baum der Erkenntnis. Durch das Essen von diesem Baum gelangte die Menschheit zur Fähigkeit, über gut und böse zu urteilen und zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Diese Fähigkeit ist uns Pflicht geworden, wir dürfen nicht nur eintscheiden sondern müssen das auch und mit dem Entscheid müssen wir auch die Folgen tragen, wir müssen selber Verantwortung übernehmen und besitzen so eine Macht, die nur zu oft mehr Fluch als Segen ist. Die Zeit ist vorbei, in der wir achtlos mit Banenen um uns schmeissen, wir sind in der Lage zu beurteilen, ob wir jemanden verletzen, wenn wir dasselbe mit Steinen tun.

Über die Macht der Demokratie

Wer entscheidet übt Macht aus, wer Macht ausübt übernimmt Verantwortung, wer Verantwortung übernimmt haftet für die Konsquenzen – das gilt mehr denn sonstwo in einer Demokratie, weil Mitbestimmende einer Demokratie über eine ganze Nation entscheiden. Wer sich dieser Verantwortung nicht bewusst ist, ist eine Gefahr für die Zukunft eines Landes, weil er nicht die Sorgfalt walten lässt, die solche Macht verlangen würde. Wenn ich über die Zukunft dieses Landes mitentscheide, dann ist es meine Pflicht, mich ernsthaft damit auseinander zu setzen, die Konsequenzen meines Entscheides genau zu prüfen. Wenn mir dazu die Zeit fehlt, dann sollte ich mich auch aus diesem Entscheidungsprozess raushalten und es denen überlassen, die sich ernsthaft damit beschäftigen können. Bei etwa der Hälfte der Abstimmungen enthalte ich mich aus eben diesen Gründen der Teilnahme – diese Nichtteilnahme ist ein Akt der Demokratie, das ist Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein, das von mir verlangt, nicht über Dinge zu entscheiden über die ich nicht Bescheid weiss. Wer anstelle dessen gedreschten Parolen oder Stammtischsprüchen folgend mitentscheidet, verrät die Demokratie und verrät damit das Land, das er zu vertreten glaubt.

Über Fehlbarkeit und Rechtschaffenheit

Niemand ist unfehlbar, nicht mal der Papst, selbst das liesse sich an vielen Beispielen beweisen. Diesen Anspruch kann und darf man nicht stellen, weder an sich noch an Andere. Jeder Entscheid, sei er noch so gründlich hinterdacht, kann sich als falsch erweisen und kann fatale Folgen haben. So zu irren ist legitim und das darf uns auch nicht von Entscheidungen abhalten. Aber das Bewusstsein um möglichen Irrtum und dessen Konsequenzen nötigt uns einen Respekt ab und erfordert eine Gewissenhaftigkeit. Wer nach reiflicher Überlegung zu einem Entscheid kommt, der sich dann als falsch herausstellt, hat seine Sorgfaltspflicht erfüllt und darf auch dazu stehen, halt leider Gottes einen Fehler begangen zu haben. Und man kann daraus lernen, kann daraus wachsen, all das ist gut und gehört zum Lauf menschlicher Entwicklung und Spiritualität. Aber es wäre eines denkfähigen Menschen unwürdig, die Augen zu verschliessen und so zu tun, als hätten die Konsequenzen des Entscheids nichts mit einem zu tun, das habe ich gestern deutlich genug ausgedrückt.

Ich teile Ihre Meinung nicht,
ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen,
daß Sie Ihre Meinung frei äußern können.
(Voltaire)

Über die Pflicht zum Protest

Doch sowohl das Bewusstsein um die eigene Fehlbarkeit als auch das Respektieren der Fehlbarkeit Anderer darf uns nicht davon abhalten, Kritik zu üben, gegebenenfalls auch mal lautstark und vehement. Wenn ich mich mit etwas vertieft auseinandergesetzt habe und aufgrund meiner Erkenntnisse zu einem klaren Entscheid komme, dann muss ich zwar anders Entscheidende respektieren, muss aber nichtsdestotrotz meinen Standpunkt darlegen und gegebenenfalls lautstark widersprechen. Einer der Grundgedanken der Greenpeace-Bewegung war die von den “Quakern” übernommene Vorstellung, dass man verpflichtet ist, “Zeugnis abzulegen” über das was man weiss oder glaubt. Dieses Zeugnis ablegen geht zurück bis auf Jesus, der seine Predigt nach Jerusalem trug, im Wissen, dass man ihn in Konsequenz dessen töten wird. Er hatte ein Leben lang nicht mit Samthandschuhen gepredigt, er verwendete klare Worte und gewaltige Metaphern um seine Vorstellungen auszudrücken. In dieser Tradition “predige” auch ich – es steht mir fern, Anderen hinterherzurennen und ihnen zu sagen, was sie tun und lassen sollen, das steht mir nicht zu. Meine Aufgabe sehe ich darin, Zeugnis abzulegen über das woran ich glaube und das was ich zu wussen glaube. Wer zuhören will, ist dazu herzlich eingeladen, wer das nicht hören will, darf es lassen. Wer jedoch zuhört, muss auch damit leben können, dass ich keine Rücksicht darauf nehmen darf, ob mein Gesagtes gern gehört wird. Ich stehe ein für meine Überzeugung und ich wünsche mir nichts mehr, als dass Ihr alle das tut, ungeachtet davon, ob Eure Überzeugung mit Meiner übereinstimmt.

Über Kritik als Ausdruck von Liebe

Deshalb sage ich es in aller Klarheit: Wenn ich jemanden von Euch mit meinem Gesagten oder Geschriebenen kritisiere, dann ist das Ausdruck meiner Liebe zu Euch und selbst wenn ich die ganze Nation kollektiv anklage, so ist auch das Ausdruck meiner Liebe zu meinen Landsgenossinnen. So wie ich gegenenfalls bei der Erziehung eines Kindes mal “schimpfen” muss, so muss ich das manchmal auch gegenüber einer Gesellschaftsmehrheit. Ihr alle seid mir zu wichtig, als dass ich schweigen würde, wenn ich zum Schluss komme, dass Ihr manipuliert werdet oder dass sich eine geistige Verrohung breit macht. Wenn Euch das unter Umständen mal verletzt, dann dürft Ihr Euch ungeniert über mich ärgern, so wie ich mich vielleicht auch über Euch geärgert habe. Aber ich wünschte mir, dass uns das nicht davon abhält, einander weiterhin zu schätzen – so werden wir einer Gesellschaft wahrhaft würdig ;-)

Ich fühle mich an nichts von dem gebunden, was ich geschrieben habe.
Ich nehme aber auch kein Wort davon zurück
(Jean Paul Sartre)

Vom Glauben über die Gewissheit zum Wissen

Seit etwa drei Jahrzehnten beschäftige ich mich mit philosophischen und darin eingeschlossen religiösen Fragen, habe eine Unzahl an Büchern aus allen möglichen Bereichen dieser Thematik gelesen, endlose Diskussionen geführt und Kommentare im vierstelligen Bereich geschrieben. In all den Diskussionen erlebte ich immer wieder, wie ich bei Vielen auf Granit biss, weil die offenbar nicht zwischen Glauben und Wissen unterscheiden können oder wollen. Was mir so logisch erscheint, dieser kleine aber feine Unterschied, scheint von Vielen öfters mal verwechselt zu werden. Deshalb möchte ich mich heute etwas darüber auslassen………

Wenn man von etwas ausgeht oder etwas vertritt, dann tut man das entweder, weil man etwas weiss oder man tut es, weil man etwas glaubt. Ganz so schwarz weiss ist es zwar nicht, es gibt verschiedene “Stufen” die ich nachfolgend noch erwähnen möchte, aber im Wesentlichen beschränkt es sich darauf. Wenn wir uns mal ganz ehrlich fragen, was für Dinge es gibt die wir angeblich wissen, würden wir bei genauer Betrachtung schnell feststellen, dass so Manches eine Illusion ist.

