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Catwalk am Gate – Freiheit ist nicht selbstverständlich

Manchmal geschehen Dinge, die eigentlich total schön sind aber trotzdem in der Lage sind, Wunden aufzureissen und Stürme zu entfachen. So ein Exemplar ist mir diesen Dienstag mal wieder begegnet und es lehrte mich mal wieder, wie nah sich doch Freude und Leid sein können. Das Gute daran war, dass mir dramatisch vor Augen gehalten wurde, wie frei und mit mir ganzheitlich im Reinen ich bin – das Unangenehme war, dass mir genauso dramatisch in Erinnerung rief, dass es eigentlich ein Armutszeugnis für diese Welt ist, dass diese Freiheit überhaupt gefeiert werden muss und nicht selbstverständlich ist………….. ach kommt einfach mal mit, nach vorgestern…………….

Es ist diesen Dienstag Morgen so um Acht in Hamburg, ich sitze am Gate, lese ein eBuch, in dem es gerade um die Stigmatisierung von transsexuellen Menschen geht. Um mich herum um an die hundert Leute, die alle gelangweilt in Richtung Gateeingang gucken. Da erklingt eine Stimme über Lautsprecher: “Frau Diana …….., bitte am Gate-Schalter C05 melden”. Diana? Ja hallo, das bin ich *staun* – ich steh auf, stöckle wie auf dem roten Teppich quer durch die Gatehalle, ziehe dabei die Aufmerksamkeit des halben Gates auf mich. Mit jedem Schritt wird mir bewusster, wie sehr ich doch angekommen bin im Leben, wie sorgenfrei doch selbst so eine skurile Situation ist, in der ich unversehens im Mittelpunkt der globalen Aufmerksamkeit lande. Es stellte sich raus, dass ich doppelt im Computer drin war (VIP und so), das klärte sich schnell und ich stöckelte wieder rückwärts. Ich setzte mich hin, genoss dieses Bewusstwerden eines Wunders, das ich so lange für eine Utopie hielt. Ich war einfach ich selbst, Frau Diana…….

….. und immer mehr wurde mir bewusst, was ich nur zu oft vergesse: das war nicht immer so!

Noch vor weniger als einem Jahr hätte ich bei dieser Gelegenheit Blut geschwitzt. Diese Vorstellung muss man wirklich mal etwas wirken lassen, das ist Grusel pur. Eine Halle mit hundert Leuten, die gelangweilt an einen Schalter starren – ein “Herr” wird aufgerufen an ebendiesen Schalter zu gehen – und ich, und zwar nur ich, stehe auf und stöckle an den Schalter? Mir wurde echt anders bei dieser Vorstellung und es erinnerte mich an nicht ganz so wilde aber dennoch genug schmerzliche Erlebnisse wie beispielsweise damals, als ich am Unispital im vollen Wartezimmer mit männlichem Namen aufgerufen wurde…….

….. und immer drängender und quälender wurde die Frage, warum in aller Welt die Welt von uns so einen Spiessrutenlauf abverlangt. Die Autorin des obgenannten Buches hat Recht wenn sie schreibt, dass es wohl nur wenige Minderheiten gäbe, die derart entrechtet und damit entmenschlicht werden. Ich übertreibe? Achja? Na dann kommt nochmal mit, ins Kino des Lebens……..

Da geht eine Frau zum Arzt, die nicht ihrem Geschlecht entsprechenden Geschlechtsmerkmale hat und bittet darum, dass ihr Körper wenigstens so gut es geht ihrem Geschlecht angeglichen wird. Obwohl man weiss, dass Transsexualität biologische Ursachen hat, erklärt man diese Frau zuerst zum persönlichkeitsgestörten Mann, der eine Frau sein wolle und sagt dieser zum Mann erklärten Frau, sie solle jetzt erst mal ein Jahr lang so tun als ob sie eine Frau wäre – erst dann würde man medizinische Hilfe gewähren, die ebendieses “Leben als Frau” auch erst möglich
macht.

Und als Tüpfchen auf dem I wird die Vornamens- und Personenstandsänderung erst nach Abschluss aller medizinischen Massnahmen ermöglicht. Lebe unter dem Namen Diana, aber behalte Ausweispapiere die auf einen männlichen Namen lauten? Wie bekloppt ist das denn? Da muss man eine Frau wirklich erst zum gestörten Mann erklären bevor man so einen Quatsch mit einem mündigen Menschen machen kann.

Wie in aller Welt kommt das System einer Gesellschaft dazu, darüber entscheiden zu wollen, wer oder was ich bin? Wenn ich die tiefsitzende Gewissheit um mein Geschlecht habe, dann hat doch nicht sonst jemand darüber zu entscheiden, ob ich nun wisse wer ich sei – was soll der Scheiss? Warum sind transsexuelle Menschen die Einzigen, die sich selbst erst beweisen müssen, bevor man sie ernst nimmt?

Und wem – frage ich mich da – dient es, wenn man transsexuellen Menschen den eh schon schier unbegehbaren Weg noch mehr mit Scherben bedeckt? Was genau will eine Gesellschaft schützen, die einer Frau 2-3 Jahre lang die Identität verweigert, ihr aber vorschreibt, sie müsse zum Erhalt dieser Identität zuerst in eben dieser nicht gewährten Identität leben? Was für eine gagaistische Logik ist das denn?

Und wie kann man sich einreden, ein Mensch sei frei und selbstbestimmt, wenn man einem die Entscheidung über die Frage wer man selbst ist verweigert?

Ich bin sowas von froh, dass ich diesen ganzen Irrsinn hinter mir habe, das wurde mir bei dieser Gelegenheit wieder mal extrem bewusst. Und doch erschreckt mich das Ausmass an Abscheu die in mir aufkommt, wenn ich an diese Zeit zurück denke, in der man mir das Leben um soviel schwerer gemacht hat – um mir zu helfen – weil sie ja nicht wüssten, ob ich wirklich weiss, wer ich bin.

Ganz schön schräg, nicht?

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