Politically incorrect since 1966

Braucht die Schweiz ein neues AKW?

Nachdem die Städte St.Gallen und Bern sich vergangenen November für einen Ausstieg aus der Atomenergie geäussert hat, kam es im Kanton Bern bei der Mühleberg Abstimmung zu einem knappen Ja für ein neues AKW.

Wer sich mit diesem Thema ernsthaft beschäftigt, dem fällt auf, dass der relativ hohe Ja-Stimmen Anteil in all diesen Abstimmungen meist auf Unwissenheit beruhgt und Folge einer grossflächigen Desinformationspropaganda und Angstmacherei ist. Die Atomlobbyisten arbeiten seit Jahren an einer kollektiven Hirnwäsche und hämmern uns mit Lug und Trug ein, dass AKWs sauber seien und ohne AKWs die Lichter ausgehen.

Das ist absoluter Quatsch, warum, möchte ich mal kurz erläutern und vorallem aufzeigen, mit welchen Lügen uns die Atomindustrie diese Hochrisikotechnologie erneut schmackhaft machen will.

1. Lüge: Versorgungssicherheit und Stromlücke
Die beliebteste Lüge der Atomlobby ist die Mär der Stromlücke. Keine Diskussion, in der die AKW-Befürworter immer und immer wieder behaupten, ohne AKWs würden wir eines Morgens aufstehen und die Kaffeemaschine läuft nicht mehr, weil kein Strom mehr da ist. Tatsache ist jedoch, dass es kein autonomes Schweizer Stromnetz gibt, dieser Mythos ist so falsch wie er alt ist. Seit je her findet ein Stromaustausch mit dem Ausland statt. Wir holen billigen Strom aus französischen AKW und deutschen oder italienischen Kohlekraftwerken, füllen damit unsere Stauseen und verkaufen dann zu Hochpreiszeiten den Strom wieder ins Ausland.

Eine Autonomie gab es da nie und wird es nie geben. Wir sind in das europäische Stromnetz eingebunden, der produzierte Strom in ganz Europa wird ins europäische Netz eingespiesen und der benötigte Strom wird dort wieder herausgeholt. In diesem europäischen Stromnetz ist vorläufig mehr als genug Strom vorhanden und viele Länder investieren massiv in erneuerbare Energien, das heisst, der europäische Strommix wird von Jahr zu Jahr sauberer. Selbst wenn der Strom irgendwann knapper werden sollte, wovon in Anbetracht des Investitionsvolumens nicht ausgegangen werden muss, würde der Strom nicht einfach ausgehen sondern lediglich teurer werden. Und die Schweiz wäre garantiert nicht das erste Land, dass es sich leisten könnte. Die Mär, uns würde der Strom ausgehen, ist also eine brandschwarze Lüge, mit der man irrationale Angst schürt und uns damit weichkochen will.

2. Lüge: Sicherheit von AKW
Atomenergie ist eine Hochrisikotechnologie. Die Eintretenswahrscheinlichkeit eines atomaren Super-GAU ist zwar relativ gering, bisher kam es erst in zwei Fällen zu einem Super-GAU, in Tschernobyl und in Harrisburg. Aber die Folgen eines solchen Unfalls sind derart gravierend, dass auch mit kleiner Eintretenswahrscheinlichkeit von einem Hochrisiko gesprochen werden muss. Noch heute sind in Europa erhöhte radioaktive Werte messbar, beispielsweise in Pilzen, die wir dem Reaktorunfall von Tschernobyl verdanken. Die Atomlobby versucht uns weiszumachen, dass so ein Reaktorunfall bei uns niemals möglich wäre, aber das ist blanker Unsinn, weil kein Mensch und kein technisches System auf dieser Welt unfehlbar ist. Menschliches Versagen kann niemals ausgeschlossen werden und technisches Versagen sowieso nicht. Egal wie hoch die Sicherheit angestrebt wird, es kann nie hundertprozentig ausgeschlossen werden, dass uns nicht doch eines Tages so ein Reaktor um die Ohren fliegt. Sollte das der Fall sein, wäre eine Grossteil der Schweiz auf undenkbar lange Zeiten hinaus unbewohnbar. Gerade in einem kleinen Land wie der Schweiz wäre das fatal, weil wir nicht einfach die Hälfte der Bevölkerung in andere Regionen umsiedeln können – es wäre das Ende der Schweiz. Die Atomlobby versucht dieses Risiko zu leugnen, aber die Realität entlarvt ihre Lügerei.