Eines Tages werden wir offiziell zugeben müssen,
dass das was wir Realität getauft haben,
eine noch grössere Illusion ist, als die Welt des Traumes

(Salvador Dali)

Erlebtes Wissen

Wir wissen beispielsweise, dass es weh tut, wenn wir den Zeh an der Tischkante anschlagen, wir wissen das, weil wir es erlebt haben, es ist sogar jederzeit reproduzierbar, das ist erlebtes Wissen. Ich weiss beispielsweise, dass ich mit Spitzweggerich oder Huflattich Kräutern festsitzenden Husten behandeln kann, ich hab’s schon viele Male erfolgreich so gemacht. Ich weiss auch, dass gebrochene Knochen wieder zusammenwachsen, auch das habe ich erlebt. Es gibt wohl kein überzeugenderes Wissen für einem selbst als das selber erlebte Wissen – naja mal abgesehen von Psychotikern ;-)

Bewiesenes Wissen

Was man für Kriterien hat um etwas als Erwiesen zu betrachten, dürfte wohl ein Stück weit individuell sein. Aber wenn wir wissenschaftliche Standards nehmen, dann muss etwas vorallem reproduzierbar sein und im Idealfall auch erklärbar (wobei ich Zweiteres als akademische Zwängerei betrachte). Ich kann beispielsweise Fleisch in Salzsäure legen und damit im Versuch beweisen, dass Salzsäure Fleisch zerfrisst. Ich kann auch beweisen, dass zwei mal fünf zehn gibt, indem ich fünf Äpfel in einen Korb lege und nochmal fünf reinlege und dann alle zähle. Oder ich kann einen DNA-Test machen und weiss dann mit Bestimmtheit, ob ein Kind meins ist oder nicht. Und ich kann die Schwerkraft beweisen indem ich soviele Bügeleisen in die Luft werfe wie ich will, sie werden alle wieder runterkommen und spätestens wenn mir eins auf die Birne knallt, wird es sogar gleich auch noch erlebtes Wissen ;-)

Scheinbares Wissen

Aber auch wenn ich nochsoviel darüber gelesen habe und mir noch so sicher bin, dass ein Klimawandel stattfindet und dass der menschgemacht ist, so weiss ich es doch nicht, niemand weiss es mit Bestimmtheit. Genausowenig weiss ich, ob Gott existiert, auch wenn ich mir da noch so sicher bin und genauso weiss ein Atheist nicht, ob es keinen Gott gibt, Beide glauben, die Einen an die Existenz eines Göttlichen, die Anderen an die Nichtexistenz dessen.

Glauben als Ursprung des Wissens

Dem meisten Wissen ging einst Glauben voraus. Man beobachtet etwas, glaubt dahinter eine Erklärung zu sehen und beginnt dieser Frage nachzugehen, würde man nicht daran glauben, würde man schon gar nicht versuchen es zu beweisen. Im Idealfall kann man diese Vermutung, an die man irgendwann zu glauben begann, nachweisen oder man kann sie erfahren – manchmal auch nicht. Glauben steht nicht im Widerspruch zum Wissen – Glauben ist oft der Ursprung des Wissens. Würden wir nicht glauben sondern nur wissen, dann würden wir heute noch auf Bäumen sitzen und mit Bananen um uns werfen. Wir haben die Fähigkeit uns etwas vorzustellen, bevor wir es bewiesen haben, dieser visionäre Geist hat uns zu dem schlauen Affen gemacht, der wir heute sind.

Wir glauben mehr als wir wissen

So gibt es unzählige Dinge, die wir wissen, die wir vielleicht sogar im Labor nachweisen können oder sonstwelche Beweise finden. Aber die Zahl der Dinge, die wir ohne unumstössliches Wissen glauben, dürfte einiges grösser sein. Wie sicher sind wir uns doch beispielsweise, dass wir die “Normalen” sind und Autisten eine psychische Störung haben? Aber gerade hochfunktionale Autisten (Asperger) sind uns in gewissen Bereichen meilenweit überlegen, vielleicht sind sie ja die nächste Stufe der Evolution? Wir glauben so sicher zu sein in solchen Fragen, aber wissen wir das wirklich?

Wer behauptet beispielsweise nicht zu wissen, dass der/die Lebenspartner/in einem liebt? Aber woher in aller Welt wollen wir das wissen? Überhaupt nichts wissen wir, woher denn auch, wie wollte man das beweisen? Wir glauben, dass wir geliebt werden, wir glauben es so sehr, dass wir uns absolut sicher sind – und doch wissen wir es nicht wirklich. Warum sonst reden wir von Vertrauen wenn es um Beziehungen geht, warum gibt es Eifersucht, warum Ent-Täuschungen?

Die Gewissheit

Und damit landen wir bei den Zwischenstufen, denn es gibt etwas, was mir sehr wertvoll erscheint, ich nenne es “Gewissheit”. Gewissheit bedeutet nach meinem Verständnis in etwa, dass ich etwas glaube und mir dabei so sicher bin, dass dieser Glaube von einer ähnlichen Festigkeit ist als wäre es Wissen. In der Liebe erlebt man genau das, man weiss zwar nicht, ob man geliebt wird, aber man erlebt es so intensiv, dass man mit der Zeit seine Hand ins Feuer legen würde dafür – aller Nichtbeweisbarkeit zum Trotz. Wenn mir meine Süsse in die Augen schaut und mich anlächelt, dann finde ich in ihrem Blick soviel Liebe, dass ich ihre Liebe mit meinem ganzen Sein erfahren kann und bis in jede Zelle spüre. Ich weiss auch dann nichts, aber ich habe nichtsdestotrotz die “absolute Gewissheit”, eine Gewissheit die so gewichtig ist, dass sie für mich mehr in Stein gemeisselt ist als wenn tausend wissenschaftliche Studien mir ihre Liebe beweisen würden.

