Politically incorrect since 1966

Zen und die Kunst des Sabbath Haltens

Zen-Buddhismus hat mit dem jüdisch/christlichen Sabbath/Sonntag eigentlich nichts zu tun – könnte man meinen – ich meine, doch, sehr sogar. Das scheint mir ein guter Auftakt für eine Serie die ich in Zukunft hier machen möchte, Zen und die Kunst des Gummibärchenkauens oder so…..

Zen und die Kunst des……..

Es gibt eine Reihe von Büchern, teils Klassikern, die sich mit dem Zen-Gedanken beschäftigen und ihn als Weg zur “Vervollkommnung” von was weiss ich beatrachten. So gibt es “Zen und die Kunst des Bogenschiessens” genauso wie “Zen und die Kunst des Motorradfahrens”. Teils ernsthaft, teils esoterisch, teils humorvoll, aber alle haben einen gemeinsamen Kern, den Zen-Gedanken. In diese Tradition möchte ich einsteigen, denn es gibt meines Erachtens so Vieles, was die Würdigung dieser Denkweise rechtfertigen würde.

Zen findet im Hier und Jetzt statt

Zentrum des Zen-Buddhismus ist das “Sein im Jetzt”. Klingt banal, isses aber nicht. Seien wir ehrlich, wenn wir essen, denken wir an das TV-Programm, gucken wir TV, denken wir an die Arbeit von morgen und sind wir am Arbeiten, denken wir an sonst etwas. Im Hier und Jetzt sind wir selten, das bedürfte unserer uneingeschränkten Aufmerksamkeit – und genau das fehlt dem modernen westlichen Menschen, der im Alltag ständig von Einem zum Anderen hetzt. Zen fordert genau das Gegenteil, es gibt keine Vergangenheit, keine Zukunft, es gibt nur das hier und jetzt und das ist einmalig, Du kannst es nur einmal in Deinem Leben durchleben, denn gleich ist es weg, Vergangenheit, für immer und ewig.

Sabbath – die Ruhe

Was hat das nun mit dem jüdischen Sabbath zu tun resp. dem christlichen Sonntag? Da muss ich etwas ausholen….. Nach der jüdischen Schöpfungsmythologie hat Gott das Universum und alles Leben in 6 Tagen erschaffen resp. genaugenommen ist alles aus “ihm” hervorgegangen (halt Urknall und so, diese Diskussion verschieben wir aber auf ein anderes Mal) jedenfalls ruhte Gott am siebten Tag (weil so ein Urknall echt anstrengend ist) und ernannte diesen Tag zum Ruhetag, eben zum Sabbath. So kam dann auch das Sabbath-Gebot in die zehn Gebote (Steintafel und so) und seit da ist der Samstag im Jüdischen resp. Sonntag im Christlichen zum Ruhetag geworden. Aber irgendwie auf eine bekloppte Weise, wenn ich das mal so sagen darf. Zuerst wurde man selbst fürs Holzsammeln am Sabbath gesteinigt, später war er nur noch Pflichtprogramm für religiöse Riten, aber der Grundgedanke scheint mir verloren gegangen zu sein – obwohl uns Jesus eigentlich überdeutlich daran erinnern müsste.

Als seine Jungs mal an einem Sabbath durch die Felder hüpften und Ähren abzupften (klingt nach Hippie-Kult), kamen ein paar Stänkerer daher und meckerten Jesus an, weil seine Jungs da so vergnügt Ähren zupften an einem Sabbath. Denen entgegnete Jesus dann das legendäre: “Der Sabbath ist um des Menschen Willen geschaffen und nicht der Mensch um des Sabbaths Willen”. Was er damit sagen wollte ist, dass Sabbath keine Pflicht sondern eine Gunst ist, es ist die Aufforderung an uns, uns wenigstens einen Tag in einer anstrengenden Woche der Ruhe hinzugeben, ganz bei uns sein und damit ganz bei Gott. Das ist Zen, echt wahr :-)

Zen und die Kunst des Sabbath Haltens

Damit kommen wir zum eigentlichen Thema. Auch wenn ich keiner Religion angehöre und mich nicht mal konfessionell einordnen könnte, berührt mich dieser Sabbath Gedanke und ich versuche wenn immer es geht, mir den auch zu gönnen. Für mich bedeutet das, dass ich am Sonntag (oder einem “Ersatztag”) bewusst Ruhe verordne. Am Sonntag gibt es nichts was ich tun muss, der Tag gehört ganz mir. Da gibt es keine vergangene und keine bevorliegende Woche, es gibt nur das Hier und Jetzt. Dabei ist es egal, ob man im Wald unter einem Baum sitzt und die Natur in sich aufsaugt, ob jemand in die Kirche geht, ein Puzzle zusammensetzt, in einem Computerspiel ganz versinkt, in der Badewanne philosophiert oder einfach nur blödsinnig rumliegt. Wahrer Sabbath ist dann, wenn ich ganz bei mir bin, mich mit mir auseinandersetze oder in Dingen versinke die mir grad naheliegen, wenn mein Leben oder etwas in meinem Leben meine ungeteilte Aufmerksamkeit hat – wie beim Knutschen beispielsweise ;-)

Sabbath schenkt Ruhe

Das hebräische Wort “Sabbath” meint ja eben nicht einfach Samstag oder Sonntag, das Wort beinhaltet riesige Bildwelten und im Zentrum davon steht die Ruhe, Stille und Harmonie. Wenn wir es schaffen, uns wenigstens einmal in der Woche aus dieser hecktischen Welt auszuklinken und einen Tag lang ganz im Hier und Jetzt sind, dann versinken wir in einer Ruhe, die unglaublich wohltuend ist. Probiert’s aus, gönnt Euch bewusst diesen Tag, es lohnt sich wirklich ;-)

Und beim nächsten Zen-Beitrag beschäftigen wir uns mit dem Thema:
Zen und die Kunst des Badewanne-Liegens ;-)

Die Bibel – wörtlich oder ernst nehmen?

