Politically incorrect since 1966

Der kleinschwänzige Fahrrad-Grabscher

Gewisse Männer sind echt Schweine, manchmal staunt man als Frau einfach Bauklötze. Heute auf dem Heimweg von der Arbeit war ich gedanklich noch völlig in die Arbeit vertieft, weil ich heut den ganzen Tag Hochleistungs-Hirnakrobatik betrieben habe. Plötzlich fühlte ich eine Hand auf dem Hintern und bevor ich richtig realisierte was da grad passiert ist, ist der Fahrradfahrer bereits an mir vorbeigezogen und radelte in einer Seelenruhe weiter als wär nichts geschehen.

Naja, ich kann dem ja insofern was abgewinnen, dass ich es erfreulich finde, dass mein Hintern mal wieder so interessant war, danke für das Kompliment. Trotzdem wurde ich ziemlich gallig. Wenn wir Mädels uns nett anziehen, dann ist es auch erlaubt, uns anzukucken, aber eine fremde Person intim anzufassen ist eine Grenzüberschreitung, die absolut respektlos ist.

Ich habe ja ein gewisses Verständnis, dass kleinschwänzige, impotente oder sonstwie benachteiligte Männer ihre Minderwertigkeitskomplexe kompensieren möchten, aber nicht auf diese Weise. Es ist .eine bodenlose Frechheit, wenn man wildfremde Personen so anfasst.

Dieser Hosenscheisser hatte wirklich Glück, dass ich so in Gedanken vertieft war, an anderen Tagen hätte er riskiert, dass er eine gescheuert bekommen hätte – an guten Tagen – an schlechten Tagen hätte ich ihn möglicherweise vom Fahrrad gefegt. Meine Reflexe sind gut genug und wenn ich aus was auch immer für Gründen bereits gereizt gewesen wäre, hätte er möglicherweise die Überraschung seines Lebens erlebt.

Das Ganze beschäftigt mich vorallem deshalb, weil ich weiss, wie so Kleingeistige ticken. Denen geht es nicht ums Grabschen als Solches, es geht um Grenzüberschreitung und Machtmissbrauch. Aber so billige Aktionen können nie die Befriedigung geben, die so Jammerlappen brauchen würden um ihr Ego aufzubauen. Deshalb können sie kaum anders als die Latte mit der Zeit höher zu stecken. Wer heute mit dem Fahrrad herumfährt und sich dabei aufgeilt, wenn er einer fremden Frau an den Hintern fasst, der wird früher eine Frau sonstwie belästigen und wenn das nicht reicht irgendwann eine vergewaltigen. Dass dieser Knallkopf anschliessend seelenruhig weitergefahren ist, liess keine Zweifel offen, dass er bereits sehr routiniert ist mit seiner Selbstaufwertung der primitiven Art. Wie wird er sich als Nächstes steigern?

So gesehen bedaure ich, dass ich zu sehr überrascht war um zu reagieren, irgendwie habe ich den Eindruck, es wäre pädagogisch wertvoll gewesen, wenn er im hohen Bogen von seinem hohen Ross geflogen wäre. Vielleicht hätte es ihm zu denken gegeben, wenn er erlebt, wie schnell Macht sich in Ohnmacht verwandeln kann.

Mir hat es jedenfalls mal wieder gezeigt, dass Männer teilweise mit unglaublicher Unverfrohrenheit Grenzen überschreiten und Frauen behandeln wie Vieh. Warum sie das tun, ist mir echt ein Rätsel, denn schlussendlich machen sie ja vorallem sich selbst lächerlich – resp. geben ihre ihnen bereits innewohnende Lächerlichkeit preis. Aber für uns Frauen ist es gelinde gesagt unangenehm und es erinnert uns daran, dass wir im Prinzip jederzeit Opfer von Übergriffen werden können.

Natürlich gibt es sowohl bei Männern wie bei Frauen Schweine, aber nur wenige Männer dürften die Erfahrung kennen, am hellichten Tag von einer wildfremden Frau sexuell belästigt worden zu sein…… aber es wird wohl nicht viele Frauen geben, die nicht davon berichten könnte, dass ihnen sowas auch schon passiert ist.

Wie dem auch sei, ich bin mal gespannt ob er mir wieder mal begegnet und es wieder versucht, so routiniert wie er vorging, scheint das ein Hobby von ihm zu sein. Noch mehr bin ich gespannt wie er reagiert, wenn er zum ersten Mal vom Fahrrad fliegt…….. to be continued……….

PS: etwas muss ich jetzt aber doch noch anfügen, fairheitshalber: Als ich vor drei Wochen vom Flughafen kam, kreuzte ein Mann meinen Weg, blieb stehen und sprach mich auf französisch an, etwas von “j’adore…..”, merkt, dass ich nur Bahnhof verstehe und fügt erklärend hinzu: “isch mag Ihren Style” und dackelte davon – als wär nix geschehen. Er baggerte mich nicht an sondern wollte einfach seine Begeisterung kundtun. Das wiederum passiert uns Frauen wohl auch deutlich eher als Männern, als Frau in der Gesellschaft hat man auch Vorteile ;-)

Cello, Blutelfen, Fummel, Musik, Freundinnen und Allerlei

Der Titel spricht Bände, es gibt mal wieder eine Zusammenfassung der letzten Tage, denn in diesen war bei mir genug los, dass ich nicht mehr zum Schreiben kam, abgesehen von dem was sich aufdrängte. Der Rest folgt nun hier…….

Das Mistding das sie Cello nannten

Ne keine Sorge, ich mag mein Cello nachwievor, aber das Biest ist störrischer als ich und das will was heissen. Grundsätzlich habe ich zwar den Vorteil, dass ich das theoretische Prinzip von der Gitarre her kenne und ich habe den Vorteil, dass ich durch meine intuitive Herangehensweise eigentlich fast von alleine vorwärts komme. Aber ein Cello hat ein paar Knacknüsse, die es in sich haben. Zum Einen muss ich die Töne tausendmal präziser treffen wie bei der Gitarre, weil Gitarren so “Stege” haben, egal wo man zwischen zwei so Stegen drückt, der Ton ist immer derselbe. Beim Streichinstrumenten gibt’s das nicht, da muss der Finger auf den Milimeter genau an die richtige Stelle. Noch schlimmer ist es mit dem Vibrato. Bei der Gitarre macht man das indem man die Seiten dehnt, beim Cello muss man sozusagen mit der Hand oder dem Arm schaukeln, damit die Fingerkuppen auf dem Brett schaukeln. Das Problem dabei ist, dass beim Schaukeln gern mal das ganze Instrument aus Sympathie mitschaukelt, worauf der Bogen dann ebenfalls aus Sympathie beginnt im Takt mitzuhüpfen und damit ist der ganze Ton am Arsch. Erschwerend kommt hinzu, dass dieses Billigcello Seiten und Harz von übelster Sorte hat, beides habe ich letztes Wochenende in einer besseren Version bestellt. Der Ton wird nun wirklich etwas besser übertragen, somit kann man nun viel besser hören, wie falsch ich spiele :-) . Nichtsdestotrotz hab ich Spass dran, wir freunden uns weiterhin eifrig an :-)

Leichen im Keller

Mein Ausflug als Blutelfe nach Azeroth ist unfreiwillig beendet worden. Nachdem ich die Gute auf Level-20 hochgespielt habe und mit coolsten Zaubertricks böse böse Monster niedermachen konnte, wagte ich mich in so einen bekloppten Kerker, durch den ich mich hart an der Grenze des Möglichen durchkämpfte, um am Schluss bei so einem Oberzaubererdepp zu laden, der mich innert Sekunden alle gemacht hat. Bei WordOfWarcraft läuft das dann so, dass man “zum Friedhof” fliegt und von dort aus als Geist zurück zu seiner Leiche schweben muss, dort wird man automatisch wiederbelebt. Nur liegt meine Leiche ja nun in diesem verblödeten Keller neben diesen noch verblödeteren Oberzaubererhirni und der fällt natürlich gleich wieder über mich her sobald ich dort wiedererweckt werde. Tja, das war’s dann wohl mit meiner Blutelfe. Und da mein Gratis-Testabo eh diese Woche ausläuft und mich dieses Spiel zwar erfreut aber nicht begeistert hat, war’s das nun mit WoW spielen. Ich werd nun wieder etwas Rift spielen, das Spiel das ich vor WoW gekauft hab und falls mich das nicht noch in Begeisterung stürzt, ist’s wohl wieder mal für ne Weile Schluss mit gamen. Aber das wär an sich gut, denn so unterhaltsam so Spiele sein können, sie sind Zeitfresser und gerade Zeit hab ich eh chronisch zuwenig.

Ponstan am morgen, vertreibt Kummer und Sorgen

Gestern war dann Dentalhygiene angesagt, boah wie ich das liebe. Da meine Zähne halt nicht so das Gelbe vom Ei sind, auch wenn sie bedingt durch Koffein und Nikotin eine ähnliche Farbe haben, sind leider auch die Zahnhälse etwas freizügiger als sie sein sollten und infolgedessen ist die Zahnsteinentfernung immer relativ schmerzhaft. Aber diesmal durchfuhr mich der Blitz der Erkenntnis, ich hatte ja von der GaOp her noch einige Ponstan resp. das Nachfolgeprodukt Mefenacid. Diese 50er Dinger, die einem einfach jeden Schmerz wegpusten. Jauh und das hat überraschend gut geklappt, so schmerzlos war die Dentalhygiene seit langem nicht mehr, höhö. Ok, mir wär ein Tramal lieber gewesen, so hätte ich anschliessend zur Arbeit fliegen können, aber dieses Ponstan hat doch immerhin seine Pflicht erfüllt. Ich nehm eigentlich fast nie so Chemiemüll zu mir, auch wenn ich Schmerzen habe, beisse ich lieber auf die Zähne. Aber das wär beim Zahnarzt eher unpraktisch gewesen, insofern fand ich es eine bestechend schlaue Idee :-)

Oversexed zum verpassten Date

Heute habe ich glaub mal wieder arg Aufsehen erregt bei der Arbeit. Heute Abend hätte ich mit meiner ehemaligen Logopädin abgemacht und weil ich schon länger nicht mehr im Ausgang war, konnte ich es natürlich nicht lassen und musste den neusten Fummel aus dem Schrank zerren – nicht ganz passend für zur Arbeit – aber – ooooch Mensch, man gönnt sich doch wirklich sonst nix :-) Als ich um Neun zu meiner Futterlieferantin runter ging, die uns unser täglich Brot bringt, schallte mir gleich ein “Wow” entgegen und sie tänzelte um mich rum und wollte mich von allen Seiten anschauen. Ich glaub fast, ein klein wenig oversexed war das schon – aber was kann ich dafür, dass so Kleider an mir einfach kürzer sind als in den Katalogfotos, es können nicht alle so Zwerge sein wie diese Models ;-) Na jedenfalls sagte meine Freundin dann ab, weil sie seit Tagen so starke Kopfschmerzen hatte und somit hab ich den Fummel halt doch nur fürs Geschäft angezogen – was solls, hauptsache ich hatte mal ne Gelegenheit :D

Der Mensch, Dein Freund und Leichenfledderer

Weniger erfreulich ist dafür die Geschichte rund um Jamey Rodemeyer, den homosexuellen Teenager der in den Tod gemobbt wurde. Auf Facebook wurde für ihn eine Gedenkseite eingerichtet, in der mittlerweile bereits Achttausend Menschen versammelt sind, auch sonst geht eine immer grösser werdende Welle um die Welt, sogar Musikerinnen wie Lady Gaga haben diesen Fall publik gemacht. Aber was wirklich schmerzt, ist zu erleben, wie auf dieser Facebook-Gedenkseite im Minutentakt Beiträge gelöscht werden müssen, weil eine Unzahl von Schwerstgestörten nicht mal vor Toten Respekt haben und nichts Besseres zu tun haben als dort weiter herumzumobben. Da fehlen mir echt die Worte. Anstatt dass man sich besinnt und darüber nachdenkt, was so primitives Geschwafel anrichtet, gerade in Anbetracht dieses brutalen Todesfalls, kümmert man sich einen Dreck um all das und fährt weiter wie eh und je. Es braucht wirklich viel, bis mich Menschen noch schocken können, ich trau meinen Artgenossen ja so Manches zu. Aber das was dort abläuft, schockiert sogar mich. Tröstend ist nebst dieser überwältigenden Solidaritätswelle, dass drei der hauptverantwortlichen Mobber unterdessen inhaftiert wurden und dass in Amerika laut darüber nachgedacht wird, Mobbing endlich zu einem Straftatbestand zu machen – es wäre höchste Zeit, auch für uns hier.