Das geglaubte Wissen

Während die Gewissheit den Glauben fast zum Wissen macht, gibt es wiederum Wissen, das eigentlich keines ist resp. delegiertes Wissen, nennen wir es mal “geglaubtes Wissen”. Diese Form des Wissens dürfte einen wesentlichen Teil dessen ausmachen, von dem wir glauben zu Wissen, ohne zu wissen dass wir glauben – hach ich mag so Wortpirouetten, da kriegt man n’Knoten im Gehirn, aber das ist gesund, echt :-)

Wenn ich beispielsweise ein schlaues Buch lese oder mir ein Experte auf einem Gebiet etwas erklärt, dann gehe ich anschliessend davon aus, dass ich das worüber er mich aufgeklärt hat nun weiss. Aber eigentlich ist das Quatsch, ich weiss gar nichts, ich glaube einfach jemandem, der behauptet zu Wissen. Der kann mehr oder weniger glaubwürdig sein, aber es bleibt mir nichts Anderes als ihm zu glauben. Auch da kann Glaube zur Gewissheit werden, ist aber genausowenig wirkliches Wissen. Ob er sich geirrt hat oder mich ganz einfach verarscht, kann ich nicht beurteilen.

Ich weiss eben nicht, ob die Eidgenossen wirklich bei Moorgarten gekämpft haben, ich war ja nicht da und kenne niemanden der da war, ich glaube lediglich, dass in diesem Geschichtsbuch die Wahrheit steht (was schon närrisch genug ist). Ich weiss auch nicht, ob die Natur wirklich so bedroht ist, aber ich glaube der Vielzahl an Umweltschutzorganisationen und Studien so sehr, dass es mir zur Gewissheit wurde – es bleibt jedoch eine Glaubensfrage, solange bis wir hier alle ersaufen oder verdursten oder verglühen oder was weiss ich.

Fallbeispiel – Das Kind und die Herdplatte

  1. Wenn ein Kind nichts von einer Herdplatte weiss und beim Anschauen denkt, ui das ist heiss, das könnte weh tun wenn ich es anfasse, dann ist das Glauben.
  2. Wenn ich dem Kind erkläre, dass es sich die Pfoten verbrennt, wenn es die Platte anfasst, dann hat dieses Kind zwar die richtige Information, ist somit im Besitz der Wahrheit, aber es weiss es nachwievor nicht wirklich, es glaubt mir einfach – oder es glaubt mir nicht, worauf es dann wohl schnell zu unfreiwilligem Wissen gelangt.
  3. Wenn das Kind vielleicht jemandem zuschaut, der sich den Finger daran verbrennt, dann dürfte dieses Glauben zur Gewissheit werden, es wird vermutlich genug beeindruckt sein um sich sicher zu sein, dass das weh tut. Aber es weiss es nicht mit Bestimmtheit, vielleicht war die angebliche Verletzung ja eine Täuschung?
  4. Wenn das Kind die Herdplatte angefasst hat, egal ob ich ihm das Wissen um den resultierenden Schmerz übergeben habe, dann wird es wirklich wissen, dass es weh tut. Das ist dann echtes erlebtes Wissen.
  5. Und wenn es ein Erwachsener ist, kann ich vielleicht die Temperatur der Platte messen und mit einem Experiment nachweisen, dass Fleisch bei dieser Temperatur verbrennt, das wäre dann erwiesenes Wissen.
  6. Letztendlich kann es auch geschehen, dass das Kind eine kalte Herdplatte anfasst und daraus schliesst, sie es würde nicht weh tun, das dürfte dann Fehlwissen sein, das scheitert dann früher oder später an der Reproduzierbarkeit ;-)

Fallbeispiel Homöopathie

Eins der ulkigsten Beispiele in dieser Frage ist Homöopathie. Hömöopathie widerspricht jeglicher wissenschaftlichen Logik. Die Behauptung, dass etwas mehr wirkt, je weniger drin ist, spottet unserem Verstand und bringt Wissenschaftler zur Raserei. Homöopathie lässt sich zumindest bisher nicht unter wissenschaftlichen Kriterien nachweisen, geschweige denn vernünftig erklären. Und doch gibt es Unzählige, bei denen homöopathische Mittel geholfen haben. Mediziner werden jetzt händefuchtelnd einwänden, dass das nur der Placebo-Effekt war, also eingebildete Heilung. Aber Placebo bedeutet, dass eine Art Selbstheilung stattgefunden hat, die darauf fusst, dass man an eine von aussen zugeführte Heilwirkung glaubt. Man glaubt, jemand würde einem heilen und das reicht aus, damit sich der Körper selber heilt. Nun, nichts Anderes nimmt Homöopathie für sich in Anspruch. Kein Homöopath behauptet, dass das Mittel selber heilt, es gibt nur Impulse, die das Immunsystem zu einer Reaktion provozieren. Interessanterweise weiss man unterdessen, dass auch ein Grossteil der schulmedizinischen Erfolge auf diesem Effekt beruht, Placebo ist also keine Illusion sondern eine nützliches Phänomen. Ich persönlich glaube nicht an Homöopathie, geschweige denn, dass ich es verstehe, ganz im Gegenteil, ich halte die dahinterliegende Erklärung für völlig abstrus. Aber ich habe früher genug erlebt mit dieser Medizinform, dass ich längst die Gewissheit habe, dass diese Mittel eine Heilwirkung auslösen können. Die Wissenschaft gibt sich da bockig, sie sagen, wir können es nicht erklären, wir können in diesen Mitteln keine Inhaltsstoffe nachweisen, also kann es nicht sein, mögen nochsoviele Leute davon geheilt werden. Die Homöopathen geben sich nicht weniger bockig, aber das wäre dann mal ein anderes Thema. Ich für meinen Teil bin da pragmatisch, ich weiss, dass ich nicht weiss, ob es wirklich hilft, bin also entsprechend vorsichtig und würde mich nie allein darauf verlassen. Meine Lebenserfahrung erlaubt mir aber, trotz meiner Skepsis ein wenig daran zu glauben und es unter gewissen Umständen zu nutzen. Wenn es hilft, ist das gut so, wenn es nicht hilft…….. naja, ich glaub ja dann auch noch an die Heilwirkung von Antibiotika und Konsorten ;-)

Glauben entgegen besseren Wissens

Es gibt nur eine qualitative Unterscheidung, die wirklich relevant ist und das ist die Unwürdigkeit dessen, was ich “Glauben entgegen besseren Wissens” nenne oder auch gerne als “Faktenresistenz” tituliere. Irgendwo habe ich mal sinngemäss geschrieben, es ist ok, sich zu irren und es ist ok Fehler zu machen. Aber es ist nicht in Ordnung, wenn man wider besseren Wissens an einem Irrtum oder Fehler anhaftet, das ist dann wirklich die Totalkapitulation des Geistes. Wenn also beispielsweise wie schon erlebt christliche Fundamentalisten die Existenz von Dinosauriern leugnen, weil das einfach nicht sein kann, weil ja in der Bibel nichts von denen steht und die Erde gemäss Bibel 6000 Jahre alt ist, dann kann man das nur noch als glaubenstechnische Hirnamputation bezeichnen. Das Ignorieren von Fakten (wie beispielsweise seitens gewisser Psychologiegläubigen oder sonstigen religiösen Fundamentalisten) ist das einzige, was eines denkenden Menschen wirklich unwürdig ist, alles Andere hat seine Berechtigung und trägt dazu bei – naja, eben Affen, Bananen, Ihr wisst schon ;-)

Schlussbilanz

Zusammengefasst könnte man also sagen: Es gibt Glauben, Gewissheit, geglaubtes Wissen, bewiesenes Wissen und erlebtes Wissen. Ich bin nicht der Ansicht, dass es hier ein richtig und falsch gibt, es ist im Wesentlichen auch keine qualitative Frage. Jeder dieser Glaubens/Wissensbereiche hat seine Berechtigung, erst alle zusammen machen uns vollkommen und so Manches bedingt das Andere. Wichtig scheint mir jedoch die Unterscheidung, dass man sich im Klaren ist, wo man sich wirklich unumstösslich sicher ist und wo man sich auf dünnem Eis bewegt.

