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Der Abgrund zwischen Pränataldiagnostik und Eugenik

downeugen Seit einem Jahr ist in der Schweiz ein Test auf Trisomie-21 (Down-Syndrom) frei erhältlich, dieser Gen-Test ermöglicht auf relativ einfache Weise zu erkennen, ob ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt kommen wird. Früher ging das nur mittels Test des Fruchtwassers, was nicht nur aufwändig war sondern auch für das Embryo gefährlich, eines von hundert untersuchten Embryonen wurde geschädigt. Diese Vereinfachung des Tests klingt nett, blickt man jedoch etwas weiter, merkt man schon bald mal, dass wir damit die Grenze zwischen Pränataldiagnostik und Eugenik massiv aufweichen. Was vielleicht gut gemeint ist, entwickelt sich meines Erachtens zu einer Türöffnung für etwas, das wär längst der Vergangenheit angehörend glaubten – der selektionerte Mensch.

Eugenik bezeichnet die Anwendung wissenschaftlicher Konzepte
auf die Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik
mit dem Ziel, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern
und den negativ bewerteter Erbanlagen zu verringern.
(http://de.wikipedia.org/wiki/Eugenik)

Eugenik der Vergangenheit

Mit Schrecken blicken wir zurück in eine Zeit, in der deutsche Nationalsozialisten leidenschaftliche Eugenik betrieben. Der perfekte Arier war gesucht und sollte gefördert werden, gute Gene verbreiten und schlechte Gene ausrotten. Egal ob das nun Juden, Zigeuner, Behinderte oder Homosexuelle waren, wer mal auf der Liste der “schlechten Anlagen” landete, war zum Abschuss freigegeben. Im harmlosen Fall bedeutete das Zwangssterilisierung, im schlimmsten Fall Ermordung. Auch die Schweiz hatte ihre dunklen Kapitel, so wurden bei uns beispielsweise Jenische (Zigeuner) in psychiatrische Kliniken gesteckt und ihre Kinder wurden den Eltern entrissen (Pro Juventute – Kinder der Landstrasse), aber auch andere “Non-Konforme” zwangspsychiatrisiert, mit Elektroschocks “behandelt” oder zwangssterilisiert – alles im Dienste einer “Ausrottung der schlechten Anlagen”.

Down-Syndrom: Kein Recht auf Leben

Dieser Test signalisiert,
dass ein Leben mit Downsyndrom ein unwerteres, leidvolles Leben sei,
obschon man heute weiss, dass auch sie ihr Potenzial entwickeln
und ein glückliches Leben führen können.
(CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz)

Diese Zeiten sind vorbei, dachte ich lange Zeit – wie sehr ich mich doch täuschte. Menschen mit Down-Syndrom gehören zu den Ersten, denen offiziell der Lebenswert aberkannt wird. Warum ausgerechnet die, entzieht sich meinem Verständnis. Wer schon mal Betroffene beobachtet hat, wird auch bemerkt haben, dass die in vielen Fällen ein recht glückliches Leben führen können. Sie brauchen zwar mehr Unterstützung als Andere, aber sie leben, lieben, fühlen und träumen wie wir alle auch. Wer diese Erfahrung noch nicht gemacht hat, sollte vor dem Weiterlesen wenigstens kurz in nachfolgende Doku reinschauen. Da sieht man eine jener Frauen, die ein Down-Syndrom haben. Wer den Standpunkt vertritt, dass dies ein Grund zur Abtreibung sei, der soll bitte diese Doku anschauen und dann nochmal darüber nachdenken, ob dieses Mädel wirklich kein Lebensrecht hat. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich diese Doku sah, nicht wegen der Doku selbst sondern weil mir ständig im Hinterkopf herumspukte, dass Menschen wie sie von unserer Gesellschaft zur Tötung freigegeben wurden – zumindest solange sie nicht geboren sind.
SF-DRS: Dok – Goethe, Faust und Julia

Der Erlaubnis zum Töten folgt der Zwang zur Tötung

Die Befürworter solcher Tests betonen stets, dass es ja freiwillig sei und niemand davon Gebrauch machen müsse. Stimmt das wirklich? Vor einiger Zeit führte ich eine längere Diskussion in den Kommentarspalten deiner renomierten Tageszeitung. Es dauerte nur wenige Kommentare lang, bis sich einer zu Wort meldete der sinngemäss sagte: “Da solche Tests nun möglich sind, sollten wir uns überlegen, ob wir Eltern, die so einen Test nicht machen lassen, die Unterstützung durch die Krankenkasse verweigern. Sie hätten es ja vermeiden können, also sind sie selber für die Folgen verantwortlich”. Nun, das Positive, die Mehrheit der Kommentierenden war wie ich geschockt über diese Äusserung, aber wie lange noch? Wenn solche Tests mal zum Standard gehören, wird es für so eine Haltung früher oder später eine Mehrheit geben. Je mehr Menschen mit DownSyndrom abgetrieben werden, desto mehr ecken die Überlebenden an. Und nicht zuletzt haben die Krankenkassen ein grosses Interesse daran, solche Leistungen zu verweigern, falls sie dazu die Möglichkeit hätten.
Downsyndrom: Angst vor einem Test oder vor den Kosten?

Dieser Test kann dazu führen, dass Eltern,
die keine Untersuchung vornahmen,
von Versicherungsleistungen ausgeschlossen werden,
wie dies bereits heute in der IV der Fall ist.
Das ist ethisch bedenklich.
(CVP-Nationalrätin Lucrezia Meier-Schatz)

Wer ist lebenswert, wer rentiert für diese Gesellschaft?

Ein weiterer Einwand der schnell mal kommt, ist die finanzielle Wertbemessung für die Gesellschaft. So Menschen bringen der Gesellschaft nichts, liest man in solchen Diskussionen, warum also solche Menschen zulassen, wenn man anstelle dieses “Behinderten” ja ein anderes, gesundes Kind zur Welt bringen könnte, das der Gesellschaft auch etwas beizusteuern vermag. Oha, wie wertvoll muss ein Mensch der Zukunft sein, damit wir ihn am Leben lassen? Irgendwie kann ich nicht fassen, dass es Menschen gibt, die in der Frage um das Lebensrecht Anderer finanzielle Kriterien einbringen.

Und was ist überhaupt “behindert”?

Die aus dieser Entwicklung resultierenden Fragen gehen jedoch noch viel weiter. Was gilt denn überhaupt als “behindert”? Es gibt viele “Erbkrankheiten” die genetischen Ursprungs sind, neben Down-Syndrom gäbes da auch Autismus, Diabetes, Depression, MultipleSklerose, Schizophrenie, Parkinson, das und vieles mehr gehört zu den Krankheiten, die genetisch bedingt oder verstärkt sind. Konsequent weiter gedacht stellt sich also die Frage, wen wir als nächstes zum Abschuss freigeben. Wenn wir als Gesellschaft sagen, dass man ein Kind abtreiben darf, wenn es ein DownSyndrom hat, warum sollten wir dann nicht weiter gehen und genauso verfahren mit Menschen, die später eine der vielen anderen Krankheiten bekommen? Und um die Frage etwas auf die Spitze zu treiben, wenn wir schon Menschen mit “schlechten Anlagen” vorgeburtlich töten, nur weil sie eben so sind wie sie sind, warum sollten wir dann nicht auch bereits geborene Menschen im Dorfbrunnen ersäufen, wenn sie sich als nicht-rentabel herausstellen? Wer setzt hier Grenzen, wer bestimmt was als “behindert” oder “krank” gilt, wer spricht die Todesurteile?

Wohin führt uns dieser Weg?

Wie lange wird es dauern, bis wir zur Sanierung der AHV entscheiden, dass wir zukünftig Kinder mit einer genetischen Prädisposition für Alzheimer oder Parkinson schon vor der Geburt abschiessen? Kommt irgendwann der Tag, an dem religiöse oder andere Fundamentalisten auch die Abtreibung von homosexuellen oder transsexuellen Menschen fordert (falls sich da wirklich eine genetische Prädisposition findet)?

Diese Entwicklung macht mir echt Angst, nicht weil ich davon betroffen wäre sondern deshalb, weil es in mir die Befürchtung weckt, dass der Mensch sich noch weiter zu einem gefühlskalten Klotz entwickelt, dass der moderne Mensch je länger desto mehr nur noch als Wertschöpfungsobjekt betrachtet wird.

Eugenik ist nicht für sondern GEGEN den Menschen

Denjenigen, die sich vertiefter mit dem Down-Syndrom beschäftigen möchten, empfehle ich diese TV-Sendung:
Leben mit dem Down-Syndrom (Quarks & Co: 08.05.2012)

Diejenigen, die sich in die Geschichte der Eugenik einlesen möchten, finden hier mehr als ein gesunder Mensch ertragen kann:
3. Der Psychiatrie-Holocaust der “zivilisierten” Welt mit Vorreiter Schweiz – Sterilisierungen und Euthanasie in Zürich

Alle Anderen bitte ich, wenigstens diese kurze Video anzuschauen und darüber nachzudenken, ob all diese Menschen wirklich keinen Lebenswert haben.

Schon wieder ein Monat rum

Huhu da draussen……. ja wir leben noch, und wie, uns geht’s nachwievor zu gut als dass wir Zeit und Musse hätten um zu bloggen – trotzdem mal wieder ein Lebenszeichen :-)

Freud und Leid aus der Welt der Politik

Die letzten Wochen waren politisch turbulent, vieles das mich sehr freute, ebenfalls viel, das mich überhaupt nicht freute. Auf der einen Seite bejubelte ich die erhoffte Wiederwahl von Obama, wurde gleichtags erfreut durch drei weitere amerikanische Bundesstaaten, die die “gleichgeschlechtliche Ehe” legalisierten – nicht weniger erfreulich war der Entscheid des spanischen Verfassungsgericht, das die dort bereits vor Jahren eingeführte “gleichgeschlechtliche Ehe” als verfassungskonform beurteilte, nachdem Erzkatholiken und Erzkonservative ebendiese zu bekämpfen versuchten.

Wenn man sich vor Augen hält, dass im evangelikal-konservativ geprägten Amerika die “Homo-Ehe” nun bereits in acht Staaten erlaubt ist und dass Spanien, eine Hochburg das Katholizismus, ebenfalls Rechtsgleichheit vor Moraltheologie stellt, wirkt es schon urkomisch, dass ausgerechnet in der Schweiz die CVP eine längst fällige Initiative zur Aufhebung der steuerlichen “Heiratsstrafe” lanciert und diese Gelgenheit dazu missbraucht um klammheimlich einen diskriminierenden Begriff in der Verfassung zu verankern – die Ehe sei Mann und Frau vorbehalten. Es würde zu weit führen, hier jetzt zu erklären, weshalb das für nicht-heterosexuelle Menschen ein herber Rückschlag wäre und inwiefern diese Definition gegen die Würde des Menschen verstösst – vielleicht hole ich das gelegentlich mal nach – jedenfalls war das einer der Meldungen aus der Welt der Politik, die mich innerlich mal kurz kochen liessen.

Transsexualität und Öffentlichkeitsarbeit

In diesem Themen-Bereich hatte ich die letzten Wochen ein wahres Wechselbad der Gefühle. Ich ärgerte mich über grenz-debile Berichterstattungen in Boulevard-Medien, erfreute mich über überraschend wohlwollende Kommentare in ebendiesen Artikeln, ärgerte mich über Transwasweissich-Organisationen und Betroffene, die sich selbst nicht besser verleugnen als sie früher von der Psychiatrie verleugnet wurden – und kam dank dieser “Transgender-Soap” auf RTL2 an einen Punkt, an dem mir dieses Thema wirklich zum Hals hinaushängt. Ich mag gar nicht gross darüber diskutieren, vielleicht hole ich das mal in einem separaten Beitrag nach. Nur soviel: ich habe stark den Eindruck, dass sich langsam aber sicher eine Boulevardisierung des Transsexuellen-Themas ausbreitet und dass diese Entwicklung für uns gefährlicher sein könnte als die Psychopathologisierung, der wir seit Jahren zu entkommen versuchen. Wenn sich die Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Transsexualität auf Dschungelcamp-Niveau abspielt, müssen wir uns nicht wundern, wenn man uns nicht ernst nimmt. Aber eben, im Moment habe ich echt keine Lust auf dieses nervige Thema, deshalb gehen wir einfach mal eins weiter ;-)

Das Leben zu Viert

Denn immerhin auf eines ist Verlass: Wir haben’s gut :-) Und wie gut wir es haben. Juliet hat genau den Job gefunden, den sie sich erhoffte, ab Anfang Dezember wird sie für die Spitex hier an unserem Wohnort denselben Haushilfe-Job machen wie erst grad für das Rote Kreuz im Hamburg. Alles Andere ist wie erhofft und erwartet einfach prächtig. Wann immer wir können, liegen wir zu Viert auf dem Sofa, bekuscheln uns gegenseitig und geniessen das Leben als Kleinfamilie ;-) Tequila ist drauf und dran, Juliet durch mich als Haupt-Frauchen zu ersetzen, zumindest ist ihr Lieblingsplätzchen seit Wochen auf meinem Bauch und jeden Abend gegen fünf Uhr beginnt sie Juliet vorwurfsvoll anzuquängeln und starrt ungeduldig zur Tür und wartet auf mich.