Ein guter Zeitungsartikel und eine neue Freundin

Beim kürzlich geschriebenen Blogbeitrag über die SF1 Reporter Sendung, habe ich am Schluss ja noch auf einen Zeitungsbericht über dieselbe transsexuelle Frau verwiesen, der endlich mal so geschrieben war, dass sogar ich mich darüber freuen konnte. Er begann mit dem Satz: “Claudia Meier war schon immer eine Frau”. Ich hab mich darüber riesig gefreut, noch deutlicher könnte man das Phänomen “Transsexualität” nicht ausdrücken. Jedenfalls habe ich infolgedessen Claudia im Internet kennen gelernt und es sieht danach aus, als ob mein Freundinnen-Kreis sich eben grad wieder um eine tolle Frau erweitert. Wir verstehen uns jedenfalls fürs Erste super gut :-)

Kim Petras gewinnt zweiten Platz

Und soeben erreicht mich noch eine Meldung, die mich riesig freut. Kim Petras, ebenfalls ein Mädel mit transsexueller Vergangenheit, ist mir auch irgendwie ans Herz gewachsen, obwohl ich sie nicht kenne. Sie war mehrmals in den Medien und auch schon in meinem Blog erwähnt. Sie ist die jüngste transFrau die in Deutschland wegen Transsexualität behandelt wurde und ihr war es so vergönnt, dass man durch die frühe Behandlung die “Zerstörung des Körpers” durch die Pupertät ersparen konnte. Dementsprechend hat sie eine normal weibliche Stimme und hat auch eine musikalische Karriere gestartet. Kürzlich veranstaltete der Promi-Blogger Perez Hilton einen Cover-Wettbewerb, bei dem sie auch mitsang und nun hat sie da den zweiten Platz gemacht – herzliche Gratulation, Kim! Bei der Gelegenheit staunte ich wirklich, wenn die Gute so richtig rausposaunt (auf 1:30), hat sie eine echt tolle Stimme. Sie ist wirklich der lebende Beweis, dass man transsexuellen Menschen so früh wie möglich helfen muss. So ganz unter uns, ich beneide sie total :-)

Ab ins Weekend

Jauh und morgen flattere ich dann am Nachmittag wieder zu Juliet nach Hamburg für ein diesmal leider kurzes Wochenende bis Montag froh, das wär somit das Letzte von mir bis Anfang nächster Woche. Damit verabschiede ich mich mit diesem Video, mit dem Kim Petras den zweiten Platz gewonnen hat. Auf ca 1.00 Minuten beginnt das Lied – enjoy :-)

Dianas Medienschelte mit dem Zweihänder

Nach meinem letzten Blogbeitrag anlässlich der gestrigen Reporter-Sendung auf SF1 über Claudia Meier, stellte Claudia im Kommentarbereich die Frage an mich, weshalb ich so unzimperlich mit Journalisten umgehe. Ich finde ihre Frage berechtigt, denn in der Tat gehe ich mit Journalisten in zunehmendem Masse sehr rabiat um, das ist ansonsten nicht so meine Art. Ich bin eigentlich ein sehr friedfertiges Wesen, aber es gibt Dinge, die mich zum kochen bringen, meist sind es Politiker die mich zur Weissglut treiben oder eben Journalisten. Meine Aversion gegen (vorallem rechtspopulistische) Politiker brauche ich kaum gross zu erklären, also gehe ich mal der Frage nach, warum Medien öfters mal eine Breitseite abkriegen von mir oder wie im Titel gesagt, warum ich schnell mal zum virtuellen Zweihänder greiffe. Das ist mal wieder so ein Blogbeitrag, in dem ich einer Frage nachgehe, deren Antwort mir noch nicht ganz klar ist, ich bin gespannt ob ich während dem Schreiben eine Antwort finde ;-)

Um zu verstehen, weshalb ich so ticke wie ich ticke, scheint es mir nötig, erst mal die Bedeutung von Medien etwas anzuschauen, denn nur mit diesem Hintergrund sind meine nachfolgenden persönlichen Gedanken verständlich.

Die Macht der Worte

Als Erstes muss man sich im Klaren sein, dass Worte mehr sind als die Summe ihrer Buchstaben, darüber habe ich in der leider noch nicht vollendeten Blogserie “Macht der Worte” geschrieben. Jedes Wort beinhaltet ganze Bildwelten, die in jedem Kopf anders aussehen. Journalisten müssen die Gabe haben, die mehrheitliche Bildwelt der von ihnen verwendeten Worte zu erahnen, das ist die Kunst von seriösem Journalismus. Wenn man Worte unbedacht verwendet, richtet man damit riesigen Schaden an, weil sich später niemand mehr an die Worte erinnern wird, aber die Bilder zurück bleiben, beispielsweise wenn das Zerrbild einer transsexuellen Frau als “Mann in Frauenkleidern” präsentiert wird.

Verantwortung der Medien

Um mir zu folgen, muss man sich ins Bewusstsein rufen, dass Medien eben nicht einfach nur unterhalten, sie sind Meinungsmacher. So mancher Leser, der zu etwas noch keine Ahnung hat, bekommt durch Medien den ersten Eindruck und einfach wie so Manche sind, reicht das dann meist auch, um sich ein (Ver)Urteil zu bilden. Wenn Medien etwas falsch darstellen, dann können sie damit einen gesellschaftlichen Tsunami auslösen, wenn sie es richtig darstellen, können sie zumindest eine grosse Flut eindämmen. Dieser Verantwortung müssen sich Medienschaffende bewusst sein, genau deshalb gibt es auch einen Kodex des Presserates, der entsprechende Sorgfalt fordert.

Umgang mit Stigmatisierten

Gerade im Umgang mit Menschen, die eh schon von einer Gesellschaftsmehrheit verkannt oder gar stigmatisiert werden, ist entsprechend grössere Sorgfalt nötig. Wenn man beispielsweise in einer Zeit wie dieser, in der eine galoppierende Islamophobie herrscht, Menschen mit muslimischem Glauben als “Islamisten” betitelt, dann giesst man Öl in ein brennendes Feuer und das ist vorallem deshalb fatal, weil die meisten Moslems mit Islamisten gar nichts am Hut haben. Selbstverständlich darf man auch über Islamisten schreiben, aber man sollte sich davor hüten, die Menschen hinter diesen Kategorien in einen Topf falschen zu werfen.

Umgang mit dem Thema Transsexualismus

Und – um wieder bei “unserem” Thema einzuhaken – wenn viele Menschen den Unterschied zwischen einem sexuellen Fetisch wie Transvestitismus und einer körperlichen embryonalen Fehlentwicklung (oder Normvariante) wie Transsexualismus nicht kennen, giesst man genauso Öl ins Feuer der Transphobie, wenn man eine transsexuelle Frau “Transe” nennt. Das grösste Problem das im speziellen transsexuelle Frauen in der Gesellschaft haben, ist die Fehlinterpretation dieses Phänomens, das Leute glauben macht, eine transsexuelle Frau sei ein gestörter Mann, der sich aus unverständlichen Gründen als Frau ausgeben will. Aber das ist nunmal ein völlig falsches Verständnis.

Geschlecht ist Teil der Kernidentität

Sag mal einem Mann, er sei ein Mädchen, wie begeistert wird er reagieren? Und das obwohl es für einen genetisch korrekt geborenen Mann ja klar ist, dass er ein Mann ist. Bei uns transsexuellen Frauen ist aber dieses kollektive Verständnis nicht vorhanden, wenn mir jemand sagt, ich sei ein Mann, trifft mich das einiges mehr, weil ich weiss, dass die Meisten das so sehen. Deshalb ist es in meinen Augen enorm wichtig, dass Medien vorangehen und uns nicht dem falschen Geschlecht zuordnen, denn damit rauben sie uns unser Geschlecht und damit einen wesentlichen Teil unserer Kernidentität.

Die persönliche Enttäuschung – wer, wenn nicht die Medien?

Meine stellenweise Bissigkeit gegenüber Journalisten resp. mehr gegenüber ihren Ergüssen, hat wie mir scheint zwei persönliche Komponenten. Zum Einen erlebe ich seit bald drei Jahren wöchentlich, wie wir durch Medien in den Dreck gezogen werden. Es scheint, dass es kaum Lustigeres gibt als ein Mann in Frauenkleidern und daraus machen Medien einen RunningGag. In den letzten Jahren spriessen sie nur so raus, die Artikel und TV-Sendungen über transMernschen, aber da geht es nur selten um Aufklärung, es geht einzig um das Ausschlachten eines reisserischen Themas – und das generell auf dem Buckel der Betroffenen. Aber der Fluch ist, dass Medien unsere einzige Chance zu sein scheinen, weil sie die Schnittstelle zwischen der Wissenschaft und dem einfachen Menschen auf der Strasse sind, weil nur sie das Bild korrigieren können, dass die Psychiatriekirche ein Jahrhundert lang geschaffen hat und bis heute grösstenteils in ihrem Irrtum verharrt.

Wenn Wissenschaft in die Wand fährt

Es ist einfach zum verrückt werden, je mehr ich mich mit dieser Thematik beschäftige, umso ärgerlicher wird es. Ich kann auf dutzende von wissenschaftlichen Studien der letzten zwanzig Jahre verweisen, die sich gegenseitig bestätigen und ergänzen, die klar zeigen, dass Transsexualität biologische Ursachen hat, dass die geschlechtsbestimmende Hirnregion bei einer transsexuellen Frau eine weibliche Anatomie hat. Aus diesen Studien geht eindeutig hervor, dass Transsexualität keine Frage des Wunsches sondern eine tief im Hirn verankerte Gewissheit ist, dass transsexuelle Frauen also auch biologisch gesehen Frauen sind, zumindest partiell – zufällig im zentralsten Teil unseres Körpers. Aber all diese mir vorliegenden Fakten nützen mir einen Scheiss, weil die meisten Gläubigen der Psychologie weiterhin an der Psychopathologisierung von transMenschen festhalten und weil auf der anderen Seite die Medien sich viel mehr Erfolg erhoffen, wenn sie reisserische Geschichten publizieren als harte Fakten. Und dabei fühle ich mich von Monat zu Monat hilfloser, wir haben alle Argumente, aber wir dringen nicht durch.

Dumm sein ist ok, aber dumm bleiben?

Unwissend zu sein ist nichts Böses, davon sind wir alle hie und da betroffen, auch dumm sind wir ab und zu, auch das dürfen wir. Aber wir verlieren jeden Anspruch auf Respekt, wenn wir wider besseren Wissens dumm bleiben, da hätten wir genauso gut auf den Bäumen bleiben können und uns weiter mit Bananen bewerfen. Ich habe in diesen knapp drei Jahren zig Mal Medien angeschrieben, sei es durch Kommentare, durch “Korrekturformulare” oder via Mail. Bis zum heutigen Tag hat es nicht ein einziges Mal jemand für nötig gehalten, darauf zu reagieren. Einzig in zwei Fällen bewirkte ich damit eine nachträgliche Änderung im Text. Organisationen wie beispielsweise ATME (Aktion Transsexualität und Menschenrecht) tun dasselbe seit Jahren, ATME hat es .sogar geschafft, dass der deutsche Presserat das Magazin “Focus” wegen der despektierlichen Berichterstattung über transsexuelle Menschen eine Rüge erteilt hat. Trotzdem lese ich immer wieder denselben Quatsch und je öfters mir das passiert, umso mehr fühle ich mich als würde ich Autisten meine Gefühle erklären wollen.

Wenn Resignation zu Wut wird
Und dann sitze ich halt mal wieder am PC, finde im Web einen neuen Artikel und lese schon wieder:

  1. Er wollte schon immer eine Frau sein
  2. Er fühlt sich wie eine Frau
  3. Er macht eine Geschlechtsumwandlung
  4. Transsexualität ist eine Persönlichkeitsstörung
  5. Neues von der Dschungel-Transe

    Und ich denke mir dabei:

    1. Nicht ER WILL, SIE IST
    2. Nicht ER FÜHLT, SIE WEISS
    3. Nein, SIE gleicht ihre Äusserlichkeit nur dem EIGENEN Geschlecht an
    4. Nein, es ist eine organische “Fehlentwicklung” oder “Normvariante”
    5. Das Wort “Transe” ist ein Schimpfwort wie Schwuchtel, Nigger oder Krüppel

      Und je mehr ich von diesem Gift schlucke, umso mehr schlucke ich schon beim Anblick des ersten Wortes das mit diesem Thema zu tun hat – und immer weniger braucht es, dass ich einen inneren Tobsuchtsanfall krieg, weil ich es einfach langsam leid bin, ständig zu korrigieren, nur um das nächste Mal wieder falsch dargestellt zu werden. Dann flipp ich innerlich aus, wenn ich mit meinen rationalen und stets anständig vorgebrachten Kontaktaufnahmen mit den Medien ständig nur ignoriert werde, fühl ich mich mit der Zeit als würd ich mit einem Gipsklotz quatschen.

