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Semper Fi – Sich selbst treu sein

Aber Sie selber müssen eben auch kein Moralist sein!
Sie dürfen sich nicht mit anderen vergleichen,
und wenn die Natur Sie zur Fledermaus geschaffen hat,
dürfen Sie sich nicht zum Vogel Strauss machen wollen.
Sie halten sich manchmal für sonderbar,
Sie werfen sich vor, dass Sie andere Wege gehen als die meisten.
Das müssen Sie verlernen. Blicken Sie ins Feuer, blicken Sie in die Wolken,
und sobald die Ahnungen kommen und die Stimmen in Ihrer Seele anfangen zu sprechen,
dann überlassen Sie sich ihnen und fragen Sie ja nicht erst,
ob das wohl auch dem Herrn Lehrer oder dem Herrn Papa
oder irgendeinem lieben Gott passe oder lieb sei!
Damit verdirbt man sich!

(Hermann Hesse, Demian)

Als ich heute ein paar aufgenommene Teile der TV-Serie “Navy CIS” sah, wurde ich wieder mal mit dem Motto der US-Marines konfrontiert, das mich seit einiger Zeit fasziniert. Ihr Motto lautet “Semper Fi” und ist abgeleitet vom lateinischen “semper fidelis”, was zu gut deutsch “für immer treu” heisst. Für die US-Marines bedeutet das: “einmal Marine, immer Marine”, es ist ein Kodex der für immer bindend ist, der kompromissloses treu sein verlangt.

Dieses “treu sein” bedeutet mir sehr viel, ich sehe darin sogar den Schlüssel zu wahrhaftem Leben. Denn treu sein kann man nicht nur einer Organisation, einem geliebten Menschen, einer Überzeugung oder Ideologie, mehr als das kann man sich selbst treu sein, wenn man dieses Wagnis denn einzugehen bereit ist.

Von diesem Tag an – bis ans Ende meiner Zeit
gelobe ich, mir selbst treu zu sein,
in guten wie in schlechten Tagen,
unter Erduldung sämtlicher Konsequenzen,
verpflichtet einzig der Entfaltung meinerselbst,
selbst wenn es das Letzte ist, das ich tue.

So oder ähnlich hätte der Schwur lauten müssen, wenn ich vor drei Jahren einen geleistet hätte, als ich begann, mir selbst entsprechend zu leben, als ich aufhörte, mein wahres Geschlecht zu verbergen. Aber so dramatisch und heroisch war es nicht. Dieser Moment vor bald drei Jahren, als ich alle Ängste überwand und mich aus diesem falschen Leben entfernte, war viel mehr ein Akt totaler Verzweiflung, ich wusste noch nicht annähernd, dass mir soviel Treue abverlangt würde, ich wusste nur, dass es so nicht mehr weiter gehen kann, dass ich kaputt gehe, wenn ich mich weiterhin weigere, mich selbst zuzulassen.

Heute an diesem gemütlichen Sonntag habe ich das nachgeholt, heute da ich mich an einem Punkt angelangt sehe, an dem ich mir im Klaren bin, was in diesen drei Jahren alles geschehen ist und welche Bedeutung all das hat. Damals wusste ich nicht, ob ich all das durchstehe, ich wusste nicht mal, ob ich so glücklich werden würde, ich wusste rein gar nichts. Heute weiss ich nicht nur all das, ich weiss vorallem auch, dass ich eher sterben würde als dieses erkämpfte Ich-sein aufzugeben. Keine Macht dieser Welt würde mich davon abbringen, mir selbst treu zu sein und mich selbst zuzulassen, so wie es meiner Seele bedarf. Heute weiss ich, wie essentiell Treue ist, vorallem wenn es darum geht, sich selbst treu zu sein – weil ich erleben durfte, um wieviel wertvoller das Leben ist, wenn man sich selbst wirklich zulässt.

Dieses “Semper Fi” wurde für mich zu einer Art Schlachtruf, ein Kodex der mich durch die letzten drei Jahre getragen hat, auch wenn ich diese lateinische Formulierung noch nicht sooooo lange kenne. Damals war es mehr eine Ahnung, heute eine Gewissheit – nichts auf dieser Welt ist auch nur annähernd so wichtig wie sich selbst treu zu sein.

In gewissen Belangen habe ich das schon immer so gehandhabt, wenn es beispielsweise um Überzeugungen geht, dann stand ich schon immer für meinen Standpunkt ein, liess mich beispielsweise im Rahmen meiner damaligen Greenpeace Aktivitäten beschimpfen und vor Gericht zerren, erduldete beispielsweise auf Eisenbahngeleisen angekettet Schmerzen, nahm in Kauf, dass ich infolge von Leserbriefen Morddrohungen erhielt – aber ich habe nie begriffen, dass meine Loyalität viel mehr als allem Anderen mir selbst hätte gelten müsste – was für ein fataler Kapitalfehler.

Das ist eine der grössten Weisheiten, die ich in meinem Leben erarbeiten konnte, es ist der grösste Schatz, den ich besitze und den ich mit meinen LeserInnen teilen möchte.

Wie oft habe ich von Mitmenschen resignierte Worte gehört im Stil von: das darf man doch nicht machen – was denken dann die Leute über mich – mein Mann mag nicht wenn ich das tue…….. und niemand fragt, wer zum Teufel ist dieses “man” das bestimmt was ich tun darf? Und wie denke ich selbst über mich? Und was möchte ich tun, wer bin ich wirklich und wie lebe ich mich selbst? Ich befürchte, dass die meisten Menschen viel zu oft sich selbst behindern, weil sie nicht fragen, was sie möchten oder brauchen sondern fragen, was Andere von ihnen erwarten.