Wenn wir uns dessen bewusst sind, sind wir vielleicht etwas zurückhaltender mit Rechthaberei oder Intoleranz. Und das bringt uns in die vorzügliche Lage, dass wir immer wieder dazuzulernen können und immer wieder das, was wir zu Wissen glaubten, eintauschen können in etwas, das wir dann tatsächlich wissen.

Wir sind gut beraten, wenn wir etwas mehr von diesem sokratischen Geist in uns aufleuchten lassen, der sinngemäss sagte: Ich weiss nur, dass ich nicht weiss :-)

Wenn unser Geist leer ist, ist er für alles bereit.
Im Anfänger-Geist liegen viele Möglichkeiten,
in dem des Experten wenige.

(Shunryu Suzuki)

Badewannenpredigt: Freiheit, Vernunft und Gerechtigkeit

Letztes Wochenende habe ich ja eine neue Serie gestartet namens “Gedanken auis der Badewanne“. Idee dahinter war, dass ich oft unter der Woche zu müde bin um zu bloggen und sich so Gedanken ansammeln, die dann meist in meiner sonntäglichen Badewannenmuse wieder auftauchen und da ich am Sonntag meist die Ruhe geniesse, habe ich dann Zeit, diese Gedanken einzusammeln und in Worte zu kleiden.

Heute beginne ich eine weitere Serie, ich nenne sie “Badewannenpredigt”. Grundidee davon ist, dass ich eben oft am Sonntag eher in Gedanken schwelge und dabei manchmal philosophische oder religiöse Gedankengänge mache, die dann meist in der Badewanne zur Vollendung finden. Diese Beiträge erheben in der Regel nicht den Anspruch auf Vollständigkeit, sie wollen keine Antworten geben sondern eher Fragen aufwerfen – damit möchte ich Euch dazu motivieren, selber ein warmes Bad zu nehmen und dort diese Gedanken weitertreiben zu lassen.

Erste Badewannenpredigt: Drei Aspekte, ein Ziel

Diese Woche gab es drei Aspekte, die in diesen Beitrag einfliessen. Das Erste war das Treffen mit Claudia, das mich darüber nachdenken liess, wieviel Freiheit wir uns zugestehen resp. wieviel unserer Freiheit wir aufgeben, nur weil sie irgend jemandem nicht in den Kram passen könnten. Das Zweite war wie immer der alltägliche politische und gesellschaftliche Irrsinn, der einem aus Zeitungsblättern entgegenstarrt und einem daran zweifeln lässt, dass der Mensch je Vernunft gelernt hätte. Das Dritte war der Auslöser für diesen Beitrag, es war eine TV-Sendung “Sternstunde Philosophie” mit der ich meist meinen sonntäglichen Ruhetag beginne, diesmal über Immanuel Kant und seine Kritik an der praktischen Vernunft. Diese drei Gedanken sind ein guter Badewannenzusatz, darin lässt sich prima schwimmen…….

Die Freiheit des Menschen

Kant, Claudia und ich dürften uns einig sein, dass es kaum etwas Elementareres gibt im Menschsein als das Recht, ja gar die Pflicht, ein freier Mensch zu sein, selbstbestimmend sein Leben zu gestalten und wie ich es gerne zu sagen pflege, der Spur des eigenen Herzens zu folgen und sein Innerstes zu entfalten.

Gerade für stigmatisierte Wesensarten wie transsexuelle Menschen wird das zu einer ungeheuren Herausforderung, denn wenn ich der Spur meines Herzens folge und meine Freiheit des Ichseins beanspruche, löse ich damit nicht nur grosse Irritationen aus sondern belaste so Manche die mir lieb sind, mehr als mir lieb ist. Der Grundsatz einer “ethischen Freiheit” besagt, dass alle so frei sind, dass sie tun können was sie wollen, solange sie damit nicht die Freiheit Anderer einschränken.

In unserem Fall ist das nicht ganz so einfach, weil beispielsweise meine Freiheit des Ichseins ein Stück weit die Freiheit meines Kindes einschränkt, das sich plötzlich nicht mehr getraut zu mir zu stehen, weil es andernfalls von ihrem Umfeld gemobbt würde.

Aber das ethische Verbrechen wird nicht durch meinen Freiheitsanspruch begangen sondern durch eine Gesellschaft, die nicht diesem Grundsatz folgt. Müsste ich nun auf meine Freiheit verzichten, weil durch meine Freiheit die Freiheit Anderer beeinträchtigt würde durch eine freiheitsfeindliche Gesellschaft? Oder müsste ich nicht gerade deshalb meine Freiheit beanspruchen, ja geradezu zur Schau stellen, um der Welt ein Mahnmal zu sein das sie erinnert, dass die Freiheit des Seins doch möglich ist?

Eine grosse Herausforderung ist die Inanspruchnahme der persönlichen Freiheit jedoch für alle Menschen. Wie oft tun wir nicht was wir wollen, weil wir uns Gedanken machen im Stil von “das kann ich doch nicht, was denken dann…..”. Natürlich ist es unabdingbar, dass wir uns die Folgen unserer beanspruchten Freiheit im Klaren sind und prüfen, ob wir damit jemandem schaden. Aber es spottet dem Wort “Individuum”, wenn wir unsere Freiheit einschränken, nur weil wir denken, es könnte irgend jemanden stören oder es würde unser Ansehen beeinträchtigen.

Die Verpflichtung zur eigenen Entscheidung

Ich habe Kant bisher noch nicht gelesen, werde das in den nächsten Wochen nachholen, insofern bewege ich mich jetzt auf dünnem Eis, wenn ich über Kants Gedanken zur Vernunft auslasse. Aber das was in dieser TV-Sendung aufleuchtete, scheint mir interessant genug zu sein um es hier einfliessen zu lassen, mit dem Risiko, dass ich ihn missverstanden habe. Die Sendung erweckte in mir den Eindruck, dass Kant nebst dem Recht auf Freiheit vorallem eines forderte, dass der Mensch seine eigene Vernunft walten lässt. Ich nehme mal allein das auf um mir weitere Gedanken zu machen.

