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Hormontherapie und Thrombose – gut gemeint ist halb tödlich

Dieser in meinen letzten zwei Blogbeiträgen (Teil 1 / Teil 2) beschriebene Gesundheitsrausch steht wie erwähnt im Dienst einer Reduzierung des Zucker- und Cholesterinpegels resp. einer Reduktion des Nikotinpegels – all das um das Thromboserisiko möglichst gering zu halten, weil meine Endokrinologin meinen Östrogenpegel zu tief hält, weil sie eben das Thromboserisiko möglichst tief halten möchte. Ihre Devise ist: wegen dem Rauchen hab ich eh schon ein massiv erhöhtes Risiko, die Östrogene die ich bekomme erhöhen das Risiko ebenfalls und sowohl ein erhöhter Zuckerpegel als auch erhöhte Cholesterinwerte erhöhen das Thromboserisiko grad nochmal. Das alles war ihr zuviel des Guten und deshalb lautete der Plan: mehr Östrogene gibt’s erst wenn Zucker/Cholesterin tiefer liegen. Klingt logisch, klingt vernünftig, ist aber wie ich diese Woche rausfand alles kompletter Blödsinn. Es ist zwar sicher gut, wenn ich Zucker, Cholesterin und Nikotin möglichst tief halte, daran will ich auch weiter arbeiten, aber ihre Logik beisst sich in den Hintern, weil sie offenbar einmal mehr von falschen Annahmen ausgeht…….. und jetzt wirds wirklich real-satirisch……..

Zu tiefer Östrogenpegel ist massiv gesundheitsgefährdend

Halten wir uns als Erstes vor Augen, dass ein zu tiefer Östrogenpegel längerfristig zu Oestoporose führt, also die Knochen brüchig werden. Weiters führt eine Unterdosierung zu Haarausfall, schädigt die Schilddrüse und vieles mehr. Und es macht chronisch müde, was die Lebensqualität auch nicht rad fördert. Diese Woche habe ich mich mal wieder schlau gemacht und mich durch diverse neuere Studien zu dem Thema gewühlt – was ich fand, liess mir das Blut in den Adern gefrieren, echt. Folgende Erkenntnisse kamen auf den Tisch:

Hormontherapie mit Östrogenen bewirkt vierfaches Thromboserisiko – oder auch nicht

Östrogene die bewirken ein vierfaches Thromboserisiko, stimmt, aber nur, wenn es oral eingenommen wird, wenn man es über die Haut aufnimmt, erhöht sich das Risiko nicht auf 400% sondern auf 120%, also nahezu gar nicht. Bizarr daran ist, dass die meisten Ärzte Frauen in der Menopause Pillen verschreiben, somit also ein 4-faches Thromboserisiko in Kauf nehmen, obwohl das nicht nötig wäre. Noch bizarrer ist, dass ich mehrmals insistieren musste, bis mir meine Endokrinologin endlich Hormonpflaster gab. Sie wusste zwar, dass Pflaster die Leber im Gegensatz zu Pillen nicht belasten, dass sich damit auch das Thromboserisiko reduziert, wusste sie nicht. Ich hab ihr das damals gesagt, sie konnte es kaum glauben, aber selbst ich wusste nicht, dass Pflaster nicht nur ein geringeres Risiko sind sondern nahezu gar keins.

Zu tiefes Östrogen erhöht Zucker- und Cholesterinwerte

Der Oberhammer kommt aber noch. Wie ich herausfand, bewirkt ein zu tiefer Östrogenpegel unter Anderem einen Anstieg des Blutzuckers und des Cholesterins. Wie bitte? Halllllooooooooooo? Ein zu tiefer Östrogenpegel bewirkt einen Anstieg von Zucker/Cholesterin und meine Endokrinologin will meinen zu tiefen Östrogenwert nicht erhöhen solange diese Werte zu hoch sind? Das kann nicht wirklich ernst gemeint sein, ich fass es nicht.

