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Neuer Vorsatz: Agieren statt reAgieren

Das Leben will gelebt werden, das ist seine Bestimmung – aber was, wenn man es nicht zulässt? Gerade bei mir wäre das so fatal, so endlos lange war mir mein wirkliches Leben verunmöglicht und nun, da ich es endlich leben kann, bin ich es mir auch schuldig, es wirklich zu leben. Aber das tue ich nicht, bisher, jedenfalls nicht so, wie es das Leben wert wäre.

Wie oft habe ich hier schon erzählt, dass ich mich ständig völlig verheize, weil ich mich diesem Drang nicht entziehen kann, die Welt zu einer Besseren machen zu wollen. Und genauso oft wie ich darüber erzählt habe und mir Vorsätze nahm um dieser Spirale zu entkommen, genauso oft landete ich wieder inmitten dieser Strudel ohne zu verstehen, wie ich dahin gelangt bin. Ich nahm mir vorallem vor, mir die Schlachtfelder selber auszusuchen, sprich, mich auf bestimmte Themen zu konzentrieren, aber die Welt und der sich darin abspielende Irrsinn ist viel zu komplex und vernetzt, als dass man das Eine vom Anderen trennen könnte.

Wenn ich Medien beobachte, weil ich beispielsweise beim Thema Transsexualität allfällige Falschdarstellungen korrigieren möchte, dann bewege ich mich zwangsläufig auch in der Welt des Boulevards und prügle mich schneller als mir lieb ist mit deren Anhänger, die gerade dort nur zu oft mit ihrer Kurzsichtigkeit einfach nur nerven. Und ständig begegnet mir dort und anderswo dieser alltägliche Schwachsinn, der sich durch solche Leute über die Welt ergiesst und schwups stelle ich fest, dass ich wieder zu verschiedensten Themen meinen Senf dazu gebe, weil ich mich dem Gefühl nicht entziehen kann, dass da dringend eine “andere Ansicht” nötig ist. Und als ob das nicht genug wäre, läuft mir der ganze Scheiss nach, Tag und Nacht, ich kann nicht mal auf dem Klo sitzen ohne dass in meinem Hirn Argumente geschliffen werden wie Schwerter……. und wo bleibt da mein Leben, das so lange darauf gewartet hat, zu leben? Wo bleibe ich?

Eine falsch gelebte Berufung

Mein ganzes Erwachsenenleben habe ich den Grossteil meiner Lebenszeit und Lebensenergie in diese von mir als Berufung empfundene Öffentlichkeitsarbeit investiert, sei es als Greenpace-Aktivistin, als Bloggerin, als Kommentierende, als Menschenrechtlerin – zwei Jahrzehnte meines Lebens habe ich fast nichts Anderes getan – ich hab mir wirklich etwas mehr Ruhe verdient.

Aber wie kann ich aus dieser Spirale aussteigen und vorallem, wie kann ich das tun ohne “meine Berufung” aufzugeben? Ich kann und will beim besten Willen kein egoistisches Leben beginnen, es ist mir zur Pficht geworden, Zeugnis abzulegen über das was meines Erachtens kritikwürdig ist. Aber ich bin auch nicht mehr bereit, mein ganzes Leben dafür hinzugeben, mein neu erkämpftes Leben ist es wert, gelebt zu werden. Seit langer Zeit suche ich nach einer Lösung für diesen Spagat und ich glaube fast, dass ich diese Woche den Stein der Weisen gefunden habe. Themenfelder aussuchen geht nicht, Zeitlimits gehen grad gar nicht, es braucht ein anderes Kriterium……..

Agieren statt reAgieren

Mitten in einem Videotelefon mit Juliet war diese Formulierung da, wie aus dem Nichts. Ich jammerte grad rum, dass ich mich mal wieder versehentlich in eine Diskussionsschlacht geworfen habe ohne dass ich das so geplant hätte und meckerte, wie müssig es doch ist, ständig mit Argumenten um mich zu werfen, die durch das Ziel hindurchgehen wie durch einen Geist. Wie schon oft sagte ich, dass ich da endlich eine Lösung finden muss, weil mich die Hitze des Gefechts immer mehr ausbrennt. Und dann tauchte dieser Satz plötzlich auf, kann es sein, dass es so einfach ist?