Wenn wir uns für oder gegen etwas entscheiden, tun wir das aufgrund irgendwelcher Überlegungen und Überzeugungen, doch woher stammen die Kriterien, mittels derer wir uns entscheiden? Ein Blick in die Medien und noch mehr in die Kommentarspalten lässt mich immer wieder erstaunen, mit welcher Selbstverständlichkeit vernunftbegabte Menschen Dinge tun oder über Dinge schreiben, in einer Art, die dem Wort “Vernunft” spottet. Und oft frage ich mich, wessen Geistes Kind solche Gedanken und Taten sind und meist bleibe ich ratlos, die Frage unbeantwortet. Viel zu oft, scheint es mir, entscheiden sich Menschen aufgrund einer “Wahrheit”, die sie nicht selber ergründet haben, sie plappern einfach etwas nach was ihnen als Wahrheit verkauft wurde.

Ethische und moralische Grundsätze müssen erarbeitet werden, das muss jeder für sich ein Stück weit tun. Wer anstelledessen nur Grundsätze nachbetet die ihm vorgebetet wurden, der vernachlässigt die eigene Begabung zur Vernunft und macht sich so zum Spielball für Andere. Es erstaunt mich immer wieder bei Abstimmungen, dass eine Plakatschwemme in Millionenhöhe meist reicht um die Volksmeinung zu kippen. Und es schockiert mich immer wieder zu erleben, wie vermeintlich vernunftbegabte Menschen beispielsweise wie vor ein paar Jahren eine Unternehmenssteuerreform gutheissen, die ein paar Milliarden von unserem Geld in die Wirtschaft pumpt – und gleichzeitig eine IV-Revision durchwinkt, die invaliden Menschen, also den Schwächsten dieser Gesellschaft, das Wenige reduzieren das sie haben. Was für eine Vernunft, was für eine Ethik oder was für eine Moral lässt uns so entscheiden? Wer von all denen, die das gutgeheissen hat, hat sich wirklich ernsthaft darüber Gedanken gemacht und hat sich gesagt: “Wir wollen die Wirtschaft stützen, aber das kostet Geld, also nehmen wir das Geld der Invaliden und hoffen, dass wir damit unseren gesamtgesellschaftlichen Lebensstandard verbessern können”? Ich glaube und hoffe, dass nur Wenige so dreist sind, die Meisten haben einfach vergessen, ihre eigene Vernunft anzufragen zu diesem Entscheid, sie liessen sich willig einlullen durch eine Kampagne der sogenannt “bürgerlichen Politiker”. Aber wozu braucht der Mensch denn überhaupt eine Vernunft, wenn er das Denken an Plakatwände delegiert?

Die Verantwortung des Einzelnen

Weder das Recht auf persönliche Freiheit eines Individuums noch die Pflicht zur Inanspruchnahme der eigenen Vernunft kann delegiert werden. Es liegt in unserer eigenen Verantwortung, herauszufinden was wir wollen und brauchen und Wege zu finden uns diese Freiheit zu nehmen. Und es liegt genauso in unserer eigenen Verantwortung, ethische und moralische Werte selber aufzustellen, uns selber Gedanken zu machen und Dinge selber rational zu bewerten.

Wer seine Freiheit oder seine Vernunft delegiert, delegiert sein Leben und gibt damit seine Selbstbestimmung auf. Das wäre an sich eine persönliche Sache, wenn sich jemand zum Sklaven berufen fühlt, soll er das tun dürfen. Problematisch ist es, wenn ein Mehrheitskollektiv so mit ihrem Leben verfährt, denn daraus resultiert eine Nation von Marionetten, die von ein paar Mächtigen gesteuert wird. Und das wiederum ist ein Armutszeugnis für eine Spezies, die nicht nur die Fähigkeit zur Vernunft hätte sondern auch das Recht auf Freiheit – so zelebriert man die Kapitulation vor dem Menschsein.

So und jetzt, Leute, ab in die Badewanne mit Euch ;-)

Sternstunde Philosophie vom 16.10.2011

Der 100. internationale Frauentag

Heute ist der hundertste internationale Frauentag, zum ersten Mal gehöre ich offiziell dazu, Grund genug mir mal darüber Gedanken zu machen. Schliesslich war ich verrückt genug, meine patriarchats-bedingten Vorteile abzugeben, nun befürworte ich erstmals die Gleichberechtigung nicht mehr aus ideologischen sondern aus persönlichen Gründen. Klar, wir Mädels haben viel erreicht in den letzten hundert Jahren, sogar in der Schweiz dürfen wir seit einigen Jahrzehnten selber abstimmen, Wahnsinn was? Aber es gibt immer noch genug Aspekte des Lebens, in denen wir Frauen im Nachteil sind, über diese wollen wir uns heute mal ein paar Gedanken machen.

Lohngleichheit
Das Bundesamt für Statistik belegt, dass Lohnunterschiede zwischen den Geschlechtern nachwievor aktuell sind, auch wenn diesbezüglich einiges besser wurde. Noch immer gibt es bei gleicher Anstellung um die 20% weniger Lohn für Frauen, vorallem in höheren Stellungen wird der Unterschied markanter. Ausserdem haben Frauen, die eine familienbedingte “Auszeit” hatten, kaum noch Chancen, in ihrem alten Berufsfeld Fuss zu fassen. Da gäbe es meines Erachtens noch eines zu verbessern.

Frauen in Führungspositionen
Wie beim Bundesamt für Statistik nachzulesen ist, sind Frauen je nach Region zwischen 10 und 20% in Führungspositionen vertreten. Dies ist nicht nur für Frauen unerfreulich sondern auch rational nicht nachvollziehbar, wenn man die 4 McKinsey Studien liest, in denen klargestellt wird, dass eine bessere Vertretung von Frauen in Führungsschichten die ganze Firma erfolgreicher macht, weil Frauen nunmal anders ticken und eine grosse Bereicherung wären für Firmenleitungen. Solange wir nicht 50% der Führungspositionen belegen, ist unsere Wirtschaft ganz einfach nicht optimal, es wäre als im Interesse aller, dass wir da endlich eine vernünftige Durchmischung hätten.

Frauen in der Politik
Ebenfalls beim Bundesamt für Statistik ist nachzulesen, wie schlecht vertreten Frauen hierzulande in der Poltiik sind. Seit Kurzem haben wir Frauen zwar erstmals in der Geschichte eine Mehrheit im Bundesrat, aber ansonsten sieht es übel aus, im Ständerat sind wir mit 22% vertreten und im Nationalrat mit fast 30% auf einem bisherigen Höchststand. Wenn man die Zahlen beim BfS genauer anschaut, sieht man, dass der Frauenanteil in der Politik stetig am zunehmen ist, wir sind also auf einem guten Weg, aber noch lange nicht am Ziel. Denn in der Politik gilt wie in der Wirtschaft, eine gute Durchmischung erweitert den Horizont, nur gemeinsam können wir zur vollen Stärke auftrumpfen. Zu Denken geben müsste uns, dass wir gemäss 20-Minuten den Stand eines Drittweltlandes haben:
Vormarsch der Frauen weit hinten

Frauenanteil der Parteien
Spannend ist in derselben Statistik der Frauenanteil der einzelnen Parteien. Während die SP bereits über 40% Frauenanteil im Nationalrat hat und die CVP auch schon auf 38% ist, sind es bei der Wirtschaftspartei FDP grad mal knapp 20% und bei der sogenannten Volkspartei SVP nur noch knapp lausige 13%. Scheinbar versteht die SVP unter Volk nicht das ganze Volk, Frauen gehören in diesen Kreisen offenbar nachwievor an den Herd. Und doch ist es erfreulich, wenn man sieht, dass von 1971 bis heute der Frauenanteil von 5% auf fast 30% angestiegen ist.

