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Im Abgrund zwischen Gut und Böse

Manchmal frag ich mich ja schon, was für ein Volldepp die Regie meines Lebens führt, nicht mal ich hab so einen bekloppten Humor und das will was heissen. Ums vorwegzunehmen, ich will mich nicht wirklich beklagen, mir ging’s noch nie so gut wie in diesen letzten Jahren – und doch wirkt mein Leben manchmal auf mich als hätte der Regisseur diese seltsame Art von morbidem Humor, die das Gute nie wirklich gut sein lassen will und selbst die beste Suppe zu versalzen versucht.

Beziehungs-Jubiläum allein feiern?

Ausgelöst wurden diese mich grad beschäftigenden Gefühle durch unseren Jubiläumstag. Heute ist es zwei Jahre her, dass Juliet und ich uns das Ja-Wort gegeben haben, seit diesem Tag sind wir ein Paar – das Duo Infernale :-) Einst war sie einfach eine Blogleserin, dann Blogkommentatorin, dann wurde sie Kollegin, dann Freundin, dann beste Freundin, dann kam sie mal zu nem Kaffee in die Schweiz und irgendwann wurden wir zum verrücktesten Paar dieser Welt.

Ich erinnere mich an Zeiten, als ich nicht mehr daran glaubte, dass mich jemand lieben könnte und dann sowas, da lerne ich endlich eine Frau kennen, die nicht nur so verschmust ist wie ich sondern auch noch so einen schrägen Humor hat wie ich, eine Frau, mit der ich alles teilen kann, die einfach alles abdeckt, die mir alles geben kann was ich zum Glücklichsein brauche……….. und dann wohnt die in Hamburg, was soll denn der Scheiss?

Aber trotz dieser unmenschlichen Distanz wurden die Gefühle immer mehr, das Zusammengehörigkeitsgefühl nimmt immer mehr zu und so sehnen wir uns nur noch nach einer Zukunft, in der wir einander mehr sehen werden. Mit all dem haben wir gelernt umzugehen, nicht zuletzt, weil wir ja wissen, dass unsere gemeinsame Zeit in Zukunft zunehmen wird, auf die eine oder andere Art. Aber an einem Tag wie heute ist selbst dieses Wunderschöne irgendwie traurig. Zwei Jahre sind wir zusammen, mir wäre so danach, Juliet wund zu kuscheln. Aber ich lieg hier allein im Dunkeln meiner Wohnung, hör traurige Musik und bin betrübt, weil ich diesen grossartigen Tag nicht bei ihr sein kann.

11. Gebot: Du darfst nicht glücklich sein

Gestern in der Badewanne hatte ich mal wieder so einen Moment, in dem ich hätte heulen können vor lauter Glück. Es gibt immer wieder Momente in denen ich es kaum fassen kann, um wieviel glücklicher ich nun sein darf im Vergleich zu diesen vier Jahrzehnten vorher. Ich bin sowas von im Reinen mit mir selbst, ich fühle mich so uneingeschränkt als mich-selbst, kann mich so frei entfalten wie ich es mir nie erträumt hätte, da stimmt einfach alles. Ich könnte wirklich definitiv sagen, dass ich es geschafft habe und einfach nur noch blödsinnig glücklich bin – wäre da nicht die Welt und der ganze verdammte Scheiss, der da noch aussendran klebt und einem immer und immer wieder die Lebensfreude zu stehlen versucht.

Da ist diese nicht enden wollende Faktenresistenz einer Medizinwelt, die trotz wissenschaftlichem Beweis um die biologischen Ursachen von Transsexualität aus (transsexuellen) Frauen weiterhin “gestörte Männer” bastelt, da ist dieser unerträgliche und scheinbar nie endende Dauerdurchfall der Boulevardmedien, die Menschen wie mich, die nie jemandem etwas zuleide tun und nur einfach leben wollen, immer und immer wieder zum Gespött machen. Da ist dieses Gesellschaftskollektiv, das infolge dieser menschenunwürdigen Psychopathologisierung und dieser das Wort “Anstand” spottenden medialen Verseuchung bestenfalls ein müdes Lächeln übrig hat für diese Gestörterklärten – und in all diesem Wirrwarr von Realitätsverleugnung und Respektlosigkeit sitz ich mittendrin, guck ratlos in die Runde und zermartere mir das Hirn an der Frage, warum all diese Pappnasen um mich rum nicht einfach akzeptieren können, dass ich jetzt nichts mehr anderes bin als eine glückliche Frau.