Progesteron ist ein wichtiger Partner fürs Östrogen

Nächster Quatsch: Seit langer Zeit raten mir diverse andere transFrauen aus Erfahrung, dass ich nebst Östrogen auch Progesteron brauche, weil diese zwei Hormone zusammen arbeiten und ein einseitiger Anstieg wie in meinem Fall zu einer “Östrogendominanz” führt. In der offiziellen Arztliteratur heisst es aber, dass Östrogen/Progesteron Kombitherapien das Thromboserrisiko zusätzlich erhöhen. Am Unispital heisst es, wir transFrauen würden das nicht brauchen, Progesteron sei nur für die Schwangerschaft. Joh klar, kifft weiter! Ein kurzer Blick ins Web zeigt, dass Progesteron etwa ein Dutzend Veränderungen bewirkt, es regelt eine Vielzahl von körperlichen Komponenten bis hin zur einer positiven Beeinflussung des Cholesterins. Und wenn der weibliche Hormonhaushalt primär durch zwei Hormone geregelt wird, ist es ein Gebot der Vernunft, dass man nicht nur eins davon hochschraubt. Der Witz am Ganzen ist aber nun, dass dieses erhöhte Thromboserisiko nur dann eintritt, wenn man die weit verbreiteten synthetischen Progestine nimmt, nicht jedoch wenn man sogenannt bio-identisches Progesteron nimmt.

Fazit: kaum ein thromboserisiko wenn Endokrinologen ihren Job richtig machen

Lediglich als Beispiel hier drei der neusten Studien, die sich mit dem Risikopotential von Hormontherapien beschäftigten, es gäbe noch eine Reihe mehr in dem Stil, aber als erste “Beweisführung” dürfte das mal reichen:

Transdermal estrogens may be safe when they are administrated alone or along with micronized progesterone but not with norpregnane derivatives. By contrast, oral estrogens are associated with an increased thrombotic risk irrespective of the presence of concomitant progestogens.
http://atvb.ahajournals.org/content/30/2/340.long

Our data confirm that oral but not transdermal estrogen increases VTE risk among postmenopausal women. In addition, these data show that micronized progesterone and pregnane derivatives may be safe with respect to thrombotic risk. Furthermore, our results suggest that norpregnane derivatives are thrombogenic.
http://circ.ahajournals.org/content/115/7/840.long

Recent data confirmed the safety of the transdermal route of estrogens administration in postmenopausal women requiring treatment. In addition, epidemiological data showed that use of concomitant progestins could increase VTE risk compared with progesterone use. Finally, results of a meta-analysis showed that the VTE risk increased with doses of oral estrogens.
http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0049384811700081

Fazit: Östrogen erhöht das Risiko, ausser man nimmt es über die Haut ein. Progestine erhöhen das Risiko, nicht jedoch Progesteron. Grob nach Adam Riese heisst das, wenn ich Östrogenpflaster und richtiges Progesteron nehme, gehe ich keine nennenswerten zusätzlichen Risiken ein, habe dafür dann aber einen Hormonhaushalt, der im Wesentlichen dem entspricht, was er haben soll.

Neuer Arzt – neue Hoffnung

All das hat mich dazu bewogen, nun definitiv meinen Arzt zu wechseln und dort wurde mir das Meiste von dem was ich grad beschrieben habe bestätigt. Er war auch der Ansicht, dass meine Hormone deutlich zu tief dosiert sindd (ich krieg nun das Doppelte), ausserdem stand er Kopf als ich sagte, am Unispital hätte man nie gemessen, wieviel Hormone ich im Blut habe, er war genauso fassungslos wie ich. Nicht einig wurden wir was Progesteron anbelangt, aber vielleicht finden wir da doch noch einen gemeinsamen Nenner. Nun läuft es so, dass ich per sofort die doppelte Östrogendosis habe und in 2 Wochen machen ich nochmal einen Bluttest, diesmal aber richtig. Dann werden wir aufgrund dieser Daten entscheiden, wie es weiter geht. Auf jeden Fall fühle ich mich erstmals von einem Arzt ernst genommen und bin zuversichtlich, dass das Ganze längerfristig gut kommt. Wenn ich genug Erfahrungen gesammelt habe, werde ich zum Thema Hormontherapie mal was Grösseres schreiben, das scheint überfällig zu sein.

5 Reaktionen zu “Hormontherapie und Thrombose – gut gemeint ist halb tödlich”

  1. Vanita Cabral

    Ich bin diejenige, die seit 2006 die benötigten Umbrüche in der Endokrinologie hilft, herbeizuführen.
    Mit einem gewissen Erfolg, wie man sieht.

