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Franziskus – Der Papst der Armen und Heterosexuellen

Habemus Papam! Der argentinische Kardinal Jorge Mario Bergoglio wurde zum neuen Papst gewählt. Er ist ein “Kardinal der Armen”, das ist erfreulich. Er ist der erste nicht-europäische Papst, das ist eine gute und längst fällige Öffnung. Er ist der erste Papst, der den Namen des widerspenstigen Franz von Assisi übernimmt, das ist revolutionär. Er eröffnet seine erste Rede mit einem glanzlos und umso persönlicheren “Buona sera“, das macht ihn genauso sympathisch wie sein liebevolles Lächeln. All das lässt Hoffnung zu, vorallem Hoffnung für die Armen und Schwachen…….. sofern sie denn heterosexuell sind, denn die Anderen sind des Teufels – einmal mehr.

Jorge Mario Bergoglio – ein sympathischer Mann

JorgeMarioBergoglioAls der neue Papst zum ersten Mal den Balkon betrat und sich seinen Schäfchen vorstellte, war ich ehrlich gesagt geradezu beglückt. Die Wahl traf nicht einen der Hardcore-Fundis die ich befürchtet hatte und in seinem Gesicht las ich eine gewisse Güte und Bescheidenheit, die gerade bei Menschen in Machtpositionen sehr selten sind. Anstelle einer glorreichen Jubelrede eröffnete er sein Amt mit einem freundlichen “fratelli e sorelle – buona sera” – oder auf gut schwyzerdütsch gesagt: “Brüder und Schwestern…… en schöne Abig”. Ich brach in Begeisterung aus, der ist ja cool, war meine erste Reaktion. Damit hatte er fürs Erste mal einen gehörigen Sympathiebonus bei mir.

Ein kurzer Blick ins Internet informierte uns dann, dass er aus Argentinien kommt, also der erste nicht-europäische Kardinal ist. Wieder war ich begeistert, nicht zuletzt, weil Lateinamerika berühmt ist für seine “Befreiungstheologen”, die sich viel mehr für den Dienst an den Ärmsten interessieren als für Dogmatismus. Für mich persönlich war jedoch die grösste Freude die erstaunliche Tatsache, dass Kardinal Bergoglio den Namen “Franziskus” wählte, zum ersten Mal in der Geschichte der 266 Päpste. Er wählte den Namen dessen, der mehr als alle Anderen im jesuanischen Geiste lebte und die Kirchenoberen derart kritisierte, dass er bis heute so geliebt wie geschmäht wird. Noch ein Pluspunkt, da will ich mehr wissen……

Von Franz von Assisi zu Papst Franziskus ist ein weiter Weg

In der christlichen Geschichte gibt es einige Gestalten, die mir sehr viel bedeuten, das fängt natürlich bei Rabbi Jeshua an, den man heutzutage Jesus nennt, geht über verschiedene Ordensleute wie Bernhard von Clairvaux und Johannes vom Kreuz bis zu ebendiesem Franz von Assisi. Gerade letzterer ist mir unglaublich ans Herz gewachsen, denn er war – wie Adolf Holl in seiner Biographie über Franz von Assisi so schön titelte – der letzte Christ – zumindest nach meinem Verständis. Christ sein bedeutet mehr als alles Andere, sich von Liebe leiten zu lassen und den Armen und Schwachen beizustehen. Franz von Assisi hüllte sich im wahrsten Sinne des Wortes in Lumpen, arbeitete Tag und Nacht am Bau einer Kirche oder pflegte Aussätzige, speiste mit ihnen, wusch sie – er hatte nicht die geringste Scheu davor, den Kleinsten zu dienen – das ist Jesu Nachfolge!

Gerade deshalb, weil Franz von Assisi Jesus so ernst nahm und in der eigenen Armut seine Berufung sah, kritisierte er die Kirchenoberen mehr als gesund war. Er konnte nicht einsehen, dass Menschen verhungern und leiden, während sich die Nachfolger Jesu in Prunk und Reichtum suhlten. Diese Kritik hätte ihn mehrfach fast das Leben gekostet. Auch nach seinem Tod wurde sein Orden – die Franziskaner – immer wieder von der katholischen Kirche bekämpft. Franziskaner wurden ausgeschlossen, verstossen und immer mal wieder auch massakriert – weil Kritik an der kirchlichen Habsucht nicht erlaubt war und ist.