      Aber hier geht es eben um mehr als ums Quatschen, hier geht es so nebenbei um mein ganz persönliches Leben, um die Frage, ob ich wirklich bis zum Ende meiner Zeit verkannt bleiben werde, ob man uns weiter belächelt, ob weiter transMenschen sterben, weil sie diese ganze Scheisse nicht mehr aushalten oder weil jemandem mal wieder der minimalste Respekt fehlt. Und dann, man möge mir das verzeihen, werde ich deutlich, sehr deutlich – und vielleicht auch mal zu laut. Aber ich habe oft genug anständig und rational auf Journalisten eingewirkt, irgendwann endet auch meine Geduld im Umgang mit Kommunikationsresistenten.

      Aber vielleicht geht’s ja doch aufwärts?

      Aber ungeachtet meiner unterdessen angehäuften Ungeduld, versuche ich stets fair zu bleiben und sehe auch das Gute, wenn es denn ausnahmsweise mal erscheint. So habe ich zu dieser besagten Reporter-Sendung betont, dass ich die Sendung inhaltlich gut fand, dass sie besser war als das Meiste was ich bisher gesehen habe. Aber ich knurre trotzdem laut und deutlich, wenn so eine Sendung dann eben beispielsweise so einen verblödeten Ankündigungstext hat oder mit dem ersten Satz der Reportage die Gesamtaussage erstmal auf den Kopf gestellt wird und Zuschauer dadurch das Ganze von einem völlig falschen Blickwinkel aus beginnen.

      Es geht eben doch: sie war schon immer eine Frau

      Mag sein, dass es Zufall ist, mag auch sein, dass der Schreiber dieses Artikels einfach die Ausnahme von der Regel ist, vielleicht ist es aber auch deshalb, weil Leute wie ich oft genug meckerten. Jedenfalls ist heute in diversen Tageszeitungen ein Artikel über Claudia erschienen, der mich den Rest des Tages verzückt lächeln liess. Denn der Artikel fängt mit dem Satz an: “Claudia Meier war schon immer eine Frau“. Paff, das nenn ich mal ne Ansage :-) Und darüber kann ich mich dann genauso euphorisch erfreuen, wie ich mich über “Transe Peter” aufregen kann. Dieser Artikel ist jedenfalls etwas vom Korrektesten was mir je begegnet ist. Klar könnte man bemängeln, dass wieder nichts über biologische Ursachen von Transsexualität stand, aber ich kann auch nicht erwarten, dass mit einem Schlag die grosse Aufklärung stattfindet.

      Worum es mir viel mehr geht ist darum, dass der Text respektvoll gehalten war, dass niemandem das eigene Geschlecht aberkannt wurde und eigentlich nichts stand, was der Realität über transsexuelle Menschen radikal widersprechen würde. Und genauso wie ich sonst Redaktionen anmeckere, wenn sie wiedermal Quatsch schreiben, genauso habe ich meine Freude als Kommentar dort abgeladen und wenn ich die Mailadresse des Schreibers hätte rausfinden können, hätte ich ihm sogar geschrieben (hole ich raschmöglichst nach).

      Versuch einer Antwort

      Warum ich mit so deutlichen und oft auch harten Worten um mich haue, dürfte also zusammengefasst damit begründet sein, dass ich es einfach leid bin, immer und immer wieder von Journalisten verarscht zu werden, auch wenn ich mehrfach auf ihr Fehlverhalten hingewiesen habe. Eine ganz andere Frage ist die, ob so harte Bandagen wirklich nützlich sind. Ehrlich gesagt, ich zweifle daran. Ich bin zwar überzeugt, dass man sehr deutlich kritisieren muss, es geht ja um nicht weniger als um das Überleben von Betroffenen, da wäre es nicht angebracht, klein beizugeben oder sich mit faulen Kompromissen abzuspeisen. Denn schlussendlich nützt es mir nicht viel, wenn man mich als “gestörter Mann im Rock” akzeptiert, auf diese Akzeptanz kann ich verzichten. Aber bellenden Hunden hört man selten zu, man weicht vielleicht, achtet aber nicht gross auf ihre Bedürfnisse. In dem Sinn wäre es wohl nützlicher, wenn wir transAktivistinnen versuchen so freundlich wie möglich zu bleiben, bestimmt aber freundlich. Nur hier menschelts halt, auch bei mir – Gefühle folgen nunmal nicht immer ökonomischen Gesetzen. Aber versuchen sollten wir’s trotzdem soweit es unsere Nerven zulassen.

      Weiter – hartnäckig, bestimmt, aber mehr rational als emotional

      Gerade dieser heutige Zeitungsartikel bestärkt mich darin, dass wir weiter machen müssen. Nur wenn wir hartnäckig den Schimpfefinger hochhalten, jedes Mal wenn wieder ein Journalist geistigen Gesellschaftsmüll über uns auskippt, werden Medien immer mehr informiert und dann vielleicht auch sensibilisiert. Aber wir müssen uns davor hüten, aus Journalisten oder auch aus Psychologen Feinde zu machen, denn das sind sie bestimmt nicht. Es ist nicht ihr erklärtes Ziel uns kaputt zu machen. Versuchen wir also weiter, ihnen anständig aber bestimmt auf die Finger zu klopfen, die mediale Entwicklung der letzten Monate lässt Hoffnung zu.

      SF1 Reporter – Von Andreas zu Claudia

      Entgegen meinen Erwartungen wurde die Sendung “Reporter: Von Andreas zu Claudia” auf SF1 nicht zum gewohnten Medien-Desaster. Die Dokumentation beinhaltete einige Aufnahmen der zwei bereits bei “Schweiz Aktuell” erschienen Sendungen “Vom Chef zur Chefin” und “Namensstreit in Bern” sowie zusätzliche Aufnahmen.

      Die Sendung war im Gegensatz zu anderen bisherigen TV-Produktionen doch überraschend gut, von der Betroffenen wurde seitens der Moderation in der Regel in korrekter weiblicher Form gesprochen, abgesehen von Schilderungen aus der Vergangenheit. Dafür bot diese Sendung vorallem durch die Interviews mit Claudia Meier viele wichtige Informationen, im Speziellen betreffend der Frage um die verweigerten Namensänderungen bei transsexuellen Menschen. Doch so gut so Manches war, so erschreckend war meines Erachtens der Einstieg, denn der Einstieg stellt das Fundament, auf dem der Rest verstanden wird und da wurde eindeutig eine falsche Richtung eingeschlagen.

      Guter Inhalt irreführend aufgegleist

      Die Sendung begann mit einem moderierten Hintergrundtext, in dem Claudia Meier in der männlichen Form vorgestellt wurde und die alte Mär rezitiert wurde, “er” hätte schon immer eine Frau “sein wollen”. Dass Transsexualität nicht der “Wunsch eines gestörten Mannes” ist sondern die “Gewissheit um das eigene Geschlecht” einer transsexuellen Frau, scheint den Reportern noch nicht klar zu sein, denn diese Fehldeutung wiederholte sich im Verlauf der Sendung. Hätten sich die Reportagemacher mit dem Thema Transsexualität auseinandergesetzt, wüssten sie, dass Transsexualität keine Wunschfrage ist. Warum man eine Dokumentation über so ein Thema macht, ohne sich ernsthaft mit den medizinisch-wissenschaftlichen Hintergründen zu beschäftigen, ist mir irgendwie schleierhaft.

      Schon wenige Sekunden später kommt die Betroffene zum ersten Mal zu Wort und stellt gleich klar:

      Viele haben das Gefühl: “Jetzt ist sie eine Frau”.
      Nein, Frau bin ich immer gewesen!
      Ich bin immer Frau gewesen, durfte aber nie aus Frau leben.

      Die Moderation fährt fort und tritt gleich ins nächste Fettnäpfchen:
      “Biologisch ist die Zweiundvierzigjährige zwar immer noch ein männliches Wesen……”

      Entweder hat sich der Reporter wie bereits erwähnt nicht mit dem Thema auseinander gesetzt oder er hält das Gehirn eines Menschen nicht für einen Teil der Biologie. Denn Fakt ist, dass eine transsexuelle Frau eine weibliche Hirnanatomie hat, massgeblich geschlechtsrelevante Regionen des Hypotalamus haben bei transsexuellen Frauen die selbe Grösse und Neuronendichte wie bei nicht-transsexuellen Frauen. Wer bei der Geschlechtsbestimmung das Hirn aus der Biologie ausschliesst, macht den Menschen im wahrsten Sinn des Wortes hirnlos.

      Die Moderation fährt mit dem Satz fort:
      “…… doch in ihrem 4-Sterne Hotel bewegt sie sich WIE eine Lady…..”

      Was heisst da “wie”? Wie ignorant muss man sein, einer Frau zu begegnen, die sagt, sie sei eine Frau und dann über sie zu referieren, sie sei ein männliches Wesen, das sich WIE eine Frau bewegt? Diese Einleitung gab der Sendung eine völlig falsche Richtung, der Moderator scheint von einem verrückten Mann zu reden, der lieber eine Frau wäre und deshalb so tut als wär “er” eine Frau.

      Aber so grotesk diese Einleitung auch war, ich habe da schon viel Schlimmeres erlebt, beispielsweise bei obgenannten zwei Sendungen von “Schweiz Aktuell”. Immerhin wurde während der weiteren Reportage meistens in der weiblichen Form von der Betroffenen gesprochen. Trotzdem zeigt sich meines Erachtens, dass die Sendungsmacher mit einer vorgefassten Vorstellung an dieses Thema herangegangen sind und nicht in der Lage waren, ihre vorgefassten Vorstellungen der durch die Betroffene vorgebrachten Realität anzupassen.

      Und dieses Schema begegnet mir immer wieder, wenn es um das Thema “Transsexualität” geht. Da hilft es wenig, wenn in solchen Sendungen inhaltlich korrekte Informationen weitergegeben werden, wenn man das Ganze in einen Hyperkontext stellt, in dem man entgegen wissenschaftlichen Fakten verbreitete Falschvorstellungen betoniert. Gerade Medienschaffende müssten sich bewusst sein, dass Worte töten können, wer sich das nicht bewusst ist, sollte nicht in dieser Branche arbeiten. Es sind solche Fehlformulierungen wie “er will eine Frau sein”, die das Fundament legen für die gesellschaftliche Stigmatisierung von transsexuellen Menschen und sie sind der Nährboden, auf dem Transsexualismus-Betroffene diskriminiert oder gemobbt werden, bis hin zur Tötung vermeintlich “gestörter Männer im Rock”.

      Einmal mehr bitte ich Betroffene inständig:

      Ich bin wirklich froh, dass es Leute gibt die sich für so Sendungen zur Verfügung stellen und noch mehr bin ich froh, wenn Betroffene sich wie in Claudia Meier, Kim Petras oder Balian Buschbaum korrekt “deklarieren”. Aber wenn Ihr so Sendungen mitmacht, dann stellt dabei die Bedingung, dass die Verantwortlichen Eure Terminologien übernehmen. Klärt die Journalisten zuerst auf, was Transsexualität ist und was es nicht ist und stimmt nur zu unter der Bedingung, dass Ihr auch so dargestellt werdet – andernfalls geht der Schuss hinten raus.

      An dieser Stelle verweise ich nochmal auf ältere Beitrag zu diesem Thema:
      Transsexualität und die Kunst der Selbsterklärung
      Rundschau: Transsexuelle, Krankenkasse, Behörden und ein ulkiger Polit-Clown

      Namensverweigerung sind Menschenrechtsverletzungen

      Der Grund, warum ich trotz der irreführenden Einleitung froh bin um diese Sendung, liegt darin, dass sehr eindrücklich dargelegt wurde, wie grausam unsere Behörden mit transsexuellen Menschen umgehen. In vielen Kantonen lässt man Betroffene zwei Jahre lang hängen, die nicht-menschenrechtskonformen Behandlungsstandards verlangen von Betroffenen, in Form eines sogenannten Alltagstest zwei Jahre lang “in ihrem angestrebten Geschlecht” zu leben, verweigern aber in dieser Zeit die Möglichkeit, die Ausweise entsprechend zu ändern. Claudia Meier hat in guten Beispielen erklärt, was das faktisch bedeutet. Man kommt kaum noch über eine Grenze ohne höchst peinlichen Situationen ausgesetzt zu sein und man wird dadurch gezwungen, unter “falschem Namen” zu leben. Es wird verlangt, dass man im Alltag unter dem neuen Namen auftritt, doch damit macht man sich schlussendlich strafbar, weil man formal-juristisch nicht so heisst. Spätetens bei der Benützung einer Kreditkarte kann das zu grossen Problemen führen, ganz abgesehen davon, dass man beispielsweise im Falle eines Spitalaufenthalts oder bei einer Inhaftierung in der falschen Abteilung landet. Letzteres ist in Deutschland letztes Jahr geschehen, die Betroffene wurde von den Mitinsassen mit Begeisterung empfangen, nach mehrfacher Vergewaltigung wurde sie dann verlegt. Wenn man sich vor Augen hält, dass beispielsweise der Kanton Zug solche Namensänderungen ohne Bedingungen wie Länge der Hormontherapie oder erfolgte Sterilisierung zulässt, dann macht es schon etwas ratlos, dass im Kanton Bern eine Hoteldirektorin, die von Berufswegen auf korrekte Papiere angewiesen ist, solchen Schikanen ausgesetzt ist.