    Leider werde ich von den Betroffenen, die die Aufgabe hätten, die Informationen zu den Medizinern zu tragen und vor Ort zu argumentieren, mehr behindert, als von den Fachleuten an den Enden der Peer-Group selbst.

    Daher meine erneute Bitte:

    Lest euch bitte ein, entwickelt dabei Medien-Kompetenz, lest euch mit dieser Medien-Kompetenz erneut ein, lernt Unsinn von fundierten Aussagen zu unterscheiden, lernt in unterschiedlichen Gewebetypen und Zellen (und nicht nur in ganzen individuellen Körpern) zu denken, lernt, die Stoffe im Zusammenhang zu sehen und ganzheitlich zu denken

    und lehrt die Endokrinologen, wie man es richtig macht.

    Jeder Diabetiker muss lernen, mit seinen Replenishments selbst umzugehen.

    Für uns gilt das sogar in verstärktem Maße.

    vc

  2. Ina

    Dass, hast du richtig gemacht, den Arzt zu wechseln! Ja und wenn, der jetzige nicht Spurt, dann würde ich zum nächsten gehen, und zwar zum Frauenarzt.
    Gut dass ich noch nie einen Mist Endokrinologen gesehen habe…

    Wenn ich was nicht mag, dann sind es Akademisierte Klugscheißer, die als “Halbgötter in Weiß” betrachtet werden wollen und einen für Dumm verkaufen wollen.

    Der Oberhammer kommt aber noch. Wie ich herausfand, bewirkt ein zu tiefer Östrogenpegel unter Anderem einen Anstieg des Blutzuckers und des Cholesterins. Wie bitte? Halllllooooooooooo? Ein zu tiefer Östrogenpegel bewirkt einen Anstieg von Zucker/Cholesterin und meine Endokrinologin will meinen zu tiefen Östrogenwert nicht erhöhen solange diese Werte zu hoch sind? Das kann nicht wirklich ernst gemeint sein, ich fass es nicht.
    Hammer, die will dich wohl Veraschen?

    Auch von der verbreiteten Thrombose-Hysterie, die Ärzte so verbreiten, halte ich nichts. Damit wollen die “Halbgötter” wohl vor allem die eigene Wichtigkeit untermauern. ( Auf Kosten unserer Gesundheit) Das basiert alles nur auf Studien – Statistiken. Wie heisst es so schön?
    Traue nie einer Statistik, die du nicht selber gefälscht hast.

  3. Diana

    Mit viel Verspätung komme ich endlich dazu, die längst überfälligen Kommentare zu beantworten…….

    @Vanita Cabral: Da hast Du natürlich Recht, wir müssen uns schlau machen und die Fachleute auf Kurs bringen. Aber das scheint mir schwierig bis unmöglich. Wir, die Betroffenen, sind keine Experten und können vieles nicht wirklich beurteilen. Das Lesen und Verstehen von Studien überfordert mich regelmässig, weil mir einfach die medizinischen Grundkenntnisse fehlen. Und selbst wenn ich es verstehe, fällt es mir schwer das den Fachleuten klar zu machen, weil die ja glauben, sie wüssten Bescheid und ich als Laie ja kaum alles besser wissen kann. Und gerade in der Frage mit den Hormonen weiss eigentlich kein Mensch auf diser Welt, was wir wirklich brauchen würden. Es wäre bitter nötig, dass Betroffene mit Erfahrung sich mit Fachleuten austauschen, damit wir endlich Standards festlegen können, nach denen Ärzte arbeiten können (Zielwerte u.s.w.).

    @Ina: Das mit den Thrombosen darf man nicht unterschätzen, vorallem nicht, wenn man wie ich nikotinabhängig ist. Ich rauche seit dreissig Jahren und komm von dem Dreck einfach nicht los. Und allein aufgrund des Rauchens habe ich schon ein X-faches Risiko für Thrombosen. Ich glaube, dass Ärzte es schon gut meinen, auch meine Ärztin hat da berechtigte Bedenken. Aber wenn sie nicht auf dem aktuellen Stand der Forschung ist und etws für zusätzlich gefährdend hält, das gar kein grösseres Risiko birgt, dann wird ihre Fürsorge gefährlich. In diesem Fall ist es einfach vorallem deshalb bizarr, weil sie mir Pillen verschreiben würde, die tatsächlich das Risiko erhöhen, während sie mir Pflaster, die dieses Risiko nicht erhöhen, zu tief dosiert. Wie dem auch sei, ich bin jetzt endlich gut versorgt, ich denke das kommt gut ;-)

  4. Vanita Cabral

    Manche Ärzte haben das Wort Mangelerscheinung bei zum Beispiel Progesteron und Testosteron bis heute nicht verstanden, wohingegen sie bei anderen Hormonen, wie Vitamin D, Insulin und Estradiol ein Einsehen haben, letzteres dann aber ohne mit der Wimper zu zucken bis zu 8 Mal überdosieren, womit man sich dann nette “Neben”-Wirkungen, dafür aber den Verlust jeglicher Wirkung einhandelt.

