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“Geschlechtsumwandlungen” bleiben im Leistungskatalog

“Unnötige medizinische Massnahmen” wie “Geschlechtsumwandlungen” und Abtreibungen sollen aus dem Leistungskatalog gestrichen werden, forderte SVP-Nationalrat Peter Föhn in einer Motion, gefolgt von einer Meute “christlich-konservativer Politiker”, die das gleich mit einer Volksabstimmung durchsetzen wollen. Während Zweiteres noch aussteht, wurde Ersteres nun im Nationalrat mit 81 zu 67 Stimmen bei 6 Enthaltungen abgelehnt, nicht zuletzt weil es ein Verstoss gegen die europäische Menschenrechtskonvention wäre. Soweit gute Neuigkeiten für Betroffene, für die geschlechtsangleichende Massnahmen die einzige Überlebenschance sind. Trotzdem hinterlässt diese Episode einen bitteren Nachgeschmack, in Anbetracht davon, dass unsere sogenannt bürgerlichen Politiker überhaupt auf diese menschenverachtende Idee kamen und wie sie dabei argumentierten. Und es ist eindrücklich, dass einzig die SVP kollektiv dafür war, dass man transsexuellen Menschen zukünftig notwendige medizinische Leistungen verweigert.

Es gibt keine Geschlechtsumwandlungen

Beginnen wir kurz mit der Terminologie: Niemand wandelt sein Geschlecht um, das ist nicht möglich und wird auch kaum von jemanden gewollt. Es zeigt sich bereits in dieser Wortwahl, dass die Initiatoren sich nie ernsthaft mit diesem Thema beschäftigt haben. Transsexuelle Menschen ändern nicht das Geschlecht sondern passen das Äussere dem eigenen Geschlecht an. Die Gewissheit um das eigene Geschlecht ist unumstösslich und in der Hirnanatomie unveränderbar festgelegt, aber der Rest des Körpers hat sich nicht in dasselbe Geschlecht entwickelt wie “das Ich”.

Unnötige medizinische Leistung?

Transsexualität führt zu einem unvorstellbaren Leidensdruck, Betroffene gehen psychisch und emotional zugrunde und überdurchschnittlich viele begehen früher oder später Suizid. Transsexuellen Menschen kann nur auf eine Weise geholfen werden, mittels Hormontherapie und genitalangleichender Operation. Deshalb wurde “Transsexualismus” auch von der Weltgesundheitsorganisation als Krankheit eingestuft und ist infolgedessen im Leistungskatalog der Grundversicherung eingeschlossen. Entgegen weit verbreiteter Vorstellung ist Transsexualität kein selbst gewählter Lifestyle sondern ein Leben mit unerträglichem Leidensdruck. Durch diese geschlechtsangleichenden Massnahmen stabilisiert sich der Gesundheitszustand der Meisten erheblich, was längerfristig zu Kostenmilderung führt, weil deutlich weniger Folgekrankheiten entstehen.

Kostenübernahme durch Krankenkasse?

Dabei werden gerne wirrste Zahlen herumgereicht, 80-100’000 Franken soll eine “Geschlechtsumwandlung” kosten. In Wirklichkeit belaufen sich die Kosten der genitalangleichenden Operation beispielsweise am Zürcher Universitätsspital auf weniger als 20’000 Franken inklusive dem zweiwöchigen Spitalaufenthalt. Darauf folgt noch eine kleine Operation und ein paar Nachuntersuchungen, insgesamt dürfte es um die 30’000 Franken sein für die gesamte Behandlung. Die Hormone die dann zeitlebens noch gebraucht werden, sind so günstig, dass man damit nicht mal die Franchise überschreitet, fallen also nicht mehr ins Gewicht. In Anbetracht davon, dass nicht behandelte Transsexualität zu umfangreichen Folgeerkrankungen und damit hohen Kosten führt, ist eine Nichtbehandlung deutlich kostspieliger. Wenn ich mich selber als Fallbeispiel nehme, dann hatte ich vorher fast ein Jahrzehnt wöchentlich eine Psychotherapiestunde zu 160 Franken. Seit Abschluss meiner “Transition” gehe ich noch alle 2 Monate einmal, weil’s mir einfach gut geht im Gegensatz zu den vier vorherigen Jahrzehnten.

Sexuelle Verstümmlung und Suizid?

