Politically incorrect since 1966

Entrechtete Transsexuelle – wer bestimmt das Geschlecht?

Seit drei Monaten blödle ich nun schon mit Gerichten und Ämtern rum, um meine Vornamens- und Personenstandsänderung durchzukriegen, keine Hürde die ich überwinde ohne dass weitere Hürden auftauchen. Selbst jetzt, nachdem ich ein rechtsgültiges Gerichtsurteil in den Fingern habe, konnte ich meinen Ausweis nicht bestellen, weil irgendwelche tausend Ämter noch nicht ihren Segen dazu gegeben haben. Und das macht mich langsam aber sicher echt sauer und es ruft mir mal wieder ins Bewusstsein, dass ich nicht nur seit drei Monaten mit diesen Ämtern den Kasper mache sondern seit zwei Jahren faktisch entrechtet bin und dass dieser ganze Blödsinn nicht nötig wäre, wenn transsexuellen Menschen die europäischen Menschenrechte gewährt würden, die wir eigentlich ratifiziert haben. Höchste Zeit, mal wieder Tacheles zu reden.

Das Geschlecht kann NIE zugewiesen werden
Wenn man die medizinischen Fakten anerkennt, dann bleibt einem nichts Anderes als festzustellen, dass das Geschlecht eines Menschen nicht zugewiesen werden kann. Weder das genetische Geschlecht noch das genitale Geschlecht noch das gonodale Geschlecht und erst Recht nicht das Hirngeschlecht können von aussen her eindeutig und zu 100% zugewiesen werden. Das genitale Geschlecht ist nicht immer verlässlich, bei intersexuellen Menschen (Zwitter) gilt es in vielen Fällen sogar faktisch als unzuweisbar und auch das genetische Geschlecht ist nicht in allen Fällen klar zuweisbar, es gibt beispielsweise Frauen mit XY Chromosom oder Menschen mit XXY Chromosom, eine hundertprozentige Sicherheit gibt es da nicht. Es gibt nur eines was absolute Sicherheit bietet und unveränderlich ist, die Gewissheit der betroffenen Person um das eigene Geschlecht. Es können tausend Ärzte tausend Untersuchungen machen, sie werden nie mit absoluter Sicherheit ein Geschlecht zuweisen können. Im Gegensatz dazu haben Menschen von Kindheit an die feste Gewissheit um das eigene Geschlecht.

Die Gewissheit um das eigene Geschlecht
Gerade der menschenverachtende Umgang mit intersexuellen Menschen hat in erschreckender Weise gezeigt, dass die Gewissheit um das eigene Geschlecht durch nichts veränderbar ist. Man hat jahrzehntelang Menschen “mit nicht zuweisbarem Geschlecht” kurz nach der Geburt genitalverstümmelt, hat ihnen ein Geschlecht zugewiesen, sie diesem Geschlecht entsprechend benannt und bekleidet, sie diesem Geschlecht entsprechend erzogen und wenn alles nichts nützte sie mit menschenunwürdigen Verhaltenstherapien weichgekocht. Alles hat nichts genützt, die Betroffenen behielten die Gewissheit ihres Geschlechts. Was man in der psychologischen Fachsprache als “Geschlechtsidentität” benennt, ist schlussendlich nichts Anderes als das Geschlecht selbst und das ist so tief verankert, dass weder Chromosomen noch Genitalien noch Geschlechtszuweisungen etwas daran ändern.

Wer bestimmt das Geschlecht?
Wenn wir also davon ausgehen müssen, dass es keine sichtbaren und messbaren Kriterien gibt, mit denen das Geschlecht eines Menschen von aussen her mit abschliessender Sicherheit zugewiesen werden kann und wenn wir weiters davon ausgehen, dass die Gewissheit um das eigene Geschlecht von klein an feststeht und unveränderlich ist, wie in aller Welt kommen wir dann dazu, dass transsexuelle Menschen sich fremdbestimmen lassen müssen? Wenn ich als betroffene Person das einzig verlässliche Kriterium bin für meine eigene Geschlechtszuweisung, warum brauche ich dann jahrelange Therapieprozesse, Begutachtungen und Gerichtsurteile um mir bestätigen zu lassen, was ich längst weiss?

Menschenrecht auf Selbstbestimmung
Die europäischen Menschenrechte fordern ein Recht auf Selbstbestimmung für alle Menschen, die Schweiz hat diese Konventionen ratifiziert und übernommen. Obwohl ich Anspruch hätte auf das Recht auf Selbstbestimmung und obwohl ich die einzige Person bin, die mein eigenes Geschlecht mit Sicherheit bestimmen kann weil nur ich selbst weiss, wer und was ich bin, trotzdem wird mir diese Selbstbestimmung verweigert. Anstelle echter Selbstbestimmung war ich gezwungen, mich gegen meinen Willen von psychiatrischen Gutachtern begutachten zu lassen, man verweigerte mir ein Jahr lang medizinische Hilfe weil man einen sogenannten Alltagstest forderte, so als ob ich nicht genau wüsste, welchem Geschlecht ich angehöre. Ich musste mir während eines Jahres Begutachtung eine Psychopathologisierung erarbeiten, damit ich überhaupt eine rechtliche Anerkennung bekomme. Um es deutlicher zu sagen: Um als die Frau die ich bin anerkannt zu werden, muss ich mich zuerst mit einer langen Begutachtung zu einem persönlichkeitsgestörten Mann erklären lassen, bis ich meinen Personenstand meinem Geschlecht anpassen darf – was ist das denn für eine bekloppte Logik?