Frauen als Opfer von Sexualdelikten
Während wir in obigen Themen doch auf einem guten Weg sind, sieht es beim hässlichsten Kapitel der Frauengeschichte übel aus. Allein in der Schweiz wurde beispielsweise 2007 jeder dritte Tag eine Frau vergewaltigt und ein Viertel der Täter kam nicht mal ins Gefängnis – im Jahr 2009 stieg die Zahl auf 666 Vergewaltigungen und ich persönlich bin überzeugt, dass die Dunkelziffer ein Vielfaches davon ist. Der Fall Kachelmann zeigte in drastischer Weise, was ein Opfer alles über sich ergehen lassen muss. Oft steht es Aussage gegen Aussage und selbst wenn der Fall klar ist, kommt ein Ersttäter in der Regel mit einer bedingten Haftstrafe davon. Solange Täter davon ausgehen können, dass ihre Tat vermutlich eh nicht bewiesen werden kann und dass sie selbst im Fall einer Verurteilung mit einem blauen Auge davon kommen, haben wir hier keine Abschreckung, eine Vergewaltigung bleibt nachwievor ein Kavaliersdelikt. Es stellt sich mir die Frage, warum Männer so etwas tun. Auffällig ist, dass auf der ganzen Welt eine enorme Zunahme von Vergewaltigungen verzeichnet werden, sobald ein Land zu einem rechtsfreien Raum wird, in der Regel durch Bürgerkriege. Dann wird Vergewaltigung plötzlich zur Normalität oder gar zur kriegerischen Waffe. Man bekommt den Eindruck, als ob überraschend viele Männer ein Sexualdelikt verüben würden, wenn sie dürften, anders lässt sich dies nicht erklären. Umso mehr muss die Gesellschaft noch deutlicher machen, dass Männer das eben nicht dürfen, andernfalls dürfen wir uns nicht darüber wundern, dass Sexualdelikte in der jüngsten Generation massiv am zunehmen sind. Aber solange auch Gerichte mehrheitlich von Männern geführt werden und die Politik ebenfalls mehrheitlich in Männerhänden liegt, wird es wohl so weiter gehen und die Zahl der Opfer wird täglich höher. Traurig, aber wahr – auch am 100. internationalen Frauentag.

Frauen und Selbstverantwortung
Aber es reicht eben nicht, wenn wir Frauen nur ständig jammern über fehlende Gleichberechtigung. Wir haben das Stimmrecht, das ist echt kein Gerücht, das ist wirklich so. Und es reicht eben nicht, wenn wir uns über das Recht freuen, wir müssen es auch ausüben. Und das gilt auch für alle anderen obgenannten Themen, wir dürfen politische Ämter bekleiden und Firmen leiten, aber wir müssen’s auch tun, von alleine werden wir nicht dahin getragen. Also Mädels, stellt Euch zur Verfügung für politische Ämter, bewerbt Euch für Führungspositionen und diejenigen, die all das nicht tun können oder wollen……. unterstützt unsere Mädels wenigstens in den Firmen und bei den Wahlen. Wir haben es in der Hand – wir müssen’s nur in die Hand nehmen – oder so ;-)

Und wer noch mehr über den Frauentag lesen möchte, kann sich hier bei der Mädchenmannschaft reichlich bedienen:
Pamphlete und Patriarchatskritik – Lesestoff zum Hundertsten!

Klartext: “Wir sind Helden” sind im Bild

Bisher war die Band “Wir sind Helden” mehr vom Namen her ein Begriff, aber seit heute sind sie für mich wahre Helden, weil sie vorzeigten, was gelebte Ethik ist. Und das kam so…….

Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument – nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund,
sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.
(Wir sind Helden)

Ihr kennt ja Bild (oder in der Schweiz Blick), dieses Boulevard-Blatt, das jahrein jahraus billige Polemik für den dummen Menschen produziert. Sie fallen vorallem dadurch auf, dass sie null Information mit viel Dreck, Kot und anderen Ausscheidungen produzieren, sie führen Kampagnen-Journalismus, bei dem man irgend eine grad unbeliebte Person, Minderheit oder sonstige “Randständige” ins Visier nimmt und mit allem auf sie ballert, was nicht angebunden ist. Deppen-Journalismus sozusagen, von Idioten, für Idioten. Bild, Blick und Konsorten zeichnen sich dadurch aus, dss sie mit entwürdigenden, beleidigenden oder sonstwie unter die Gürtellinie zielenden Schlagzeilen im Stil von “Transe aus dem Fenster gefallen” Aufmerksamkeit des gewöhnlichen Strassenkleffers (Homo Bellikus) erregen, um dann mit möglichst kurzem Text und möglichst noch weniger Inhalt möglichst viel Volksverhetzung zu betreiben. Idealerweise macht man sich mit despektierlichem Ton über das auserwählte Journalistenopfer her, versucht diese Person oder Volksgruppe möglichst lächerlich zu machen, damit der dumme Leser ganz doll mitlachen kann – wir sind ja ein einig Volk von Umunsbeissenden.

Weil der dumme Mensch braucht sowas, er will sich ja von der Tragik seines eigenen Daseins ablenken und da braucht es einen Zerrspiegel, der ihm seine eigene Dümmlichkeit verzerrt auf Andere projeziert – deshalb muss man auch die Bild-Opfer möglichst verhöhnen und niedermachen, das tut dem einfachen Leser gut – Psychohygiene für Kleingeistige sozusagen. Und damit verdienen sich diese Schundblätter – in Analogie zum Leser – dumm und dämlich. Und so werden sie zu den meistgelesenen Blättern, weil sie so ja irgendwie die Mehrheit füttern. Nein, nicht füttern, mästen, denn mit weiterem Gift aus der Bild-Spritze wird ihr gehässiges und intolerantes Kläffer-Hirn mit noch mehr geistigem Durchfall gefüttert, bis es platzt.

Und hier braucht es Helden, wie “Wir sind Helden”, die sich diesen Brandstiftern öffentlich entgegen stellen und ihnen mal so kräftig die Hosen runterlassen. Die Werbeagentur “Jung von Matt”, die auch für die Hetzschrift “Bild” die Werbetrommel rührt, hat seit einiger Zeit eine Kampagne, in der irgendwelche Promis oder Normalsterbliche ein Statement abgeben über Bild. Wir sind für alle da, wollen sie uns damit sagen – und merken nicht, dass sie uns damit eigentlich beleidigen. Jedenfalls hat diese Agentur nun die Band “Wir sind Helden” angefragt, ob sie sich auch für die Bildleser zum Affen machen lassen, es sollte sogar für einen guten Zweck sein, joh klaaaahhhr. Die Antwort, die diese Band der Agentur zurück geschickt und auf ihrer Website veröffentlicht habt, ist wirklich ein Wink mit dem Zaunpfahl und in meinen Augen ein glorreiches Bekenntnis für mehr Ethik in der Medienwelt. Die Anfrage der Agentur samt Antwort der Band ist momentan hier zu lesen. Die Antwort selbst kann nicht oft genug wiederholt werden, deshalb dupliziere ich diesen Text hierhin – sozusagen, ganz im guttenberg’schen Sinne, als Plagiat mit Quellenangabe ;-)

Liebe Werbeagentur Jung von Matt,

bzgl. Eurer Anfrage, ob wir bei der aktuellen Bild -​Kampagne mitmachen wollen:

Ich glaub, es hackt.