      Mediale Desinformation – wenn Medien dazulernen

      Nachdem ich diesen Beitrag gestern Abend geschrieben habe, hielt ich ihn noch zurück um heute morgen erst zu schauen, ob eine Zeitung über diese Sendung schreibt. Das geschah zwar nicht, dafür hatte “Der Bund” einen Beitrag über Claudia Meier (Der Tod ist ihr näher als der Weg zurück), der wenn auch nicht perfekt so doch überraschend gut geschrieben ist. Überraschend deshalb, weil der Bund meines Wissens zum gleichen Verlag gehört wie die Bernerzeitung und die hat bereits vier Mal über Frau Meier und im Speziellen über diesen Rechtstreit berichtet und hat (vorallem im letzten Beitrag) transphobe Formulierungen übelster Art verwendet. Ich hab echt null Verständnis dafür, dass ein Journalist gerade beim Thema “verweigerte Personenstandsänderung” rotzfrech von “einem Hoteldirektor” spricht.

      Adieu Herr Meier – grüessech Frau Meier
      Transsexualität ist nicht ansteckend
      Ihr männlicher Vorname ist Geschichte
      Transsexualität: Namensänderung braucht Zeit

      Dass “der Bund” den Artikel anfängt mit dem Satz: “Claudia Meier war schon immer eine Frau” weckt Hoffnungen, dass auch Medienschaffende lernfähig sind. Ich aber auch andere trans-Aktivistinnen haben beispielsweise die Bernerzeitung/Tagesanzeiger anlässlich solcher Artikel mehrfach über ihre Falschdarstellung informiert, vielleicht hat es ja schlussendlich doch etwas genützt – bleiben wir dran ;-)

      UPDATE: Hab wohl nicht gut genug gesucht, dieser Artikel wurde auch auf Tagesanzeiger, Bernerzeitung und Baslerzeitung erschienen, die Hoffnung, dass diese Redaktionen dazulernen, scheint begründet :-)

      PS: falls Claudia Meier hier mitliest, Super Foto in diesem neusten Zeitungsartikel…… und danke für Deinen Einsatz

      PPS: zur hier gestellten Frage, weshalb ich Medien so heftig kritisiere:
      Dianas Medienschelte mit dem Zweihänder

      Supertalent – Finde das Gute im Menschen

      Die letzten Tage schwebt eine Wolke über mir, die trotz meiner ansonsten guten Stimmung einen kalten Schatten über mich lebt. Die traurige Geschichte des 14-jährigen Jamey Rodemeyer, der von einer intoleranten und grausamen Gesellschaft in den Suizid getrieben wurde, hat mich recht aufgewühlt. Nicht, dass es aussergewöhnlich wäre, dass Kinder von ihrem Umfeld in den Tod getrieben werden, nur weil sie irgendwie “anders” sind. Das geschieht leider zu Tausenden aber in diesem Fall bekommt die Grausamkeit durch die über ihn verfügbaren Videos ein vermeintlich lebendiges Gesicht. Dieser Vorfall macht mich nicht nur traurig sondern auch wütend, auf eine Gesellschaft, die derart brutal umgeht mit Leuten, die nicht ins Schema passen. Umso mehr beglückt und tröstet mich zu erleben, dass es auch anders sein kann, Menschen können das Gute im Menschen finden, wenn sie danach suchen, sie können hinter die Fassaden blicken, das gibt Hoffnung.

      Wie jedes Jahr schaue ich auch diese Saison wieder einige dieser Talentshows wie Supertalent, X-Faktor u.s.w. In diesen Sendungen begegnet man immer wieder genau solchen Menschen, die von dieser Gesellschaft wohl nur wenig Respekt ernten würden, Menschen die in den Augen der Mehrheit nicht gut aussehen, Menschen am Rande der Gesellschaft, Menschen die aus unterschiedlichsten Gründen abgelehnt würden, denen man nichts zutrauen würde. Und dann erlebt man diese Menschen plötzlich von einer Seite, die man ihnen niemals zugetraut hätte. Es rührt mich immer wieder zu Tränen, zu erleben, wie eine ganze Halle jemanden im ersten Moment belächelt oder ablehnt, weil die erste Erscheinung so anders ist als der Mainstream es erwarten würde und die dann fast vom Stuhl fallen wenn sie erleben was dieser Mensch kann und sie dann am Schluss aufstehen und mit dem Applaus nicht mehr aufhören wollen. Dann erlebe ich wieder, dass Menschen sehr wohl das Gute im Menschen finden können. Ich halte solche Sendungen alleine schon deshalb für “pädagogisch wertvoll”, weil die Zuschauer so lernen können, dass man Andere nicht unterschätzen sollte und erst Recht nicht ablehnen sollte, weil in so Manchen etwas steckt, das einem berühren könnte, wenn man sich denn darauf einlassen würde.

      Ich möchte Euch heute zwei solche Menschen vorstellen, die im ersten Moment unterschätzt werden und die dann Unglaubliches bieten.

      Der Punk mit dem Klavierherz

      Jörg Perreten ist ein Punk, ihm fehlt das Selbstbewusstsein, er sieht für sich kaum eine Zukunft, hat eine aufwühlende Geschichte hinter sich, er würde in der Öffentlichkeit wohl von den Meisten gemieden. Aber wenn er Klavier spielt, öffnen sich Welten der besonderen Art. Er hat nie “richtig” gelernt, Klavier zu spielen, er hat keinen Plan was er da tut, er tut es einfach, lässt sein Herz in die Tasten greifen und was dabei herauskommt, geht so ans Herz. Und es ist ergreifend zu erleben, wie das Publikum sich verändert, wie sich ursprüngliche Skepsis in Begeisterung verwandelt.

      Die unterschätzte Engelsstimme

      Sven Müller hat Minderwertigkeitskomplexe wegen seines Äusseren, hat sich nie getraut öffentlich zu singen, er braucht enorme Überwindung um sich auf die Bühne zu wagen und der Welt das zu präsentieren, wofür er sich so schämt, sein Äusseres, auch her hat eine aufwühlende Geschichte hinter sich. Aber er ist nicht gekommen um das Äussere zu demonstrieren sondern seine Stimme. Auch er wird vom Publikum mit entsprechender Skepsis empfangen, aber wenn er loslegt, ist die ganze Halle ergriffen ob dem was sie da hören. Er ist ein gutes Beispiel dafür, dass man Menschen nicht aufgrund von Äusserlichkeiten unterschätzen sollte, dass in so Manchen, die abgelehnt werden, ein wahres Wunder steckt.

      Das Licht in der Finsternis

      Kaum jemand hat bei Talentshows je so überrascht wie Karin Andreev, die mit ihren Tätowierungen (vorallem das Wort ‘Hass’ auf dem Arm) und ihrem Hang zu Gothic das Publikum fürs Erste einfach mal in Gelächter versetzte. Auch sie hat eine herzzerreissende Geschichte, aber davon weiss das Publikum nichts und urteilt wie so oft zuerst aufgrund von Äusserlichkeiten. Aber was dann kommt, ist unfassbar, das Mädel legt eine Oper hin die so gefühlsvoll gesungen ist, dass man mitheulen möchte. Sie ist für mich das Paradebeispiel für Menschen die man verkennt, allein weil man gegenüber “etwas anders erscheinenden Menschen” aus Prinzip mit Ablehnung reagiert.

      Es bedarf nach diesen Beispielen wohl keines Beweises und keines Arguments mehr um bewusst zu machen, dass man Menschen nicht aufgrund von Äusserlichkeiten unterschätzen sollte und dass man Menschen erst beurteilen sollte, wenn man wirklich jede Seite von ihnen kennt.

      Es bedarf einzig noch eines Hinweises – Jeder Mensch hat seine Talente und Jeder hat etwas Spezielles, das ihn ausmacht und einzigartig macht, jeder Mensch ist etwas Besonderes. Aber nicht alle haben solche Talente, die einem derart vom Hocker hauen. Das sollte uns aber nicht daran hindern, dass wir alle Menschen annehmen, egal ob sie irgendwie anders sind oder oberflächlich betrachtet “nicht schön” oder “nicht cool” sind oder was weiss ich. Wir müssen endlich lernen, einander anzunehmen und zu anerkennen wie wir sind. Jeder Mensch ist etwas Einzigartiges und hat es verdient, als das angenommen zu werden was er ist und was ihn ausmacht.

      Und wenn wir mal wieder vorschnell über jemanden urteilen im Stil von: “der Punk hat ja keinen Job, der ist ein Aussenseiter….” oder wenn wir jemanden belächeln und sagen: “der Kerl hat ja null Selbstvertrauen, was ist das denn für eine Lusche…..”, dann sollten wir uns daran erinnern, dass so Mancher wie in diesen Beispielen da oben ein schweres Schicksal hinter sich haben könnte, dass es nunmal Menschen gibt, die ein härteres Leben hatten als wir und die viele Verbeulungen davongegetragen haben, Menschen die ein viel schweres Pack auf dem Rücken tragen als wir selbst.

      Jeder Mensch ist liebenswert, unser aller Blut ist rot und unsere Herzen schlagen alle im gleichen Takt………. In dem Sinn ruufe ich Euch einmal mehr zu: Namaste! Ich grüsse das Göttliche in Dir!

      PS: über Talentshows habe ich schonmal im alten Tagebuch geschrieben: Talentshows und ihre Superstars

      Sonntag auf SF1: Reporter – Von Andreas zu Claudia

      Hier noch ein TV-Tipp mit beschränkter Haftung. Am Sonntag (25.9.2011) bringt SF1 um 21:45 Uhr in der Sendung “Reporter” eine Dokumentation über Claudia Meier, die Hoteldirektorin im bernischen Hotel Schwefelberg Bad, die in letzter Zeit in den Medien war, weil das “Amt für Migration und Personenstand” ihr die Vornamens- und Personenstandsänderung bisher verweigerte, da sie die genitalangleichende Operation noch nicht hinter sich hat resp. die zweijährige Zermürbungsphase den zweijährigen Alltagstest noch nicht absolviert hat, der in den hiesigen und wie von mir bereits mehrfach kritisierten und menschenrechts-widrigen “Behandlungsstandards” vorgeschrieben wird.

      Das Schweizer TV berichtete bereits zwei Mal in der Sendung “Schweiz aktuell” darüber, in beiden Fällen waren die Berichtersttattungen jenseits von gut und böse, man war ignorant genug um von Frau Meier in der männlichen Form zu sprechen. Dementsprechend graut es mir ziemlich vor diesem nächsten Erguss von SF-DRS, es wäre das erste Mal, dass SF-DRS transsexuellen Menschen ein Minimum an Respekt zukommen liesse. Inhaltlich sind diese zwei Sendungen zwar recht gut, vorallem die Zweite betreffend der Namensverweigerung, aber das Drumrum durch die Reportagemacher ist einafch nur übel.
      Schweiz Aktuell: Vom Chef zur Chefin
      Schweiz Aktuell: Namensstreit in Bern

      Interessant ist so nebenbei erwähnt, dass in obiger TV-Sendung von Schweiz Aktuell die Verantwortlichen den Namenswechsel mit Verweis auf das deutsche Transsexuellengesetz (TSG) verweigern, obwohl das für uns nicht zuständig ist. Pikant dabei ist, dass das deutsche Verfassungsgericht bereits Anfang Jahr entschieden hat, dass dieses TSG in mehreren Punkten verfassungswidrig ist und gegen europäische Menschenrechte verstösst – im Speziellen die Forderung nach irreversibler Sterilisierung.

      Der Ankündigungstext für die Reporter-Sendung geht nun in eine ähnliche Richtung, einmal mehr verbreiten Medien das Bild eines Mannes, der halt einfach lieber eine Frau wäre und dass aus einem Mann “plötzlich” eine Frau wird. Dass dies wissenschaftlichen Fakten widerspricht muss ich genauso wenig erläutern wie dass sie mit solchen entwürdigenden Formulierungen das Menschenrecht auf Selbstbestimmung mit Füssen treten, darüber habe ich oft genug geschrieben.

      41 Jahre lang lebte Andreas Meier als Mann und führte den elterlichen Hotelbetrieb im bernischen Schwefelbergbad. Doch seit seiner Kindheit wäre er viel lieber ein Mädchen gewesen.