Franz von Assisi war der Grund, warum ich mich nach jahrelanger Christentums-Abstinenz wieder mit dieser Religion beschäftigte, er hat mich ermutigt, doch nochmal genauer hinzuschauen, ob es in dieser Religion nicht noch Gutes zu finden gäbe. Dank ihm habe ich mich mit dem Mönchstum beschäftigt und konnte dabei vieles verinnerlichen und lernen. Am meisten, dass das Christsein vorallem eine Frage des eigenen Handelns ist, als zweites, dass Renitenz manchmal nicht nur angebracht sondern notwendig ist.

Und nun steht er vor uns, da auf dem Balkon, Papst Franziskus der Erste – und in mir keimt die Hoffnung, dass der franziskanische Geist vielleicht den heutigen Katholizismus wieder zu Jesus führen könnte……..

Kardinal Bergoglio und die Befreiungstheologie

Gerade die lateinamerikanische Befreiungstheologie hat einen Hauch des franziskanischen Geistes wiedererweckt. Den Befreiungstheologen geht es nebst der Mission nicht um Machtaufbau oder Erhaltung sondern vorallem um den Dienst an den Ärmsten. Diese Form des Katholizismus ist mir einiges symphatischer als der vatikanische Machtapparat. Und nun ein Papst aus diesen Kreisen, das weckt Hoffnungen – bis man denn etwas genauer hinschaut. Denn genauer betrachtet muss man sich erzählen lassen, dass Kardinal Bergoglio im Auftrag Ratzingers die argentinische Befreiungstheologie bekämpft hat. Das passt irgendwie so gar nicht zu meiner Vorstellung eines Franziskus.

Kardinal Bergoglio im Dienst der Armen

Auf der anderen Seite liest man Erstaunliches über Kardinal Bergoglio. So wusch er beispielsweise anlässlich eines Spitalbesuchs zwölf HIV-Kranken die Füsse und küsste ihnen sogar die Füsse – etwas, was man bisher nur von Franz von Assisi las, der dasselbe mit Lepra-Kranken machte. Hier leuchtet der franziskanische Geist auf. Derselbe Kardinal war sich auch nicht zu schade, öfters mal mit dem Bus in die Kirche zu fahren. Auch das ist dem franziskanischen Geist tausend mal näher als das vatikanische Brimbamborium. Man nennt ihn in Argentinien den “Kardinal der Armen”, auch das ist mehr franziskanisch als katholisch. All das ist so erstaunlich wie erfreulich, es lässt Hoffnung zu, dass dieser neue Papst näher bei seinen Schäfchen ist als man gewohnt ist bei Würdenträgern in dieser hohen Stellung.

Kardinal Bergoglio auf der Seite der Militär-Junta?

Auf der nächsten Seite liest man von Vorwürfen, er hätte sich damals als Ordensleiter der argentischen Jesuiten auf die Seite der Militär-Junta gestellt, hätte sogar eigene “linke” Jesuiten an die Junta ausgeliefert, hätte die Augen geschlossen vor Massenmord und Kindstötungen. All diese Vorwürfe sind fürs Erste mal nicht mehr als eben Vorwürfe. Dass er eigene Leute ausgeliefert hat, ist nicht bewiesen. Es ist denkbar – schliesslich hatte er ja auch den vatikanischen Auftrag, die Befreiungstheologie zu “zerschlagen” – aber mehr weiss man nicht und sollte sich deshalb auch hüten, darüber zu urteilen.

Die andere Frage ist, warum er sich nicht gegen dortiges Unrecht eingesetzt hat. Diesen Vorwurf kann ich persönlich nicht gelten lassen. Wenn jemand im Ausnahmezustand einer Militärdiktatur öffentlich Partei gegen die Junta ergreift, ist er schneller tot als er den Satz beenden kann – und mit ihm all die Seinen – das kennen wir schon von Franz von Assisi. Und da habe ich wirklich Verständnis – wenn ich verantwortlich wäre für eine ganze Glaubensgruppe, würde ich mich wohl auch hüten, diese den Geiern zum Fras vorzuwerfen, nur um noch ein letztes Mal Tacheles zu reden. Wer Macht innehat, muss auch diplomatisch vorgehen zum Schutz der Seinen. Solange also keine konkreten Vorwürfen nachgewiesen werden, sollte man dieses Thema vorsichtig behandeln und nicht voreilig urteilen – was ein Christ eh gefälligst zu lassen hat ;-)