Die Rumliegerei wird natürlich gelegentlich auch mal unterbrochen, sei es weil wir wie kürzlich im Pub eine sagenhaft coole Irish-Band namens “No Crows” sehen oder weil wir wie gestern bei meinen Eltern zum Essen waren und dann anschliessend stundenlang mit ihren zwei Lieblingsnachbarn rumsoffen äh plauderten und lachten – oder wir verbringen wie kürzlich an einem Samstag ein paar Stunden mit drei Frauen, die hier waren für eine Schularbeit zum Thema Transsexualität (mehr darüber bei einer anderen Gelegenheit). Doch so schön das alles ist, nichts kann die Zweisamkeit überbieten. Ich wach am morgen auf und meine Süsse liegt neben mir – und ich leg mich nachts Schlafen und sie liegt wieder neben mir – was will ich da mehr :-)

So und jetzt muss ich wieder kuscheln gehen, Juliet ist mit telefonieren fertig – resp. der Akku hat irgendwann aufgegeben, weil er nicht so hart im Nehmen ist wie Juliet und ihre Mama austeilen können :-) Und dann geht’s schon bald ab in die Badewanne – kennt Ihr ja von mir – diese sonntägliche Badewanne-Rumliegerei wird nachwievor enthusiastisch gefeiert und unterdessen ist Juliet schon extremer als ich – während ich früher das Bad beendete, wenn’s langsam kühl wird, lässt sie locker nochmal ne Runde Warmwasser nachlaufen – weil’s grad so schön ist, zu zweit :-)

Ich hoffe, dass es nicht wieder einen Monat geht, bis ich mich hier zu Wort melde – und falls doch, geht davon aus, dass dies ein gutes Zeichen ist ;-)

So und nun noch extra für Rolf, den bekloppten Lieblingsnachbar meines Vaters…….. enjoy :D

Von Xenophobie über Homophobie zur Transphobie

In meinen Blogs taucht ja öfters mal der Ausdruck “Transphobie” auf und so manche LeserInnen dürften dabei zuerst mal etwas ratlos sein – hört man ja kaum sowas. Etwas bekannter ist der Ausdruck “Homophobie”, das kennt man doch schon eher, meist jedoch ohne zu verstehen was genau damit gemeint ist. Kaum jemand wird wissen, dass sowohl Transphobie als auch Homophobie eigentlich Unterarten von “Xenophobie” sind, der Angst vor dem Fremden.

Ich möchte diese Begriffe mal etwas beleuchten und vorallem mal der Frage nachgehen, woher all das kommt, wie wir als Gesellschaft damit umgehen müssten und nicht zuletzt, was für einen katastrophalen Schaden es bei “den Fremden” anrichtet.

Das wird mal wieder einer jener Blogbeiträge von mir, bei denen ich einer Frage nachgehe, die ich selber noch nicht beantworten kann, von der ich hoffe, dass ich während dem Schreiben der Antwort etwas näher kommen kann. Also mal alles der Reihe nach, das wird eine komplexe Geschichte…….

Des Menschen Umgang mit der Angst

Der Mensch reagiert auf Angst (Phobie) eigentlich wie alle anderen Lebewesen. Die Entstehung von Angst bewirkt sofort ein Mobilisieren aller Resourcen und es stellt sich nur eine Frage: Kämpfen oder Fliehen? Die Entscheidung fällt in Sekundenbruchteilen und man rennt – oder macht das Ding platt. Diese Angst müsste sich aber spätestens dann auflösen, wenn man erlebt, dass die Angst unbegründet ist. Von Phobie redet die Psychologie dann, wenn so eine Angst sich nicht auflöst und zu Leiden führt – für sich selbst oder für Andere.

Xenophobie – die Angst vor dem Fremden

Xenophobie ist die Angst vor allem Fremden, vor dem Unbekannten. Diese Angst die in der ältesten unserer Hirnschichten beheimatet ist, macht an sich Sinn. Wenn Du zum ersten Mal durch einen Dschungel läufst und plötzlich eine Schlange vor Dir über den Boden kriecht und Du noch nie eine Schlange gesehen hast, wirst Du mit Recht in Alarmbereitschaft versetzt. Was in aller Welt ist das denn, ein Lebewesen ohne Beine, mit einer Haut wie ein aufgespannter Regenschirm? Ist es gefährlich? Kann ich es essen?

Die erste Reaktion beim Erscheinen von Unbekanntem ist mit Recht Vorsicht. Zuerst wird man wohl weichen, wird den Rest des Abends ratlos darüber nachdenken, was das wohl für ein komisches Ding war. Und je nach Charaktertyp wird die Angst sich mit jedem Gedanken potentieren oder man wird neugierig und interessiert.

Das Problem bei rassistischen Menschen liegt scheinbar darin, dass sie diese Angststufe nie überschreiten, sie wagen nicht, sich wirklich mal mit diesem Unbekannten auseinanderzusetzen. Und da man in unserer Gesellschaft kaum noch ausweichen kann, verspüren sie den Drang zu kämpfen, dieses Unbekannte zu be-kämpfen.

Das Dilemma bei der Xenophobie ist vorallem, dass diese Prozesse unbewusst ablaufen. Xenophobe reagieren in der Regel empört, wenn man ihnen beispielsweise Rassismus vorwirft. Das macht Xenophobe therapieresistenter als die meisten anderen Phobiker – vorallem deshalb, weil viele Rassisten ideologisch konditioniert sind und deshalb wie alle ideologisch Eingeschworenen kaum noch für Argumente empfänglich sind.

Homophobie

Homophobie hat wie mir scheint mehrere Ursprungsformen. Einerseits eben diese xenophobe Komponente, weil es einfach nicht normal ist, dass ein Lebewesen keine Beine hat und auf dem Bauch kriecht. Diese Leute können oft “geheilt” werden, wenn sie beispielsweise in ihrem persönlichen Umfeld einen Freund haben, der sich plötzlich als schwul outet. Wie jeder andere Phobiker lernen sie so, dass die ja gar nicht böse sind, dass die eigentlich genau wie sie selbst sind, das Unbekannte wird bekannt und die Angst löst sich auf.

Religiöse Homophobie

Ein weiterer möglicher Ursprung für Homophobie ist Religion. Vorallem die drei semitischen Religionen (Judentum, Christentum, Moslem) lesen aus ihren heiligen Schriften heraus, dass Homosexualität Sünde sei. Das hält zwar wie andersweitig schonmal aufgezeigt einer genaueren Überprüfung nicht stand, trotzdem hält sich diese Vorstellung vorallem bei Fundamentalisten hartnäckig – so hartnäckig, dass sie locker das Gebot der Nächstenliebe über Bord schmeissen und von Hass getrieben gegen Homosexuelle vorgehen.

Dabei handelt es sich so gesehen weniger um echte Xenophobie sondern eher um religiösen Wahn – auch der kann therapiert werden – und es gäbe einen wirklich spirituellen Umgang damit, indem diejenigen lernen würden, sich auf ihre persönliche Beziehung zu Gott und ihren persönlichen Glauben zu konzentrieren, anstatt über Andere herzufallen, weil sie sich einreden, sie würden religiösen Ruhm ernten, wenn sie “die Bösen” niedermachen.

Verdrängungs-Homophobie

Amerikanische Psychologen zeigten männlichen Probanden pornografische Filme mit schwulen Männern. Bei Versuchspersonen, die in einer Befragung zuvor homophobe Tendenzen gezeigt hatten, beobachteten die Forscher in 54 Prozent der Fälle sexuelle Erregung, ­ bei nicht Homophoben waren es hingegen nur 24 Prozent.

Während Xenophobie und herkömmliche Homophobie sowohl Angst vor dem Fremden als auch religiös motivierte Ursprünge haben können, gibt es bei der Homophobie noch eine zusätzliche Ursprungsform, die Psychologen Verdrängung und Projektion nennen. Entgegen der weit verbreiteten Irrmeinung, es gäbe bei der sexuellen Ausrichtung nur schwarz und weiss, ist es in Wirklichkeit so, dass kaum jemand 100% einzuordnen ist, die meisten haben eine Komponente in sich, die sie auch zum eigenen Geschlecht zieht. Ist diese sehr klein, spürt man davon gar nichts und hat auch kein Problem damit. Ist sie grösser, anerkennt man sich früher oder später als bisexuell oder homosexuell – oder man verdrängt diese Gefühle, weil man sehr früh wahrnimmt, dass wir in einer homophoben Gesellschaft leben und dass man sich einer Menge Ärger aussetzt, wenn man nicht in der Spur läuft. Siehe hierzu: Psychologen suchen Gründe für Homophobie

Doch alles was man verdrängt, bohrt in einem rum. Verdrängung funktioniert nicht nachhaltig, es kommt früher oder später immer wieder hoch. Und das wiederum löst eine noch grössere Abwehr aus, die dann darin mündet, dass man den Ekel vor sich selbst auf Andere projeziert – eben die, die so sind, wie man selber auch wäre, wenn man sich denn lassen würde. Und das löst noch viel mehr Agression aus als herkömmliche Xenophobie oder Homophobie, weil in diesem Verdrängungszustand jeder Homosexuelle eine ernsthafte Bedrohung ist für die eigene psycho-emotionale Abwehr.

Man darf davon ausgehen, dass diese Menschen zu den renitentesten Bekämpfern von Homosexuellen zählen, weil es bei ihnen nicht mehr uns Fremdsein oder um Fanatismus geht, bei ihnen geht es um den Schutz ihres konstruierten Ichs, das zusammenzufallen droht, wenn sie hier Risse zulassen. Dass solche Prozesse noch viel unbewusster ablaufen als alles bisher hier geschriebene, dürfte jedem einleuchten.

Transphobie

So wie Homophobie eine “erweiterte Form” von Xenophobie ist und zusätzliche Auslöser haben kann, genauso ist Transphobie eine Erweiterung der Homophobie. Da gemäss offiziellen Zahlen angeblich nur jeder zehntausendste Mensch transsexuell ist, sind transsexuelle Menschen natürlich noch viel seltener als bi-/homosexuelle Menschen, die immerhin etwa 10% der Bevölkerung ausmachen dürften. Umso heftiger ist dann die Reaktion, wenn man so einem ungewöhnlichen Exemplar der menschlichen Spezies begegnet.

Genauso wie Homophobie kann auch Transphobie Folge von religiösem Fanatismus sein, was eigentlich skurril ist in Anbetracht davon, dass dieses Thema in keiner der heiligen Schriften der Religionen angesprochen wird. Und genauso wie Homophobie kann Transphobie auch eine Folge eigener Verdrängung sein.

Wenn die Geschlechtsbinarität zusammenbricht

Bei der geschlechtlichen Identität gibt es jedoch noch viel mehr Diskrepanzen als bei der sexuellen Orientierung, das gesellschaftliche Schwarz-Weiss-Bild der Geschlechter ist weitaus fundamentalistischer, es ist so ausgeprägt, dass es sich kein Mann leisten kann, “weibische Allüren” zu haben und keine Frau kann sich “burschikoses Verhalten” leisten. Die Geschlechterstereotypen sind so unbarmherzig radikal, dass wir schon fast Amok laufen, wenn ein Junge mal mit einem Barbie spielt. Infolgedessen muss eigentlich jeder Mensch gewisse Wesensanteile unterdrücken, weil es sich für einen Mann einfach nicht gehört, verzückt an Blumen zu schnüffeln und eine Frau die flucht ist eh des Teufels.

So verdrängen alle einen Teil Ihrerselbst und dann kommt jemand, der all das über den Haufen wirft? Zum Einen ist das nur schon deshalb blanke Provokation, weil es einem spüren lässt, dass in einem selbst eigentlich auch Sehnsüchte schlummern und dass man selber eigentlich auch nicht voll und ganz sich selbst ist. Zum Anderen wird einem so vor Augen gehalten, dass man selbst eigentlich auch die Wahl hätte, dieses Verhaltensgefängnis zu verlassen, wenn man denn stark genug wäre, diese gesellschaftliche Spannung auszuhalten. Und das nervt total, wenn auch nur unbewusst.