Die Liste von Beinahe-Unfällen in Atomkraftwerken ist so lang, dass sie den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde, deshalb verweise ich auf einen alten Blogbeitrag von mir, der zwar auch nur eine kleine Liste von Zwischenfällen aufzeigt, aber es sollte deutlich machen, dass es keine Sicherheit in Atomkraftwerken gibt. Die Frage ist nicht, ob es zu einem Super-GAU kommt, die Frage ist nur wann und wo: AKW Unfälle – AKW Störfälle

Zur Sicherheit/Sauberkeit von Atomreaktoren sei auch noch diese Beiträge und Studien erwähnt:
AKW-Sicherheit – Das Lügengebäude der Atomlobby
Erhöhtes Krebsrisiko in der Umgebung von AKW
Kinder-Krebsrate und Atomkraftwerke
AKW Haftpflicht – nicht einmal 1 Prozent versichert
Der vergessene Schweizer Atom-GAU

3. Lüge: CO2-freier Atomstrom
Da man uns mit neuen AKW faktisch ein nicht vertretbares Risiko andrehen will, muss man sich ein grünes Kleid anziehen, Greenwashing nennt man das in Fachkreisen. So versucht die Atomlobby seit Jahren die Mär zu verbreiten, Atomenergie sei CO2-frei. So vergleicht man dann gern die CO2-Bilanz mit den schlimmsten Stromproduktionen, den Kohlekraftwerken. Das ist Sand in die Augen gestreut, denn niemand redet heute noch davon, dass wir Atomkraftwerke durch Kohlekraftwerke ersetzen, dieser Vergleich ist völlig weltfremd und zeigt wie unlauter die AKW-Propaganda abläuft. Zum Einen wollen AKW-Gegner eben keine Kohlekraftwerke sondern erneuerbare Energien, die dann wirklich sauber und nachhaltig sind und zum Anderen ist Atomstrom eben nicht CO2-frei. Der Betrieb eines Reaktors selbst fördert tatsächlich wenig CO2, aber damit hat es sich eben nicht. Der Uranabbau, Transport der Brennstäbe, Bau und Abbau von Reaktoren bis hin zur noch ungelösten Endlagerung, produzieren eifrig CO2, so dass die Gesamtbilanz alles andere als grün ist. Unter dem Strich produziert Atomstrom doppelt soviel CO2 wie Wasserkraft, wie in nachfolgenenden Links nachzulesen ist. Merkt Euch also, wenn wieder mal ein AKW-Lobbyist sagt, Atomstrom sei CO2-frei, dann belügt er Euch brühwarm.
Neue Studie belegt: Atomkraft ist nicht CO2-frei
Wie CO2-frei sind die AKWs wirklich?

4. Lüge: Erneuerbare Energien sind zu kostspielig
Atomstrom sei ja so günstig, lügt uns die Atomindustrie seit je her vor, was sie uns verschweigt ist unter Anderem, dass der noch relativ tiefe Preis nur deshalb zustande kommt, weil AKW ihre Risiken nicht versichern müssen. Ein Schweizer AKW muss weniger als 1% der Schadenssumme eines Reaktorunfalls versichern! Müsste die Atomindustrie ihre Reaktoren so versichern, wie jeder Schweizer sein Auto, also den Worst-Case Fall abdecken, wäre Atomstrom die mit Abstand teuerste Energieform der Welt. Atomstrom ist faktisch nur deshalb bezahlbar, weil das Risiko ausgelagert wird.
Tagi – AKW-Unfall könnte über 4000 Milliarden kosten
NZZ – Pandoras Atomkraftwerke