Der jüdische Neutestamentler Pinchas Lapide sagte mal so treffend:

Man kann die Bibel wörtlich nehmen,
oder man nimmt sie ernst.
(Pinchas Lapide)

Und Lapide muss es wissen, denn er ist nicht nur einer der grössten Kenner des Neuen Testaments sondern auch jüdischen Glaubens wie Jesus selbst. Im Gegensatz zu uns kennt er die historischen und kulturellen Hintergründe und kann gerade jesuanische Worte in eine jüdische Denkwelt hineindenken. Er ist meines Erachtens die grösste Bereicherung der neutastamentlichen Forschung, denn niemand kann einen Text wirklich verstehen geschweige denn übersetzen ohne das kulturelle Fundament zu haben, auf dem ein wahres Verständnis erst möglich wird.

Als ich vor Jahren das Bedürfnis bekam, Jesus besser zu verstehen, begann ich alt-griechisch zu lernen. Wir haben ja keine aramäischen oder hebräischen Urtexte, die ältesten Quellen von ca. 50 n.Chr. sind griechisch oder koptisch verfasst. Mein privates Bibelstudium war unheimlich spannend, denn im griechischen “Urtext” war so Manches plötzlich ganz anders zu verstehen, als man es uns von der Kanzel predigt. Dabei wurden mir zwei Dinge klarer denn je:

  1. Man muss Texte wörtlich nehmen indem man die Worte des Urtextes liest, weil Übersetzungen nie ohne Verluste möglich sind und oft sogar den Sinn völlig verdrehen, gerade wenn Übersetzer theologische Vorstellungen hinein interpretierten.
  2. Man darf die Wörtlichkeit des Urtextes nicht wörtlich nehmen sondern muss sie im kulturellen Rahmen der damaligen Zeit und dem ursprünglichen Denkhorizont entsprechend interpretieren.

Betrachten wir ein paar Beispiele in Kürze, ich werde einzelne davon gelegentlich genauer beleuchten.

Jesus, der Messias?

Wenn Christen das Wort Messias hören, verbinden sie mit dieser Vorstellung Jesus als Sohn Gottes, der das Reich Gottes verkündigte und zur Vergebung unserer Sünden am Kreuz starb. Das ist Quatsch, tut mir leid, man kann’s nicht deutlicher sagen. Das hebräische Wort “משיח” (Maschiach) ist die hebräische Vorstellung, dass Gott eines Tages jemanden schickt, der sie aus der politischen Unterdrückung befreit. Der Messias ist kein Gottessohn, wie er später im griechischen Umfeld als “Μεσσίας” verstanden wurde – kann es nicht sein, weil es nach jüdischem Glauben und Denken völlig unmöglich ist, dass Gott Kinder hat. Der Messias ist ein politischer Befreier, der zwar von Gott gesandt wird, aber nicht göttlichen Ursprungs ist oder religiöse Motive hat sondern eine politische Befreiung bringen soll. Unter der römischen Besatzung der damaligen Zeit war die Messias-Hoffnung gross und weit verbreitet, dementsprechend gab es viele Anwärter auf diese Hoffnung, sowohl vor als auch nach der Zeit von Jesus. Tatsächlich hat Jesus zu Lebzeiten den Titel und die dahinterliegende Hoffnung immer abgelehnt, weil er eine spirituelle Botschaft hatte und keine Politische. Erst im griechischen Umfeld wurde aus dem politischen Befreier “Maschiach” der griechische Erlöser “Messias” und durch Paulus und seine im Ur-Christentum ziemlich in Frage gestellte Vorstellung des Christus (“Χριστός”). Wir werden das zu gegebener Zeit mal etwas genauer betrachten, aber es sollte beispielhaft aufzeigen, wie missverständlich so manche Fehlübersetzungen oder Fehlinterpretationen sein können.

Das Reich Gottes innerhalb von Dir

επερωτηθεις δε ποτε ερχεται η βασιλεια του θεου
απεκριθη αυτοις και ειπεν.
ουκ ερχεται η βασιλεια του θεου μετα παρατηρησεως,
ουδε ερουσιν ιδου ωδε η ιδου εκει,
ιδου γαρ η βασιλεια του θεου εντος υμων εστιν

Als er gefragt wurde wann das Königreich Gottes kommen würde,
antwortete er ihnen und sagte:
Das Königreich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte,
und man wird nicht sagen: “Sieh hier!” oder: “Sieh dort!”
Denn siehe, das Königreich Gottes ist innerhalb von euch

(Lukas 17,20 nach rekonstruiertem Text der Logienquelle)

Kein Jesus-Zitat hat mich so sehr erschüttert wie diese Stelle, die in unserem christlichen Verständnis so anders ist als im ursprünglichen Text. Das Wort “εντος υμων” wird immer als “unter Euch” übersetzt, was die Vorstellung in sich trägt, Jesus hätte sich selbst damit gemeint. Wartet nicht auf das Reich Gottes, ich bin ja schon da, mitten unter Euch. So wird das meist verstanden – fälschlicherweise. Denn wenn man den Text nicht theologisch voreingenommen übersetzt, dann muss man das “εντος” mit “innerhalb” übersetzen und dann bekommt das Zitat eine völlig neue Bedeutung. Das Reich Gottes ist innerhalb von uns allen, wir tragen es in uns. Deshalb kann man es nicht beobachten und soll nicht darauf warten, wir selbst müssen es verwirklichen und entfalten. Wir haben den Frieden Gottes in uns und können ihn ausbreiten, wir selbst können Frieden auf Erden bringen. Da kommt niemand der uns das von aussen her bringt, wir haben den Keim in uns, den Atem Gottes (רוח אלוהים / ruach elohim), es liegt in unserer Hand – das war es was Jesus meinte als er forderte, wir sollten ihm nachfolgen.