Der kleine Unterschied bei der Transphobie

Aber erst jetzt wird es so richtig spannend, denn nun wird’s echt obskur. Während bisher alles rational einigermassen gut nachvollziehbar ist, gibt es bei der Transphobie ein Phänomen, das dem Verstand nur noch schwer zugänglich ist, nämlich die Tatsache, dass Transphobie gegenüber transsexuellen Frauen um ein Vielfaches heftiger ist als gegenüber transsexuellen Männern.

Es ist nicht zu übersehen, dass Medien beispielsweise von transsexuellen Frauen viel respektloser schreiben als von Männern, es gibt kein Pendant zum Wort “Transe” und bei trans*Männern wird auch fast ausnahmslos in der männlichen Form gesprochen, ganz im Gegensatz zu trans*Frauen, über die man in vielen Medien gern ebenfalls in männlicher Form schreibt – warum dieser Unterschied? Es ist beispielsweise auch so, dass in Komödien “der Mann in Frauenkleidern” der grösste Lacher ist, während “die Frau in Männerkleidern” kaum jemanden vom Hocker reisst.

Gemäss den bisherigen Gedanken ist diese plötzliche Unterscheidung nicht nachvollziehbar. Ich bin jetzt einfach mal so frech und frage nach dem Warum – und fieserweise habe ich zwei Verdachtspunkte, die schmerzlich sein könnten, aber heut wollen wir mal nicht feige sein und blicken den Abgründen der Menschheit einfach mal frech ins Gesicht ;-)

Transphobie im patriarchalen/phallozentrischen Weltbild

Irgendwie ist es doch verdächtig, wir leben in einer patriarchalen und phallozentrischen Welt, in der der Mann als Geschöpf Gottes gilt und die Frau ein aus einem Rippenknochen geschnitztes Objekt ist – und wir haben Verständnis, wenn “eine Frau ein Mann sein will”, lachen uns aber kaputt, wenn “ein Mann eine Frau sein will” – klingelts?

Natürlich stimmen diese Zuweisungen nicht, eine trans*Frau ist kein Mann der eine Frau sein will sondern eine Frau, deren sichtbarer Körper sich grösstenteils männlich entwickelt hat und umgekehrt. Aber dank der hier schon oft kritisierten Psychopathologisierung von transsexuellen Menschen steckt das vorläufig noch so in den Köpfen dieser Welt.

Wenn wir also aus dem Blickwinkel dieser Gesellschaft schauen und diesen Irrtum annehmen, warum sollten wir dann transsexuelle Frauen so lächerlich finden, während wir für transsexuelle Männer doch überraschend viel Verständnis aufbringen? Warum sollten wir so unterscheiden, wenn nicht, weil wir den Mann als Mass aller Dinge verstehen?

Gäbe es in unseren Köpfen keinen Wertunterschied zwischen Mann und Frau, wäre eine transsexuelle Frau genauso lustig oder nicht lustig wie ein transsexueller Mann – dem ist aber nicht so. Und das sollte eigentlich nicht nur uns trans*Frauen zu denken geben, viel mehr müsste das allen Frauen zu denken geben. Denn interessanterweise haben Frauen mit transsexuellen Menschen generell viel weniger Probleme, sie reagieren oft mehr mit Mitgefühl als mit Amusement. Aber für Jungs scheint es nichts Lustigeres zu geben als ein vermeintlicher Mann, der sich vermeintlich zur Frau macht. Es scheint mir offenslichtlich, dass vorallem Männer die Transition von transsexuellen Frauen als Wertverminderung betrachten – Downgrade nennt man das in der Informatik.

Transsexuelle Frauen als trojanische Pferde

Doch so logisch wie es auch scheint, dass Männer in einem patriarchalen Denkgefängnis glauben, eine transsexuelle Frau sei das lächerlichste auf Erden, mir persönlich reicht das noch nicht als Erklärung. Es erklärt vielleicht das Gelächter der Herren, erklärt aber nicht die Gehässigkeit, die man uns manchmal entgegenbringt. Seit drei Jahren beschäftige ich mich mit diesem Phänomen und bis heute ist mir nur eine Erklärung einleuchtend. Gehässigkeit ist Gewalt und Gewalt ist immer Reaktion auf vermeintliche Bedrohung. Doch was zum Kuckuck soll an einer trans*Frau bedrohlich sein? Durch die Hormontherapie reduziert sich ja sogar die Muskelmasse und die Agressionsbereitschaqft, es wird wohl kaum ein echter Kerl Angst davor haben, dass ein transMädel über ihn herfällt. Was also haben transsexuelle Frauen, was sie für Männer zur Bedrohung machen könnte – was ausser ihrem Insiderwissen?

Ooooops, Volltreffer? Ja wir haben Insiderwissen, ich habe vier Jahrzehnte auf der anderen Seite des Zauns gegrast, ich habe erlebt wie Männer unter sich sind, wie sie über Frauen denken und reden, ich habe genug Männer erlebt, die glaubten unter sich zu sein und dann aussprachen, was sie sonst nur denken, dann, wenn Frauen anwesend sind. Ich weiss, wie leicht so manche Männer eine Frau in ihrem Kopf zu einem Objekt machen können. Was, wenn ich all das ausplaudere, wie jetzt grad?

Die Whistleblowerinnen des patriarchalen Grauens

Ich habe genug Männerabende und Frauenabende erlebt um zu wissen, dass Männer unter sich einiges despektierlicher über Frauen herziehen als Frauen über Männer. Klar, wir Mädels lästern auch gern, sehr gern sogar, aber es hat selten etwas wirklich abschätziges, es ist eher so, dass wir Jungs manchmal einfach drollig finden und uns dann darüber etwas amüsieren. Aber ich habe noch nie erlebt, dass Frauen unter sich beispielsweise über Männer so reden, als ob diese nur ein Objekt wären – die Tussi möcht ich mal flachlegen – und ich glaube, dass so manche Frau entsetzt wäre, wenn sie hören würde, was ich schon gehört habe.

Um jetzt hier nicht eine männerfeindliche Stimmung aufzubauen, möchte ich wirklich betonen, dass selbstverständlich nicht alle Männer gleich sind, genauso wie nicht alle Frauen gleich sind. Aber die Tendenz im Sinn einer klaren Mehrheit ist verblüffend und gerade für uns Frauen wie ich meine auch erschreckend.

Transphobie? Die Frage bleibt unbeantwortet

Und so beende ich nun mit dieser Frage, die ich im Raum stehen lassen muss, weil ich sie nicht abschliessend beantworten kann. Sind transsexuelle Frauen vorallem deshalb eine solche Bedrohung für Männer, weil sie wissen, wie Jungs ticken, weil sie wissen, wie sie über nicht anwesende Frauen reden und weil wir wissen, wie Jungs die Mädels zwecks flachlegen erobern? Oder spinne ich mir da in diesem letzten Punkt etwas zusammen? Das zu entscheiden überlasse ich Euch, ich bin nicht zur Richterin berufen in dieser Frage – einzig im Rahmen dieses Themas zur Whistleblowerin – mea culpa ;-)

Transphobie – Exempel aus dem Sumpf der Boulevardmedien

Ein “schönes” Beispiel über Transphobie findet man grad dieser Tage beim Boulevard-Blatt 20-Minuten. Bemerkenswert ist einerseits die gezielt falsch formulierte Ansprache im Titel, noch bemerkenswerter sind jedoch die Kommentare. Wenn man die Kommentare genau durchliest, findet der aufmerksame Leser sogar ein Paradebeispiel, ich nenne jetzt keine Namen, aber es gibt da jemanden, der in vielen Kommentarsträngen seinen Senf dazu gab und jedes Argument argumentslos niederplättet – was mag der Grund sein für seine überbordende Abwehr? ;-)
20minuten: Er kann Kanadas schönste Frau werden

EUCH kann geholfen werden ;-)

Nur eines kann ich zu den Transphoben abschliessend sagen: Transphobie ist nicht unser Problem, es ist Euer Problem, Ihr könnt uns zwar das Leben schwer machen und Euer Problem damit zu Unserem machen, aber es ändert nichts daran, dass Ihr diejenigen seid, die ein Problem habt und dass Ihr diejenigen seid, die Hilfe brauchen würdet.

Badewannen-Blues – ich bin des Streitens müde

Seit über zwei Wochen komme ich jeden Abend nachhause, fühle mich wie unter Strom und kann nicht anders als erst mal ein bis zwei Stunden in die Badewanne zu liegen, mich dahin treiben lassen an den Ort, an dem die Welt noch in Ordnung ist, weit weg von der Welt. Diese unfreiwillig-freiwillig genommenen Auszeiten zeigen mir in aller Deutlichkeit, dass etwas nicht in Ordnung ist und dass ich nun wirklich über die Bücher muss. Diese Welt da draussen zerreibt mich wie ein Mühlstein und wenn ich nicht bald einen konstruktiveren Umgang damit finde, wird sie mich zermahlen. Viel mehr weiss ich noch nicht, aber es ist immerhin mal eine Richtung………..

Die letzten drei Jahre war ich so sehr mit mir selbst beschäftigt und der Alltag war derart fordernd, dass ich kaum noch Energie hatte um mich mit dem “Weltgeschehen” auseinanderzusetzen. Aber nun, da ich in meinem Leben angekommen bin und eigentlich ein lebenswertes Leben führen darf, wird wieder Raum frei und wie ein pawlow’scher Köter tue ich das was ich schon immer tat, in einer Zeit, in der ich kein eigenes Leben hatte sondern mich nur mit der “Rettung der Welt” beschäftigen konnte.

Es vergeht kein Tag ohne dass ich irgendwo in den News etwas lese, das mich interessiert – oft zermürbt mich bereits das was ich da lese genug, aber spätestens wenn mich meine Neugier dazu treibt, zu lesen, was die LeserInnen darüber denken, weil ich wissen möchte, was “die Volksseele” darüber denkt, finde ich mich in einem Morast wieder, der mich zu ersticken droht. In der Regel finde ich da auf Anhieb mindestens ein dutzend von “Ansichten”, die der Realität derart spotten, dass ich diese Desinformation berichtigen müsste. Wo in aller Welt soll ich da anfangen? Und wie soll ich mir erhoffen, aufzuklären, wenn die Verblendung oft so tief verwurzelt ist und so Manche nicht mal elementarste Gedankengänge vollziehen?

Und da beginnt eine unerträgliche Zerrissenheit. Je notwendiger eine Intervention wäre, umso mehr verspüre ich den Drang, “die Wahrheit” zu retten und aufzuklären – aber gerade dann, je notwendiger es ist, desto offensichtlicher ist meist auch die Sinnlosigkeit dieser Bemühung. Schon wieder ein Krieg der nicht gewonnen werden kann, schon wieder eine Wand, in die ich ungebremst hineinrenne.

Es gibt soviel Unwahrheit die verbreitet wird, sei es ob man auch ohne AKWs Strom produzieren kann oder ob sogenannt “bürgerliche Politik” dem Bürger dient bis hin zur Lüge, transsexuelle Frauen seien trotz weiblicher Hirnanatomie “biologisch männlich” als würde das Hirn nicht zum Körper gehören. Wo ich hinsehe, überall wird so Blödsinn verbreitet und eine Heerschar von Denkanalphabeten plappern den ganzen Quatsch hinterher ohne diese aufgeschnappten Ergüsse zu hinterfragen.

Ich müsste bei jedem Thema dem ich mich widme gleich mal ein dreibändiges Buch schreiben, für Leser, die meist schon bei Dreizeilern überfordert sind. Es tut mir leid, wenn ich hier und jetzt unfreundlich wirke, aber das ist nunmal die Realität die sich mir zeigt. Beim Diskutieren halte ich es wie bei Abstimmungen, wenn ich mich mit etwas ernsthaft auseinandergesetzt habe, dann rede ich darüber resp. stimme ab, aber wenn ich mich nicht damit beschäftigt habe, egal wieviel Propaganda mir vor Augen geführt wurde, dann halte ich die Klappe und überlass die Diskussion oder den Entscheid denen, die wissen, wovon sie reden – aber scheinbar gehöre ich diesbezüglich zu einer Minderheit. Gerade in Kommentarspalten von Onlinemedien tummeln sich offenbar mehrheitlich Solche, die ihr Unwissen als Wissen verpackt ausspeien und damit Andere, Unschlüssige, sogar von diesem Quatsch überzeugen.

Dieser ganze Blödsinn reibt mich wie eh und je auf und es gelingt mir bisher einfach nicht, einen einigermassen gesunden Umgang damit zu finden. Ich bin der festen Überzeugung, dass man widersprechen muss, wenn einem der Unsinn entgegen galoppiert. Und ich bin genauso der Überzeugung, dass es viel zu Wenige gibt, die gegen diesen kollektiven Stumpfsinn ankämpfen. Aber ich spüre genauso, wie mich dieser nie endende und selten zu gewinnende Krieg ausbrennt – und ehrlich gesagt, mein endlich erkämpftes Leben ist mir zu wertvoll, als dass ich mich bis zum bitteren Ende verheize.