Entrechtung durch Psychopathologisierung
Die Grundlage zur Entziehung der Menschenrechte basiert auf der Psychopathologisierung von transsexuellen Menschen. Man entmündigt sie, weil man ihnen unterstellt, sie seien gestörte Menschen und zur Diagnose einer Geisteskrankheit bräuchte es halt entsprechende Abklärungen. Man will sicher sein, dass “dieser Mann wirklich eine Frau sein will”. Diese Sichtweise ist längst widerlegt, darüber habe ich oft genug in meinem alten Tagebuch geschrieben. Wir wissen heute, dass die geschlechtsbestimmenden Hirnregionen von transsexuellen Menschen von Grösse und Neuronendichte her dem Geschlecht entsprechen, das sie für sich in Anspruch nehmen. Eine transsexuelle Frau ist also kein Mann der eine Frau sein will sondern eine Frau mit Genitalien, die vom eigenen Geschlecht abweichen. Trotz der überwältigenden Faktendichte hält die Psychiatrie-Lobby nachwievor an ihrem veralteten Weltbild fest und lässt Betroffene weiterhin eine Odyssees von Begutachtungen, Behandlungsstandards und entwürdigenden Diagnosen durchlaufen. Während dieses ganzen Prozesses bleiben Betroffene entrechtet, die Anerkennung ihres Geschlechts wird verweigert.

Klartext
Um es mal zusammenzufassen, wir haben angeblich selbstbestimmte Menschen, die ganz genau wissen welchem Geschlecht sie angehören, wir haben keinerlei Möglichkeiten, das Geschlecht von aussen bestimmen zu lassen, weil weder Chromosomen noch Genitalen eine 100%-ige Zuweisung erlauben. Und wenn die Fremdzuweisung nicht mit der Selbstwahrnehmung übereinstimmt, ignoriert man das einzig unumstössliche Kriterium für eine Geschlechtszuweisung, zwingt Betroffene in einen mehrjährigen Albtraum quer durch sogenannte Behandlungsstandards, erklärt sie zu persönlichkeitsgestörten Menschen um dann irgendwann vielleicht so gnändig zu sein, sie als gestörte Männer ein Leben als Frau leben zu dürfen – oder umgekehrt.

Ich bin eine Frau, war es immer und werde es immer sein. Aber ich wurde erst als Frau anerkannt, nachdem ich mich zum gestörten Mann erklären liess, nachdem ich eine psychiatrische Begutachtung über mich ergehen liess obwohl es sich hier nicht um eine psychische Störung handelt und last but not least selbstverständlich (verfassungswidrig) sterilisiert war, weil es ja achso tragisch wäre, wenn transsexuelle Menschen sich vermehren könnten.

Ehrlich gesagt, ich wüsste nicht, wie man einem Menschen der unsäglich schweres Leid durchmachen musste, noch mehr schaden könnte – und ich wüsste nicht, wie man einem leidenden Menschen noch mehr Würde entziehen könnte.

Es entzieht sich vollständig meinem Verständnis, wie ich auf die abstruse Idee kommen könnte, ich wäre besser in der Lage das Geschlecht eines Menschen zu bestimmen als dieser Mensch selbst. Und es bringt mich an den Rand des Verstands bei der Frage, was für ein Teufel mich reiten müsste, damit ich jemandem das Geschlecht entgegen seinem eigenen Selbstverständnis zuweisen würde.

Noch mehr Klartext
Ich weiss nicht wie ich die dahinterliegende Tragik begreiflich machen soll, denen die nie in so einer Situation waren. Aber stell Dir mal vor, man würde Dir Dein Geschlecht absprechen. Stell Dir vor Du müsstest nun Dein Geschlecht beweisen, indem Du ein Jahr lang diesem Geschlecht entsprechend lebst ohne dass man Dir hilft, Dich währenddem analysieren und begutachten lässt, Dich schlussendlich zum gestörten Angehörigen des anderen Geschlechts erklären lässt und dann sterilisieren lässt – um zu bewiesen dass Du Deinem Geschlecht entsprichst……. würdest Du dann noch glauben, Du hättest ein selbstbestimmtes Leben?

Und wenn ich mir noch ein wenig mehr Klartext erlauben darf:

Müssen transsexuelle Menschen wirklich bis auf den letzten Blutstropfen ausgeblutet werden, bis man ihnen etwas Menschenwürde zuspricht?

Einen Kommentar schreiben

Please copy the string SjH5wF to the field below:

Copyright © 2017 by: A girl called Diana • Template by: BlogPimp Lizenz: Creative Commons BY-NC-SA.