      Vor acht Monaten fand Andreas den Mut, gegen aussen zu zeigen, was er innerlich schon immer spürte. Seitdem ist aus Andreas Claudia geworden. Eine lebensfrohe Frau, die gerne in High Heels und Minirock auftritt, sich aber auch für die harte körperliche Arbeit draussen und in der Küche nicht zu schade ist.

      Mit ihrem Coming Out überraschte Claudia ihre Familie und ihre Lebenspartnerin Esther. In der Reportage von Rolf Dietrich erzählt Esther, wie sie damit umgeht, dass aus ihrem Freund plötzlich eine Frau geworden ist. Welche Perspektiven hat diese Liebesbeziehung, wenn die Geschlechter-Rollen derart durcheinandergeraten? Auch ihre Schwester, ihre Eltern sowie die Hotelangestellten mussten zuerst lernen, damit umzugehen, dass aus Andreas Claudia geworden ist.

      Nein, Ihr Redaktionsclowns, Claudia heisst nicht Andreas, und sie ist kein “er”, sie wollte auch nie “lieber ein Mädchen sein” sondern ist als Frau mit nicht dem Geschlecht entsprechenden Geschlechtsmerkmalen geboren, deshalb wurde sie auch nicht “plötzlich” zur Frau, das schien nur von aussen her betrachtet so. Fehlte eigentlich nur noch “Geschlechtsumwandlung”, dann wäre die Liste der Falschvorstellungen im Wesentlichen komplett.

      Wenn die Sendung selber genauso unsensibel und unwissend daher kommt wie dieser Text oder frühere Sendungen, dann dürfte das mal wieder ein mediales Desaster geben und einmal werden die Vorurteile der Zuschauer betoniert. Aber lassen wir uns überraschen, vielleicht wird’s ja wider Erwarten doch eine informative Sendung, aber der Text da oben lässt Schlimmstes befürchten.

      Wiederholungen:
      Montag, 26. September 2011, 04.05 Uhr auf SF1
      Mittwoch, 28. September 2011, 11.30 Uhr auf SF1

      SF1 Reporter: Die transsexuelle Hoteldirektorin vom Schwefelbergbad

      UPDATE – mein Senf zur Sendung:
      SF1 Reporter – Von Andreas zu Claudia

      Mobbing – Homophobie und Transphobie sind tödlich

      Heute möchte ich Euch jemanden vorstellen. Das ist Jamey Rodemeyer, ein 14-jähriger amerikanischer Junge. Jamey ist eigentlich ein ganz normaler Junge, er wird von seinem Umfeld sehr geschätzt, ist sensibel, lebensfroh und sozial engagiert.

      Nur in einem unterscheidet sich Jamey von anderen Jungs, Jamey ist schwul. Und noch in etwas unterscheidet er sich von Jugendlichen dieses Alters, er ist mutig und tapfer genug um zu seiner Wesensart zu stehen, er steht zu sich obwohl er deswegen gemobbt wird.

      Vor einiger Zeit hat Jamey dieses Video veröffentlicht, ein “Alles wird besser” Video, in dem er wie viele andere Schwule, Lesben, Transsexuelle und sonstwie Stigmatisierte sich gegenseitig Mut zusprechen und so die Hoffnung aufrecht erhalten, dass es in dieser Gesellschaft wirklich besser wird, dass Menschen wie Jamey oder ich eines Tages nicht mehr als Stigmatisierte gelten, dass all der Spott und Hohn eines Tages endet.

      Ich bitte Euch, dieses Video nun genau anzuschauen, auch wenn Ihr den englischen Text nicht versteht, betrachtet diesen liebenswürdigen Jungen, beobachtet seine schüchterne Körpersprache, erspürt seine Sensibilität………

      Das war Jamey Rodemeyer, ein 14-jähriger amerikanischer Junge……. nur in einem unterscheidet sich Jamey von anderen Jungs……. Jamey ist tot, er hat sich letzten Sonntag das Leben genommen.

      Jamey reiht sich damit ein in eine Unzahl von homosexuellen Jugendlichen, die dem Druck einer homophoben Gesellschaft nicht mehr standhalten konnten. Seit seinem Outing wurde er in der Schule und von anderen Jugendlichen aufs Heftigste gemobbt, er wurde verhöhnt und verspottet. Kurz vor seinem Tod schrieb er in seinem Blog: “Ich sage immer, wie sehr ich gemobbt werde, aber das interessiert niemanden. Was muss ich tun, damit Leute mir zuhören?” und wenige Tage vorher schrieb er: “Ich wäre so glücklich wenn ich sterben könnte”. Sind das die Worte, die ein 14-Jähriger aussprechen sollte? Wie brutal muss eine Gesellschaft sein, dass ein 14-jähriger Junge solche Empfinden hat, weil man ihn derart ausgrenzt und kaputt macht, bis er sich nicht mehr anders zu helfen weiss als sich das Leben zu nehmen? Aber wundert es einem, dass ein Junge nicht mehr weiter weiss, wenn er beispielsweise über sich liest: “Jamey ist stupid, schwul, fett und hässlich, er muss sterben”?

      Das Wort “Homophobie” leitet sich ab von der Vorstellung, dass wir das ablehnen, wovor wir uns fürchten, in der Regel ist es “das Fremde”, in welcher Gestalt auch immer es uns begegnet. Die Angst vor dem Fremden, die Xenophobie, macht Menschen zu Fremdenhassern, Homophobie führt zu Schwulenhass und Transphobie zu Transsexuellenfeindlichkeit. Eine Studie der Columbia University mit 32’000 Elftklässlern zeigt erschreckende Fakten. Homosexuelle resp. lesbische Jugendliche haben eine viermal höhere Selbstmordversuchsrate als der Durchschnitt. Die Studie zeigte auch, dass das Suizidrisiko umso grösser ist, wenn das soziale Umfeld negativ mit der Homosexualität der Betroffenen umgeht. Homosexuelle Menschen, die von ihrem Umfeld nicht gestützt werden, haben ein 20% höheres Suizidrisiko, das sollte uns wirklich zu denken geben.

      Ich kenne diese Abgründe der Gesellschaft mehr als mir lieb ist. Als Kind wurde ich oft verspottet, weil ich so feminin war. Man hielt mich ja für einen Jungen und fand das total lustig, dass ich “so weibisch” bin. Und heute, da ich nun endlich meinem wirklichen Geschlecht entsprechend als Frau lebe, muss ich wieder hie und da spöttische Blicke ertragen, vorallem von Kindern und Jugendlichen. Oft habe ich mich gefragt, warum ich nicht schon als Kind mutig genug war um so für mich einzustehen, warum ich vierzig Jahre lang mich selbst verleugnete. An so Tagen wie heute wird mir mal wieder klar warum, ich wäre damals wie Jamey nicht stark genug gewesen um die hässliche Seite der Gesellschaft zu erdulden, ich wäre genau wie er kaputt gegangen an der Grausamkeit dieser Welt.

      An Jugendliche:

      Wenn Du Dich mal wieder lustig machen möchtest über einen Mitschüler, dann erinnere Dich daran, dass Mobbing tödlich sein kann, halte Dir vor Augen, dass jährlich tausende von Kindern sich das Leben nehmen, weil sie das nicht ertragen können, was Du vielleicht grad im Begriff bist zu tun. Du weisst nicht, was die Zukunft für Dich bereit hält, vielleicht bemerkst Du eines Tages, dass Du homosexuell bist, vielleicht outet sich Dein Vater oder Deine Mutter als Homosexuelle oder Transsexuelle, vielleicht kommt der Tag, an dem man Dir “Schwuchtel” oder “Transentochter” oder “Krüppel” nachruft. Vielleicht kommt der Tag, an dem auch Du zu den Stigmatisierten dieser Gesellschaft gehörst, geh so mit Deinen Mitmenschen um wie Du es Dir erhoffen würdest in so einer Lage.

      An Erwachsene:

      Wenn Du Dich mal wieder lustig machen möchtest über einen Mitmenschen, nur weil dieser irgendwie anders ist, dann erinnere Dich daran, dass Verachtung und Verspottung tödlich sein können, halte Dir vor Augen, dass tausende von Menschen sich das Leben nehmen, weil sie mit dem Gespött durch Menschen wie Dich nicht mehr klar kommen.

      An Eltern:

      Wenn Ihr wirklich so erbärmlich seid, dass Ihr es nicht lassen könnt, Euch über Andere lustig zu machen, dann tut das wenigstens nicht in Anwesenheit Eurer Kinder, denn Eure Kinder lernen durch Euch solche Verhaltensweisen und wenn Ihr ihnen so ein Vorbild seid, werden sie eines Tages genauso asoziale Arschlöcher wie Ihr es seid.

      An die Jugendlichen die Jamey gemobbt haben:

      Redet Euch nicht ein, Jamey hätte sich selbst getötet, Ihr wart das, Ihr habt sein Leben auf dem Gewissen, mit dieser Schuld müsst Ihr nun leben. Und falls Eure Eltern mal wieder betonen, dass Gott angeblich Schwule hasst, dann vergesst nicht, dass Gott vorallem Mörder hasst, Ihr seid solche Mörder – willkommen in der Hölle!

      An Mobbing-Opfer:

      Und all den Mobbing-Opfern, die immer mal wieder an die Grenzen des Erträglichen anstossen, möchte ich diese alten Blogbeiträge von mir zum Nachdenken mitgeben…… glaubt mir, Ihr seid nicht allein!

      Selbstmord – die vorweggenommene Niederlage
      Transsexualität und Selbstsicherheit

      An Jamey:

      Ich kannte Dich nicht und so hörte ich Dich auch nicht, wie gerne wäre ich Dir beigestanden um diesen Widrigkeiten zu trotzen. Aber wenigstens jetzt wirst Du gehört, weit über Deine Landesgrenzen hinaus. Vielleicht bekommt Dein sinnloser Tod wenigstens so ein wenig Sinn. Es ist allseits bekannt, dass viel zu viele Jugendliche sich das Leben nehmen und es dürfte auch vielen bekannt sein, dass die Suizidrate von homosexuellen Jugendlichen vier mal höher ist als bei Anderen. Aber mit so Zahlen erreicht man keine Menschen, die Meisten sind nicht feinfühlig genug um hinter diesen Zahlen all die Schicksale zu erspühren. Durch Dich hat Homophobie und Mobbing ein Gesicht bekommen, möge die Welt wenigstens jetzt etwas daraus lernen, auch wenn es für Dich zu spät ist. Eines kann ich Dir versichern: Du hast mich berührt, mich zu Tränen gerührt……. ich hoffe, dass ich diese Rührung mit diesem Blogbeitrag weiter geben kann, damit Du nie vergessen wirst.

      Wirklich tot sind nur die, an die niemand mehr denkt,
      wir vergessen Dich nie, Jamey!

      Mehr zu diesem traurigen Ereignis:

      Queerdenker: Selbstmord eines 14-Jährigen in den USA
      Fabio Huwyler: Paws Up!
      Technorati: It Didn’t Get Better For Jamey Rodemeyer
      John Shore: Christians and the Blood of Jamey Rodemeyer
      Buffalo News: Teenager struggled with bullying before taking his life
      Facebook Gedenkseite für Jamey Rodemeyer

      They can verbally abuse me, they can torture me,
      they can try to strip me bare of my dignity…
      they can even take my life,
      but they can never ever snatch who I am at my core…
      I will always naturally express who I am on the outside,
      Trans (and Homo) phobic social oppressors be damned!
      (Arianna Davis)

      UPDATE 23.9.2011: So traurig dieser Vorfall auch ist, es sieht danach aus, als ob die Welt von einer Solidaritätswelle erschüttert wird, infolgedessen das “Paws Up Forever Project” am entstehen ist. Dieses Video ist ein erstes Statement………. in dem Sinne…… PAWS UP *fauch*

      UPDATE 26.09.2011: Die Musikerin “Lady Gaga” hat sich ihrem Fan angenommen und unterstützt die “Paws Up for Jamey” Bewegung an vorderster Front, hoffen wir, dass diese Welle nicht mehr aufhört, bis auch der hinterletzte Depp versteht: “Mobben ist was für Verlierer” (O-Ton Lady Gaga). Anlässlich eines Auftritts widmete sie Jamey ein Lied……

      MTV: Lady Gaga – Kampf dem Mobbing
      MTV: Lady Gaga – Song für Mobbing-Opfer
      BlueWin: Lady Gaga gedenkt ihrem toten Fan
      Queerdenker: Grossartige Lady Gaga

      Das Erwachen der Hexenmeisterin

      Es ist früh am morgen, noch halb in der Nacht, Nebelschwaden hängen in der Luft und vereinzelt erklingen schaurige Eulenklänge und Fledermausgeblöke, als plötzlich ein markerschütterndes Geräusch die friedliche Idylle der Fantasiewelt Azeroth durchdringt. Diana, Hexenmeisterin vom Volk der Blutelfen, reisst erschreckt die Augen auf und blickt durch verschwommene Nebenschwaden. Sofort wirft sie ein paar Feuerbälle und ein paar Blitze in Richtung des Geräuschs, das noch grausamer klingt als all die Orks, Trolle und Feuerdrachen, die sie am Abend zuvor bis in alle Nacht bekämpft hat. Verwirrt blickt sie um sich, was war das für ein Monster? Und schon wieder erklingt dieses grässliche Geräusch, das einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Wieder wirft Diana ein paar Feuerbälle, aber das Ding scheint gegen ihre Zauberkräfte immun zu sein. Noch immer ist die Luft nebelumhangen, sie kann kaum ihre Hand vor Augen sehen. Todesmutig streckt Diana ihre Hand aus um das brüllende Ungetüm mit blosser Hand zu erwürgen – und ertastet zu ihrer grossen Verblüffung einen Wecker. Urks. Was ist denn hier geschehen, im Lande der Elfen und Feen? Was ist das bloss für ein seltsames Kästchen, das schlimmer klingt als tausend Orks? Da beginnt die Blutelfe zu begreifen, dass etwas Seltsames geschehen ist, sie ist nicht mehr in Azeroth, dem Land der Elfen, Feen und gruseligen Monster, sie ist im Paralleluniversum gelandet, dem Land, das man….. *schluck*……. “reales Leben” nennt……. *schauder*………..