All das hinterlässt in mir das Gefühl, gefangen zu sein in einer Welt, die mir mein Leben “umsverreckä” nicht gönnen mag. Klar ist der moderne Mensch liberal und tolerant, aber meine Fähigkeit, hinter die Fassaden zu schauen, entlarvt diese Toleranz des dritten Jahrtausends öfters als mir lieb ist als Lippenbekenntnis und das tut immer mal wieder weh, mal mehr, mal weniger, aber auf jeden Fall ist und bleibt immer mindestens etwas zuviel Salz in der Suppe und selbst das Beste verbleibt einem nie so gut, wie es eigentlich wäre.

Geteiltes Leid ist zusätzliches Leid

Verschärfend kommt hinzu, dass ich an tausend Ecken zusätzlich belastet werde. Einerseits kontaktieren mich immer wieder andere Transsexualitätsbetroffene und klagen mir ihr Leid und suchen Rat und ich würde so gerne allen helfen, aber das übersteigt einfach meine Kapazität. Und so schön es auch ist, immer mal wieder jemandem ein wenig zu helfen, so macht es doch auch immer wieder traurig, zu erleben, wieviele Menschen an dieser schwarz-weiss-denkenden Welt kaputt gehen und wieviel Leid unter den Menschen ist, das gar nicht nötig wäre, wenn die Einen die Anderen ganz einfach leben liessen als das was sie sind.

Anderseits stolpere ich ständig über Presseberichte, die mir das Herz aufreissen, sei es wenn wie hier berichtet ein 11-jähriges transsexuelles Mädchen in der Klapse umprogrammiert werden soll oder wenn ein 14-jähriger Junge sich das Leben nimmt, weil er wegen seiner Homosexualität gemobbt wird. Es gibt Leid, das unumgänglich ist, aber es gibt noch viel mehr Leid, das völlig unnötig wäre, das nur deshalb existiert, weil so manche Zeitgenossen einfach null Einfühlungsvermögen haben oder ganz einfach Soziopathen sind.

Die Renitenz der Kriegerin

Auch wenn sich vieles in meinem Leben zum Guten verändert hat und meine Lebensqualität sich vervielfacht hat, auch wenn ich heute im Gegensatz zu früher jeden Morgen aufstehe und mich auf den kommenden Tag freue, auch wenn ich mit mir im Reinen bin, mich annehmen und sogar lieben kann, ja selbst jetzt, da ich so ganzheitlich geliebt werde von Juliet…….. selbst da kann ich eigentlich nur deshalb überleben, weil ich diese unerhörte Renitenz in mir trage, diese Widerspenstigkeit, die allen Widrigkeiten des Lebens trotzt. Da mag man mir die Suppe noch so versalzen, notfalls verdünne ich sie oder schmeiss soviel Chili rein, bis ich das Salz nicht mehr schmecke, aber ich lasse mir den Genuss meines Lebens nicht mehr nehmen.

Wer zuletzt lacht, muss das Echo seines Gelächters nicht fürchten

Ich kann und darf mir nichts vormachen, dieses Schicksal werde ich genauso wenig los wie meinen eigenen Schatten. Ich habe eine transsexuelle Vergangenheit und werde es kaum je erleben, dass ich von dieser Welt als das wahrgenommen werde, das ich bin, diese Stigmatisierung als “gestörter Mann” wird an mir haften bleiben. Ich werde auch nie meinen Hang zum Hinterfragen loswerden, ich bin zur Philosophin geboren und werde kaum je in der Lage sein, diesen ganzen Irrsinn, der so Manchen entgeht, zu ignorieren. Dieser Schmerz wird nie von mir gehen und diese Verzweiflung wird mich immer wieder überfallen, es wäre törricht mir einzureden, dass damit irgendwann Schluss ist.