Bei Geschlechtsumwandlungen würden Menschen sexuell verstümmelt,
und viele nähmen sich später das Leben.
(Doris Fiala)

Erschreckende Unwissenheit demonstrierte FDP-Nationalrätin Doris Fiala mit obigem Zitat. Wenn Menschen nach jahrzehntelangem Leiden dank genitalangleichener Operation leidensfrei sein können – und das geschieht in der Regel – dann ist es einfach zynisch, da von sexueller Verstümmlung zu reden, das ist einfach absurd in Anbetracht der Lebensrealität transsexueller Menschen. Dr. Udo Rauchfleisch, der am Basler Universitätsspital über hundert Transsexualitätsbetroffene behandelt hat, schreibt in seinem Buch “Transsexualität – Transidentität“, dass von all denen nur eine Betroffene diese Behandlung bereut hat, allen Anderen würde es bedeutend besser gehen. Dasselbe gilt für den Suizid-Mythos. Das Suizidrisiko nimmt in der Regel deutlich ab, weil Betroffene erstmals mit sich im Reinen sind und eine “Behinderung” weggefallen ist. Um es deutlicher zu sagen: Wäre diese unsägliche Motion angenommen worden, wäre die Suizidrate in Zukunft garantiert deutlich höher – eine Annahme hätte Menschen in den Tod getrieben!

Aber immerhin gibt es auch im Parlament ein wenig Restvernunft, wie aus dem Einspruch von Margret Kiener-Nellen zu entnehmen ist:

Als Anwältin begleite ich, mit den entsprechenden rechtlichen Massnahmen und Verfahren, seit fast dreissig Jahren solche Geschlechtsumwandlungen. Ich kann bestätigen, dass diese Klientinnen und Klienten mit den Operationen alle sehr glücklich und zufrieden sind. Den Tatbestand, den Frau Fiala angesprochen hat, kenne ich nicht. Meine Frage haben Sie vielleicht schon beantwortet: Gibt es dazu Langzeitstatistiken? Meines Erachtens gibt es das nicht. Ich wüsste auch nichts von einer erhöhten Suizidrate bei diesen Personen.

(Margret Kiener-Nellen)

Wer bestimmt den Krankheitswert?

Ich finde es ehrlich gesagt erschreckend, dass Politiker sich plötzlich Rosinen aus dem Leistungskatalog picken und bestimmen wollen, welches Leiden Krankheitswert hat, was behandlungswürdig ist und überhaupt, was Krankheit ist. Aber ist es Aufgabe der Politiker, Diagnosen zu stellen und Behandlungen festzuschreiben oder ist es nicht Aufgabe von Wissenschaft und Medizin, das festzulegen? Die Weltgesundheitsorganisation WHO bestimmt, was als Krankheit gilt und was für Behandlungen angebracht sind. Dabei stützen sie sich auf medizinisches Wissen. Was als Krankheit gilt, ist vorallem vom Leidensdruck abhängig, der ist bei Transsexualität gegeben.

Schwarzpeter-Spiele der Bürgerlichen?

Wenn man bedenkt, dass mit dieser geplanten Hilfeverweigerung in Anbetracht der wenigen Fälle nicht mal ein Promille der Krankenkassenprämien eingespart würden, fragt man sich schon, was für Schwarzpeterspiele da gespielt werden in Bundesbern. Parallelimporte, die zu tieferen Medikamentepreisen geführt hätten und ein riesiges Sparpotential im Milliardenhöhe gewesen wäre, wurde von den sogenannt Bürgerlichen lange bekämpft. Muss man hier wieder mal ein schwarzes Schaf postulieren und schlachten um zu zeigen, dass man doch irgend etwas tut für tiefere Krankenkassenprämien? Wenn ich dann noch erlebe, dass die Initiatoren dieser Alibiübung auf Kosten Anderer nicht mal wissen worum es eigentlich geht und was sie da fordern – und warum – dann gibt mir das schon arg zu denken. In beispielhafter Weise demonstrierte das Peter Föhn anlässlich eines Rundschau-Interviews, als er den Grund für seine Motion wiefolgt zu erklären versuchte……. o-Ton, kann hier auf 6:00 Minuten mitgehört werden……..

Die Geschlechts…….äh…. Umwandlungen streiche ich vorallem auch….. dann…….. nach ähmä???…… pffff, ja vielleicht….. ein ethischer Hintergrund….. ein…… religiöser Hintergrund für mich haben…… bei dem ich sage: ist das wirklich notwendig……. und ich stelle als Politiker jetzt einfach diese Frage laut in den Raum.
(Nationalrat Peter Föhn)

Ich war echt erschüttert, als ich dieses Interview sah, dieser Mann erklärt, warum er Menschen wie mir das Leben verweigert und hat so eine unbeholfene Erklärung dafür – ethischer Hintergrund – ja, das Überleben Betroffener steht auf dem Spiel………. danke an die Parlamentsmehrheit, dass sie dieses Spiel nicht mitgespielt haben.

Diskussion im Parlament: Wortmeldungen

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