Aber es kommt noch dicker, denn einerseits wird erneuerbare Energie aufgrund des Investitionsvolumens von Jahr zu Jahr günstiger, während auf der anderen Seite aufgrund der zuneige gehenden Uranvorräte die Brennelemente für AKW jährlich teurer werden. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Bilanz kippt und so wären wir gut beraten, in die Zukunft zu schauen wenn es darum geht, in welche Technologie wir diese Milliarden stecken, die wir in den nächsten Jahrzehnten investieren müssen.
UNEP-Bericht: Investitionsboom in Erneuerbare Energien – Alternative zu Atomenergie

5. Lüge: Erneuerbare Energien sind nicht effizient genug
Um uns diese Risikotechnologie wider aller Vernunft doch noch anzudrehen, wird nach üblich politischem Muster vorgegangen, man diffamiert den Gegner resp. in diesem Fall die konkurierende Technologie. Erneuerbare Energie sei nicht effizient genug, wird uns gebetsmühlenartig vorgepredigt. Auch da zeigt sich die Rückwärtsgewandtheit der Stromindustrie, denn die Effizienz von erneuerbaren Energien nimmt von Jahr zu Jahr zu. Die Wirksamkeit von Solarstrom hat sich beispielsweise im Vergleich zur Anfangszeit verzehnfacht und neue Technologieformen werden erfunden, eine nach der Anderen. Solarenergie, Windenergie, Biomasse, Geothermie, Gezeitenkraftwerke, herkömmliche Wasserkraft, die Liste von Technologien ist riesig und die Effizienz nimmt von Generation zu Generation zu. Es ist eine Frage der Investitionen, je mehr wir in diese Technologien investieren, umso effizientere Methoden werden gefunden. Aber solange wir die ganzen Entwicklungsgelder weiterhin in Atomenergie stecken, werden wir die Ziele nicht erreichen, hier braucht es den Willen zur Veränderung. Die Technologien sind da, es liegt an uns, in diese zu investieren.
Effizient Strom produzieren
Jetzt zählen nur noch erneuerbare Energien

6. Lüge: Wiederaufarbeitung = Recycling?
Die Atombefürworter behaupten gerne, sie würden Recycling betreiben mit der sogenannten Wiederaufarbeitung von Brennstäben. Was sie dabei verschweigen ist einerseits, dass sie zwar tatsächlich ein wenig Material wiederverwenden können, dass aber das Volumen des Abfalls dabei massiv vergrössert wird und mit den Castor-Transporten nach LaHague und Sellafield weitere Risiken eingegangen werden. Viel schlimmer ist jedoch die gern verschwiegene Tatsache, dass diese sogenannten Wiederaufbereitungsanlagen sowohl in LaHague als auch in Sellafield die Umwelt massiv verseuchen. Infolgedessen ist beispielsweise in der Umgebung von Sellafield die Kinderleukämierate zehn mal höher als im Landesdurchschnitt und in ganz England konnte in Milchzähnen von Kindern Plutonium nachgewiesen werden, das nur in der Wiederaufarbeitung entsteht. Diese sogenannte Wiederarbereitung diente nie dem Recycling sondern militärischen Zwecken, weil man nur so waffenfähiges Plutonium herstellen kann. Wer also im Zusammenhang mit Atomenergie von Recycling spricht, ist ein brutaler Zyniker, weil er die Verseuchung und Krankmachung von Mensch und Umwelt als ökologisch sinnvoll darstellt.
Kinder-Krebsrate und Atomkraftwerke