Die laufende Plakat-​Aktion der Bild-​Zeitung mit sogenannten Testimonials, also irgendwelchem kommentierendem Geseiere (Auch kritischem! Hört, hört!) von sogenannten Prominenten (auch Kritischen! Oho!) ist das Perfideste, was mir seit langer Zeit untergekommen ist. Will heißen: nach Euren Maßstäben sicher eine gelungene Aktion.

Selten hat eine Werbekampagne so geschickt mit der Dummheit auf allen Seiten gespielt. Da sind auf der einen Seite die Promis, die sich denken: Hmm, die Bildzeitung, mal ehrlich, das lesen schon wahnsinnig viele Leute, das wär schon schick… Aber irgendwie geht das eigentlich nicht, ne, weil ist ja irgendwie unter meinem Niveau/evil/zu sichtbar berechnend… Und dann kommt ihr, liebe Agentur, und baut diesen armen gespaltenen Prominenten eine Brücke, eine wackelige, glitschige, aber hey, was soll’s, auf der anderen Seite liegt, sagen wir mal, eine Tüte Gummibärchen. Ihr sagt jenen Promis: wisst ihr was, ihr kriegt einfach kein Geld! Wir spenden einfach ein bisschen Kohle in eurem Namen, dann passt das schon, weil, wer spendet, der kann kein Ego haben, verstehste? Und außerdem, pass auf, jetzt kommt’s: ihr könnt sagen, WAS IHR WOLLT!

Und dann denken sich diese Promis, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, irgendeine pseudo -​distanziertes Gewäsch aus, irgendwas “total Spitzfindiges”, oder Clever-​ Unverbindliches, oder Überhebliches, oder… Und glauben, so kämen sie aus der Nummer raus, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Und haben trotzdem unheimlich viele saudumme Menschen erreicht! Hurra.

Auf der anderen Seite, das erklärt sich von selbst, der Rezipient, der saudumme, der sich denkt: Mensch, diese Bild -​Zeitung, die traut sich was.

Und, die dritte Seite: Ihr, liebe jungdynamische Menschen, die ihr, zumindest in einem sehr spezialisierten Teil eures Gehirns, genau wisst, was ihr tut. Außer vielleicht, wenn ihr auf die Idee kommt, “Wir sind Helden” für die Kampagne anzufragen, weil, mal ehrlich, das wäre doch total lustig, wenn ausgerechnet die…

Das Problem dabei: ich hab wahrscheinlich mit der Hälfte von euch studiert, und ich weiß, dass ihr im ersten Semester lernt, dass das Medium die Botschaft ist. Oder, noch mal anders gesagt, dass es kein “Gutes im Schlechten” gibt. Das heißt: ich weiß, dass ihr wisst, und ich weiß, dass ihr drauf scheißt.

Die BILD -​Zeitung ist kein augenzwinkernd zu betrachtendes Trash-​Kulturgut und kein harmloses “Guilty Pleasure” für wohlfrisierte Aufstreber, keine witzige soziale Referenz und kein Lifestyle-​Zitat. Und schon gar nicht ist die Bild -​Zeitung das, als was ihr sie verkaufen wollt: Hassgeliebtes, aber weitestgehend harmloses Inventar eines eigentlich viel schlaueren Deutschlands.

Die Bildzeitung ist ein gefährliches politisches Instrument — nicht nur ein stark vergrößerndes Fernrohr in den Abgrund, sondern ein bösartiges Wesen, das Deutschland nicht beschreibt, sondern macht. Mit einer Agenda.

In der Gefahr, dass ich mich wiederhole: ich glaub es hackt.

Mit höflichen Grüßen,
Judith Holofernes

Selbstbestimmtes Leben und Sterben

Die letzten Tage skandalisierte die Boulevard-Presse die bevorstehende Dok-Sendung von SF-DRS mit dem Titel “Tod nach Plan“, die den Suizid eines psychisch kranken Menschen begleitete. Genauso eifrig skandalisierten Kommentarschreiber in ebendiesen Blättern und Foren, man demonstrierte Empörung über diesen Tabu-Bruch. Man darf doch so einen Suizid nicht medial ausschlachten, meinten die Einen, ein gezeigter Suizidprozess könnte Nachahmer motivieren, meinten die Anderen – kurz nachdem das Volk entschieden hat, dass weiterhin hundertausende von Armeewaffen in Wohnungen herumliegen. Die ganze Diskussion war mehr eine Moralische als eine Ethische, man darf doch nicht, das geht doch nicht – ich wollte es genauer wissen und sparte mir einen Kommentar auf, bis ich die Sendung gesehen hatte.

Die Geschichte
Der manisch-depressive André kann und will nicht mehr, seit Langem. Er hat zwanzig Psychiatrieeinweisungen hinter sich, Untersuchungshaft wegen einer Gewalttat während einer manischen Phase, er weiss, dass weitere Vorkommnisse zu einer Verwahrung oder zumindest zu weiteren Zwangspsychiatrisierungen führen. Er hat sich entschieden, sein Leben zu beenden, fast ein Jahr vor seinem geplanten Suizid. Er ist nicht einer dieser vielen Fälle, die in einer akuten Krisensituation überreagieren, er weiss genau was er tut und er weiss, warum er es tun will. Fast ein Jahr lang plant er seinen Ausstieg, organisiert alles, verabschiedet sich von seinen Freunden – und schläft schlussendlich erlöst ein.

Die Sendung
So kam die Sendung bei mir an. Da war kein mediales Ausschlachten, es war ein offenes Aufzeigen eines Lebens, eines Menschen, der die Grenzen des Erträglichen überschritten hatte und im vollen Bewusstsein und bei vollem Verstand sein Recht auf Selbstbestimmung einforderte und sein Leben, das er nicht mehr als lebenswert wahrnahm, beendete. Es war erstaunlich, wie ruhig und zielstrebig André seinen Weg ging. Das war keine Überreaktion, da war kein Kurzschluss, er war einfach am Ende und wollte dieses Ende wenigstens in Würde begehen. Ein Tabu wurde gebrochen, ja, aber es war nicht reisserisch sondern konfrontierte uns mit der Tatsache, dass es wirklich Menschen gibt, die keine Ausweg mehr haben. Dass diese Sendung Nachahmer produziert, bezweifle ich, weil der Film eben keinen Kurzschluss zeigte sondern jemanden, der einen langen Weg geht und dabei wohlüberlegt agiert. Es war höchste Zeit, dass uns dieses Thema einmal näher gebracht wird als eine Blick-Schlagzeile es tut. Man konnte mitfühlen und ein Stück weit verstehen lernen, dass man in dieser Thematik nicht vorschnell urteilen sollte.