Hebräische Bildsprache des Alten Testaments

Schon das Neue Testament ist schwer zu verstehen, weil wir ja gar keine Urtexte haben sondern nur griechische oder koptische Übertragungen, die erst jahrzehnte lang mündlich tradiert wurden und erst dann in einem fernen Land aufgeschrieben wurden. Aber immerhin sind die uns zur Verfügung stehenden Texte unserem eigenen sprachlichen Verständnis nah, weil unser westliches Denken doch sehr stark griechisch orientiert ist. Beim Alten Testament wird es viel komplizierter, weil die hebräische Sprache der Unseren völlig fremd ist und wir die kulturellen Hintergründe nicht ansatzweise verstehen. Die hebräische Sprache ist unglaublich bildgewaltig, in einzelnen Wörtern können riesige Denkwelten verborgen sein. Deshalb diskutieren Rabbiner bis heute über den Sinn der heiligen Schriften, über jeden einzelnen Satz wird bis heute gestritten, weil es keinen abschliessenden Dogmatismus geben kann, eben weil die Sprache viel zu vielfältig ist um sie an etwas festzumachen. Auch Jesus war Rabbiner, auch er stritt oft mit anderen Schriftgelehrten über die Wahrheit hinter den Schriften. Beim Lesen der Bibel bekommt man den Eindruck, er hätte ja ach so Streit gehabt mit den bösen Pharisäern, aber auch das ist ein Missverständnis, die Streitrede ist bei Rabbinern und eben Pharisäern zentrales Mittel zur Auseinandersetzung, man muss sogar annehmen, dass Jesus selbst Pharisäer war, zumindest war er ihnen sehr verbunden. Wer glaubt, er könne einen übersetzten hebräischen Text lesen, da einen Abschnitt rauszuzerren und daraus eine Theologie zu basteln, der nimmt diese Schriften eben wörtlich, aber garantiert nicht ernst.

Gott als Erschaffer des Universums?

בְּרֵאשִׁית, בָּרָא אֱלֹהִים, אֵת הַשָּׁמַיִם, וְאֵת הָאָרֶץ

Am Anfang ging Himmel und Erde aus Gott hervor

(Genesis 1,1)

Erschreckend ist, dass das Unverständnis bereits im ersten Satz der Bibel beginnt, wenn in der Bibel steht, Gott hätte am Anfang Himmel und Erde erschaffen, obwohl in der Torah steht, Himmel und Erde sei aus Gott hervorgegangen (בָּרָא/barah), was eher eine Entfaltung als eine Schaffung ist. So zieht sich das Unverständnis wie ein roter Faden durch unser Verständnis dieser Schrift und kaum jemand weiss, dass beispielsweise das überall auftauchende “Geist Gottes” im Urtext ein dutzend verschiedene Worte hat, die völlig andere Denkwelten beinhalten. Welches hebräische Wort sich jeweils hinter “Geist Gottes” verbirgt, wissen wir nicht, wie wollen wir da beurteilen, was der Text wirklich aussagt? Über den “Geist Gottes” (רוח אלוהים / ruach elohim), der in Genesis 1 genannt wird, ist in nachfolgendem Link Spannendes zu lesen, das auch etwas aufzeigt, wie komplex das Verständnis eines einzelnen hebräischen Wortes sein kann:
Die Sprache der Bibel

Unartige Kinder steinigen?

Wenn ein Mann einen unbändigen und widerspenstigen Sohn hat, welcher der Stimme seines Vaters und der Stimme seiner Mutter nicht gehorcht, und sie züchtigen ihn, aber er gehorcht ihnen nicht: so sollen sein Vater und seine Mutter ihn ergreifen und ihn zu den Ältesten seiner Stadt und zum Tore seines Ortes hinausführen, und sollen zu den Ältesten seiner Stadt sprechen: Dieser unser Sohn ist unbändig und widerspenstig, er gehorcht unserer Stimme nicht, er ist ein Schlemmer und Säufer! Und alle Leute seiner Stadt sollen ihn steinigen, daß er sterbe; und du sollst das Böse aus deiner Mitte hinwegschaffen.

(5. Moses 21, 18-21)

Gerade beim Alten Testament ist ein Wörtlichnehmen tödlich – im wahrsten Sinne des Wortes. Umso erschreckender ist, dass die Anhänger des amerikanischen Evangelikalismus eine wörtliche Auslegung der Bibel fordern. Aufgrund dieser Wörtlichnehmung bekämpfen sie beispielsweise homosexuelle Menschen bis aufs Blut, stützen sich auf lausige zwei Bibelstellen, deren fragwürdige Übersetzung sie wörtlich nehmen und die Bibel so zu ihrem Schwert machen. Dass an diesen Stellen steht, es sei Gott ein Gräuel, wenn ein Mann neben einem Jungen liegt, wirft ja schon entsprechend Fragen auf und wurde von mir in meinem anderen Blog hier schonmal thematisiert. Seltsam ist mehr, dass man andere Stellen dann aber nicht wörtlich nehmen will, wenn beispielsweise der Verzehr von Meeresfrüchten verboten wird oder unartige Kinder gesteinigt werden sollen. Gerade im Alten Testament ist ein wörtliches Verständnis extrem gefährlich und wird der Schrift nicht gerecht.

Wahre Grösse respektieren

Wenn meine häretischen Gedanken hier von einigen gläubigen LeserInnen vielleicht als ketzerisch empfunden werden, so möchte ich doch klarstellen, dass meine kritischen Gedanken alles Andere als ketzerisch sind, sie sind Ausdruck meiner Liebe zu diesen Schriften und im Speziellen zu den Worten von Jesus, die mir das gebührliche Ernstnehmen abfordern.