7. Lüge: Es gibt kein sowohl-als-auch
Die scheniheiligste Lüge ist jedoch die sowohl-als-auch Lüge. Kein Atomlobbyist der nicht blauäugig behauptet, er sei ja total für erneuerbare Energien, er wolle nur neue Atomkraftwerke als Übergangslösung, in der Zwischenzeit könnten wir dann die Stromproduktion mit erneuerbaren Energien aufbauen. Joh ist klaaaaaar, wir sind ja blöd genug das zu glauben. Wenn wir neue Atomreaktoren hinklotzen, haben wir soviel Strom, dass schlicht und ergreifend kein Bedarf mehr da ist für erneuerbare Energien, das heisst, es gibt keinen Anreiz mehr, in diese zu investieren. Hinzu kommt, dass der Bau eines neuen AKWs je nach Schätzung oder Lügerei zwischen 5 und 10 Milliarden kostet, dieses Geld ist dann weg, es steht nicht mehr zur Verfügung für Investitionen in erneuerbare Energien. Es gibt eben kein sowohl als auch, es gibt nur ein entweder oder, weil wir dasselbe Geld nicht zweimal zur Verfügung haben. Die Atomlobbyisten wissen das ganz genau, aber sie halten uns für naiv genug, dass wir ihnen diese Mär abkaufen. Schlussendlich hat das Stimmvolk die Entscheidungsmacht. Entweder wir geben ihnen einen Freibrief für eine Wiederholung des AKW-Risikos oder wir zwingen sie, ihre Milliarden andersweitig zu investieren. Beides können wir nicht haben. Wenn das Volk Ja sagt zu einem neuen AKW, dann wird die nächsten 50-60 Jahre kein Geld mehr in erneuerbare Energie investiert……… und in 50 Jahren werden sie uns dann wieder sagen, wir bräuchten ein neues AKW als Übergangslösung.

Die Propaganda-Heuschrecken der Atom-Lobby
Wie systematisch die Hirnwäsche der Stromproduzenten ist, zeigt sich, wenn man ihren Lobbyisten mal auf die Finger schaut. Einerseits ist etwa ein Drittel unseres Parlaments mit der Atomindustrie verbunden, keine Industrie in der Schweiz hat soviele Lobbyisten und Lakaien in der Regierung wie die Atomindustrie. Ausserdem verfügt die Atomindustrie über ein riesiges Netzwerk von Propaganda-Organisationen wie beispielsweise die AVES, die sich ironischerweise “Aktion vernünftige Energiepolitik Schweiz” nennt und sich den Anschein geben möchte, ein neutrales Forum zu sein – wie auch das Nuklearforum und wie sie alle heissen. Finanziert werden diese Organisationen von der Atomindustrie. Wer wie ich jahrelang Leserbriefspalten im Auge hat, staunt Bauklötze, wieviele Leserbriefe von angeblich privaten Leuten da auftauchen, die nach kurzer Recherche als Handlanger ebendieser Organisationen erkennbar werden. Ich könnte hier eine ganze Reihe von Lobbyisten aufzählen, die ich mittlerweile namentlich kenne, die jahrein jahraus Leserbriefspalten und Diskussionsforen mit ihrem Gewäsch fluten, ohne je zuzugeben, dass sie im Dienste dieser Organisationen schreiben. Auch die Gentech-Industrie verfügt über solche Netzwerke, auch bei diesen kenne ich eine Reihe von Namen, die immer wieder auftauchen. Aber was die Atomindustrie hier abzieht, ist einmalig in diesem Land und es zeigt, mit welch unlauteren Mitteln sie agieren.
Schwarze Liste von Energieorganisationen in der Schweiz
Beobacher: Die Atomlobby macht Dampf
Tagi – Die Atomlobby hat das Parlament fest im Griff

Lesenswerter Artikel über die Lügen der Atomlobby in der FAZ:
Die neun Gemeinplätze des Atomfreunds

Und das Wichtigste zum Schluss, ein Ausstieg resp. Umstieg auf erneuerbare Energien ist möglich, wie beschreibt der Beobachter:
Beobachter: So schaffen wirs ohne AKWs

So, damit schliesse ich für heute und warte nun gespannt auf die Heuschrecken, die hier ihre Standard-Textchen deponieren ;-)

Nachtrag: Fortsetzung dieses Themas hier:
AKW-Sicherheit – Das Lügengebäude der Atomlobby