Liebe Deinen Nächsten – wenn er denn heterosexuell ist

Bis hierhin blieb meine Freude über den neuen Papst fast ungetrübt. Allein schon für die Namenswahl erntet er bei mir mehr Vorschuss-Lorbeeren als all seine Vorgänger – doch dann kam der Schatten der Homophobie und versalzte mir die bisher leckere Suppe gehörig. Wie man zu lesen bekam, kämpfte Kardinal Bergoglio nicht nur gegen “linke Ordensleute” und Befreiungstheologen sondern kämpfte auch an forderster Front gegen Schwule, Lesben und Transsexuelle – im Speziellen gegen das Recht auf Ehe. Glücklicherweise unterlag er und Argentinien ist nun eines der ersten Länder, in denen schwule und lesbische Menschen nicht mehr diskriminiert werden sondern wie hetersexuelle Menschen heiraten und Kinder adoptieren dürfen. Im Zuge dieser Entwicklung kam es in Argentinien sogar zum weltweit besten Gesetz für transsexuelle Menschen, das er ebenfalls bekämpfte.

Der Kardinal unterlag glücklicherweise, doch was bleibt ist jedoch die Erinnerung daran, dass er anlässlich dieser Gesetzgebung beispielsweise sagte: “Wir sprechen nicht von einem Gesetzentwurf, sondern von einer Intrige des Vaters der Lügen (Satan), die die Kinder Gottes verwirren und hinters Licht führen soll.”. Dass er dann auch das “Transsexuellen-Gesetz” bekämpfte, in dem es um nicht weniger als um die Menschenwürde von transsexuellen Menschen geht, spottet seinem Anspruch, in den Spuren des ersten Franziskaners zu wandeln und es spottet auch der jesuanischen Ethik, die er eigentlich leben müsste.

Ich habe an anderer Stelle schon deutlich genug dargelegt, warum Homosexuellen-Hetze wie sie von Papst Benedikt betrieben wurde, nicht nur unjesuanisch ist sondern auch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Deshalb lasse ich das an dieser Stelle und verweise auf meinen einstigen Blogbeitrag über “das kleine Durcheinander von Moses” und meinen “weihnachtlichen Denkanstoss für Papst Benedikt“.

Warum sollte uns Nicht-Katholiken das überhaupt interessieren?

Nun kann man sich fragen, warum in aller Welt mich dieses Thema überhaupt interessiert. Ich bin keine Katholikin und dementsprechend kann mir eigentlich auch egal sein, wer dort den Laden führt. Aber so einfach ist es eben nicht. Der Papst führt weltweit über eine Milliarde Menschen und deren Glauben wird stark geprägt vom gepredigten Dogmatismus des Vatikans. Die katholische Religion ist nicht basis-demokratisch, da wächst der Glaube nicht von unten nach oben sondern wird von oben nach unten geleitet. Spätestens seit dem ersten Konzil von Nicäa gibt es da keinen nennenswerten Individualismus mehr, was im Vatikan bestimmt wird, hat gefälligst geglaubt zu werden – Abweichler wurden früher verfolgt und getötet, heute werden sie nur noch verdammt und ausgestossen. Je nach Haltung des Papstes wird sich auch die katholische Weltgemeinde entwickeln.

Wenn ein Papst wie Benedikt Homosexuellen-Hetze betreibt, muss man sich nicht wundern, wenn wie kürzlich in Frankreich radikale Katholiken Schulter an Schulter mit Rechtsradikalen friedliche Demonstrationen gewalttätig angehen oder bei anderer Gelegenheit protestierende Frauen niederknüppeln oder “Rechtskatholiken” im Internet rechtsradikales Gedankengut verbreiten.

An ihren Früchten sollt Ihr sie erkennen, sagte Jesus einst mit Recht. Diese Früchte sind ein Schlag ins Gesicht von Jesus und ein Armutszeugnis für den Zustand der heutigen Christenheit.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Was also können wir erwarten von Papst Franziskus dem Ersten? Es mag erstaunen, aber ich bin fürs Erste irgendwie zuversichtlich. Wenn ich mir zum Schluss ein wenig Sarkasmus erlauben darf: Seien wir ehrlich, Homophobie und Transphobie sind nichts Neues im Katholizismus, nach Ratzinger kann es eigentlich nur noch aufwärts gehen was dieses Thema anbelangt – und wer weiss, vielleicht lernt er ja noch dazu und ändert seine Haltung. Diesbezüglich gibt es jedenfalls kaum etwas zu verlieren. Was dann bleibt, ist das Engagement des neuen Papstes für die Armen, sein offenbar ausgeprägtes soziales Gewissen, sein Vorsatz, den franziskanischen Spuren zu folgen.