Mit all dem will ich dazu anregen, diese Schriften ernst zu nehmen oder sie liegen zu lassen. Die heiligen Schriften des Judentums und Christentums bieten eine Fülle von Gedanken und Bildern, die viel mehr Tiefe haben als man uns in der Regel von der Kanzel predigt. Wer einzelne Textstellen ohne vertieftes Verständnis nimmt und Anderen um die Ohren haut, betreibt Schabernack mit der Schrift, die ihm selbst angeblich heilig sein soll. Die Bibel wurde nicht als Waffe geschaffen, es sind eine Unzahl an spirituellen Texten, geschrieben von Menschen mit enormem geistigem Tiefgang, die uns dazu anregen wollen, Gott in uns zu erkennen und das Licht und die Liebe Gottes in die Welt zu tragen. Aber dazu muss man die Komplexität dieser Texte ernst nehmen und sie nicht lesen wie eine Bild-Zeitung, erst dann schafft man es, hinter die Geheimnisse dieser Schriften zu dringen. So schliesse ich diese Gedanken einmal mehr mit einem Zitat von mir, das ich mal vor Jahren irgendwo schrieb:

Wer glaubt, zu Wissen,
der weiss nicht, zu Glauben

Namaste – Ich grüsse das Göttliche in Dir

Vor vielen Jahren führte ich mal ein Gespräch mit dem Dorfparrer, in dem ich ihm meine Glaubensansichten erklärte. Ich schloss mit der Aussage, dass ich gläubig aber nicht religiös bin. Er lächelte mich an und sagte zur mir: “Glaub mir, Du bist um einiges religiöser als die Meisten, die jeden Sonntag zu mir in die Kirche kommen”.

Hier im Blog habe ich mich schon öfters über religiöse Fundamentalisten ereifert. Es macht mich einfach rasend, wenn jemand sich die Liebe auf die Fahnen schreibt und mit ebendiesen Fahnen dann Leute erschlägt. Oder anders formuliert, wenn beispielsweise Evangelikale sich der christlichen Nächstenliebe verpflichten, aber Homosexuelle, Transsexuelle, Masturbierende oder Unkeusche ausgrenzen und verteufeln, dann kommt mir die Galle hoch. Einerseits weil so eine Haltung menschenverachtend ist, anderseits, weil es Verrat ist an ihrer eigenen Religion und damit Verrat an Gott selbst.

Wahrheitsanspruch verhindert Spiritualität
Ich widerspreche jeder Religion, die einen alleinigen Wahrheitsanspruch aufstellt, jeder Religion die Dogmatismus predigt und jeder Religion, die eine persönliche Spiritualität durch wörtlich genommene Texte und menschgemachte Regeln ersetzt. Aber all mein Engagement gegen solche Gruppierungen ändern nichts daran, dass ich schon immer gläubig war und Spiritualität für mich der Kern des Lebens ist. Und daran wird sich auch nie etwas ändern.

Glauben und Spiritualität machen den Menschen zu einem besseren Menschen, zumindest, wenn es nicht von Fundamentalismus zerfleischt wird. Glauben kann einem helfen, sich selbst anzunehmen, sich zu lieben, weil man sich geliebt fühlt, von einer Macht die über allem steht. Das ist pure Medizin, es ist mehr als das, es ist Erlösung. Und darüber wollen wir jetzt mal ein wenig nachdenken.

Ehrfurcht vor dem Göttlichen in uns Allen
In der hinduistischen Sprache gibt es ein Begrüssungswort, das “Namaste” heisst. Sinngemäss übersetzt heisst das: “Ich ehre in dir den göttlichen Geist, den ich auch in mir selbst ehre – und ich weiß, dass wir somit eins sind.“. Diese Aussage und die dahinterliegende Denkwelt ist atemberaubend. Alles was lebt, alles was kreucht und fleucht, ist von Gott geschaffen, geht von Gott aus und trägt den Funken Gottes in sich. Das fordert uns so einiges ab, denn mit dieser Denkhaltung muss ich jeden Menschen nicht nur respektieren sondern auch ehren, weil jeder mein Bruder oder meine Schwester ist, weil wir alle das Göttliche in uns tragen, weil wir alle eins sind.

Schöpfung oder Entfaltung Gottes?
Die hebräische Torah, die wir als das Alte Testament kennen, beginnt mit dem Satz: “Bereshit bara jah elohim eth ha schamajim ve eth ha eretz”. Übersetzt wird das im christlichen Abendland mit “Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde”. Aber das Verb “bara” bedeutet kein “schaffen” im Sinne eines Lehmkneters, es ist eher als Entfaltung zu verstehen. Inhaltlich korrekt müsste man es eher übersetzen mit “Am Anfang ging Himmel und Erde aus Gott hervor“. Nimmt man den Text ernst, muss man es so verstehen, dass Gott oder das Göttliche sich entfaltete, so wie es moderne Astronomen auch als erwiesen sehen. Am Anfang war ein Urknall, das ganze Universum entstand aus einem einzigen kleinen Punkt und entfaltete sich daraus.

Was bedeutet das nun für uns, für jedes Lebewesen, für jede Form der Andersartigkeit? Es bedeutet, dass Gott oder das Göttliche, wie auch immer man sich das vorstellen mag, sich entfaltet hat und Leben angenommen hat, in mir, in Dir, in uns allen.

Von Pilzen lernen
Es bedeutet, dass jede Entfaltung von Leben, sei es Mensch, Tier oder Pflanze, ein Aspekt ist des grossen Geistes ist, wie es indigene Völker zu nennen pflegen. Du, ich und alle Anderen, sind eine Entfaltung unseres göttlichen Ursprungs. Ein Pilz wirkt wie ein eigenständiges Geschöpf, aber er ist in Wirklichkeit nur eine Emanation eines Pilzgeflechts unter der Erde, das möglicherweise quadratkilometergross ist, er ist ein kleiner Teil eines grossen Ganzen und doch repräsentiert er das Ganze.

Geh mal in den Wald und such einen Hexenring, so nennt man eine kreisförmige Pilzsiedling. Betrachte die einzelnen Pilze. Da gibt es Wohlgeformte, da gibt es Verkümmerte, da gibt es Grossprotzige, da gibt es Deformierte, jeder Pilz unterscheidet sich von allen Anderen und doch ist es ein und dasselbe Lebewesen, diese grossköpfigen Wesen sind nur Entfaltungen eines einzigen Pilzgeflechts, das unsichtbar unter dem Boden lebt.

So ist es auch mit uns Menschen. Es gibt Grosse, Kleine, Dicke, Dünne, solche die als schön deklariert werden, andere die von Vielen als hässlich betrachtet werden, und doch sind wir alle aus einem Ursprung, wir sind alle gleich – Entfaltung dessen, was unsichtbar unter uns, um uns und in uns ist.