Suizid ist nie eine Lösung
In meinem alten Blogtagebuch schrieb ich einst einen Beitrag mit dem Titel “Selbstmord – die vorweggenommene Niederlage“, in dem ich erklärte, warum ich Selbstmord nie als eine Lösung ansehen kann. Davon bin ich nachwievor überzeugt, wenn man sein Leben aufgibt, verschenkt man jede Chance auf Besserung und alles bisher Erlittene war vergebens. Aber was, wenn es keine Chance auf Besserung gibt? Vielleicht gibt es Situationen, in der Suizid zwar keine Lösung ist, aber immerhin Erlösung?

Ich verstehe den Wunsch nach Selbstaufgabe, ich hatte genug Phasen in meinem Leben, in denen ich alle Kräfte brauchte um weiter durchzuhalten. Bei mir hat es sich gelohnt, ich konnte mir schlussendlich doch wider aller Erwartung ein menschenwürdiges Leben erkämpfen. Was für eine grässliche Vorstellung, ich hätte aufgegeben und all das verpasst, was mir nun vergönnt ist. Aber ich hatte Chancen, so klein die auch waren. Und ich hatte offenbar die Kraft dazu, sie zu nutzen. Aber das bedeutet nicht, dass es allen Anderen in sämtlichen Lebenssituationen so geht.

Die Grenzen der Hoffnung
Ich erinnere mich an den Tod meiner Mutter. Sie war todgeweiht, kein Arzt konnte ihr noch Hilfe bieten. Sie konnte nur noch abwarten, bis sie endlich sterben kann. Sie hatte im Hals ein Loch zwischen Speiseröhre und Luftröhre, alles was runter ging, ging auch teilweise in die Lunge, regelmässige Erstickungsanfälle waren ihr steter Begleiter. Aber sie hatte nicht mehr die Möglichkeit, Sterbehilfe zu organisieren, weil es da Fristen gibt, die eingehalten werden müssen. Sie konnte nur passive Sterbehilfe wählen, um dieses sinnlose Leiden wenigstens zu verkürzen. Diese passive Sterbehilfe, bei der man einen Menschen faktisch verhungern lässt, ist unsagbar grausam. Auch vollgepumpt mit Morphium durchlebte sie Wochen, in denen sie alle paar Minuten die Augen schreckgeweitet aufriss, weil sie Erstickungsanfälle hatte. Würde man ein Tier so verrecken lassen, würde man wegen Verstoss gegen das Tierschutzgesetz eingeklagt. Mit Menschen darf man das machen, wir nennen das Ethik. Es gibt Situationen, in denen Suizidverweigerung pure Grausamkeit ist, wenn Organisationen wie Exit die einzige Möglichkeit sind. Dafür habe ich Verständnis und in so einem Fall würde ich selber auch aufgeben, weil es nichts mehr gibt, das man aufgibt ausser Leiden.

Leidenszwang für psychisch Kranke?
Bei unheilbaren Krankheiten mit grossem Leiden haben doch viele Menschen ein gewisses Verständnis, dass man dem Leiden ein Ende setzt und todkranke Menschen nicht noch weiter quält. Anders sieht es bei psychisch Kranken aus. Ihnen wird per Definition die Selbstbestimmung aberkannt, in vielen Fällen vielleicht sogar mit gutem Grund. Gerade bei akuten Depressionen besteht eine gute Chance, dass man den Betroffenen helfen kann, da lohnt es sich Zeit zu gewinnen und zu versuchen, den Zustand zu verbessern. So Mancher hat schon Lebenslagen erlebt, in denen man aufgeben wollte und es doch nicht getan hat und heute froh ist darüber. Aber es gibt auch psychische Erkrankungen, die man nicht heilen kann, die einen Leidensdruck hervorbringen, der einfach unerträglich ist – auch auf lange Sicht hinaus. Gerade bei nicht akuter Lebensmüdigkeit kann man irgendwann die Grenze des Erträglichen überschreiten. Wer darf darüber entscheiden, wer wann am Ende seiner Kraft ist?

Pflicht zur Hilfe – so oder so
Wäre in meinem Umfeld jemand nicht mehr in der Lage, das Leben zu ertragen, würde ich ihm helfen. Bei akuten Fällen würde ich Chancen aufzeigen, unterstützen, Lösungen suchen, ich würde alles daran setzen, um diesen Menschen davon abzuhalten, weil es fast immer eine Chance gibt. Egal ob jemand den Partner verloren hat, keinen Job oder kein Geld hat, ausgestossen oder diskriminiert wird, hoffnungslos ist, ich würde immer alles ausschöpfen, um ein Weitergehen möglich zu machen. Aber wenn es keine Chancen mehr gibt – und solche Fälle gibt es, ob uns das passt oder nicht – dann würde ich mich genauso verpflichtet fühlen, diesen Menschen auch auf diesem letztem Weg zu begleiten und zu unterstützen.

Kämpfen bis zum letzten Blutstropfen
Ich bin eine Kämpfernatur und als Solche möchte ich auch ein Vorbild sein. In meinem Leben musste ich vieles erdulden und es gab oft Zeiten, in denen ich froh gewesen wäre, wenn ich hätte aufgeben können. Ein Psychologe sagte mir mal, dass die meisten Menschen sich das Leben genommen hätten, wenn sie all das hätten durchmachen müssen. Da wird er wohl Recht haben. Aber ich habe durchgehalten und bin so zum lebenden Beweis geworden, dass sich das Durchhalten auszahlen kann, wenn man nur hartnäckig genug ist. Es ist erstaunlich, wie oft man zu Boden gehen kann und wieder aufzustehen vermag – noch erstaunlicher ist, dass man nach so einem Leben irgendwann sogar aufrecht steht und mit glücklichem Lächeln in die Zukunft schaut. Aber jeder Mensch hat Grenzen, niemand ist unbesiegbar, auch das gilt es zu respektieren.

All denen, die glauben keine Kraft mehr zu haben, die aufgeben möchten, die keine Hoffnung mehr haben, all denen möchte ich zurufen: Gib nicht auf, kämpfe weiter, manchmal geschehen Wunder und Du würdest möglicherweise das Beste in Deinem Leben wegwerfen, weil das Beste noch vor Dir liegt. Gib nicht auf, bitte, gib nicht auf, es wäre so schade um Dein zukünftiges Leben, das vielleicht so schön würde wie Meines geworden ist, weil ich nicht aufgegeben habe.

Aber in den wenigen Fällen, in denen es wirklich keine Aussicht mehr gibt, möchte ich deren Umfeld zurufen: Lasst sie los, wenn sie schon nicht mit Würde leben konnten, dann gönnt ihnen wenigstens, in Würde zu sterben. Doch diese Aussichtslosigkeit ist erst erreicht, wenn der letzte Blutstropfen vergossen ist, bis dahin rufe ich auch diesen Menschen zu: Kämpfe weiter – nichts ist unmöglich, denen, die das Unmögliche wagen – kämpfe weiter!

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