Ebenfalls ermutigend ist die Tatsache, dass der kirchenkritische Theologe “Hans Küng“, der Gründer der ökumenischen “Stiftung Weltethos“, zu dieser Wahl sagte, Franziskus sei die best mögliche Wahl gewesen. Hoffen wir, dass er Recht hat, immerhin kennt Küng den Vatikan samt Glaubenskongregation mehr als gut – ihm wurde vor 30 Jahren von der katholischen Kirche die Lehrerlaubnis entzogen, weil er die päpstliche Unfehlbarkeit in Frage stellte.

All das scheint mir positiv und ein Schritt in eine gute Richtung. Ich bin gespannt auf seine erste Rede, vermutlich das die Osteransprache sein. Mal schauen, welches Antlitz sich uns dann offenbahrt…….. .gegebenfalls werde ich ihm dann hier auch mal die Leviten lesen ;-)

Bis dahin bleibt nur noch eines zu sagen:
Liebe Brüder und Schwestern……… ich wunsch Eu en schöne Abig :-)

Glückselig ihr Armen, denn euer ist das Reich Gottes.
Glückselig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet gesättigt werden.
Glückselig, die ihr jetzt weint, denn ihr werdet lachen.

(Lk 6,20)

4 Reaktionen zu “Franziskus – Der Papst der Armen und Heterosexuellen”

  1. Sophie Bovay-Kaufmann

    Guete Obig,

    Ich eine Kousine Deines Vaters, die Schwester von Stilla und sage “chapeau” für Deinen sehr,sehr interessanten Beitrag….. nur weiter so.

    Vielleicht können wir Dich mal bei Stilla und mir im Welschland empfangen?
    Ich würde mich sehr freuen.
    Tschüs und alles Liebe für Dich auch in Deiner Partnerschaft.

    Sophie
    Sophie

  2. Diana

    Liebe Sophie, Dein Besuch hier in meinem Blog freut mich wirklich sehr und für Dein Kompliment bedanke ich mich herzlich. Wir haben mit Stilla vor langer Zeit mal abgesprochen, dass wir sie irgendwann mal besuchen, wenn es uns mal ins Welschland zieht. Wenn wir das tun, werden wir schauen, dass wir Dich auch gleich treffen können. Wann, kann ich noch nicht sagen, aber wir haben es fest vor, versprochen ;-)
    Auch Dir alles Liebe und Gute

  3. Xochitl

    Hallo Diana!
    es freut mich von dir zu lesen.
    Wir hatten mal ein kurzes Email schreiben miteinander. Mein Name war Andreas (bin Transgender, derzeit nennt man das was ich bin genderqueer)
    Im deinem blog fand ich jedesmal wenn ich nicht mehr wusste wer ich bin – mich selber durch deine Worte wieder.

    Der Grund weshalb ich jetzt schreibe ist das es mich berührt hat was du schriebst über den Papst und das es auch nicht katholiken betrifft.
    Das ist auch meine Meinung, denn die Oberfläche der Erde wird sehr geformt durch die Glaubensvorstellungen der Menschen.

    Ich bin auf Inhalte und Glaubensvorstellungen Indianischer Menschen gestoßen und finde darin echtes Wissen und Wirklichkeiten wieder.
    So ist meine derzeitige Haltung…
    Ich möchte sie gerne mit dir teilen. Wenn es dich interessiert kannst du es ja mal ansehen.
    http://www.manataka.org/page291.html

    liebe Grüße und mach weiter so
    es hätte mir was gefehlt wenn ich nicht bei dir vorbeischauen hätte können…

  4. Diana

    @Xochitl: Die indigenen Glaubensvorstellungen sind wirklich faszinierend, weil sie viel näher am wirklichen Leben sind als unsere in jahrtausendelanger Kirchenmauerbauerei gefestigten Lehren. Überhaupt ist die Denkweise indigener Völker und Naturreligionen sehr nah am Leben, das macht sie nicht nur sympathisch sondern auch lehrreich. Und danke für den Link ;-)

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