Meine täglichen Badeattacken zeigen in aller Deutlichkeit, was meine Seele mir sagen will. Ich versuche auf diese Stimme zu hören, gönne mir diese Auszeiten und versuche mich zurückzuhalten so gut es geht. Ich brauche jetzt wirklich mal Ruhe und muss in mich gehen und einen konstruktiven Weg finden, mit diesem Schlamassel umzugehen. Zu versuchen, die Welt zu verbessern, ist eine erstrebenswerte Tugend – aber dabei selber zugrunde zu gehen, geht zu weit, definitiv.

Also versuche ich auch hier, mich zurückzuhalten. Versucht habe ich es ja schon öfters, wie Ihr wisst, geschafft habe ich es bisher nie – aber das soll mich nicht davon abhalten, es erneut zu versuchen – ich geb wie immer mein Bestes ;-)

Dein Leben wird dadurch nicht flach und dumm,
wenn du weißt, dass dein Kampf erfolglos sein wird.
Es ist viel flacher, wenn du für etwas Gutes und Ideales kämpfst
und nun meinst, du müsstest es auch erreichen.

(Hermann Hesse – Steppenwolf)

Entpathologisierung beginnt bei uns selbst

Schmerzlich wird mir immer mehr bewusst, wie aussichtslos der Kampf gegen Sexologen und Medien ist, solange viele Betroffene sich selbst die Narrenkappe der “Geschlechtsidentitätsstörung” anziehen und die zugegebenermassen nett klingende “Mär der Identitässtörung” inszenieren. Wenn nicht mal die “eigenen Leute” zu sich selbst stehen können, wie wollen wir da je etwas verändern in der öffentlichen Wahrnehmung von transsexuellen Menschen? ………. Ich nähere mich bedenklich dem Punkt an dem mir alle den Buckel runter rutschen können.

Diesen Text schleuderte ich letzte Woche wütend in mein Facebook-Profil, nachdem ich die Internetseite einer “Selbsthilfegruppe” fand, die sich als Interessenvertretung für transsexuelle Menschen versteht. Was ich dort zu lesen bekam, war wie die Quadratur dessen, was ich seit Längerem in zunehmendem Mass feststelle – dass die Zahl derer zunimmt, die im Guten versuchen, die Interessen von transsexuellen Menschen zu vertreten, dabei aber ohne es zu merken einen wie ich meine radikalen Totalschaden anrichten, indem sie willig die Mär der Geschlechtsidentitässtörung übernehmen und vertreten.

Ein herausgerissener Satz aus der Website dieser “Selbsthilfegruppe” soll dies verdeutlichen:

Zusammenschluss von Selbsthilfegruppen für Menschen mit transidentischem Empfinden, also Menschen, die körperlich entweder dem männlichen oder dem weiblichen Geschlecht angehören, sich jedoch als Angehörige des anderen Geschlechts empfinden

(Zitat einer Selbsthilfegruppe für transsexuelle Menschen)

Mit Verlaub, aber wenn “wir” uns so deklarieren, brauchen wir keine Psychiater und Sexologen, die uns zu gestörten Männern erklärt, die gnädigerweise und von uns dankbarerweise angenommen nun so leben dürften als seien sie weiblich.

In einer Zeit, in der alle wissenschaftlichen Erkenntnisse dafür sprechen, dass Transsexualität biologische Ursachen hat, dass Transsexualität vermutlich durch Hormonstörungen im Embryonalstadium ausgelöst wird, dass transsexuelle Frauen eine weibliche “Hirnanatomie” haben (und transMänner umgekehrt), in so einer Zeit ist es einfach absurd, wenn transsexuelle Frauen hinstehen und sagen, sie seien körperlich männlich (als wär das weibliche Hirn kein Teil des Körpers) und hätten “den Wunsch” dem “anderen Geschlecht” anzugehören (als wäre das tief verankerte Wissen um das eigene Geschlecht eine Wunschfrage)……….. da bleibt mir irgendwie die Luft weg ob soviel Selbstverleugnung.

“Einfach” geht die Welt zugrunde

Wenn man solche “Öffentlichkeitsarbeit” kritisiert, wird oft argumentiert, man wolle es eben ganz einfach und leicht verständlich halten, damit “Otto Normalverbraucher” das verstehen kann. Ja dieser Wunsch in Ehren, aber die Vereinfachung sollte nicht die Wahrheit dabei verlieren und genau das geschieht öfters als uns lieb sein sollte. Klar dürfte es schwer werden, nichtbetroffenen Menschen einen Vortrag zu halten über neurologische Forschungen und Hirnstrukturen und Hormonstörungen im Mutterleib und so weiter. Das vereinfacht zusammenzufassen und nebenbei noch klarstellen, dass Transsexualität nichts mit Sexualität zu tun hat, obwohl es *sexuell heisst, ja das ist eine Herausforderung.

Da wirkt solch “weichgespülte” Information verständlicher, das klingt dann wie ein Gemisch aus Platzangst und einer Kolibriphobie, irgendwie harmlos……. aber was genau haben die Leute dann so einfach verstanden? Biologisch männlich, fühlt sich weiblich………… also nochmal vereinfach: Mann will Frau sein? ………… toll, und was genau haben wir jetzt da gewonnen? Und wie glauben wir, könnten wir unser Recht auf Selbstbestimmung einfordern, wenn wir der Welt vorlügen, wir seien Jungs, die Mädels sein wollten, nur weil wir uns einreden, sie würden wenigstens das eher verstehen? Und so ein Scheiss soll eine FRAU machen, nur weil sie nicht erklären kann oder will, warum genau ihr Körper nicht die Geschlechtsmerkmale bildete, die ihrem Geschlecht entsprechen?

Menschenrechte sind radikal

Besonders stossend empfinde ich, dass ausgerechnet diejenigen, die auf diese Weise ohne es zu merken zu Helfershelfern einer Psychopathologisierungs-Maschinerie werden, diejenigen ständig kritisieren, die sich ernsthaft und ehrlich für echte Selbstbestimmung einsetzen, die sich nicht zufrieden geben mit der Verlängerung einer Kette sondern wirkliche Freiheit einfordern.

Menschenrechte sind radikal, da gibt es keinen Ermessensspielraum. Entweder ich kann ein selbstbestimmtes Leben führen oder ich kann es nicht. Es bringt uns nur oberflächlich etwas, wenn wir uns freuen über eine netter klingende Diagnosebezeichnung, wenn wir durch das Annehmen dieses Etiketts bestätigen, dass wir jetzt nett formulierte Gestörte sind.

Natürlich soll man sich über Teilerfolge freuen wie beispielsweise den Fall des deutschen Transsexuellengesetzes, aber man darf dabei nicht vergessen, dass transsexuelle Menschen solange nicht verstanden und respektiert werden, bis man sie endlich ohne diese Zerrbrille der Identitätsstörung darstellt – und das beginnt bei uns!

Die unbedeutende Frage, wer ICH bin?

Oft werden “wir Radikalen” kritisiert, man hätte doch ernsthaftere Probleme als so kleinkarierte Formulierungsgeschichten. NEIN – es geht eben nicht um Kleinigkeiten, es geht um die fundamentale Frage, wer ICH bin, die nur ich selbst beantworten kann und es geht um die Frage, ob ich mein ICH selbstbestimmt entfalten kann oder ob die Welt um mich herum entscheiden darf wer ich bin. Alles Andere sind Kleinigkeiten! Ob ich nun 3 oder 6 oder 12 Monate Alltagstest mache, es nimmt mir in jedem Fall für diese Zeit die Entscheidungsgewalt über diese zwei Fragen. Weder wer ich bin wird anerkannt noch wie ich mich entfalte. Solange ich irgend jemanden fragen muss, ob ich sein kann, wer ich bin, solange bin ich nicht selbstbestimmt, so lange bin ich nicht frei.

Eine kleine Metapher aus der Sklavenwelt

Versuchen wir ein Gedankenexperiment, Metaphern sind ja gute Inhaltsvermittler ;-) Stell Dir vor, Du seist ein Sklave, bist angekettet, musst den ganzen Tag ackern, wirst geschlagen, bist kein Mensch, nur ein Sklave……….. und eines Tages kommt der Massa und sagt, ey von heute an bist Du nicht mehr Sklave, Du bist jetzt “mein Leibeigener”. Du darfst auch das Haus verlassen, wenn Du mich um Erlaubnis gefragt hast…………. bist Du nun ein freier Mensch oder bist Du es nicht?

Transidentität – die lieblich klingende Selbstverleugnung

Als ich zum ersten Mal das Wort “transident” las, war ich hell begeistert. Das klang soviel angenehmer und weitaus weniger anrüchig als dieses eklige “transsexuell”. Also zog ich dieses Mäntelchen an und begann so auch mein erstes Blog unter dem Motto “Tagebuch einer transidenten Frau”. Erst Monate später und um eine Unzahl an Blogtexten und Buchinhalten schlauer begann mir einzuleuchten, dass da eigentlich etwas überhaupt nicht stimmt.

Der Haken an dieser hübschen Falle liegt eben darin, dass das Wort “transident” eine Ableitung der offiziellen englischen Diagnose ist, die “gender identity disorder” heisst, zu gut deutsch “Geschlechtsidentitätsstörung”. Auf der anderen Seite, Transsexualität hat ja nichts mit Sexualität zu tun, das Wort ist vom Englischen “sex” abgeleitet und steht im Gegensatz zum “gender”, das eher das sogenannt soziale Geschlecht meint. Also was nun, egal wie ich mich deklariere, ich zieh so oder so die Arschkarte.

Doch wenn man nun die Erkenntnisse der Wissenschaft ernst nimmt, dann ist “transsexuell” nunmal richtig, meine “Geschlechtsidentität” ist das Mass aller Dinge, nur der Restkörper hat sich irgendwie verirrt. Ich stehe also nun vor der Wahl, ob ich mich als gestörten Mann ausgeben soll um damit ein Minimum an Scheinverständnis zu sichern oder ob ich mich als die Frau ausgebe die ich bin, die nunmal einfach nicht dem eigenen Geschlecht entsprechende Geschlechtsmerkmale aufwies – und riskiere, dass man gar nix versteht – würde aber immerhin wenigstens mir selbst treu bleiben.

Entpathologisierung gibt’s nicht in Raten

Viele scheinen sich nicht wirklich bewusst zu sein, worum es hier wirklich geht. Solange man uns für gestört erklärt, braucht es auch Psychiater, die diese “Diagnose” stellen, dazu braucht es Begutachtungen, Tests, dazu braucht es all die Entmündigung, die eine Gesellschaft eigentlich nur bei “psychisch gestörten Menschen” rechtfertigen kann. Aber daran wird sich nicht viel ändern ausser den Parametern – die Ketten werden sicher mit der Zeit länger – aber die Ketten bleiben und damit bleibt die Unfreiheit……. Zumindest dann wird sich nichts ändern, wenn wir selber dem Stockholm-Syndrom gleich internalisierte Transphobie betreiben uns selbst als Geschlechtsidentitätsgestörte ausgeben.

Nur Authentizität vermittelt Wahrheit

Wahrheit wird durch Wahrhaftigkeit vermittelt und diese wiederum ist vorallem Folge von Authentizität. Wenn ich mir irgend ein hübsches Uniförmchen anzieh und mich hinter netten Formulierungen verstecke, bin und wirke ich nicht authentisch. Wie soll eine Frau authentisch sein, wenn sie erklären soll, sie sei ein Mann der eine Frau sein will, obwohl sie und nur sie genau weiss, dass sie eine Frau ist? Authentisch bin ich dann, wenn ich mich als das ausgebe was ich bin, eine Frau wie alle Anderen, die wie so mache Anderen ein körperliches Leiden hatte, das medizinisch behandelt werden konnte – denn das ist die Wahrheit, alles Andere sind faule Kompromisse.

Es geht auch anders, ich weiss wovon ich rede.

Ich spreche aus Erfahrung, ich habe Beides schon versucht. Und ich weiss, dass man schon mit einem kurzen Gespräch so einiges erklären kann, das den Blickwinkel deutlich verändern. Jemandem zu erklären, dass sich mein Körper halt leider schon im Mutterbauch nicht in dasselbe Geschlecht entwickelt hat wie das zentrale Gehirn, ist nicht sooooo eine Wahnsinnsgeschichte, ein dahergeflogenes Einhorn wäre weitaus schwerer zu vermitteln ;-) Und das wirklich Verrückte daran: nach meiner Erfahrung sind die Leute meistens nicht verwirrter als wenn ich mit diesem Geschlechtsidentitätsstörungsquatsch aufwartete – und zusätzlich erfahren sie sogar die Wahrheit, was will man mehr?

