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SF1 Reporter – Von Andreas zu Claudia

Entgegen meinen Erwartungen wurde die Sendung “Reporter: Von Andreas zu Claudia” auf SF1 nicht zum gewohnten Medien-Desaster. Die Dokumentation beinhaltete einige Aufnahmen der zwei bereits bei “Schweiz Aktuell” erschienen Sendungen “Vom Chef zur Chefin” und “Namensstreit in Bern” sowie zusätzliche Aufnahmen.

Die Sendung war im Gegensatz zu anderen bisherigen TV-Produktionen doch überraschend gut, von der Betroffenen wurde seitens der Moderation in der Regel in korrekter weiblicher Form gesprochen, abgesehen von Schilderungen aus der Vergangenheit. Dafür bot diese Sendung vorallem durch die Interviews mit Claudia Meier viele wichtige Informationen, im Speziellen betreffend der Frage um die verweigerten Namensänderungen bei transsexuellen Menschen. Doch so gut so Manches war, so erschreckend war meines Erachtens der Einstieg, denn der Einstieg stellt das Fundament, auf dem der Rest verstanden wird und da wurde eindeutig eine falsche Richtung eingeschlagen.

Guter Inhalt irreführend aufgegleist

Die Sendung begann mit einem moderierten Hintergrundtext, in dem Claudia Meier in der männlichen Form vorgestellt wurde und die alte Mär rezitiert wurde, “er” hätte schon immer eine Frau “sein wollen”. Dass Transsexualität nicht der “Wunsch eines gestörten Mannes” ist sondern die “Gewissheit um das eigene Geschlecht” einer transsexuellen Frau, scheint den Reportern noch nicht klar zu sein, denn diese Fehldeutung wiederholte sich im Verlauf der Sendung. Hätten sich die Reportagemacher mit dem Thema Transsexualität auseinandergesetzt, wüssten sie, dass Transsexualität keine Wunschfrage ist. Warum man eine Dokumentation über so ein Thema macht, ohne sich ernsthaft mit den medizinisch-wissenschaftlichen Hintergründen zu beschäftigen, ist mir irgendwie schleierhaft.

Schon wenige Sekunden später kommt die Betroffene zum ersten Mal zu Wort und stellt gleich klar:

Viele haben das Gefühl: “Jetzt ist sie eine Frau”.
Nein, Frau bin ich immer gewesen!
Ich bin immer Frau gewesen, durfte aber nie aus Frau leben.

Die Moderation fährt fort und tritt gleich ins nächste Fettnäpfchen:
“Biologisch ist die Zweiundvierzigjährige zwar immer noch ein männliches Wesen……”

Entweder hat sich der Reporter wie bereits erwähnt nicht mit dem Thema auseinander gesetzt oder er hält das Gehirn eines Menschen nicht für einen Teil der Biologie. Denn Fakt ist, dass eine transsexuelle Frau eine weibliche Hirnanatomie hat, massgeblich geschlechtsrelevante Regionen des Hypotalamus haben bei transsexuellen Frauen die selbe Grösse und Neuronendichte wie bei nicht-transsexuellen Frauen. Wer bei der Geschlechtsbestimmung das Hirn aus der Biologie ausschliesst, macht den Menschen im wahrsten Sinn des Wortes hirnlos.

Die Moderation fährt mit dem Satz fort:
“…… doch in ihrem 4-Sterne Hotel bewegt sie sich WIE eine Lady…..”

Was heisst da “wie”? Wie ignorant muss man sein, einer Frau zu begegnen, die sagt, sie sei eine Frau und dann über sie zu referieren, sie sei ein männliches Wesen, das sich WIE eine Frau bewegt? Diese Einleitung gab der Sendung eine völlig falsche Richtung, der Moderator scheint von einem verrückten Mann zu reden, der lieber eine Frau wäre und deshalb so tut als wär “er” eine Frau.

Aber so grotesk diese Einleitung auch war, ich habe da schon viel Schlimmeres erlebt, beispielsweise bei obgenannten zwei Sendungen von “Schweiz Aktuell”. Immerhin wurde während der weiteren Reportage meistens in der weiblichen Form von der Betroffenen gesprochen. Trotzdem zeigt sich meines Erachtens, dass die Sendungsmacher mit einer vorgefassten Vorstellung an dieses Thema herangegangen sind und nicht in der Lage waren, ihre vorgefassten Vorstellungen der durch die Betroffene vorgebrachten Realität anzupassen.