Das möchte ich DIR zum nachdenken mitgeben. DU bist ein Teil eines grossen Ganzen, bist einzigartig unter Vielen und doch eins mit allem. Egal ob Du gross, klein, dick oder dünn bist, Du bist eine Entfaltung Gottes, Teil einer Schöpfung, die nur in ihrer Gesamtheit vollkommen ist.

DU bist gemeint
Dir, liebe(r) Leser(in) möchte ich zurufen: Namaste! Ich grüsse und ehre Dich, als eine Entfaltung dessen, was mein eigener Ursprung ist, ich ehre Dich als Emanation unseres gemeinsamen Ursprungs. Du bist anders als alles Andere, Du bist einzigartig, bist besser und schlechter, schöner und hässlicher, grösser und kleiner, als andere Teiles dieses ganzheitlichen Gemeinsamen.

DU bist achtenswert und liebenswert, weil Du bist, wie Du bist, weil Du bist was Du bist, weil Du anders und damit einzigartig bist, weil Du Deiner Natur folgend und damit dem göttlichen Willen folgend Dich selbst entfaltest und damit das unfassbar Grosse repräsentierst, das zu gross ist um es je sehen zu können – das, das nur im Kleinen sichtbar ist, das die Summe aller Kleinen ist.

Jesus und das Reich Gottes

Als er gefragt wurde wann das Reich Gottes kommen würde, antwortete er ihnen und sagte: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten könnte und man wird nicht sagen: “Sieh hier!” oder: “Sieh dort!” Denn siehe, das Reich Gottes ist in euch
(Logenquelle Q 17,20)

Wer genau hinschaut, findet in Bibelübersetzungen viele Fehler, teils lustige, teils kuriose, teils fatale Fehlübersetzungen. Im Lukas Evangelium 17,20 steht fast in allen Übersetzungen, “das Reich Gottes ist mitten unter Euch” oder Vergleichbares. Aber im griechischen “Urtext” steht “entos”, was “innerhalb” heisst. Hier geht es nicht um Spitzfindigkeiten, es ist eine radikal andere Aussage. Während Übersetzungen den Anschein machen, Jesus würde sich selbst damit meinen, sagt der griechische Text das, was ich oben beschrieben habe, das was Kern fast aller Religionen ist. Die Überzeugung, dass Gott oder das Reich Gottes oder der Funken Gottes in unserem Inneren zu finden ist. Und wenn er in mir ist, ist er auch in Dir. Diese Denkweise oder mehr dieser Glaubenssatz fordert von uns, alle Anderen zu respektieren, auch uns selbst.

Denkt darüber nach, meine lieben LeserInnen, denkt nach und beginnt zu lieben, Andere so sehr wie Euch selbst, Euch selbst so sehr wie Andere…………. Namaste!

Ein etwas anderes Glaubensbekenntnis

Dieser Blogbeitrag stammt aus meinem letzten Tagebuch, aber weil er einen meiner wichtigsten Wesensanteile beschreibt und viel über mein Glauben und Denken aussagt, möchte ich ihn hier auch vorstellen……….

Ich wußte nicht, wo ich eintrat,
aber als ich mich dort sah,
unwissend, wo ich mich befand,
begriff ich große Dinge;
ich werde nicht sagen, was ich empfand,
da ich unwissend blieb,
alles Wissen übersteigend.
(Johannes vom Kreuz)

Wenn ich heute gefragt werde, ob ich gläubig bin, dann gibt es zwei mögliche Antworten. Entweder ich sage: ich sei “konfessionslos gläubig” oder ich sage, ich sei “Nazarenerin”. Die jüdische Gruppe rund um Jesus, aus der später das heutige Christentum entstand, wurden von Anderen “die Nazarener” genannt, weil sie Nachfolger des Jesus von Nazareth waren. Damit will ich sagen, dass ich Jesus nachfolge in dem ich der von ihm postulierten Ethik nachfolge, dass ich aber nicht der Glaubensdoktrin einer Kirche folge und es für mich nur einen Gott gibt, derjenige, auf den Jesus und Andere hingewiesen hat.

Wie’s dazu kam, ist mal wieder eine lange Geschichte, also heissts einmal mehr: Bier und Popcorn holen, gemütlich hinsetzen………. Vorhang auf!

Katholisch – und wo ist Gott?
Ich wurde zwar katholisch getauft, wuchs aber in einer Familie auf, die keine religiösen Ambitionen hatte. Wir gingen in der Regel nicht in die Kirche und nur durch die Grosseltern wurde mir ab und zu etwas Religion vermittelt. Trotzdem hatte ich früh die feste Überzeugung, dass da irgendwo irgend etwas Göttliches sein musste. Die Welt war viel zu schön und perfekt, als dass sie einfach ein Zufallsprodukt sein konnte. Irgendwoher musste ja all das Zeuchs kommen, das da rumwuselt und vieles in der Natur liess mich staunen…….. und Staunen, ist der Ursprung jedes religiösen Glaubens.

Einführung ins Christentum und die Lüge vom Geschenkligott
In der Jugendzeit ging ich dann in die CVJM, eine Art katholische Antwort auf die Pfadfinder. Dort lernte ich sehr viel über den christlichen Glauben, über Jesus und die Bibel. Und dort lernte man mir auch erstmals die Vorstellung eines Gottes, von dem man alles bekommt, wenn man ihn darum bittet. Das ging in mich rein wie ein heisses Messer durch die Butter. Ich betete, bittete, denn es gab mehr als genug in meinem Leben, wo ich Hilfe gebraucht hätte. Aber es passierte nichts, einfach nichts. Irgendwann kam der Punkt, an dem ich mich einfach nur noch verarscht fühlte. Da erzählen mir die: “Bitte und es wird Dir gegeben”, ich bat, und alles wurde nur noch schlimmer. So zerfiel der Glaube an diesen Geschenkli-Gott zu Staub, von einem Tag zum Anderen. Was blieb war mein Staunen und die feste Überzeugung, dass irgend etwas Göttliches existiert.