Selbstbestimmtes Leben und Sterben

Die letzten Tage skandalisierte die Boulevard-Presse die bevorstehende Dok-Sendung von SF-DRS mit dem Titel “Tod nach Plan“, die den Suizid eines psychisch kranken Menschen begleitete. Genauso eifrig skandalisierten Kommentarschreiber in ebendiesen Blättern und Foren, man demonstrierte Empörung über diesen Tabu-Bruch. Man darf doch so einen Suizid nicht medial ausschlachten, meinten die Einen, ein gezeigter Suizidprozess könnte Nachahmer motivieren, meinten die Anderen – kurz nachdem das Volk entschieden hat, dass weiterhin hundertausende von Armeewaffen in Wohnungen herumliegen. Die ganze Diskussion war mehr eine Moralische als eine Ethische, man darf doch nicht, das geht doch nicht – ich wollte es genauer wissen und sparte mir einen Kommentar auf, bis ich die Sendung gesehen hatte.

Die Geschichte
Der manisch-depressive André kann und will nicht mehr, seit Langem. Er hat zwanzig Psychiatrieeinweisungen hinter sich, Untersuchungshaft wegen einer Gewalttat während einer manischen Phase, er weiss, dass weitere Vorkommnisse zu einer Verwahrung oder zumindest zu weiteren Zwangspsychiatrisierungen führen. Er hat sich entschieden, sein Leben zu beenden, fast ein Jahr vor seinem geplanten Suizid. Er ist nicht einer dieser vielen Fälle, die in einer akuten Krisensituation überreagieren, er weiss genau was er tut und er weiss, warum er es tun will. Fast ein Jahr lang plant er seinen Ausstieg, organisiert alles, verabschiedet sich von seinen Freunden – und schläft schlussendlich erlöst ein.

Die Sendung
So kam die Sendung bei mir an. Da war kein mediales Ausschlachten, es war ein offenes Aufzeigen eines Lebens, eines Menschen, der die Grenzen des Erträglichen überschritten hatte und im vollen Bewusstsein und bei vollem Verstand sein Recht auf Selbstbestimmung einforderte und sein Leben, das er nicht mehr als lebenswert wahrnahm, beendete. Es war erstaunlich, wie ruhig und zielstrebig André seinen Weg ging. Das war keine Überreaktion, da war kein Kurzschluss, er war einfach am Ende und wollte dieses Ende wenigstens in Würde begehen. Ein Tabu wurde gebrochen, ja, aber es war nicht reisserisch sondern konfrontierte uns mit der Tatsache, dass es wirklich Menschen gibt, die keine Ausweg mehr haben. Dass diese Sendung Nachahmer produziert, bezweifle ich, weil der Film eben keinen Kurzschluss zeigte sondern jemanden, der einen langen Weg geht und dabei wohlüberlegt agiert. Es war höchste Zeit, dass uns dieses Thema einmal näher gebracht wird als eine Blick-Schlagzeile es tut. Man konnte mitfühlen und ein Stück weit verstehen lernen, dass man in dieser Thematik nicht vorschnell urteilen sollte.

Suizid ist nie eine Lösung
In meinem alten Blogtagebuch schrieb ich einst einen Beitrag mit dem Titel “Selbstmord – die vorweggenommene Niederlage“, in dem ich erklärte, warum ich Selbstmord nie als eine Lösung ansehen kann. Davon bin ich nachwievor überzeugt, wenn man sein Leben aufgibt, verschenkt man jede Chance auf Besserung und alles bisher Erlittene war vergebens. Aber was, wenn es keine Chance auf Besserung gibt? Vielleicht gibt es Situationen, in der Suizid zwar keine Lösung ist, aber immerhin Erlösung?

Ich verstehe den Wunsch nach Selbstaufgabe, ich hatte genug Phasen in meinem Leben, in denen ich alle Kräfte brauchte um weiter durchzuhalten. Bei mir hat es sich gelohnt, ich konnte mir schlussendlich doch wider aller Erwartung ein menschenwürdiges Leben erkämpfen. Was für eine grässliche Vorstellung, ich hätte aufgegeben und all das verpasst, was mir nun vergönnt ist. Aber ich hatte Chancen, so klein die auch waren. Und ich hatte offenbar die Kraft dazu, sie zu nutzen. Aber das bedeutet nicht, dass es allen Anderen in sämtlichen Lebenssituationen so geht.