    Ganz verrückte Ärzte halten einen AUSGLEICH eines Mangels gar für gefährlich.
    Wären sie darin konsequent, müssten sie auch Atmen, Essen und Trinken verbieten.

    Ein weiterer Kardinalfehler, den ich seit 6 Jahren beobachte, ist, dass Ärzte NUR auf Intervalle
    (von…bis ist alles in Ordnung), nicht aber auf Wirkung, Wechselwirkung mit anderen Stoffen oder gar Zusammenhänge schauen.
    Schlimmer: Sie betrachten beinahe ALLE Stoffe separat.

    Sie sind oft absolut Laborberichts- und Messwert-gläubig und wissen anscheinend nicht, wie viele (Denk-) Fehler man machen kann.
    Die wichtigsten Stoffe zur Beurteilung von enzymatischen Konvertierungsleistungen werden zum Beispiel fast niemals gemessen.
    Die Steroid-Synthese-Schemata und die Abhängigkeiten sind oft unbekannt.

    Laborberichte mit wirklicher Aussagekraft haben extremen Seltenheitswert.
    Nicht einmal die zeitlichen Offsets zwischen letzter Applikation und Messung werden vorgeschrieben, geschweige denn eingehalten.
    Meistens wissen die Ärzte nicht einmal, dass es einen Unterschied macht, ob man Hormone vor 8 Minuten, vor 8 Stunden oder vor 8 Jahren das letzte Mal zuführte.
    Sie machen sich einfach keine Gedanken darüber.

    Dazu kommt die ständige Verfälschung der Laborstatistiken durch Eintragungen von falschen Vornamen, die nicht zur hormonellen Geschlechtskomponente passen, nur weil sie doch so auf der Karte der kranken Kasse stehen, so dass dank unserer Problematik die oberen Hormonwerte für Testosteron und Estradiol immer weiter ansteigen, wodurch alle Patienten benachteiligt werden.
    Durch die Überdosierungen (statt nach oben begrenzender hypothalamischer Regelungen) wird der Aspekt sogar noch verstärkt.
    Auch vermisse ich Ärzte, die eine grundsätzliche pharmakokinetische Einfühlsamkeit aufweisen, oder die Unterschiede zwischen den Applikationsformen (er-) kennen und die damit verbundenen Konversionen.

    Wer diesen Dilettantismus auf alle anderen Bereiche hochrechnet, verschließt völlig automatisch die Augen.

    Das Web ist voll von Millionen von Hilferufen:
    “Hilfe, mein Arzt hat mich jahrelang falsch behandelt”.
    “Hilfe, alle bisherigen Ärzte finden keine Diagnose”.

    Die Art des Medizin-Studiums scheint die Auswendiglerner, die Snapshotter, die mit dem fotografischen Gedächtnis, ideal zur Prüfungsvorbereitung, durch die Filter zu lassen, die Wissenschaftler, die Zusammenhang- und Querdenker werden ob der vielen Widersprüche im Lehrstoff aber eher abgeschreckt.

    Wir bilden wohl die falschen Menschen zu Medizinern aus.

    Man sollte sich aber nicht fragen, wem das nützt, denn die Antwort schadete erneut der Gesundheit.

    vc

  5. Diana

    @Vanita Cabral: danke für die Umfangreichen Schilderungen und Erklärungen, es ist irgendwie schon erschreckend, dass medizinisches Fachpersonal teilweise so hinter der Zeit herdackelt. Gerade diese Geschichte mit der Verabreichungsform von Östrogenen ist einfach Wahnsinn, ich möchte ja nicht wissen, wieviele Todesfälle durch thrombosebedingen Embolien vermeidbar gewesen wären, wenn die Medis trans-dermal verabreicht worden wären.

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