Schluss und so

Abschliessend möchte ich ausdrücklich betonen, dass ich mit dieser ganzen Predigt niemanden angreifen will. Ich drücke hiermit meine Besorgnis aus und versuche, auf Gefahren hinzuweisen und ich versuche allen die es angeht ins Gewissen zu reden, dass sie nochmal genauer darüber nachdenken, als wen oder was sie sich und damit ein Stück weit uns alle repräsentieren wollen.

Catwalk am Gate – Freiheit ist nicht selbstverständlich

Manchmal geschehen Dinge, die eigentlich total schön sind aber trotzdem in der Lage sind, Wunden aufzureissen und Stürme zu entfachen. So ein Exemplar ist mir diesen Dienstag mal wieder begegnet und es lehrte mich mal wieder, wie nah sich doch Freude und Leid sein können. Das Gute daran war, dass mir dramatisch vor Augen gehalten wurde, wie frei und mit mir ganzheitlich im Reinen ich bin – das Unangenehme war, dass mir genauso dramatisch in Erinnerung rief, dass es eigentlich ein Armutszeugnis für diese Welt ist, dass diese Freiheit überhaupt gefeiert werden muss und nicht selbstverständlich ist………….. ach kommt einfach mal mit, nach vorgestern…………….

Es ist diesen Dienstag Morgen so um Acht in Hamburg, ich sitze am Gate, lese ein eBuch, in dem es gerade um die Stigmatisierung von transsexuellen Menschen geht. Um mich herum um an die hundert Leute, die alle gelangweilt in Richtung Gateeingang gucken. Da erklingt eine Stimme über Lautsprecher: “Frau Diana …….., bitte am Gate-Schalter C05 melden”. Diana? Ja hallo, das bin ich *staun* – ich steh auf, stöckle wie auf dem roten Teppich quer durch die Gatehalle, ziehe dabei die Aufmerksamkeit des halben Gates auf mich. Mit jedem Schritt wird mir bewusster, wie sehr ich doch angekommen bin im Leben, wie sorgenfrei doch selbst so eine skurile Situation ist, in der ich unversehens im Mittelpunkt der globalen Aufmerksamkeit lande. Es stellte sich raus, dass ich doppelt im Computer drin war (VIP und so), das klärte sich schnell und ich stöckelte wieder rückwärts. Ich setzte mich hin, genoss dieses Bewusstwerden eines Wunders, das ich so lange für eine Utopie hielt. Ich war einfach ich selbst, Frau Diana…….

….. und immer mehr wurde mir bewusst, was ich nur zu oft vergesse: das war nicht immer so!

Noch vor weniger als einem Jahr hätte ich bei dieser Gelegenheit Blut geschwitzt. Diese Vorstellung muss man wirklich mal etwas wirken lassen, das ist Grusel pur. Eine Halle mit hundert Leuten, die gelangweilt an einen Schalter starren – ein “Herr” wird aufgerufen an ebendiesen Schalter zu gehen – und ich, und zwar nur ich, stehe auf und stöckle an den Schalter? Mir wurde echt anders bei dieser Vorstellung und es erinnerte mich an nicht ganz so wilde aber dennoch genug schmerzliche Erlebnisse wie beispielsweise damals, als ich am Unispital im vollen Wartezimmer mit männlichem Namen aufgerufen wurde…….

….. und immer drängender und quälender wurde die Frage, warum in aller Welt die Welt von uns so einen Spiessrutenlauf abverlangt. Die Autorin des obgenannten Buches hat Recht wenn sie schreibt, dass es wohl nur wenige Minderheiten gäbe, die derart entrechtet und damit entmenschlicht werden. Ich übertreibe? Achja? Na dann kommt nochmal mit, ins Kino des Lebens……..

Da geht eine Frau zum Arzt, die nicht ihrem Geschlecht entsprechenden Geschlechtsmerkmale hat und bittet darum, dass ihr Körper wenigstens so gut es geht ihrem Geschlecht angeglichen wird. Obwohl man weiss, dass Transsexualität biologische Ursachen hat, erklärt man diese Frau zuerst zum persönlichkeitsgestörten Mann, der eine Frau sein wolle und sagt dieser zum Mann erklärten Frau, sie solle jetzt erst mal ein Jahr lang so tun als ob sie eine Frau wäre – erst dann würde man medizinische Hilfe gewähren, die ebendieses “Leben als Frau” auch erst möglich
macht.

Und als Tüpfchen auf dem I wird die Vornamens- und Personenstandsänderung erst nach Abschluss aller medizinischen Massnahmen ermöglicht. Lebe unter dem Namen Diana, aber behalte Ausweispapiere die auf einen männlichen Namen lauten? Wie bekloppt ist das denn? Da muss man eine Frau wirklich erst zum gestörten Mann erklären bevor man so einen Quatsch mit einem mündigen Menschen machen kann.

Wie in aller Welt kommt das System einer Gesellschaft dazu, darüber entscheiden zu wollen, wer oder was ich bin? Wenn ich die tiefsitzende Gewissheit um mein Geschlecht habe, dann hat doch nicht sonst jemand darüber zu entscheiden, ob ich nun wisse wer ich sei – was soll der Scheiss? Warum sind transsexuelle Menschen die Einzigen, die sich selbst erst beweisen müssen, bevor man sie ernst nimmt?

Und wem – frage ich mich da – dient es, wenn man transsexuellen Menschen den eh schon schier unbegehbaren Weg noch mehr mit Scherben bedeckt? Was genau will eine Gesellschaft schützen, die einer Frau 2-3 Jahre lang die Identität verweigert, ihr aber vorschreibt, sie müsse zum Erhalt dieser Identität zuerst in eben dieser nicht gewährten Identität leben? Was für eine gagaistische Logik ist das denn?

Und wie kann man sich einreden, ein Mensch sei frei und selbstbestimmt, wenn man einem die Entscheidung über die Frage wer man selbst ist verweigert?

Ich bin sowas von froh, dass ich diesen ganzen Irrsinn hinter mir habe, das wurde mir bei dieser Gelegenheit wieder mal extrem bewusst. Und doch erschreckt mich das Ausmass an Abscheu die in mir aufkommt, wenn ich an diese Zeit zurück denke, in der man mir das Leben um soviel schwerer gemacht hat – um mir zu helfen – weil sie ja nicht wüssten, ob ich wirklich weiss, wer ich bin.

Ganz schön schräg, nicht?

Badewannenpredigt: Verantwortung und Kritikfähigkeit

Hier stehe ich, ich kann nicht anders,
Gott helfe mir, Amen
(Martin Luther)

Über Offenheit und Kritikfähigkeit

Wenn man der Wahrheit und Offenheit verbunden ist, muss man gezwungenermassen auch ab und zu Andere vor den Kopf stossen. So komme auch ich nicht umhin, gelegentlich Standpunkte zu vertreten oder Kritik zu üben, die so Manchen beim Zuhören weh tut, die Angesprochene ärgert. Aber was wären wir für eine Welt, wenn es nicht erlaubt wäre, Kritik zu üben? Es ist meine Pflicht, Ansichten und Taten Anderer zu respektieren, das tue ich auch. Das kann und darf mich aber nicht davon abhalten, Kritik zu üben. Ich bin ja nicht Päpstin, Unfehlbarkeit beanspruche ich nicht, meine Ansicht ist nie eine allgemeingültige und unumstössliche Tatsache, es sind ganz einfach meine persönlichen Gedanken und Wertungen, die ich zum Nachdenken mitgebe.

Die Art wie ich das (beispielsweise gestern) tue, mag den Einen oder Anderen stören, aber ich sah es nie als meine Aufgabe an, leichtverdauliche und weichgespülte Texte zu schreiben. Ich will zum Nachdenken anregen und manchmal auch aufrütteln, das hat es an sich, dass es auch mal weh tun kann.

Wenn ich Kritik übe, dann tue ich das nicht, weil ich Andere verteufeln will, meine Kritik ist Ausdruck meiner Liebe zu meinen Mitmenschen. Ich will damit niemanden verdammen sondern nur “ihre Werke” in Frage stellen. Ich tue das auch im Bewusstsein, dass ich selber tausend Fehler gemacht habe in meinem Leben und noch tausend Fehler vor mir liegen, für die man mich kritisieren darf und soll, damit auch ich dazu lernen kann. Doch gerade das Bewusstsein um meine eigene Fehlbarkeit drängt mich dazu, Missstände aufzuzeigen und falsche Vorstellungen zu korrigieren.

Über Verantwortung

Alles was wir tun, hinterlässt Spuren und formt die Zukunft, es gibt nichts, was wir tun, das nicht Konsequenzen hat. Deshalb laufen die Meisten ja auch nicht durchs Leben wie ein Elefant im Porzellanladen, wir wissen das eigentlich und versuchen es mehr oder weniger zu berücksichtigen. Aber viel zu oft hinterfragen wir zu wenig, urteilen zu vorschnell und lösen damit manchmal sogar eine Lawine aus.

Vorallem jene, die Kinder haben, wissen genau was ich meine. Man gibt einem kleinen Kleinkind weder eine Schere noch ein scharfes Messer zum Spielen, weil man sich der möglichen Konsequenzen bewusst ist. Eltern bekommen ein gutes Gespür für die Konsequenzen ihrer Entscheidungen, sie müssen tagtäglich Dinge entscheiden, deren Fehlentscheid fatalste Folgen haben könnte. Aber so wie es im Grossen ist, ist es auch im Kleinen. Und in so manchen Bereichen scheint es mir, dass Viele sich nicht bewusst sind, mit was für einem Feuer sie gerade spielen, dass beispielsweise dieser harmlos aussehende Wahlzettel Welten verändern oder gar vernichten kann.

Über den Baum der Erkenntnis

Die biblische Geschichte vom Sündenfall und dem Baum der Erkenntnis birgt eine interessante Bildwelt zu diesem Thema. Die Geschichte besagt, dass Adam und Eva den Baum der Erkenntnis fanden, von dort den verbotenen Apfel assen und damit den Hinauswurf aus dem Paradies bewirkten. Abgesehen davon, dass es eine beachtliche Metapher ist zum Thema “Entscheid und Konsequenz”, fasziniert mich vorallem die Frage um den Baum der Erkenntnis. Durch das Essen von diesem Baum gelangte die Menschheit zur Fähigkeit, über gut und böse zu urteilen und zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Diese Fähigkeit ist uns Pflicht geworden, wir dürfen nicht nur eintscheiden sondern müssen das auch und mit dem Entscheid müssen wir auch die Folgen tragen, wir müssen selber Verantwortung übernehmen und besitzen so eine Macht, die nur zu oft mehr Fluch als Segen ist. Die Zeit ist vorbei, in der wir achtlos mit Banenen um uns schmeissen, wir sind in der Lage zu beurteilen, ob wir jemanden verletzen, wenn wir dasselbe mit Steinen tun.

Über die Macht der Demokratie

Wer entscheidet übt Macht aus, wer Macht ausübt übernimmt Verantwortung, wer Verantwortung übernimmt haftet für die Konsquenzen – das gilt mehr denn sonstwo in einer Demokratie, weil Mitbestimmende einer Demokratie über eine ganze Nation entscheiden. Wer sich dieser Verantwortung nicht bewusst ist, ist eine Gefahr für die Zukunft eines Landes, weil er nicht die Sorgfalt walten lässt, die solche Macht verlangen würde. Wenn ich über die Zukunft dieses Landes mitentscheide, dann ist es meine Pflicht, mich ernsthaft damit auseinander zu setzen, die Konsequenzen meines Entscheides genau zu prüfen. Wenn mir dazu die Zeit fehlt, dann sollte ich mich auch aus diesem Entscheidungsprozess raushalten und es denen überlassen, die sich ernsthaft damit beschäftigen können. Bei etwa der Hälfte der Abstimmungen enthalte ich mich aus eben diesen Gründen der Teilnahme – diese Nichtteilnahme ist ein Akt der Demokratie, das ist Ausdruck von Verantwortungsbewusstsein, das von mir verlangt, nicht über Dinge zu entscheiden über die ich nicht Bescheid weiss. Wer anstelle dessen gedreschten Parolen oder Stammtischsprüchen folgend mitentscheidet, verrät die Demokratie und verrät damit das Land, das er zu vertreten glaubt.