Die Grenzen der Hoffnung
Ich erinnere mich an den Tod meiner Mutter. Sie war todgeweiht, kein Arzt konnte ihr noch Hilfe bieten. Sie konnte nur noch abwarten, bis sie endlich sterben kann. Sie hatte im Hals ein Loch zwischen Speiseröhre und Luftröhre, alles was runter ging, ging auch teilweise in die Lunge, regelmässige Erstickungsanfälle waren ihr steter Begleiter. Aber sie hatte nicht mehr die Möglichkeit, Sterbehilfe zu organisieren, weil es da Fristen gibt, die eingehalten werden müssen. Sie konnte nur passive Sterbehilfe wählen, um dieses sinnlose Leiden wenigstens zu verkürzen. Diese passive Sterbehilfe, bei der man einen Menschen faktisch verhungern lässt, ist unsagbar grausam. Auch vollgepumpt mit Morphium durchlebte sie Wochen, in denen sie alle paar Minuten die Augen schreckgeweitet aufriss, weil sie Erstickungsanfälle hatte. Würde man ein Tier so verrecken lassen, würde man wegen Verstoss gegen das Tierschutzgesetz eingeklagt. Mit Menschen darf man das machen, wir nennen das Ethik. Es gibt Situationen, in denen Suizidverweigerung pure Grausamkeit ist, wenn Organisationen wie Exit die einzige Möglichkeit sind. Dafür habe ich Verständnis und in so einem Fall würde ich selber auch aufgeben, weil es nichts mehr gibt, das man aufgibt ausser Leiden.

Leidenszwang für psychisch Kranke?
Bei unheilbaren Krankheiten mit grossem Leiden haben doch viele Menschen ein gewisses Verständnis, dass man dem Leiden ein Ende setzt und todkranke Menschen nicht noch weiter quält. Anders sieht es bei psychisch Kranken aus. Ihnen wird per Definition die Selbstbestimmung aberkannt, in vielen Fällen vielleicht sogar mit gutem Grund. Gerade bei akuten Depressionen besteht eine gute Chance, dass man den Betroffenen helfen kann, da lohnt es sich Zeit zu gewinnen und zu versuchen, den Zustand zu verbessern. So Mancher hat schon Lebenslagen erlebt, in denen man aufgeben wollte und es doch nicht getan hat und heute froh ist darüber. Aber es gibt auch psychische Erkrankungen, die man nicht heilen kann, die einen Leidensdruck hervorbringen, der einfach unerträglich ist – auch auf lange Sicht hinaus. Gerade bei nicht akuter Lebensmüdigkeit kann man irgendwann die Grenze des Erträglichen überschreiten. Wer darf darüber entscheiden, wer wann am Ende seiner Kraft ist?

Pflicht zur Hilfe – so oder so
Wäre in meinem Umfeld jemand nicht mehr in der Lage, das Leben zu ertragen, würde ich ihm helfen. Bei akuten Fällen würde ich Chancen aufzeigen, unterstützen, Lösungen suchen, ich würde alles daran setzen, um diesen Menschen davon abzuhalten, weil es fast immer eine Chance gibt. Egal ob jemand den Partner verloren hat, keinen Job oder kein Geld hat, ausgestossen oder diskriminiert wird, hoffnungslos ist, ich würde immer alles ausschöpfen, um ein Weitergehen möglich zu machen. Aber wenn es keine Chancen mehr gibt – und solche Fälle gibt es, ob uns das passt oder nicht – dann würde ich mich genauso verpflichtet fühlen, diesen Menschen auch auf diesem letztem Weg zu begleiten und zu unterstützen.