      So ähnlich ging’s mir heute morgen, als der bekloppte Wecker bereits um halb Sieben losgackerte, obwohl ich ja eben erst grad um zwei Uhr noch am Monster plätten war. Brrrrr, ist das gruselig. Nachdem ich übers Wochenende nun doch mal das legendäre Computerspiel “World of Warcraft” installierte, kam’s natürlich wie es kommen musste und ich spielte Sonntag und Montag jeweils bis zwei Uhr und stand beide Male viereinhalb Stunden später wieder auf – das ist echt zuviel für n’altes Weib wie mich, echt. Als der Wecker losging, fühlte es sich tatsächlich schlimmer an als all die Monster, die ich gestern noch dank Feuer- und Blitzzauber beseitigen konnte, der Wecker war da eine viel grausamere Sache, ich musste kapitulieren.

      Und so kroch ich dann halt Richtung Badezimmer, tüdelte mich an während ich nachwievor die Welt durch Nebelschwaden zu durchringen versuchte und irgendwie kam mir dieses reale Leben einiges surrealer vor als das virtuelle Leben des Vorabends. Aber irgendwie schaffte ich es, schlaftrunken in der Firma anzukommen, stürzte mich als Erstes gleich mal auf die Kaffeemaschine, liess einen Kaffee raus, nahm einen Schluck, verzog das Gesicht als hätt ich Krötenschleim im Mund und blickte verwirrt auf meine Tasse, die aussah als wäre nur dreckiges Wasser drin. Ork-Zauberei? Hmmmmm, ach jaaaaaahhh, ich muss ja erst eine Kapsel in die Kaffeemaschine tun bevor ich Kaffee machen kann – na denn, auf ein Neues.

      Als ich dann mit belämmertem Gesichtsausdruck in den Bildschirm starrte und vergeblich nach Monstern Ausschau hielt, kam ich schnell zum Schluss, dass mein verschwommenes Blickfeld rein atmosphärisch viel besser in WorldOfWarcraft passen würde als hier ins Office. Als kurz drauf ein Teamkollege reinkam und ich ihm versuchte zu erklären, dass mein Monitor kaputt sei, ich würde alles verschwommen sehen, erntete ich auch nicht allzuviel Verständnis – bis ich ächtzend brabbelte: “hab WoW gespielt letzte Nacht”, dann war alles klar und ich bekam meine mir zustehende Portion Mitleid.

      Und so quälte ich mich durch den Tag und mir gruselte bereits davor, dass ich heute Abend Wäschetag hab und deshalb nach der Arbeit auch noch waschen muss. Also nix mit WoW oder Cello spielen, ich würde mich weiter schlaftrunken durch eine nebenverhangene Waschküche kämpfen müssen anstatt die Heldin zu sein, die ich nunmal bin *seufz*. Kurz vor Feierabend musste ich noch einen Termin ins Outlock eintragen und guckte dann noch blöder als eh schon den ganzen Tag……… Dienstag? Warum zum Geier ist heute schon wieder Dienstag? Das war doch gestern schon? Bin ich mal wieder in einer Zeitschleife gelandet oder hat mich über Nacht so ein bekloppter Ork durchs Raum-Zeit-Gefüge geschleudert? Und wenn Mittwoch erst morgen ist, also mein “heute” erst “morgen” kommt, muss ich dann trotzdem heute waschen oder ist dann morgen gleich Donnerstag, weil wieder so ein Gnom mit der Universumsspieluhr gespielt hat? Ich war echt verwirrt für einen Moment, ich hätte meinen Hintern darauf verwettet, dass heute Mittwoch ist, hmmmmmm……..

      Und so begann ich langsam aber sicher zu erahnen, dass ich doch ein klein wenig Restvernunft walten lassen sollte beim compüterlen. Zwei mal hintereinander so spät ins Bett, bringt auch die härteste Blutelfe an ihre Grenzen. Und wenn ich bedenke, wie verdreht mein heutiges Delirum war, dann kann ich wohl nicht ausschliessen, dass ich bei noch mehr solchen Nachtabenteuern eines Tages schwertschwingend durch’s Quartier schleiche und Briefkästen anzünde oder so.

      Mit anderen Worten: vor so Spielen muss man sich echt hüten, die sind zu cool um daneben auch noch im sogenannt realen Leben Zeit zu verbringen und die Wechsel zwischen diesen zwei doch etwas unterschiedlichen Welten können auch mal a bisserl verwirrend sein, zumindest wenn man saumässig übernächtigt ist. Deshalb möchte ich heute Nacht mal ganz vernünftig sein und Azeroth fernbleiben……… naja……. oder vielleicht ganz kurz……… ich bin jetzt auf Level 8, auf Level 10 krieg ich neue Zaubersprüche……… kann mir bitte jemand den Internetanschluss kappen? :D

      PS: Anzumerken wäre noch, dass ich die Grafik von WoW überhaupt nicht mag, dieser Comics-Look ist irgendwie Kinderkram im Vergleich zum Spiel “Rift” das ich kürzlich gespielt habe. Aber weil Rift vom Schwierigkeitsgrad her einfach jenseits ist für Gelegenheitsspielerinnen wie mich, versuch ich’s nun halt doch mal mit WoW – Stimmung kommt überraschenderweise trotzdem auf :-)

      Intuitives Musizieren – Diana im Cello-Rausch

      Nachdem ich mich vorhin episch über “Computerfreaks und intuitives Programmieren” ausgelassen habe, beschäftigte ich mich zum zweiten Mal mit meinem letzte Woche eingetroffenen eCello und dabei fiel mir auf, dass ich im Umgang mit Musikinstrumenten genauso “anders ticke” als Andere wie beim Programmieren. Das passt doch zum Thema :-)

      Intuitives Musik-lernen

      In meinem Leben habe ich eine Vielzahl von Instrumenten gespielt, das Eine mehr, das Andere weniger gut. Mit dabei waren Gitarre, BluesHarp, Keyboard, Indianische Flöte, schottische Bagpipe und nun geht’s mit elektrischer Violine resp. Cello weiter. Obwohl ich Grundkenntnisse habe im Notenlesen, Musiklehre u.s.w. gehe ich eigentlich nie vom Verstand her an so ein Instrument ran, ich begegne dem Instrument eher auf intuitiver Ebene. In der Musik macht das noch viel mehr Sinn als beim Programmieren, weil Musik eben etwas Musisches ist und man da im Bauch einen direkteren Zugang hat als mit dem Verstand. Es ist zwar hilfreich, wenn man weiss was man da tut, ist aber keine Bedingung dazu. Ich lerne meistens, in dem ich einfach damit rumexperimentiere, mir zuhöre, korrigiere und mich so langsam einfinde. Mit der Zeit wissen die Finger wo sie hingehören ohne dass ich weiss, was für einen Ton ich da grad spiele.

      Kuscheln mit dem Cello

      Beim Cello geht’s mir nun genauso, es wird sich zwar noch zeigen müssen, ob die Finger das wirklich verinnerlichen und die Bogenhand irgendwann selber Regie führt, aber es fühlt sich so an als würde es auch da so funktionieren. Irgendwie steht mir der Verstand resp. das systematische Denken völlig im Weg, es hindert die musikalische Inspiration. Natürlich nutze ich Tipps die ich im Internet finde, betrachte Lernvideos auf youTube und versuche das zu verinnerlichen, aber der Verstand hat damit nur am Rande etwas zu tun, solange, bis es verinnerlicht ist.

      Mein Cello-Lehrer

      Darf ich vorstellen, das ist Adam Hurst, mein Cello-Lehrer. Er weiss nichts von seiner Ehre, ich hab ihn zufällig im Internet gefunden und engagiert. Auf youTube gibt es ein ganzes Rudel Songs von ihm in denen er meist in vorteilhafter Kameraführung gezeigt wird, man kann vorallem im Vollbildmodus sehr gut zuschauen wie er die Finger bewegt, welche Körperhaltung er hat und vorallem hat er so eine ruhige Ausstrahlung, die schon beim Zukucken entspannt.

      Mein erstes Lehrstück – mit Spatzen flirten

      Wie schon mit anderen Instrumenten lerne ich am besten, wenn ich mir einfach ein schönes Stück suche das möglichst einfach ist und dann geh ich dem nach bis ich es hab. Dank diesem Video geht das super gut, es ist auf Anhieb zu einem Lieblingslied geworden, weil ich es so lieblich finde, es heisst “Sparrow” was zu deutsch ein Spatz ist (ich lieb diese kleinen Racker), es ist von der Tonfolge sehr einfach und das wichtigste: Ich kann ihm so gut zuschauen auf diesem Video. Nun habe ich das Lied erst mal mindestens ein dutzend Mal angeschaut und dabei genau die Bewegungen beobachtet. Mit der Zeit habe ich in der Luft die Fingerbewegungen oder die Bogenbewegung nachgeahmt. Erst als ich die Melodie auswändig im Kopf hatte und die Bewegungen etwas verinnerlicht hatte, setzte ich mich ans Cello und begann das nachzuspielen. Es klingt natürlich noch so gruselig, dass ich damit jeden Dämon exorzieren könnte und jeden Poltergeist verscheuchen würde, aber schon nach einer halben Stunde konnte ich die Töne in etwa nachspielen. Mit jedem Mal kommt der Klang dem Original ein klein wenig näher, die Hirnarbeit dabei nimmt immer mehr ab. Wenn ich so weiter mache, kommt irgendwann der Moment, an dem die Hände selber tun was sie tun wollen, ich muss nur noch die Melodie denken und der Körper spielt sie – so war das jedenfalls früher mit anderen Instrumenten.

      Null Ahnung, aber es funktioniert

      Das Witzige dabei ist, dass ich keine Ahnung hab was ich da spiele, ich weiss nicht welche Töne ich spiele, ja nicht mal welche Tonart das ist. Seltsamerweise ist das gar nicht nötig, die Finger müssen nur lernen, wie sie zur Melodie in meinem Kopf tanzen müssen und dann spielen sie irgendwann genau die Töne die nötig sind ohne zu wissen, wie die heissen. Noch verrückter ist, dass mein Cello anders gestimmt ist als das meines Lehrers und um die Töne am gleichen Ort zu drücken wie er, muss ich ein paar Töne tiefer spielen. Auch das funkioniert einfach so, ich beginne einfach ein paar Töne tiefer und spiele dieselbe Melodie nur halt eben alles etwas tiefer. Würde ich das vom Verstand her versuchen, müsste ich echt gut sein im Spielen, aber das läuft bei mir übers Ohr, ich sing die Melodie im Kopf und die Finger suchen dann den entsprechernden Ton.

      Der Weg bestimmt das Ziel – oder umgekehrt

      Wie beim Programmieren, so gibt es auch beim Musizieren kein richtig oder falsch, man kann systematisch oder intuitiv da ran gehen, es ist vorallem eine Frage des Ziels, das einem den Weg aufdrängt – oder die eigene Wesensart, die einem für das Eine empfänglicher macht als für das Andere. Wer irgendwann in ein Orchester oder eine Band möchte, der wird wohl nicht umhinkommen, recht systematisch und logisch zu lernen, im Zusammenspiel mit Anderen ist es schon fast zwingend, dass man genau weiss was man tut und absolut nur das tut. Wer aber wie ich nur für sich selbst musizieren will, einfach um Spass zu haben und um Gefühle auszudrücken und zu kanalisieren, der ist meines Erachtens gut beraten, intuitiv mit dem Instrument umzugehen. Dieser Weg führt kaum zu solcher Präzision wie der systematische Weg, aber es kann unheimlich erfüllend zu sein, sich so auszutoben.