Über Fehlbarkeit und Rechtschaffenheit

Niemand ist unfehlbar, nicht mal der Papst, selbst das liesse sich an vielen Beispielen beweisen. Diesen Anspruch kann und darf man nicht stellen, weder an sich noch an Andere. Jeder Entscheid, sei er noch so gründlich hinterdacht, kann sich als falsch erweisen und kann fatale Folgen haben. So zu irren ist legitim und das darf uns auch nicht von Entscheidungen abhalten. Aber das Bewusstsein um möglichen Irrtum und dessen Konsequenzen nötigt uns einen Respekt ab und erfordert eine Gewissenhaftigkeit. Wer nach reiflicher Überlegung zu einem Entscheid kommt, der sich dann als falsch herausstellt, hat seine Sorgfaltspflicht erfüllt und darf auch dazu stehen, halt leider Gottes einen Fehler begangen zu haben. Und man kann daraus lernen, kann daraus wachsen, all das ist gut und gehört zum Lauf menschlicher Entwicklung und Spiritualität. Aber es wäre eines denkfähigen Menschen unwürdig, die Augen zu verschliessen und so zu tun, als hätten die Konsequenzen des Entscheids nichts mit einem zu tun, das habe ich gestern deutlich genug ausgedrückt.

Ich teile Ihre Meinung nicht,
ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug kämpfen,
daß Sie Ihre Meinung frei äußern können.
(Voltaire)

Über die Pflicht zum Protest

Doch sowohl das Bewusstsein um die eigene Fehlbarkeit als auch das Respektieren der Fehlbarkeit Anderer darf uns nicht davon abhalten, Kritik zu üben, gegebenenfalls auch mal lautstark und vehement. Wenn ich mich mit etwas vertieft auseinandergesetzt habe und aufgrund meiner Erkenntnisse zu einem klaren Entscheid komme, dann muss ich zwar anders Entscheidende respektieren, muss aber nichtsdestotrotz meinen Standpunkt darlegen und gegebenenfalls lautstark widersprechen. Einer der Grundgedanken der Greenpeace-Bewegung war die von den “Quakern” übernommene Vorstellung, dass man verpflichtet ist, “Zeugnis abzulegen” über das was man weiss oder glaubt. Dieses Zeugnis ablegen geht zurück bis auf Jesus, der seine Predigt nach Jerusalem trug, im Wissen, dass man ihn in Konsequenz dessen töten wird. Er hatte ein Leben lang nicht mit Samthandschuhen gepredigt, er verwendete klare Worte und gewaltige Metaphern um seine Vorstellungen auszudrücken. In dieser Tradition “predige” auch ich – es steht mir fern, Anderen hinterherzurennen und ihnen zu sagen, was sie tun und lassen sollen, das steht mir nicht zu. Meine Aufgabe sehe ich darin, Zeugnis abzulegen über das woran ich glaube und das was ich zu wussen glaube. Wer zuhören will, ist dazu herzlich eingeladen, wer das nicht hören will, darf es lassen. Wer jedoch zuhört, muss auch damit leben können, dass ich keine Rücksicht darauf nehmen darf, ob mein Gesagtes gern gehört wird. Ich stehe ein für meine Überzeugung und ich wünsche mir nichts mehr, als dass Ihr alle das tut, ungeachtet davon, ob Eure Überzeugung mit Meiner übereinstimmt.

Über Kritik als Ausdruck von Liebe

Deshalb sage ich es in aller Klarheit: Wenn ich jemanden von Euch mit meinem Gesagten oder Geschriebenen kritisiere, dann ist das Ausdruck meiner Liebe zu Euch und selbst wenn ich die ganze Nation kollektiv anklage, so ist auch das Ausdruck meiner Liebe zu meinen Landsgenossinnen. So wie ich gegenenfalls bei der Erziehung eines Kindes mal “schimpfen” muss, so muss ich das manchmal auch gegenüber einer Gesellschaftsmehrheit. Ihr alle seid mir zu wichtig, als dass ich schweigen würde, wenn ich zum Schluss komme, dass Ihr manipuliert werdet oder dass sich eine geistige Verrohung breit macht. Wenn Euch das unter Umständen mal verletzt, dann dürft Ihr Euch ungeniert über mich ärgern, so wie ich mich vielleicht auch über Euch geärgert habe. Aber ich wünschte mir, dass uns das nicht davon abhält, einander weiterhin zu schätzen – so werden wir einer Gesellschaft wahrhaft würdig ;-)

Ich fühle mich an nichts von dem gebunden, was ich geschrieben habe.
Ich nehme aber auch kein Wort davon zurück
(Jean Paul Sartre)

Blutverschmierte Stimmzettel

Mit dem Risiko, dass ich heute ein paar LeserInnen oder Freunde verliere, muss ich heute mal wieder Klartext reden. Offenheit ist mir wichtiger als falsche Rücksichtnahme und wer Kritik nicht hören kann, muss halt weghören.

Vor einer Woche ist Christina B. gestorben, sie wurde von ihrem Ex-Freund Anthony A. mit seinem Armee-Sturmgewehr erschossen. Nach der Tat rannte der Täter weinend und schreiend ins nächstliegende Bistro, nachdem er seiner Ex-Freundin in den Kopf geschossen hat. Angeblich sei es ein Unfall gewesen, aber in Anbetracht früherer Gewaltübergriffe auf seine Freundin und der eher geringen Wahrscheinlichkeit, dass sich aus einem Gewehr, das nicht geladen sein dürfte, ein Schuss löst, der zufällig genau den Kopf trifft – naja, für Christina spielt das keine Rolle, ob es ein Unfall war weil diese idiotische Knarre zuhause herumlag oder ob er einfach getan hat, was ihm im Militär gelernt wurde, Konfiktlösung mit Schwarzpulver.

Auch wenn ich die Betroffenen nicht kenne, macht mich das mal wieder schaurig wütend, weil dieser Tod nicht nur unnötig war sondern vom Schweizer Volk demokratisch in die Wege geleitet. Schon nach der Ablehnung der Volksinitiative, die Armeewaffen in Zeughäuser verbannt hätte, habe ich gepoltert und gesagt, dass alle die gegen diese Initiative stimmten nun mitverantwortlich sind für alle Toten, die zukünftig mit Armeewaffen niedergeknallt werden – dieses Wochenende begann der Bodycount, das erste Blut tropft über die Stimmzettel und beginnt die Hände Hunderttausender zu beflecken. Diejenigen, die jetzt schon an der Decke kleben und aufschreien, das sei doch nicht ihre Schuld, sollten mal die Füsse stillhalten und zuhören, ich mein das nämlich verdammt ernst.

Wer abstimmt, bestimmt – wer bestimmt, trägt Verantwortung

Abstimmungen sind kein Gesellschaftsspiel, Demokratie bedeutet, dass alle mitbestimmen dürfen, dass sich die Verantwortung über die Zukunft eines Landes auf alle Mitbestimmenden verteilt. Wer daran teilnimmt, hat seinen Teil dazu getan, die Zukunft aufzugleisen und das bleibt an einem kleben, im Guten wie im Schlechten.

Wenn ich für einen Atomausstieg stimme und dank dessen eines Tages die ganze Schweiz aus erneuerbaren Energien Strom bezieht, dann darf ich mit Recht stolz sein und von mir behaupten, dass dieses Land mit meiner Hilfe dahin gelangt ist. Und falls wie von Atomlobbyisten schwarzgemalt wird, infolge des Atomausstiegs der Strompreis massiv höher wird, dann werde ich mir auch den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass ich daran mitschuld bin. Ich kann und würde dann zwar argumentieren, dass es mir dieser Mehrpreis wert ist und dass ein Super-GAU teurer geworden wäre, aber die Verantwortung über den höheren Strompreis habe ich mitzuverantworten.

Vor über einem Jahrzehnt stimmte ich für die Abschaffung der Armee. Wäre das angenommen worden und eines Tages wäre eine Armee hier eingerückt und hätte und besetzt, müsste ich mir auch diesen Vorwurf gefallen lassen, ich wäre mitschuldig an der Wehrlosigkeit dieses Landes. Dasselbe natürlich umgekehrt, die Armeebefürworter sind mitschuldig daran, dass wir alle mehr Steuern zahlen um die Armee zu finanzieren.

Wer entscheidet, bleibt in der Verantwortung

In all diesen Themen kann und darf man jeden Standpunkt einnehmen, wir sind ja ein freies Land. Aber es geht nicht an, dass man sich dann aus der Verantwortung zu schleichen versucht.

Wer “nur ein paar” erschossene Hausfrauen als Kollateralschaden betrachtet, darf in einem demokratischen Land natürlich dafür eintreten, dass die Freiheit, vollautomatische Schusswaffen im Kleiderschrank zu haben, wichtiger ist als ein paar abgeknallte Menschen. Man darf auch der Meinung sein, das verfassungsmässige Recht auf Gleichheit und Religionsfreiheit müssten nicht mehr für Muslime gelten und ein Minarettverbot annehmen. Man darf auch wie bei der 5. IV-Revision 80’000 Schwerstinvaliden die eh schon mickrige Rente kürzen und gleichzeitig ein paar Milliarden Steuergeschenke an die Wirtschaft verteilen – wir dürfen das alles, wir sind eine Demokratie…….. Aber es ist scheinheilig, dann zu behaupten, man hätte damit gar nichts zu tun. Wer dafür abstimmt, dass ein paar hunderttausend vollautomatische Gewehre in Privatwohnungen herumliegen, im Wissen, dass nunmal einzelne Zeitgenossen früher oder später durchdrehen und diese Waffen einsetzen, der ist genauso Mittäter wie derjenige, der mit einem Minarettverbot die Rechtsgleichheit aus unserer Verfassung kippt oder auf dem Buckel der Schwächsten Geld umverteilt. Man darf in einer Demokratie all das tun, aber es ist eines stimmenden Bürgers unwürdig, wenn man dann behauptet, die Folgen der Abstimmung hätten nichts mit einem selbst zu tun.

Wer Waffen erlaubt, erlaubt auch die Tötung

Gerade das mit den Waffen führt zu bizarrsten Ausflüchten.

Sofort wird betont, dass ja nicht Waffen Menschen töten, ein Mord geschieht durch den Menschen hinter der Waffen. Klar ist der hinter der Waffe der Mörder, aber wenn ich einem Kleinkind eine geladene Waffe in die Hand drücke, dann bin ich ja wohl auch mitverantwortlich. Und wenn ich hundertausend Gewehre verteile, obwohl bei so einer grossen Zahl von Leuten zwangsläufig auch Gestörte dabei sind, dann bewaffne ich indirekt Psychopathen – dann bin ich für jeden einzelnen Schuss mitverantwortlich.

Weiters wird betont, der Täter hätte sie ja sowieso getötet, wenn nicht mit dem Gewehr, dann halt mit dem Messer oder von Hand. Was für ein Quatsch. Gerade Gewaltdelikte infolge eskalierender Gefühlsausbrüche sind dafür bekannt, dass die Verfügbarkeit einer schnell einzusetzenden Waffe das Risiko massiv erhöht. Ausserdem ist das Schiessen mit einer Schusswaffe ein indirektes Töten, es braucht um ein Vielfaches mehr um jemanden mit einer Kontaktwaffe zu töten, geschweige denn mit blossen Händen. Hinzu kommt, dass man sich gegen fast jede Waffe wehren kann, einer Kugel entkommt niemand.

Fazit: Steht zu Eurer Verantwortung

Ihr habt das Recht, Waffen zu erlauben oder zu verbieten, Ihr könnt Menschenrechtskonventionen ratifizieren oder kündigen, Ihr könnt sogar einen zweiten Hitler wählen, könnt Kriege beginnen, in einer Demokratie dürfen wir bestimmen was die Schweiz tun wird – aber egal wie Ihr Euch entscheidet, denkt wenigstens vor der Entscheidung darüber nach, was für Konsequenzen Euer Mitentscheid haben kann, überlegt genau, ob es das wirklich wert ist und wenn Ihr entschieden habt, dann steht wenigstens dazu, wenn Ihr damit kleine oder grosse Katastrophen auslöst.

UPDATE 14.11.2011: aus aktuellem Anlass grad noch ein Nachtrag, nicht nur wegen potentiellen Amokläufern gehören Armeewaffen ins Zeughaus sondern auch weil immer mal wieder so Deppen mit Schusswaffen rumspielen und dabei Unfälle passieren – soviel zum Thema “Verantwortungsbewusstsein des Schweizer Soldaten”
Junge Frau erschiesst Mann mit Armeepistole
Somit: Bodycount+2

Weiterführendes zum Thema:

Diana: Die Schweiz und das Recht aufs Töten
Blick: Anthony A. schoss seiner Freundin Christina B. in den Kopf
Jedes vierte Familiendrama passiert mit Armeewaffe
Gesucht: 30’000 Munitionsdosen der Armee
Mit Armeewaffe angeschossen
90 Tote durch Suizid mit Sturmgewehr

Die Wunden des Gelächters

Das Leben wird nicht einfacher durch die leider beachtliche Anzahl an primitiven Leuten in unserer vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft…….
Umso schöner ist es, dass es dafür aber auch Leute gibt, die für einem einstehen, wenn die Primitiven sich mal wieder ihrer Dümmlichkeit hingeben.