Kämpfen bis zum letzten Blutstropfen
Ich bin eine Kämpfernatur und als Solche möchte ich auch ein Vorbild sein. In meinem Leben musste ich vieles erdulden und es gab oft Zeiten, in denen ich froh gewesen wäre, wenn ich hätte aufgeben können. Ein Psychologe sagte mir mal, dass die meisten Menschen sich das Leben genommen hätten, wenn sie all das hätten durchmachen müssen. Da wird er wohl Recht haben. Aber ich habe durchgehalten und bin so zum lebenden Beweis geworden, dass sich das Durchhalten auszahlen kann, wenn man nur hartnäckig genug ist. Es ist erstaunlich, wie oft man zu Boden gehen kann und wieder aufzustehen vermag – noch erstaunlicher ist, dass man nach so einem Leben irgendwann sogar aufrecht steht und mit glücklichem Lächeln in die Zukunft schaut. Aber jeder Mensch hat Grenzen, niemand ist unbesiegbar, auch das gilt es zu respektieren.

All denen, die glauben keine Kraft mehr zu haben, die aufgeben möchten, die keine Hoffnung mehr haben, all denen möchte ich zurufen: Gib nicht auf, kämpfe weiter, manchmal geschehen Wunder und Du würdest möglicherweise das Beste in Deinem Leben wegwerfen, weil das Beste noch vor Dir liegt. Gib nicht auf, bitte, gib nicht auf, es wäre so schade um Dein zukünftiges Leben, das vielleicht so schön würde wie Meines geworden ist, weil ich nicht aufgegeben habe.

Aber in den wenigen Fällen, in denen es wirklich keine Aussicht mehr gibt, möchte ich deren Umfeld zurufen: Lasst sie los, wenn sie schon nicht mit Würde leben konnten, dann gönnt ihnen wenigstens, in Würde zu sterben. Doch diese Aussichtslosigkeit ist erst erreicht, wenn der letzte Blutstropfen vergossen ist, bis dahin rufe ich auch diesen Menschen zu: Kämpfe weiter – nichts ist unmöglich, denen, die das Unmögliche wagen – kämpfe weiter!

Das Kapitel Politisches

Ich durchwanderte die Kriege, sah die Angst und das Verderben.
Und ganz gleich ob Krieg – ob Frieden,
Egoismus – blinder Hass, war doch immer hier zu gegen.
(Lacrimosa – Strasse der Zeit)

Menschen werden manipuliert, Tag für Tag, von Medien, von Mitmenschen und mehr als alles Andere von der Politik. Mein Hang, alles zu hinterfragen, hat mein Auge geschärft und meine Menschenkenntnisse, die nicht zuletzt Folge meiner durch meine transsexuelle Vergangenheit erforderte Beobachtungsgabe ist, verhilft mir hie und da einen Blick hinter die Kulissen. Da scheint mir ein grosser Bedarf an Aufklärung zu sein.

Unzählige Male habe ich erlebt, wie Menschen ihr Recht auf Demokratie wahrnehmen, ohne dazu fähig zu sein. Unzählige Male erlebte ich, wie ein ganzes Volk vom Bauch her wusste wo es lang geht, sich aber schlussendlich doch durch die Hirnwäsche der Lobbyisten und Propagandisten über den Tisch ziehen liess.

Im Speziellen darf davon ausgegangen werden, dass sogenannt bürgerliche Politiker und Rechtspopulisten im Stil von SVP und EDU hier ab und zu mal auf die Ohren bekommen. Die politische Rechte hat in der Schweiz bereits einen Drittel des Volkes vergiftet und so halte ich es für dringend notwendig, hier mit dem mahnenden Finger aufzutreten.

In diesem Kapitel wird mit harten Bandagen gekämpft, hier werden Masken vom Gesicht gerissen, hier werden schallende Ohrfeigen verteilt, mal ironisch, mal sarkastisch, mal zynisch, je nachdem was angebracht ist.

Ich bin der brennende Komet
der auf die Erde stößt
der sich blutend seine Opfer sucht
Ich bin der lachende Prophet
der eine Maske trägt
und dahinter seine Tränen zählt
(Lacrimosa – Der brennende Komet)

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