      Auf in eine neue Liebschaft – kann jemand helfen?

      Ich für meinen Teil freue mich jedenfalls ungemein auf das was vor mir liegt, diese Annäherung an das Cello, das sich bekannt machen, das verschmelzen, das gemeinsame Einswerden. Auf diese Weise hat Musik etwas mit Mystik zu tun, es hat etwas Spirituelles. Ich glaub wirklich, dass wir gute Freundinnen werden, ich und mein Cello, ich halt Euch auf dem Laufenden ;-)

      An dieser Stelle frag ich einfach mal in die Runde, kann jemand von Euch Cello spielen, wohnt in der Gegend von Zürich und hätte Zeit und Lust, mir mal einen Crash-Kurs zu geben?

      Das Ende der Computer-Freak Generation

      Mein Job frustriert mich grad ziemlich, weil ich mich mal wieder mit modernem Quatsch (WPF) herumschlagen muss anstatt das zu tun, was meine Leidenschaft wäre, das Programmieren selbst. Natürlich bin ich als Software-Entwicklerin keine Gegnerin von innovativen Erneuerungen, sonst wäre ich in dieser Branche am falschen Ort. Aber die Technologie mit der ich mich im neusten Projekt herumschlagen muss, zeigt mir einmal mehr was mir seit Jahren immer mehr auffällt. In der Software-Entwicklung findet ein Paradigmenwechsel statt, die Zeit der Computerfreaks neigt sich dem Ende zu zugunsten einer akademischen Software-Entwicklung, die nur noch wenig zu tun hat mit den Ursprüngen der Programmiererei. Und das hält mir vor Augen, dass meine Zukunft in dieser Branche auf wackligen Füssen steht, weil die “rabiate Programmierkunst” der Frühzeit nicht mehr gefragt sein wird in Zukunft. Darüber möchte ich heute schreiben und das wird ein längerer Exkurs, also holt mal wieder Bier und Popcorn, heut wirds wieder mal episch……..

      Die Ära der Computerfreaks

      Als ich vor dreissig Jahren begonnen habe Computer zu programmieren, da gab es keine predigenden Akademien, keine Lehranstalten, keine Zertifikate, keine Denkdogmen, da gab es einfach nichts ausser eben diesen Computer-Freaks, Leute die fasziniert waren von diesen Computern und mit Leidenschaft begannen, diese Kisten zu den verrücktesten Dingen zu programmieren. Damals gab es keine hochkomplexen Komponenten die man verwenden kann, geschwege denn solche die man verwenden muss, die damaligen Computer und die von uns verwendeten Programmiersprachen konnten nahezu nix. Mit primitivsten Mitteln mussten wir diese Kisten programmieren, alles mussten wir selber erfinden, da war eine ungeheure Kreativität gefragt und man benötigte einen enormen Erfindergeist. Das Programmieren war ein Abenteuer und mit den damaligen Programmiersprachen hatte man die totale Macht über diese Computer. Man konnte einfach alles an ihnen verändern, man konnte sie zu allem “überreden”, aber schon kleinste Fehler konnten die Kiste abstürzen lassen. Man musste echt n’Freak sein für sowas – ich war eine von denen.

      Die goldene Zeit der Computerfreaks

      Nachdem ich während meiner Jugendzeit in meinem stillen Kämmerchen die verrücktesten Programme schrieb, nicht weil ich sie brauchte sondern einfach weil der Machbarkeitswahn mich beflügelte, lernte ich die Kunst des Programmierens auf tiefster Systemebene. Für Insider: wenn ich mit Basic etwas nicht tun konnte oder es zu langsam war, dann wurde halt mit Assembler weiter entwickelt. Als ich dann eine kaufmännische Lehre machte und mein Informatiklehrer ob meinem Talent so begeistert war, empfahl er mir, mich bei der Firma Telekurs zu bewerben, die damals so ziemlich die einzige Firma war, die Ausbildungen anbot. Ich bewarb mich dort obwohl ich fünf Jahre unter dem Mindestalter war und kriegte den Job, weil es damals einfach kaum Leute gab die programmieren konnten, die staunten Bauklötze, dass da jemand antanzt mit solchen Erfahrungen. Damals war es wirklich verrückt, Informatiker kamen nicht im Schlips mit Aktenkoffer sondern im Jeans-Tshirt Look. Wir konnten nicht so klug reden wie heutige Hochschulinformatiker, aber wir konnten aus diesen Computern einfach alles herausholen. So Technikfreaks waren gesucht, weil es gar keine Alternativen gab, wir waren die Einzigen die diese Kisten im Griff hatten.

      Die Freiheit der Programmierdinosaurerier

      Damals gab es keine Denkmodelle, niemand sagte wie etwas getan werden muss, man gab uns einfach Problemstellungen und wir programmierten die Lösungen dazu. Es gab keine Dogmatik, es gab nur pure Pragmatik. Was auch immer die Kiste tun soll, ich sorge dafür, dass sie es tut, egal wie tief ich notfalls ins System eingreifen muss, egal wie unorthodox ich vorgehen muss, ich werde die Kiste dazu bringen, dass sie genau das tut was sie soll. Wir lernten nicht aus Schulbüchern und brauchten keine Ausbildungen, wir setzten uns einfach hin und tüftelten rum bis wir es im Griff hatten. Das war pure Freiheit im Denken und es war totale Macht über diese Geräte. Und das coolste war, dass damalige Programmiersprachen so primitiv waren, dass nur wir Freaks das wirklich im Griff hatten. Es gab eben keine komplexen Komponenten, alles wurde selber programmiert, man brauchte sehr vertieftes Wissern, was in einem Prozessor abläuft, man musste auf Du und Du sein mit dem Computer.

      Die Weiterentwicklung der Programmiersprachen

      Aber gerade weil das Programmieren so kompliziert und aufwändig war, wurden Programmiersprachen weiterentwickelt und wurden immer leistungsstärker. Dinge, für die wir damals seitenlange Programmcodes schrieben, konnten nun mit einem einzigen Befehl ausgeführt werden. Das Programmieren wurde immer einfacher, das war toll, weil man für viel Kleinkram nicht mehr soviel Zeit aufwänden musste und sich so mehr um die Gesamtlogik kümmern konnte. Dadurch wurde das Programmieren aber auch einfacher und die Tür öffnete sich für das was man heute Informatiker nennt. Aber diese Weiterentwicklungen forderten auch ihren Tribut. Diese Programmierbefehle, die immer mächtiger wurden und immer mehr konnten, waren oft so Wollmilchsäue, die sehr viel konnten, meist mehr als man selber brauchte und das ging meist auf Kosten der Performance. Die ersten Generationswechsel der Programmiersprachen (4GL und OOP) hielten sich in Grenzen, man konnte zwar diese Wollmilchsäue benutzen, wenns aber zu langsam war oder nicht genau das tat was es sollte, dann ging man halt eine Stufe näher ans System und programmierte das Zeug selber. Aber je mehr die Informatik akademisiert wurde, umso weniger wurde das zugelassen (z.B. DotNet). Immer mehr setzte sich eine Normierungstendenz ein, etwas, was uns Freaks ein Gräuel war.

      Die Machtübernahme der Informatiker

      Die Branche wurde immer mehr “professionalisiert”, Informatik wurde nun an Universitäten und Hochschulen gelernt, dort wurden neue Denkdogmen postuliert und die Branche setzte immer mehr auf Hochschul-Informatiker anstelle von Computerfreaks. Das ging soweit, dass man vor etwas mehr als einem Jahrzehnt als Urzeit-Programmierer kaum noch Jobchancen hatte. Ich selber suchte mal monatelang einen Job, bekam diverse Absagen mit der Begründung, ich würde das Anforderungsprofil nicht erfüllen, obwohl ich alle Anforderungen nicht nur erfüllte sondern überbot – bis auf eine, das Hochschulstudium. Ich programmierte seit zwei Jahrzehnten, hatte beste Zeugnisse und Referenzen, aber das zählte plötzlich nichts mehr. Und so veränderte sich die Entwickler-Branche immer mehr, weg vom turnschuhtragenden Computerfreak hin zu schlipstragenden Informatikern. Auch in der Terminologie zeigte sich das. Wir waren damals einfach Programmierer, später nannte man uns dann Analytikerprogrammierer, dann Softwareingenieure, dann Informatiker und und und.

      Selbstgemachtes der radikalen Art

      Wie gesagt, gab es immer mehr hochkomplexe Programmiersprachen, es gab aber auch immer mehr Zusatzkomponenten die man verwenden konnte, die einem meist sehr spezifische und hochkomplizierte Arbeiten abnahmen. Für viele Problemstellungen gab es sogenannte Middleware, Programmteile die man kaufen konnte, damit man etwas nicht mehr selber programmieren musste sondern nur noch diese Komponente steuerte, damit die das tut, was wir Programmierer von früher selber gestrickt hätten. Vor rund zehn Jahren bekam ich den genialsten Job meines Lebens in einem Startup Unternehmen der ETH Zürich, die sich auf Sprachsynthese spezialisiert hatte, sogenanntes Text-to-speech. Sie hatten ein Programm entwickelt, das Texte liest und diese dann in hörbare Worte übersetzte, also sprechende Computer. Diese Leute waren Sprachspezialisten und brauchten unbedingt jemand, der diesen Sprachsynthese-Kern den Kunden zur Verfügung stellte, sei es auf Handies, Navigationssystemen oder Windows-Computern.

      Mein grösster Stolz – mein Client-Server System

      Eines Tages kam der Boss und sagte, wir bräuchten ein Client-Server System, also ein System, bei dem ein Server Daten von beliebigen Client-Computern entgegen nahm. Es ging da um die Steuerung von Telefonieanlagen, beispielsweise für Callcenter oder computergesteuerte Telefonsysteme. Das Prinzip war, dass beliebige Computer dem Server Texte schickten, der sammelte die, übersetzte die in Audiodaten und schickte die Audiodaten paketweise zurück an die Clients. Da war Performance die grösste Herausforderung, weil der Sprachfluss nie unterbrochen werden durfte. Mein Boss meinte, ich hätte freie Hand, ich könne jede Middleware einkaufen die ich bräuchte. Naja, ich war ja eine “echte Programmiererin”, ich brauchte sowas nicht. Ich erklärte ihm, dass wir in Anbetracht der hohen Anforderungen das Risiko nicht eingehen können, dieses wichtige Teil von einem Fremdhersteller zu übernehmen, weil wir dann keine Kontrolle haben darüber, was da drin abgeht und vorallem keine Einflussmöglichkeiten haben, wenn das Teil rumzickt. Also kaufte ich mir ein Buch über diese Client-Server Technologie (TCP-IP) und begann mit dem Projekt von null auf. Monatelang programmierte ich daran herum, machte verrückteste Zeittests, änderte die Algorythmen immer wieder und optimierte das System bis zum geht nicht mehr. Am Schluss programmierte ich Testclients, die meinen Server mit Daten fütterten. Schlussendlich lief mein Server tagelang und wurde während dem von allen Firmencomputern permanent mit Daten gefüttert. Für Insider: die Clients hatten ein Multithreading Programm, das bis zu 80 Kanäle simulierte und ständig Daten schickte und Zeiten mass für die Resultatankunft. Als alles fertig war, wurde das System an den Kunden ausgeliefert, an Telefonieanlagen angehängt und lief einwandfrei, ich bekam nicht ein Problem gemeldet. Das ist insofern sensationell, weil ich das nie mit Telefonieanlagen testen konnte, alles lief nur in einer simulierten Umgebung. Aber ich hatte das so im Griff, dass ich garantieren konnte, dass mein Client-Server System in jedem Umfeld funktioniert.