Mit diesem Satz in meinem Facebook-Profil eröffnete ich den heutigen Tag und ahnte noch nicht, dass mich das Ganze noch den ganzen Tag beschäftigen würde. Nicht, dass die Erkenntnis um die Primitivität so mancher Zeitgenossen neu wäre, aber auch wenn es noch so “normal” ist, dass einem kleingeistige Menschen begegnen, gewöhnt man sich doch irgendwie nie so recht daran.

 

Wenn Andere sich an meiner Stigmatisierung stossen

Schaut mich nicht an! Ich bin kein Tier!
Nur ein Menschenkind – für euch ein fremdes Wesen – vielleicht
Mit Augen und Ohren, einem Herz und viel Gefühl
Und immer noch mit einem klaren und auch freien Verstand!
(Lacrimosa – Fassade 1. Satz)

Als ich heute morgen wie jeden Tag um Neun raus ging um mein Mittagessen von meiner Futterlieferantin entgegenzunehmen, war sie sichtlich aufgebracht und erzählte, sie hätte mich grad in Schutz genommen und hätte sich sowas von aufgeregt. Sie macht jeden Morgen zwischen Acht und Neun hier im Quartier rund um meine Firma ihre Runde, hält bei allen Firmen an und die Leute können bei Ihr Brötchen, Getränke bis hin zu kompletten Mittagessen kaufen. Durch ebendieses Quartier stöckle ich ebenfalls täglich und da ich das schon seit Beginn meiner “Transition” tue und damals noch recht eigenwillig aussah, werde ich da von vielen Leuten gesehen, die mich vom Sehen her kennen und eben auch wissen, dass ich mich irgendwie arg verändert habe.

Offenbar bin ich heute an ihr vorbei gelaufen als sie gerade Essen verteilte und die dort Rumstehenden begannen, sich über mich lustig zu machen. Anstatt wie so Manche in den Narrenchor einzutreten, hat sie sich sofort auf meine Seite gestellt und sagte, dass sie mich seit zwei Jahren kenne und ich eine super tolle Frau sei mit einem riesengrossen Herzen – wow, was für ein Kompliment. Im ersten Moment habe ich mich vorallem darüber gefreut und versuchte sie zu beruhigen indem ich ihr sagte, dass es halt auch primitive Leute gäbe und dass man die nicht ernst nehmen soll. Sinngemäss sagte ich zuguterletzt: “Wenn ich so primitive Menschen ernstnehmen würde, wäre mein Leben unerträglich”.

An Grausamkeit gewöhnt man sich nie ganz

Und wenn ihr redet, wessen Geist ist eurer vielen Worte Inhalt?
Wart ihr jemals an dem Abgrund zwischen Herz und dem Verstand?
Könnt ihr sagen: Ich erlerne mich?
Eure schreckliche Einfältigkeit, zu glauben was man euch erzählt:
Natürlichkeit und Selbstbestimmung
Aber bitte nur im Rahmen des Systems dieser Gesellschaft
(Lacrimosa – Fassade 1. Satz)

Da ich Blicke gut einordnen kann, weiss ich längst, dass ich oft Menschen begegne, die nicht das Geringste Problem mit mir haben, die einfach zur Kenntnis nehmen, dass ich bin wie ich bin und damit hat es sich. Genauso gut weiss ich, dass ich auch so Manchen begegne, die mich saumässig lustig finden, bei Einigen steht ihr Spott gar in grossen Lettern in die Augen geschrieben. Daran habe ich mich eigentlich gewöhnt, dass ich immer mal wieder Menschen begegne, die allein in meiner Existenz einen Grund zur Belustigung finden. Ohne es je mit eigenen Ohren zu hören, höre ich doch irgendwie all die blöden Sprüche die geklopft werden, wenn ich da mal wieder vorbeidackle. Die letzten knapp drei Jahre haben mich gelehrt, stark und tapfer zu sein, stärker und mutiger als die Meisten wohl je in der Lage wären. Ich habe gelernt, über der Sache zu stehen, die Bemessung meines Selbstwerts nicht den höhnenden Narren zu überlassen sondern mich selbst einzuschätzen. Und ich habe mir ein Bewusstsein geschaffen über das was ich wahre Grösse nenne.

Wer Andere auslacht, verspottet oder verhöhnt – egal ob er das laut oder leise tut – disqualifiziert sich damit selber, weil sein Lachen einzig Zeugnis abgibt über seine eigene Kleingeistigkeit. Gerade jene, die ihr Selbstbewusstsein erhöhen, indem sie versuchen andere zu erniederigen, sind die Schwächsten – gerade sie hätten niemals die Grösse um so einen Weg zu gehen wie ich ihn gehe. Es ist einfach, ein “normales Leben” zu führen und so zu sein, wie es von einer kollektiven Allgemeinheit erwartet wird. Aber es braucht ungeheuer viel innere Stärke, Mut und Tapferkeit um sich selbst zu sein, wenn man eben nicht der Vorstellung des Mainstreams entspricht – vorallem wenn man zu einer stigmatisierten Menschenart gehört wie transsexuelle Frauen. Mittlerweile gibt es nichts, worauf ich mehr stolz bin als auf die Tatsache, dass ich diesen Weg gegangen bin, dass ich mich allem Spott zum Trotz nicht mehr selber verleugne, dass ich wahrlich Ich bin und dass ich die Schwere des Lebens sogar auf einem Level ertragen kann, der die Meisten in Stücke reissen würde.

Der Spiessrutenlauf zwischen den Guten und den Primitiven

Und doch tut es weh, wenn ich damit konfrontiert werde. Einerseits ganz subjektiv, weil niemand soviel Grösse hat um gegenüber von Spott völlig immun zu sein. Anderseits aber auch, weil es mir vor Augen hält, von was für Dummköpfen ich teilweise umgeben bin und wie grausam und primitiv so Kleingestige sind. Auch wenn mir das egal sein müsste und auch wenn so Leute ja eigentlich nur ihre eigene Beschränktheit demonstrieren, irgendwie macht es trotzdem traurig.

Da ist es ungemein tröstlich, dass es eben auch Andere gibt, solche die hinter die Fassade blicken, die nicht so oberflächlich und empathiebefreit sind. Wenn so kleingeistige Menschen mich verurteilen ohne mich zu kennen, dann mag das zwar weh tun, aber wenn dieses Negative von jemandem so aufgefangen wird, dreht sich schlussendlich doch alles ins Positive. Diese Gackermenschen kennen mich nicht, haben keinen blassen Dunst davon, dass ich stärker bin als sie je sein werden, wie könnten sie ernsthaft über mich urteilen? Diese Frau die mich verteidigt hat, kennt mich jedoch seit 2 Jahren und wenn sie mir attestiert, dass ich eine liebenswerte und bewundernswerte Frau bin (O-Ton), dann ist auch so ein eigentlich trauriges Ereignis mehr Ruhm als Hohn.

Und doch tut es weh – irgendwie – gerade jetzt – aller Unvernunft zum Trotz.

Fragen die den Narren erspart bleiben

So finde ich mich einmal mehr in einem Netz von Fragen, die allein schon hässlich genug wären, deren Beantwortung ausbleibt. Vielleicht ist es gut, dass sie nicht beantwortet werden, die Antworten wären wohl noch um ein Vielfaches grausamer…….

  • Ist es so schwer, ein wenig mitzufühlen und zu erkennen, dass eine transsexuelle Frau ein schmerzliches Leben hinter sich hat und eher Mitgefühl angebracht wäre als Spott?
  • Ist es so schwer, zu begreifen, dass jemand der sich selbst treu ist und allem Geblöke zum Trotz den eigenen Weg geht, eher Respekt verdiente als Hohn?
  • Ist es so schwer, zu akzeptieren, dass ein Mensch – wenn auch in ungewöhnlicher Weise – so doch einfach nur glücklich sein möchte?
  • Wer von Euch blökenden Schafen hätte den Mut, sich selbst unter solchen Umständen treu zu sein, die Tapferkeit ebendieses blökende Gelächter zu ertragen und die innere Stärke, sich die Würde inmitten dieses Spottes zu bewahren – wer von Euch könnte meinen Weg gehen und dabei mir gleich glücklich werden und mit einem Lächeln auf den Lippen durch diese unfreundliche Welt gehen?
  • Und wer von Euch würde nicht innerlich bluten, wenn man verspottet wird nur weil man ist wie man ist, obwohl man sich sein Schicksal nicht ausgesucht hat sondern nur versucht, unter diesen schweren Bedingungen zu überleben?

Und doch tut es weh – irgendwie – gerade jetzt – und und lässt mich einmal mehr ratlos zurück…….

They can verbally abuse me, they can torture me,
they can try to strip me bare of my dignity…
they can even take my life,
but they can never ever snatch who I am at my core…
I will always naturally express who I am on the outside!
(Arianna Davis)

So traurig so Dinge sind, so dankbar bin ich auch, dass diejenigen die mich kennen nicht so ticken und dass so viele zu mir halten. Und auch wenn es wie jetzt grad mal wieder kurz saumässig weh tut, es bestätigt mich nur darin, mir weiter treu zu sein und mich weiterhin Ich sein zu lassen – und mir meine hart erkämpfte Lebenslust weder weglachen noch ausprügeln lasse – express yourself – ich tu’s – und Ihr?

thanks Janis for staying with me in days like that

Vom Glauben über die Gewissheit zum Wissen

Seit etwa drei Jahrzehnten beschäftige ich mich mit philosophischen und darin eingeschlossen religiösen Fragen, habe eine Unzahl an Büchern aus allen möglichen Bereichen dieser Thematik gelesen, endlose Diskussionen geführt und Kommentare im vierstelligen Bereich geschrieben. In all den Diskussionen erlebte ich immer wieder, wie ich bei Vielen auf Granit biss, weil die offenbar nicht zwischen Glauben und Wissen unterscheiden können oder wollen. Was mir so logisch erscheint, dieser kleine aber feine Unterschied, scheint von Vielen öfters mal verwechselt zu werden. Deshalb möchte ich mich heute etwas darüber auslassen………

Wenn man von etwas ausgeht oder etwas vertritt, dann tut man das entweder, weil man etwas weiss oder man tut es, weil man etwas glaubt. Ganz so schwarz weiss ist es zwar nicht, es gibt verschiedene “Stufen” die ich nachfolgend noch erwähnen möchte, aber im Wesentlichen beschränkt es sich darauf. Wenn wir uns mal ganz ehrlich fragen, was für Dinge es gibt die wir angeblich wissen, würden wir bei genauer Betrachtung schnell feststellen, dass so Manches eine Illusion ist.

Eines Tages werden wir offiziell zugeben müssen,
dass das was wir Realität getauft haben,
eine noch grössere Illusion ist, als die Welt des Traumes

(Salvador Dali)

Erlebtes Wissen

Wir wissen beispielsweise, dass es weh tut, wenn wir den Zeh an der Tischkante anschlagen, wir wissen das, weil wir es erlebt haben, es ist sogar jederzeit reproduzierbar, das ist erlebtes Wissen. Ich weiss beispielsweise, dass ich mit Spitzweggerich oder Huflattich Kräutern festsitzenden Husten behandeln kann, ich hab’s schon viele Male erfolgreich so gemacht. Ich weiss auch, dass gebrochene Knochen wieder zusammenwachsen, auch das habe ich erlebt. Es gibt wohl kein überzeugenderes Wissen für einem selbst als das selber erlebte Wissen – naja mal abgesehen von Psychotikern ;-)

Bewiesenes Wissen

Was man für Kriterien hat um etwas als Erwiesen zu betrachten, dürfte wohl ein Stück weit individuell sein. Aber wenn wir wissenschaftliche Standards nehmen, dann muss etwas vorallem reproduzierbar sein und im Idealfall auch erklärbar (wobei ich Zweiteres als akademische Zwängerei betrachte). Ich kann beispielsweise Fleisch in Salzsäure legen und damit im Versuch beweisen, dass Salzsäure Fleisch zerfrisst. Ich kann auch beweisen, dass zwei mal fünf zehn gibt, indem ich fünf Äpfel in einen Korb lege und nochmal fünf reinlege und dann alle zähle. Oder ich kann einen DNA-Test machen und weiss dann mit Bestimmtheit, ob ein Kind meins ist oder nicht. Und ich kann die Schwerkraft beweisen indem ich soviele Bügeleisen in die Luft werfe wie ich will, sie werden alle wieder runterkommen und spätestens wenn mir eins auf die Birne knallt, wird es sogar gleich auch noch erlebtes Wissen ;-)

Scheinbares Wissen

Aber auch wenn ich nochsoviel darüber gelesen habe und mir noch so sicher bin, dass ein Klimawandel stattfindet und dass der menschgemacht ist, so weiss ich es doch nicht, niemand weiss es mit Bestimmtheit. Genausowenig weiss ich, ob Gott existiert, auch wenn ich mir da noch so sicher bin und genauso weiss ein Atheist nicht, ob es keinen Gott gibt, Beide glauben, die Einen an die Existenz eines Göttlichen, die Anderen an die Nichtexistenz dessen.