Aber ich habe viel zu viel erreicht, habe viel zu tief aus der Nektarschalte des Glücklichseins genascht als dass ich je wieder wirklich bedauern könnte, wer oder was ich bin. Ich bin frei, wie noch nie zuvor – und ich liebe und werde geliebt – deshalb bin ich bereit, alles, wirklich alles zu erdulden. Solange ich mich selbst sein kann (was nur noch der Tod verhindern könnte) und solange ich diese wundervolle Frau an meiner Seite habe (sei sie auch noch so weit entfernt)……….. solange ertrage ich es auch, immer mal wieder Blut und Wasser zu weinen und solange werde ich auch das dämliche Grinsen in der Fratze dieser Gesellschaft erdulden……….. und die Lebensfreude geniessen, wann auch immer ich dazu in der Lage bin.

Und das ist das Schöne an dieser ganzen Sache, ich werde von einer Gewissheit getragen, die wohl nur Wenigen zuteil wird. Was auch immer in Zukunft noch geschehen mag, was auch immer für Schmerz und Leid auf mich wartet, es wird nichts, aber auch überhaupt nichts daran ändern, dass ich am Ende meines Lebens zurückblicken werde und mit dankbarem Lächeln sagen werde: Ja, das war mein Leben, ich habe wirklich geliebt und gelebt………. und ich bin mir bis zum Schluss treu geblieben………… semper fi ;-)

Und jetzt naht das Ende, also beginnt die finale Szene
Mein Freund, ich sage klar, ich lege meinen Fall, dessen ich mir sicher bin, dar
Ich habe ein reiches Leben gelebt, ich habe jede einzelne Straße bereist
Und viel mehr, viel mehr als das, ich hab’s auf meine Weise getan

Bereut habe ich einiges, aber dennoch zu wenig, um es zu erwähnen
Ich tat, was ich tun musste und habe alles ohne Ausnahme erlebt
Ich habe jeden Charterflug geplant, jeden einzelnen Schritt auf meinem Weg
Und viel mehr, viel mehr als das – Ich hab’s auf meine Weise getan

Ja, es gab Zeiten – Ich bin sicher, das wusstest du
Als ich mehr abbiss, als ich kauen konnte
Aber dennoch, auch wenn ich zweifelte, habe ich es zerkaut und ausgespuckt
ich habe mich allem gestellt – Und ich stand aufrecht – Und ich tat es auf meine Weise

Ich habe geliebt, ich habe gelacht und geweint, ich hatte meine Fülle, meinen Anteil am Verlust
Und nun, da Tränen aufsteigen, finde ich alles so amüsant, zu denken,
dass ich all das getan habe – Und, erlauben Sie mir zu sagen, nicht auf schüchterne Weise
Oh, nein, oh, nein, nicht ich – Ich habe es auf meine Weise getan

Denn was ist eine Frau, was hat sie denn schon, außer sich selbst,
sonst hat sie nichts als zu sagen, was sie wirklich fühlt
Und nicht die Worte einer, die kniet
Die Akte zeigt, ich habe Rückschläge hingenommen

……. und ich hab es auf meine Weise getan!

(Frank Sinatry – My Way – Mein Weg)

2 Reaktionen zu “Im Abgrund zwischen Gut und Böse”

  1. JurekP

    Hallo Diana, als aufmerksamer Leser Deines Blogs habe ich mir erlaubt, Dich für den “Liebste-Blog-Award” zu nominieren.
    Gruß JurekP
    Ach ja, und das Lied ist freilich ewig schön. Ich hatte schon immer mal vor, eine für mich passende deutsche Nachdichtung zu erfinden, die ich dann zur Gitarre brummeln könnte, aber bislang ist das noch nichts geworden. Bis dahin bleibt meine liebste deutschsprachige Fassung des Songs die von Mary (Georg Preusse)

  2. Diana

    @JurekP: Wow, vielen Dank für diese Auszeichnung, ich fühle mich wirklich gebauchpinselt :-) Ich mache sonst eigentlich nie solche Blogaktionen mit, aber da ich schon länger vorhabe, mal ein paar meiner Lieblingsblogs zu empfehlen, werde ich das wohl als Aufhänger nehmen und gelegentlich mal den Award weiterreichen ;-) Das “My way” von Mary ist wirklich grossartig, ich hab früher immer geheult bei diesem Lied, weil sie sich dann abschminkt, das wirkt sowas von grausam, vorallem damals als ich mein eigenes wahres Gesicht noch nicht zeigte. Aber toll ist es, und wie ;-) Also vielen Dank nochmal – wir lesen uns ;-)

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