Vorübergehender Abschied aus dem Christentum
An meinem 18. Geburtstag bekam die Kirchgemeinde einen Brief, in dem ich um meine Exkommunikation bat und dies damit erklärte, dass ich nicht einer Religion angehörig sein kann, die Frauen auf Scheiterhaufen verbrannte, indigene Völker ausrottete und vieles mehr. Aber ich glaube, das stimmte so nicht, ich war einfach enttäuscht, weil mir diese Religion Hilfe versprach, die ich nie erhielt.

Wer sucht, soll solange weiter suchen, bis er findet.
Wenn er aber findet, wird er erschrocken sein.
Wenn er erschrocken ist, wird er erstaunen.
Und er wird König sein über die unsichtbare Welt.

(Thomas Evangelium 2)

Eine zwanzigjährige spirituelle Reise
Dann begann eine lange spirituelle Reise durch die Welt der Religionen. Eine Reise die mir zeigte, dass alle Religionen wertvolle Schätze zu verschenken hatten. Überall waren Einsichten zu gewinnen, überall gab es etwas zu lernen, was einem im Leben weiter bringt. Aber ich fand keine Religion, die es verdient hätte, den alleinigen Wahrheitsanspruch, den zumindest monotheistische Religionen per Definition beanspruchen, auch zugesprochen zu bekommen.

Buddhismus, Zen, Schicksal und Demut
Zuerst gings los mit Buddhismus und Zen. Dort lernte ich vorallem, das Schicksal anzunehmen. Shunryu Suzuki, ein Zenmeister, fasste es wunderschön zusammen: “Weil wir alle Aspekte des Lebens als eine Entfaltung des grossen Geistes betrachten, deshalb haben wir diese unerschütterliche Ruhe” (frei nachgeplaudert). Ich lernte, dass alles was kommt auch sein Gutes hat, auch wenn ich es noch so ablehne. Selbst Krankheit oder Sonstiges können mich weiter bringen, wenn ich mich nicht dagegen sträube und diese “Lehre” annehme. Diese Lebenshaltung war vermutlich der Hauptgrund, dass ich viele Jahre später, als ich an einem Burnout erkrankte, diesen zur grössten Schule meines Lebens machen konnte…… bis Anfang dieses Jahres, da trat ich in die Königsklasse ein.

Naturvölker und der “grosse Geist” der Indianer
Weiter ging es dann mit Religionen der Naturvölker, im Speziellen der indigenen Völker Nordamerikas, die mich seit Kindheit unerklärlich faszinieren. Die Sioux Indianer nennen Gott “Wakan Tanka”, was im englischen lapidar mit “Great Spirit” übersetzt wird und im deutschen noch sinnentleerter mit “Grosser Geist”. Aber es heisst nicht Great Ghost sondern Great Spirit, damit ist kein Huhu-Gespenst gemeint sondern eine Wesenskraft. In einem Buch las ich dann mal, dass die korrekte Übersetzung von Wakan Tanka in etwa heissen müsste: “Das Wesen, das in allen Dingen ruht”. Unter Wakan Tanka verstanden Indianer so eine Art göttliche Energie, die in allem drin ist, alles ist eine Entfaltung Gottes. Egal ob ein Tier, ein Fluss, ein Stein oder ein Mensch, alles war durchdrungen von dieser göttlichen Wesensart. Das war auch der Grund, weshalb Indianer beispielsweise ein bei der Jagd getötetes Tier um Verzeihung baten – eine rührende Vorstellung, die meinem Empfinden enorm entsprach. Damals hätte ich nie gedacht, dass mir diese Vorstellung eines Tages ausgerechnet in der christlichen Religion wieder begegnen würde.

Odin, Thor und andere Vorstellungen
Auch mit kelto-germanischen Religionen beschäftigte ich mich, auch da fand ich spannende Aspekte, die mich auf meinem Weg weiter brachten und das Bild abrundeten.

Gott – das Unvorstellbare und Unaussprechliche
Erst viel später, am Ende dieser Suche, wurde mir klar, dass alle Religionen eigentlich vom Gleichen reden. Es gibt nur eine göttliche Macht, die hinter allem Sein steht und das Göttliche ist unvorstellbar und undenkbar, es übersteigt unsere Vorstellungen bei Weitem. Deshalb brauchte es Religionen, die das Unvorstellbare vorstellbar machten und das geht nur durch Vereinfachung. Und da spielt es keine Rolle, ob man sich dieses Unvorstellbare als einen einzelnen Gott vorstellt oder die verschiedenen Aspekte von verschiedenen Göttern darstellen lässt. Auch monotheistische Religionen wie das Judentum haben viele Namen für diesen einen Gott, jeder Name steht für bestimmte Aspekte Gottes. Bei diesen Namen Gottes sind solche dabei wie der “Herr der Heerscharen” aber auch die weibliche Schechina, ein für Juden wesentlicher Aspekt Gottes. Andere Religionen machten aus diesen Aspekten einzelne Götter. Aber im Endeffekt bleibt es dasselbe und auch wenn Christen zwischen Gott, Jesus und dem “heiligen Geist” unterscheiden, bleibt doch hinter all dem das eine Göttliche, das Unaussprechliche.

Ich gebe euch ein neues Gebot: Liebt einander.
Ihr sollt einander so lieben, wie ich Euch geliebt habe..

(Johannes 13,34)

Evangelikalismus oder die Pervertierung der jesuanischen Lehre
Eines Tages stolperte ich in ein christliches Forum, in dem es von evangelikalen Christen wimmelte. Das evangelikale Christentum stammt aus Amerika und wie vieles, was von dort kommt, ist (meines Erachtens) der Evangelikalismus die grösste Pervertierung des christlichen Glaubens. Die Bibel wird absolut wörtlich genommen (wenn es einem in den Kram passt), Homosexuelle werden verteufelt, Selbstbefriedigung dämagogisiert und alles mit Verweis auf aus dem Zusammenhang gerissene Bibelstellen. Ich war dort mit einer Form von Grausamkeit konfrontiert, die mir das Blut in den Adern gefrieren liessen. Da konnte Jesus sich den Munde fuslig reden über Liebe, Vergebung und Nicht-Richten. Diese selbsternannten Heiligen der Neuzeit zerrten alles in die Hölle in ihrem Kopf, was nicht 100% mit ihrem Glauben übereinstimmte.