Glauben als Ursprung des Wissens

Dem meisten Wissen ging einst Glauben voraus. Man beobachtet etwas, glaubt dahinter eine Erklärung zu sehen und beginnt dieser Frage nachzugehen, würde man nicht daran glauben, würde man schon gar nicht versuchen es zu beweisen. Im Idealfall kann man diese Vermutung, an die man irgendwann zu glauben begann, nachweisen oder man kann sie erfahren – manchmal auch nicht. Glauben steht nicht im Widerspruch zum Wissen – Glauben ist oft der Ursprung des Wissens. Würden wir nicht glauben sondern nur wissen, dann würden wir heute noch auf Bäumen sitzen und mit Bananen um uns werfen. Wir haben die Fähigkeit uns etwas vorzustellen, bevor wir es bewiesen haben, dieser visionäre Geist hat uns zu dem schlauen Affen gemacht, der wir heute sind.

Wir glauben mehr als wir wissen

So gibt es unzählige Dinge, die wir wissen, die wir vielleicht sogar im Labor nachweisen können oder sonstwelche Beweise finden. Aber die Zahl der Dinge, die wir ohne unumstössliches Wissen glauben, dürfte einiges grösser sein. Wie sicher sind wir uns doch beispielsweise, dass wir die “Normalen” sind und Autisten eine psychische Störung haben? Aber gerade hochfunktionale Autisten (Asperger) sind uns in gewissen Bereichen meilenweit überlegen, vielleicht sind sie ja die nächste Stufe der Evolution? Wir glauben so sicher zu sein in solchen Fragen, aber wissen wir das wirklich?

Wer behauptet beispielsweise nicht zu wissen, dass der/die Lebenspartner/in einem liebt? Aber woher in aller Welt wollen wir das wissen? Überhaupt nichts wissen wir, woher denn auch, wie wollte man das beweisen? Wir glauben, dass wir geliebt werden, wir glauben es so sehr, dass wir uns absolut sicher sind – und doch wissen wir es nicht wirklich. Warum sonst reden wir von Vertrauen wenn es um Beziehungen geht, warum gibt es Eifersucht, warum Ent-Täuschungen?

Die Gewissheit

Und damit landen wir bei den Zwischenstufen, denn es gibt etwas, was mir sehr wertvoll erscheint, ich nenne es “Gewissheit”. Gewissheit bedeutet nach meinem Verständnis in etwa, dass ich etwas glaube und mir dabei so sicher bin, dass dieser Glaube von einer ähnlichen Festigkeit ist als wäre es Wissen. In der Liebe erlebt man genau das, man weiss zwar nicht, ob man geliebt wird, aber man erlebt es so intensiv, dass man mit der Zeit seine Hand ins Feuer legen würde dafür – aller Nichtbeweisbarkeit zum Trotz. Wenn mir meine Süsse in die Augen schaut und mich anlächelt, dann finde ich in ihrem Blick soviel Liebe, dass ich ihre Liebe mit meinem ganzen Sein erfahren kann und bis in jede Zelle spüre. Ich weiss auch dann nichts, aber ich habe nichtsdestotrotz die “absolute Gewissheit”, eine Gewissheit die so gewichtig ist, dass sie für mich mehr in Stein gemeisselt ist als wenn tausend wissenschaftliche Studien mir ihre Liebe beweisen würden.

Das geglaubte Wissen

Während die Gewissheit den Glauben fast zum Wissen macht, gibt es wiederum Wissen, das eigentlich keines ist resp. delegiertes Wissen, nennen wir es mal “geglaubtes Wissen”. Diese Form des Wissens dürfte einen wesentlichen Teil dessen ausmachen, von dem wir glauben zu Wissen, ohne zu wissen dass wir glauben – hach ich mag so Wortpirouetten, da kriegt man n’Knoten im Gehirn, aber das ist gesund, echt :-)

Wenn ich beispielsweise ein schlaues Buch lese oder mir ein Experte auf einem Gebiet etwas erklärt, dann gehe ich anschliessend davon aus, dass ich das worüber er mich aufgeklärt hat nun weiss. Aber eigentlich ist das Quatsch, ich weiss gar nichts, ich glaube einfach jemandem, der behauptet zu Wissen. Der kann mehr oder weniger glaubwürdig sein, aber es bleibt mir nichts Anderes als ihm zu glauben. Auch da kann Glaube zur Gewissheit werden, ist aber genausowenig wirkliches Wissen. Ob er sich geirrt hat oder mich ganz einfach verarscht, kann ich nicht beurteilen.

Ich weiss eben nicht, ob die Eidgenossen wirklich bei Moorgarten gekämpft haben, ich war ja nicht da und kenne niemanden der da war, ich glaube lediglich, dass in diesem Geschichtsbuch die Wahrheit steht (was schon närrisch genug ist). Ich weiss auch nicht, ob die Natur wirklich so bedroht ist, aber ich glaube der Vielzahl an Umweltschutzorganisationen und Studien so sehr, dass es mir zur Gewissheit wurde – es bleibt jedoch eine Glaubensfrage, solange bis wir hier alle ersaufen oder verdursten oder verglühen oder was weiss ich.

Fallbeispiel – Das Kind und die Herdplatte

  1. Wenn ein Kind nichts von einer Herdplatte weiss und beim Anschauen denkt, ui das ist heiss, das könnte weh tun wenn ich es anfasse, dann ist das Glauben.
  2. Wenn ich dem Kind erkläre, dass es sich die Pfoten verbrennt, wenn es die Platte anfasst, dann hat dieses Kind zwar die richtige Information, ist somit im Besitz der Wahrheit, aber es weiss es nachwievor nicht wirklich, es glaubt mir einfach – oder es glaubt mir nicht, worauf es dann wohl schnell zu unfreiwilligem Wissen gelangt.
  3. Wenn das Kind vielleicht jemandem zuschaut, der sich den Finger daran verbrennt, dann dürfte dieses Glauben zur Gewissheit werden, es wird vermutlich genug beeindruckt sein um sich sicher zu sein, dass das weh tut. Aber es weiss es nicht mit Bestimmtheit, vielleicht war die angebliche Verletzung ja eine Täuschung?
  4. Wenn das Kind die Herdplatte angefasst hat, egal ob ich ihm das Wissen um den resultierenden Schmerz übergeben habe, dann wird es wirklich wissen, dass es weh tut. Das ist dann echtes erlebtes Wissen.
  5. Und wenn es ein Erwachsener ist, kann ich vielleicht die Temperatur der Platte messen und mit einem Experiment nachweisen, dass Fleisch bei dieser Temperatur verbrennt, das wäre dann erwiesenes Wissen.
  6. Letztendlich kann es auch geschehen, dass das Kind eine kalte Herdplatte anfasst und daraus schliesst, sie es würde nicht weh tun, das dürfte dann Fehlwissen sein, das scheitert dann früher oder später an der Reproduzierbarkeit ;-)

Fallbeispiel Homöopathie

Eins der ulkigsten Beispiele in dieser Frage ist Homöopathie. Hömöopathie widerspricht jeglicher wissenschaftlichen Logik. Die Behauptung, dass etwas mehr wirkt, je weniger drin ist, spottet unserem Verstand und bringt Wissenschaftler zur Raserei. Homöopathie lässt sich zumindest bisher nicht unter wissenschaftlichen Kriterien nachweisen, geschweige denn vernünftig erklären. Und doch gibt es Unzählige, bei denen homöopathische Mittel geholfen haben. Mediziner werden jetzt händefuchtelnd einwänden, dass das nur der Placebo-Effekt war, also eingebildete Heilung. Aber Placebo bedeutet, dass eine Art Selbstheilung stattgefunden hat, die darauf fusst, dass man an eine von aussen zugeführte Heilwirkung glaubt. Man glaubt, jemand würde einem heilen und das reicht aus, damit sich der Körper selber heilt. Nun, nichts Anderes nimmt Homöopathie für sich in Anspruch. Kein Homöopath behauptet, dass das Mittel selber heilt, es gibt nur Impulse, die das Immunsystem zu einer Reaktion provozieren. Interessanterweise weiss man unterdessen, dass auch ein Grossteil der schulmedizinischen Erfolge auf diesem Effekt beruht, Placebo ist also keine Illusion sondern eine nützliches Phänomen. Ich persönlich glaube nicht an Homöopathie, geschweige denn, dass ich es verstehe, ganz im Gegenteil, ich halte die dahinterliegende Erklärung für völlig abstrus. Aber ich habe früher genug erlebt mit dieser Medizinform, dass ich längst die Gewissheit habe, dass diese Mittel eine Heilwirkung auslösen können. Die Wissenschaft gibt sich da bockig, sie sagen, wir können es nicht erklären, wir können in diesen Mitteln keine Inhaltsstoffe nachweisen, also kann es nicht sein, mögen nochsoviele Leute davon geheilt werden. Die Homöopathen geben sich nicht weniger bockig, aber das wäre dann mal ein anderes Thema. Ich für meinen Teil bin da pragmatisch, ich weiss, dass ich nicht weiss, ob es wirklich hilft, bin also entsprechend vorsichtig und würde mich nie allein darauf verlassen. Meine Lebenserfahrung erlaubt mir aber, trotz meiner Skepsis ein wenig daran zu glauben und es unter gewissen Umständen zu nutzen. Wenn es hilft, ist das gut so, wenn es nicht hilft…….. naja, ich glaub ja dann auch noch an die Heilwirkung von Antibiotika und Konsorten ;-)

Glauben entgegen besseren Wissens

Es gibt nur eine qualitative Unterscheidung, die wirklich relevant ist und das ist die Unwürdigkeit dessen, was ich “Glauben entgegen besseren Wissens” nenne oder auch gerne als “Faktenresistenz” tituliere. Irgendwo habe ich mal sinngemäss geschrieben, es ist ok, sich zu irren und es ist ok Fehler zu machen. Aber es ist nicht in Ordnung, wenn man wider besseren Wissens an einem Irrtum oder Fehler anhaftet, das ist dann wirklich die Totalkapitulation des Geistes. Wenn also beispielsweise wie schon erlebt christliche Fundamentalisten die Existenz von Dinosauriern leugnen, weil das einfach nicht sein kann, weil ja in der Bibel nichts von denen steht und die Erde gemäss Bibel 6000 Jahre alt ist, dann kann man das nur noch als glaubenstechnische Hirnamputation bezeichnen. Das Ignorieren von Fakten (wie beispielsweise seitens gewisser Psychologiegläubigen oder sonstigen religiösen Fundamentalisten) ist das einzige, was eines denkenden Menschen wirklich unwürdig ist, alles Andere hat seine Berechtigung und trägt dazu bei – naja, eben Affen, Bananen, Ihr wisst schon ;-)

Schlussbilanz

Zusammengefasst könnte man also sagen: Es gibt Glauben, Gewissheit, geglaubtes Wissen, bewiesenes Wissen und erlebtes Wissen. Ich bin nicht der Ansicht, dass es hier ein richtig und falsch gibt, es ist im Wesentlichen auch keine qualitative Frage. Jeder dieser Glaubens/Wissensbereiche hat seine Berechtigung, erst alle zusammen machen uns vollkommen und so Manches bedingt das Andere. Wichtig scheint mir jedoch die Unterscheidung, dass man sich im Klaren ist, wo man sich wirklich unumstösslich sicher ist und wo man sich auf dünnem Eis bewegt.

Wenn wir uns dessen bewusst sind, sind wir vielleicht etwas zurückhaltender mit Rechthaberei oder Intoleranz. Und das bringt uns in die vorzügliche Lage, dass wir immer wieder dazuzulernen können und immer wieder das, was wir zu Wissen glaubten, eintauschen können in etwas, das wir dann tatsächlich wissen.

Wir sind gut beraten, wenn wir etwas mehr von diesem sokratischen Geist in uns aufleuchten lassen, der sinngemäss sagte: Ich weiss nur, dass ich nicht weiss :-)

Wenn unser Geist leer ist, ist er für alles bereit.
Im Anfänger-Geist liegen viele Möglichkeiten,
in dem des Experten wenige.

(Shunryu Suzuki)

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