      Wenn Fähigkeit zum Makel wird

      Diese langatmige Erzählung ist wichtig um diesen nächsten Punkt zu verstehen, denn nun kommt der Hammer. Als ich später wieder einen Job suchte, fand ich eine geniale Stellenausschreibung in einer Firma die Musiker-Anlagen programmierte, das wäre für mich als Musikliebhaberin zu genial gewesen. Eine der vielen Jobanforderungen waren Kenntnisse in Client-Server Programmierung und Multi-Threading Programmierung. Für Aussenstehende: ClientServer kann man sich sozusagen als Computerfernsteuerung vorstellen, MultiThreading bedeutet, das ein Computer mehrere Dinge gleichzeitig tut, was einfach klingt aber kompliziert zu programmieren ist, weil sich parallele Prozesse gegenseitig abschiessen können. Nun denn, ich durfte zum Bewerbungsgespräch und erlebte dort den Beginn des Endes der Computerfreak-Generation in übelster Weise, das klang dann in etwa wie folgt:

      • Er: Wir brauchen jemand mit vertieften Kenntnissen in Client-Server Architektur, Sie schreiben, Sie hätten da Erfahrung?
      • Ich: Ja ich habe in der letzten Firma ein komplexes Client-Server System ganz alleine programmiert.
      • Er: Was für Middleware haben Sie verwendet?
      • Ich: Middleware? Wer braucht denn sowas? Ne ich hab ein eigenes System programmiert, die Anforderungen waren viel zu spezifisch um Middleware zu verwenden.
      • Er: Ah dann haben Sie keine Erfahrung mit Client-Server Systemen?
      • Ich: Doch, ich kann selber eins programmieren, hab das ja schon gemacht und es läuft heute noch einwandfrei
      • Er: Oh das ist schade, wir brauchen jemand mit Middleware Erfahrung,.
      • Ich: *staun*.

      Den Job bekam ich nicht, eben weil ich keine Erfahrung habe, haha. Das ist in etwa wie wenn man jemand sucht der Autos reparieren soll und einer kommt der selber Autos gebaut hat und man bezweifelt, dass er was von Motoren versteht. Das ist einfach zu absurd. So wurde meine Stärke zum Nachteil, ich war nicht mehr wertvoll für den Markt, weil ich mehr kann als Andere, cool was?

      Computerfreak = nicht vermittelbar

      Als ich dann beim RAV antanzte zwecks Stellenvermittlung, wurde mir dort allen Ernstes gesagt, ich sei nicht mehr vermittelbar. Sie hätten unterdessen sogar Informatiker mit Hochschulabschluss die keinen Job finden, ich ohne Abschluss hätte da keine Chance mehr. Dass ich schon Computer programmierte als diese Hochschulinformatiker noch im Sandkasten spielten, zählte nichts und dass ich zwanzig Jahre lange Erfahrung habe, beste Referenzen und Zeugnisse, all das zählte nichts mehr, weil mir Diplome fehlten die bewiesen, dass ich das gelernt habe, was ich zwanzig Jahre lang tagtäglich gemacht habe – wie bekloppt ist das denn? Nun, ich fand dann selber wieder einen Job und arbeite heute noch in dieser Branche.

      Wenn die Theorie die Praxis überholt

      Aber wie lange wird mir das noch gelingen? In der Informatik will man junge Leute und man will Hochschulabschlüsse. Ich als Frau mit Transsexualitätsstigma, ohne Hochschulabschluss, mit für Informatik zu hohem Alter, da steh ich langsam auf dünnem Eis. Ich kann nicht so klug reden wie die Hochschulinformatiker, ich kenne keine “Design-Patterns” mit denen man Programme in hübsche Denksysteme pfercht, ich kenne keine Middleware die man braucht wenn man’s selber nicht kann, ich kenne nicht all die unzähligen Komponenten die moderne Sprachen bieten und ich kenn nicht all die klug klingenden Begriffe die man heutzutage in der Softwareentwicklung benützt. Ich hab nie theoretische Denkmodelle oder kluge Worte gebraucht, ich tue einfach was getan werden muss und meine Programme funktionieren.

      Systematik versus Pragmatik

      In meiner Firma habe ich in letzter Zeit einige Programmteile überarbeitet, weil sie viel zu langsam waren. Dabei stellte ich immer dasselbe fest. Die Programme waren absolut logisch aufgebaut, sie waren sehr systematisch, waren sehr ordentlich, aber gerade weil sie so systematisch resp. modular waren, ging die Performance in die Knie. Ich habe all diese Programmteile verschnellert, teilweise um das Zehnfache. Nun sind diese Programme vielleicht etwas weniger hübsch programmiert, etwas weniger systematisch, aus akademischer Sicht vielleicht etwas chaotischer. Aber die sind optimiert auf das was sie tun sollen, sie sind effizient. Dabei merke ich, dass ein Überordnen der Systematik oft zulasten der Performance geht, ich will das an einer kleinen Analogie erklären.

      Das Problem mit der bekloppten Tür

      Stellen wir uns vor, wir müssen ein Programm schreiben, das verschiedene Dinge tun kann, es muss durch Gänge laufen können, dabei Türen öffnen, Treppen steigen, Dinge holen u.s.w. Wenn jemand systematisch vorgeht, wird er dieses Gesamtproblem in einzelne Module aufteilen, er programmiert ein Modul fürs Gängelaufen, eins fürs Türdurchschreiten u.s.w. Das Modul fürs Türdurchschreiten heisst beispielsweise: Tür öffnen, durchgehen, Tür schliessen. Ist an sich logisch, das Modul in sich abgeschlossen, das ist saubere Programmierung. Nun wird dieses Programm angewiesen, alle Ordner eines Büros zu zügeln. Das arme Programm geht nun durch den Gang, öffnet die Tür, geht hindurch, schliesst die Tür, holt den Ordner, geht zurück, öffnet die Tür, geht hindurch, schliesst die Tür………… arme Tür.

      Ich wiederum würde das zu programmierende System eher pragmatisch analysieren, mein Programm würde dann beim Thema Türdurschreitung eher so klingen: Tür öffnen falls sie geschlossen ist, durschreiten, Türschliessen falls ich den letzten Ordner schleppe. Es gäbe kein in sich abgeschlossenes Modul für die Türdurschreitung, mein Programm müsste bei jedem Durchschreiten zusätzliche Abfragen machen, muss wissen ob die Tür offen bleiben soll oder nicht. So zu programmieren ist nicht ganz so modular und aus akademischer Sicht nicht so trendy, aber es ist so effizient wie nur möglich.

      Meine oben genannten Optimierungen basierten meist auf genau so Schwächen. In meinen optimierten Programmen finden sich ne Menge offene Türen, aber gerade wenn man mit Ordnern in den Händen hindurchgeht, wird man froh sein darüber, dass die Tür offen geblieben ist. Aber diese unorthodoxe Programmierweise gilt heutzutage nicht mehr als cool, Pragmatik zählt heute nicht mehr soviel wie Systematik – und damit endet das Zeitalter der Computerfreaks.

      Das Sterben der Programmmier-Dinos

      In Diskussionen merke ich immer mehr, dass meine Denkweise in der modernen Informatik am aussterben ist und es ist anzunehmen, dass dieser Trend anhält. Ich höre immer wieder Sätze im Stil von: “das darf man nicht so machen” und ich bin erstaunt darüber, dass man sich diese Frage überhaupt so stellen kann. Mir ist es mit Verlaub gesagt scheissegal was “man” darf und was “richtig” ist, ich bin ganz pragmatisch, die Lösung drängt einen Weg auf und den gehe ich, egal ob dieser Weg in irgendwelchen Büchern steht. Was zählt ist das Resultat, ich bekomme eine Problemstellung und suche die beste Lösung, ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob “man” das so macht oder nicht. Und ich erlebe heutzutage auch immer häufiger, dass man sich in der Softwareentwicklung kaum noch vorstellen kann, dass man komplexe Dinge selber programmieren kann, geschweige denn, dass das Selbstgemachgte besser sein könnte. Die Technikgläubigkeit, die einem vorgaukelt, dass hypermoderne Wollmilchsäue zwangsläufig besser sein müssen als das was man selber programmiert, raubt mir immer mehr das Existenzrecht in dieser Branche.

      Intuitive Programmierung und das Geschlecht im Hirn

      Ich lese gerade ein Buch über Geschlechtsunterschiede im Gehirn, darüber werde ich demnächst mal ausgiebig hier schreiben. Kurz gefasst gibt es S-Gehirne (systematisch) und es gibt E-Gehirne (empathisch) und es gibt ausgeglichene Mischformen. Männer sind tendenziell eher S-Typen während Frauen eher E-Typen sind. Mir ist schon vor langer Zeit aufgefallen, dass ich völlig anders ans Programmieren herangehe als die Meisten die ich kenne. Ich setz mich sozusagen in die Mitte des Problems und fang an den Raum auszufüllen, die Lösung wächst sozusagen aus mir heraus. Ich mach mir nicht allzuviel Systemüberlegungen sondern programmiere sehr intuitiv. Für Systemmenschen dürfte das eher chaotisch wirken, aber ich sagte schon vor langer Zeit, dass Ordnung etwas für Dilletanten ist, das Genie beherrscht das Chaos ;-) Aber Spass beiseite, ich denke, dass beide Denkweisen Vor- und Nachteile haben. In diesem Buch heisst es beispielsweise, dass Programmieren eher für S-Gehirne etwas ist, das bestreite ich vehement. S-Gehirne können zwar tolle Strukturen bauen, ihre Programme sind modular und logisch und dementsprechend gut wartbar. Aber E-Gehirne haben genauso ihre Vorteile, eben gerade weil sie nicht durch überbordende Systematisierung eingeschränkt sind. Bei mir gibt es kein “das macht man nicht so”, wenn es dem Ziel dient, mache ich es eben so wie es nötig ist, ich bin nicht “man”.

      Düstere Prognosen für eine aussterbende Art

      Das alles frustriert mich gerade sehr und es macht mir Sorgen. Das Zeitalter der Computerfreaks neigt sich dem Ende zu, eigentlich ist es längst zuende und nur noch ein paar hartnäckige Exemplare weigern sich unterzugehen. Aber die Zukunft sieht düster aus. Ich muss resp. darf vielleicht noch zwei Jahrzehnte in dieser Branche arbeiten und es ist anzunehmen, dass ich früher oder später mal wieder auf Jobsuche sein werde. Ehrlich gesagt, mir graut es vor dem was dann auf mich zukommt. Was für Chancen habe ich bei Bewerbungen, wenn ich beim Begriff “Design Pattern” nur ein müdes Lächeln aufbringen kann, wenn ich weder weiss wie Middleware funktioniert noch gewillt bin, mich durch solche Fremdleistungen einschränken zu lassen? Das was meinen Wert ausmacht, die Fähigkeit, einfach alles und jedes programmieren zu können und überall das Letzte rauszuholen, wird je länger desto mehr nicht mehr gefragt sein. Meine Nonkonformität, die früher als meine grösste Stärke galt, wird immer mehr als Schwäche eingestuft. Und das macht mir Angst. Es mag arrogant klingen, aber ich könnte jedem potentiellen Arbeitgeber anbieten, mir ein beliebiges Programmteil zu geben das zu langsam ist und würde garantieren, dass ich es massiv optimiere. Und man könnte mir eine beliebige Programmoberfläche geben und ich würde die Benutzerfreundlichkeit erhöhen. Aber ich befürchte, dass ich dazu kaum noch eine Chance kriegen würde, weil ich weder Hochschulabschluss habe noch all die klugen Begriffe kenne, so dass man mir schon gar nicht die Gelegenheit bietet um zu beweisen, dass ich so Manches kann, von dem heutige Informatiker nicht mal mehr träumen.

      Und das ist in doppelter Hinsicht traurig. Zum Einen bedeutet das für mich persönlich, dass ich in Zukunft einen schweren Stand habe um mich in dieser Branche noch zu behaupten. Zum Zweiten bedeutet das, dass man uns Pioniere vergessen wird. Wir waren diejenigen, die die Informatik auf die Beine gestellt haben, dank uns hat heutzutage jeder seinen PC zuhause, dank uns können Computer heute das was sie können. Aber daran erinnert sich kaum noch jemand, weil Computerfreaks wie ich eigentlich nur noch ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten sind.

      Nachtrag – gemeinsam sind wir stark

      Im Nachhinein ist mir etwas durch den Kopf gegangen, das trotz der Länge dieses Blogbeitrags zu kurz gekommen ist und einen falschen Eindruck hinterlassen könnte, deshalb noch eine Präzisierung. Das soll kein Votum sein gegen “Hochschul-Informatiker”, nicht im Geringsten. Ich erlebe seit Jahren, dass ich fast ausschliesslich von dieser Spezies umgeben bin und ich bin heilfroh darüber, weil diese “Jungen” wie wandelnde Lexikas sind. Sie kenne all den neuen Kram und haben faszinierende Ideen, gerade wegen ihrer Systematik. Es vergeht kaum ein Tag an dem ich nicht in die Runde frage, ob jemand eine Idee hat wie ich irgendwas einfach lösen kann. Meist hat jemand eine Idee und ich erspar mir eine lange Sucherei. Ich halte diese “neuen Einflüsse” für eine grosse Bereicherung, zweifle nur daran, ob man längerfristig noch wahrnehmen wird, dass wir, “die Alten”, genauso wichtig sind. In meiner Firma läuft das soweit recht gut, aber es gruselt mich schon vor einer Zukunft, in der man vielleicht nicht mehr begreift, dass wir gerade gemeinsam so stark sind, weil beide Programmiertypen auf ihre Weise wertvoll sind.

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