Derjenige von euch, der ohne Sünde ist,
soll als erster einen Stein auf sie werfen.

(Johannes 8,7)

Die Bibel als Waffe? Das kann ich auch!
Da konnte ich einfach nicht anders als mit diesen Leuten rumzustreiten und so kamen in kurzer Zeit 800 Forumbeiträge zusammen. Da mir diese Leute ständig Bibelstellen um die Ohren hauten, begann ich mich selber wieder mit der Bibel zu beschäftigen und es war in der Regel ein Leichtes, ihre obskuren Fehlinterpretationen aufzudecken – natürlich ohne dass sie das bemerkt hätten. Das machte mich wieder vertrauter mit dieser Schrift und ich entdeckte da wieder wundervolle Stellen, vorallem die sogenannten Jesusworte. Das was Jesus predigte, war einfach nicht das, was ich heute im Christentum antreffe. Irgendwann wurde es sogar mir zu blöd dort und ich verliess das Schlachtfeld.

Laientheologie und urchristliche Überlieferungen
Doch ich war neugierig geworden und wollte unbedingt mehr über das Denken und die Lehre von Jesus erfahren. Ich las sehr viel und erfuhr einerseits, dass die Bibel kritisch gelesen werden muss. Es gibt redaktionelle Veränderungen, theologische Einschübe und vieles mehr (siehe z.B. Textkritik). Jedes der vier Evangelien, die die Geschichte des Nazareners beschreiben, beinhaltet eine eigenständige Theologie. Jeder dieser Berichte ist sozusagen eine Sichtweise des jeweiligen Evangelisten und diese unterscheiden resp widersprechen sich teils in interessanter Weise (siehe Evangelien-Synopse). Aber eines zieht sich wie ein roter Faden durch diese Erzählungen, die Jesus-Worte. Ich erfuhr, dass es noch andere urchristliche Überlieferungen gab, wie es auch verschiedene christliche Gruppierungen gab. Aber nach dem 1. Konzil von Nizäa im Jahr 325 siegte eine Gruppe dank Hilfe des römischen Kaisers Konstantin und alle anderen Gruppierungen wurden samt ihren Überlieferungen verboten. Aber viele dieser Schriften haben die Verfolgung überlebt und bieten ganz neue Sichtweisen. Im Speziellen das sogenannte Thomas Evangelium, eine Spruchsammlung von über hundert Jesus-Worten (Aussprüche). Viele dieser sogenannten Logien entsprechen denen der Bibel und sind teilweise sogar älter als die Urschriften der Bibel – sprich authentischer. Aber es hat auch eine Vielzahl von “unbekannten” Jesus-Worten und diese haben es in sich….. und haben es mir angetan….. und hier begann sich der Kreis zu Wakan Tanka zu schliessen und ich begann auch die Jesus-Worte in der Bibel mit neuen Augen zu sehen – und mein Staunen erreichte nie dagewesene Ausmasse.

Urtext verstehen und mit griechischen Augen lesen
Als mir klar wurde, dass Übersetzungen immer mit Verlust belastet sind und dass bei den Übersetzungen manchmal Theologie über Grammatik gestellt wurde, begann ich alt-griechisch zu lernen im Selbststudium. Es dauerte etwa ein bis zwei Jahre, bis ich in der Lage war, das Neue Testament im griechischen zu lesen und zu verstehen. Das griechische NT ist leider die älteste Überlieferung die wir haben, es gibt nichts über Jesus in hebräisch resp aramäisch und so ist auch der griechische “Urtext” bereits sehr verfremdet, weil hebräisch eine völlig andere Denkwelt voraussetzt als griechisch. Jedenfalls hatte ich den “Urtext” und ging akribisch dahinter, die Jesus-Worte zu studieren, die Paralellen in den Evangelien und die apokryphen (ausserbiblischen) Überlieferungen zu vergleichen. Einmal mehr taten sich Welten auf und das brachte mich irgendwann an den Punkt, an dem ich davon überzeugt war, dass Jesus uns genug gesagt hat, damit wir ein friedliches und glückliches Leben führen könnten – wenn wir ihn denn ernst nehmen würden und ihm nachfolgen würden.

Glühen ist besser als Wissen.

(Bernhard von Clairvaux)

Christliche Mystik und Mönchstum
Ich unternahm auch eine lange Reise in die Welt der christlichen Mystik. Mystik ist so etwas wie das Gegenteil von Dogmatismus. Ein Mystiker weiss, dass er nichts weiss und er glaubt, dass es im Glauben keine Rechthaberei gibt, dass jeder Mensch seinen persönlichen Weg hin zu Gott gehen kann, da gibt es kein richtig oder falsch, es gibt nur ein Ziel. Mystiker aller Religionen vertragen sich prächtig. Ein katholischer Mönch wird mit einem muslimischen Derwisch bestens klar kommen, sie haben keine Differenzen, sie haben nur unterschiedliche Blickwinkel und unterschiedliche Erfahrungen auf ihrem eigenen persönlichen Weg. Was für eine Wohltat im Vergleich zu dogmatischen Kirchen, die sagen: Entweder Du glaubst genau das was wir sagen und zwar so wie wir Dir das vorschreiben, oder Du brennst in der Hölle. Ich las viele Schriften und bekam viele neue Vorbilder. Der Franziskaner Franz von Assisi, der Nächstenliebe wie kein Anderer praktizierte, der Zisterzienser Bernhard von Clairvaux oder der Karmeliter Johannes von Kreuz, die den Weg zu Gott nur mit allumfassender Liebe gingen und viele andere faszinierende Gestalten in der Geschichte des christlichen Mönchstum. Das christliche Mönchstum war schon immer mystisch und es ist bis heute so geblieben. Höhepunkt war dann eine Besinnungswoche im Benediktiner Kloster in Einsiedeln, eine Erfahrung die wirklich tief geht.