Natürlich heisst das nicht, dass man nicht auch mal Kompromisse eingehen soll, dass man auf Andere Rücksicht nimmt oder wenn nötig sogar mal eine Maske trägt – solange man sich dabei bewusst ist, dass man sie trägt oder dass man sich hier gerade beschränkt – und solange dieser Zustand nicht Gewohnheit wird.

Selbstverleugnung ist Selbstverhinderung – ist Lebensverweigerung – wie könnten wir mehr versagen in der Aufgabe, unser Leben zu leben als wenn wir etwas Anderes sind als das, was in uns ist und was sich aus unserem Innersten heraus entfalten will? Wie könnten wir den Sinn des Lebens mehr verfehlen als wenn wir unser Selbst einschränken und versuchen so zu sein, wie wir eigentlich gar nicht sind?

Es ist nicht einfach, sich selbst treu zu sein, es kann manchmal wirklich weh tun. Wer für sich selbst kämpft, wird auch verletzt. Wer das nicht tut, erspart sich brutale Kämpfe und schmerzhafte Wunden – aber ich versichere Euch, ich weiss aus Erfahrung – kein Schmerz und keine Verletzung sind so traurig wie der Zustand, wenn man sich selbst verleugnet – es sind schlussendlich ausgerechnet die nicht gekämpften Kämpfe, die uns am meisten verletzen, weil es einer Totalkapitulation vor dem Leben voraussetzt.

Deshalb: Schaut in den Spiegel. blickt Euch tief in die Augen – und tut was ich getan habe, schwört Euch selbst bei Allem was Euch heilig ist die Treue – Semper Fi !!!

….dann weisst du aber auch,
dass du nie ganz das gelebt hast, was du dachtest,
und das ist nicht gut.
Nur das Denken, das wir leben, hat einen Wert.
Du hast gewusst, dass deine ‘erlaubte Welt’ bloss die Hälfte der Welt war,
und du hast versucht, die zweite Hälfte dir zu unterschlagen…..
Es wird dir nicht glücken!
Es glückt keinem, wenn er einmal das Denken angefangen hat.
….Es gibt keine Wirklichkeit als die, die wir in uns haben.
Darum leben die meisten Menschen so unwirklich,
weil sie die Bilder ausserhalb für das Wirkliche halten
und ihre eigene Welt in sich gar nicht zu Wort kommen lassen.

(Hermann Hesse, Demian)

4 Reaktionen zu “Semper Fi – Sich selbst treu sein”

  1. Morag

    Hi Diana.

    Ein flammendes Plädoyer für die wohl schwerste Aufgabe im Leben-und die lohneste, denn am Ende steht ein Leben als der Mensch, der man immer sein sollte.

    Zu Deinem vorletzten Absatz fällt mir noch ein Spruch ein, dessen Quelle ich leider nicht mehr weiß:
    Am Ende unseres Lebens werden wir manches von dem bereuen, was wir getan haben…aber alles bereuen, was wir nicht getan haben.

    Euch beiden ein Frohes Fest und eine superschöne gemeinsame Zeit :-)

  2. Diana

    Hey Morag, schön Dich mal wieder zu lesen, ich hoffe, es geht Dir gut :-)

    Es scheint wirklich die grösste Herausforderung des Lebens zu sein, sich selbst treu zu sein, das ist für alle eine schwere Aufgabe, für Menschen mit einer stigmatisierten Wesensart ist es sogar ein ungeheurer Kraftakt. Aber wer es wirklich wagt und es wirklich schafft, schätzt das Leben dann dafür umso mehr. So kommt schlussendlich alles zurück, weil wir gerade das schwer verdiente mehr zu schätzen wissen.

    Wenn man das Leben selbst als Lebensschule betrachtet, dann hat dierses semper-fi eine doppelte Dimension für “Andersartige”: wie die Marines-Ausbildung ist auch unsere Lebensschule etwas vom Härtesten was man durchleben kann und gerade deshalb macht es uns am Ende stärker als die Trivial-Infanteristen des Lebens. Wer sich unter so harten Umständen treu sein kann, der erklimmt den Olymp des Menschseins ;-)

    In dem Sinn – semper fi – now and forever ;-)

  3. Morag

    Hi Diana.

    Naja, im Moment läuft mein Leben grad mal wieder streng nach dem Motto “mal verliert frau, mal gewinnen die anderen”, aber das Jahr ist noch jung und ich hoffe, daß es sich noch zum besseren wendet…das Ziel habe ich fest im Auge, leider sehe ich aber auch den Weg dorthin…und der ist noch arg grauselig.

    Um Dein Bild vom Phoenix zu benutzen…das Feuer lodert noch hell und es wird von allen Seiten emsig Öl nachgegossen, aber in der Asche am Rand blitzen die ersten bunten Federn auf…

    Das letzte Jahr hatte einige Prüfsteine bereit für mich, aber ich habe mich an das Motto hier gehalten…bin halt ein zähes Luder :-)

    Ja, semper fi triffts sehr, sehr gut…

  4. Diana

    hey Morag, zähes Luder :-)

    Das Phönix-Bildnis hat mir auch immer wieder Kraft gegeben. Wie ich Dir ja schon vor langer Zeit sagte, der Weg durchs Feuer ist schmerzhaft und in mancherlei Hinsicht vielleicht auch verlustreich, aber wenn man am Schluss dafür seinen Frieden findet, dann ist es jede Brandwunde wert ;-)

    Ich drück Dir jedenfalls weiterhin die Daumen und wiederhole es gern nochmal…… semper fi ;-)

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