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass ich diesen Satz schon vor langer Zeit hörte, es war mein bester Freund und “Mentor”, der mich soviel gelehrt hat, über Philosophie, Religion und Weltanschauung. Er war es, der mir das Epiktet’sche Denken nahelegte, der mich mit Sätzen wie “und warum müsste Dich das interessieren” so oft auf den Boden der Realität geholt hat. Er sagte mir das schon vor Langem, begriffen resp. angenommen habe ich es erst diese Woche.

Selbstbestimmung beginnt bei mir

Genau das ist nämlich der Punkt, an dem ich so falsch funktioniere. Meine ganzen “Kämpfe” sind immer fremdbestimmt, ich agiere nicht wie eine kluge Kriegerin sondern reagiere stets, ich folge Impulsen von aussen, renne in jedes noch so bekloppte Schlachtfeld, dessen Kriegsgetümmel mein Ohr erreicht und so mache ich mich zur Marionette fremder Kriegsherren. Wie naiv ist doch eine Kriegerin, die sich das Schlachtfeld aufdrängen lässt und um wieviel dümmer ist eine Kriegerin, die sich gar die Kriege vorschreiben lässt?

Es bedeutet mir viel, zu schreiben, zu philosophieren, zu informieren und auch mal zu predigen. Aber ich muss über das schreiben, das aus mir heraus will und nicht über das, was durch die Medien geistert. Daraus ergibt sich ein einfaches Kriterium – eben – agieren statt reagieren.

Die neue Strategie

Und das nehme ich mir von nun an zum Vorsatz, zumindest vorläufig und zumindest für lange Zeit. Schluss mit dem regelmässigen Überwachen der Medien, Schluss mit dem Hinterherrennen jeder stumpfsinnigen Diskussion mit Leuten die nicht reflektieren können, Schluss mit dem Irrglauben, ich sei an jede Schlacht eingeladen und müsse überall sein.

Es gibt soviel, über das ich schreiben möchte, soviel was mich bewegt und soviel was ich teilen möchte. Aber zu all dem komme ich nicht, wenn ich mich ständig in Dinge einspannen lasse, die mir grad vor die Füsse geworfen wurden. Ich muss meinen Blick nach Aussen umdrehen und endlich in mich hinein schauen und muss das aus mir heraussprudeln lassen, was wirklich das Meine ist, muss endlich meiner Inspiration folgen anstatt auf fremden Gedanken herumzureiten.

Ob es mir gelingt, ist genauso unklar wie all meine alten Vorsätze, aber zum ersten Mal glaube ich wirklich, dass das mein Weg sein könnte und dass es gut kommt, wenn ich mich von nun an so strikt wie möglich daran halte. Klar wird es immer mal wieder grössere Ereignisse in der Welt geben, die von mir aufgenommen werden “müssen”, aber das darf nicht mehr der Normalfall sein. Ich bestimme, was mich bewegt und nicht die Welt da draussen.

Geboren um zu Leben

Seit ich diesen Gedanken aufgenommen habe, erlebte ich ein paar Tage in überraschender Ruhe. Es kommt mir vor, als würde ich mit jedem Unrat den ich von mir werfe etwas mehr von mir finden. Immer wieder flüstere ich mir ins Ohr: “Ich muss überhaupt nichts” und immer wieder fühle ich wie gut es tut, loszulassen.

Ich will, dass endlich wirklich meine Zeit kommt, dass ich selbstbestimmt mein Leben lebe. Ich will Cello üben, zwischendurch mal ein Computerspiel machen, endlich wieder vermehrt Bücher lesen, endlich mal wieder Waldspaziergänge, wieder vermehrt Musik hören und nicht zuletzt schreiben, was in mir aufleuchtet.

Es ist höchste Zeit, loszulassen und mich nun wirklich ganz freizulassen……..

so und jetzt wird’s Zeit für die sonntägliche Badewanne :-)

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