Siehe, das Reich Gottes ist innerhalb von Euch!
Doch irgendwann wurde es Zeit, auch diesen Weg zu verlassen. Ich legte alles hin was ich zwanzig Jahre gelernt hatte. Ich musste nicht mehr weiter nach Gott suchen, ich hatte ihn/sie/es gefunden…… in mir – in Dir – in Euch allen. Seit diesem Tag habe ich grosse Ehrfurcht vor allen Mitgeschöpfen, weil ich nun tief in mir spüre, dass wir alle eins sind, durchdrungen von derselben Macht, Entfaltung desselben unaussprechlichen, unvorstellbaren Göttlichen, das niemals verstanden werden kann sondern nur erfahren. Es war der Tag, an dem sich mein Herz mit Liebe füllte und ich glaube sogar, es war die Grundlage dafür, dass ich mich selbst eines Tages lieben lernte und meine in einen Kerker eingesperrte Wesensart entfalten konnte. Die Fascetten der Entfaltung Gottes sind endlos zahlreich, ich bin eine von Vielen, die alle in sich einzigartig und doch wesensgleich sind.

Eine Freundin, die in Deutschland in einer christlichen Zen Gruppe ist, erzählte mir mal etwas, was die Erkenntnis meiner zwanzigjährigen Reise in einem Satz zusammennfasst. Wenn sie sich begegnen, dann begrüssen sie sich mit dem Wort “Namaste“………. was sinngemäss zu verstehen ist als:

Ich ehre in Dir den göttlichen Geist, den ich auch in mir selbst ehre – und ich weiß, dass wir somit eins sind.

Ich bin das Licht, das über allem ist.
Ich bin die himmlische Welt.
Sie ist aus mir hervorgegangen,
und in mir hat sie ihr Ziel erreicht.
Spaltet ein Stück Holz, ich bin da.
Hebt einene Stein auf, ihr werdet mich dort finden.

(Thomas Evangelium 77)

Das Kapitel Religiöses

μη παυσασθω ο ζητων του ζητειν εως αν ευρη,
και οταν ευρη θαμβηθησεται,
και θαμβηθεις βασιλευση,
και βασιλευσας επαναπαησεται.

Nicht aufhören soll der Suchende zu suchen, bis er findet;
und wenn er findet, wird er betroffen sein;
und wenn er betroffen ist, wird er herrschen;
und wenn er zu herrschen begann, wird er Ruhe finden.

(Thomas Evangelium – Papyrus Oxyrhynchos 654)

Seit je her bin ich ein sehr gläubiges Wesen, Gott ist für mich das Unvorstellbare, das Unaussprechliche. Ganz in der Tradition mystischer Strömungen ist für mich Glaube das, was jenseits allen Wissens ist. Meine religiöse Demut fordert mir die Erkenntnis ab, dass ich nichts weiss und gerade deshalb glaube. Religiöse, die einen Wahrheitsanspruch erheben, sind mir zuwider, weil sie ihre Kleingläubigkeit hinter Besserwisserei verbergen. Niemand weiss, wer oder was das Göttliche ist.

Wer glaubt zu Wissen, der weiss nicht zu Glauben!

Meine spirituelle Entwicklung ist eine lange Geschichte, die ich hier mal etwas erläutert habe. Querbeet durch indigene Glaubensvorstellungen, über buddhistische Sichtweisen bis zur jesuanischen Lehre habe ich überall wertvolle Perlen gefunden. Wer Gott sucht, wird ihn finden, egal welchen Weg man geht – das ist die Quintessenz meiner Glaubensreise.

Oder um es mit den Worten von Johannes vom Kreuz zu sagen:

Ich wußte nicht, wo ich eintrat,
aber als ich mich dort sah,
unwissend, wo ich mich befand,
begriff ich große Dinge;
ich werde nicht sagen, was ich empfand,
da ich unwissend blieb,
alles Wissen übersteigend.

In diesem Kapitel wird es generell um religiöse Fragen gehen, um theologische Streitpunkte und vieles mehr. Von allen religiösen Einflüssen ist die jesuanische Lehre der wichtigste Teil meines Glaubens und so werde ich hier auch einiges über die jesuanische Predigt über das Christentum bis hin zur Bibel predigen. Dabei – soweit muss ich vorwarnen – werde ich eine sehr häretische Sicht vertreten und ich glaube, das mit Recht tun zu dürfen. Um Jesus besser zu verstehen, habe ich vor Jahren im Selbststudium alt-Griechisch gelernt, damit ich das Neue Testament im “Original-Text” lesen und verstehen kann. Das hat mir tiefe Einblicke gewährt und erlaubt mir, Jesus resp. seine Lehre in ganz unerwarteten Fascetten darzulegen. Das dürfte ein spannender Exkurs werden, über das jüdische Fundament von Jesus, über ernstgenommenes Bibellesen, über Textkritik, Redaktionskritik, Quellenlehre, apokryphe Schriften und vieles mehr. Hier ist der Ort für all die unbequemen religiösen Fragen wie zum Beispiel:

  • Führen alle Religionen zu Gott?
  • Wie verträgt sich Glauben mit dem Wahrheitsanspruch?
  • War Jesus ein Christ?
  • Wer hat die Bibel geschrieben?
  • Soll man die Bibel wörtlich oder ernst nehmen?
  • War Jesus Messias oder Gottessohn?
  • Gibt es Glauben ohne Mystik?
  • Wer glaubt richten zu dürfen über den wahren Glauben?
  • Ist Gott einer oder derer Viele?

Auf dieses Thema freue ich mich am Meisten, weil ich der Auffassung bin, dass Religion den Menschen zu einem besseren und glücklicheren Menschen machen kann – und weil ich glaube, dass fanatisierte Religion das grösste Gift der Welt ist.

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