Und dieses Schema begegnet mir immer wieder, wenn es um das Thema “Transsexualität” geht. Da hilft es wenig, wenn in solchen Sendungen inhaltlich korrekte Informationen weitergegeben werden, wenn man das Ganze in einen Hyperkontext stellt, in dem man entgegen wissenschaftlichen Fakten verbreitete Falschvorstellungen betoniert. Gerade Medienschaffende müssten sich bewusst sein, dass Worte töten können, wer sich das nicht bewusst ist, sollte nicht in dieser Branche arbeiten. Es sind solche Fehlformulierungen wie “er will eine Frau sein”, die das Fundament legen für die gesellschaftliche Stigmatisierung von transsexuellen Menschen und sie sind der Nährboden, auf dem Transsexualismus-Betroffene diskriminiert oder gemobbt werden, bis hin zur Tötung vermeintlich “gestörter Männer im Rock”.

Einmal mehr bitte ich Betroffene inständig:

Ich bin wirklich froh, dass es Leute gibt die sich für so Sendungen zur Verfügung stellen und noch mehr bin ich froh, wenn Betroffene sich wie in Claudia Meier, Kim Petras oder Balian Buschbaum korrekt “deklarieren”. Aber wenn Ihr so Sendungen mitmacht, dann stellt dabei die Bedingung, dass die Verantwortlichen Eure Terminologien übernehmen. Klärt die Journalisten zuerst auf, was Transsexualität ist und was es nicht ist und stimmt nur zu unter der Bedingung, dass Ihr auch so dargestellt werdet – andernfalls geht der Schuss hinten raus.

An dieser Stelle verweise ich nochmal auf ältere Beitrag zu diesem Thema:
Transsexualität und die Kunst der Selbsterklärung
Rundschau: Transsexuelle, Krankenkasse, Behörden und ein ulkiger Polit-Clown

Namensverweigerung sind Menschenrechtsverletzungen

Der Grund, warum ich trotz der irreführenden Einleitung froh bin um diese Sendung, liegt darin, dass sehr eindrücklich dargelegt wurde, wie grausam unsere Behörden mit transsexuellen Menschen umgehen. In vielen Kantonen lässt man Betroffene zwei Jahre lang hängen, die nicht-menschenrechtskonformen Behandlungsstandards verlangen von Betroffenen, in Form eines sogenannten Alltagstest zwei Jahre lang “in ihrem angestrebten Geschlecht” zu leben, verweigern aber in dieser Zeit die Möglichkeit, die Ausweise entsprechend zu ändern. Claudia Meier hat in guten Beispielen erklärt, was das faktisch bedeutet. Man kommt kaum noch über eine Grenze ohne höchst peinlichen Situationen ausgesetzt zu sein und man wird dadurch gezwungen, unter “falschem Namen” zu leben. Es wird verlangt, dass man im Alltag unter dem neuen Namen auftritt, doch damit macht man sich schlussendlich strafbar, weil man formal-juristisch nicht so heisst. Spätetens bei der Benützung einer Kreditkarte kann das zu grossen Problemen führen, ganz abgesehen davon, dass man beispielsweise im Falle eines Spitalaufenthalts oder bei einer Inhaftierung in der falschen Abteilung landet. Letzteres ist in Deutschland letztes Jahr geschehen, die Betroffene wurde von den Mitinsassen mit Begeisterung empfangen, nach mehrfacher Vergewaltigung wurde sie dann verlegt. Wenn man sich vor Augen hält, dass beispielsweise der Kanton Zug solche Namensänderungen ohne Bedingungen wie Länge der Hormontherapie oder erfolgte Sterilisierung zulässt, dann macht es schon etwas ratlos, dass im Kanton Bern eine Hoteldirektorin, die von Berufswegen auf korrekte Papiere angewiesen ist, solchen Schikanen ausgesetzt ist.

Mediale Desinformation – wenn Medien dazulernen

Nachdem ich diesen Beitrag gestern Abend geschrieben habe, hielt ich ihn noch zurück um heute morgen erst zu schauen, ob eine Zeitung über diese Sendung schreibt. Das geschah zwar nicht, dafür hatte “Der Bund” einen Beitrag über Claudia Meier (Der Tod ist ihr näher als der Weg zurück), der wenn auch nicht perfekt so doch überraschend gut geschrieben ist. Überraschend deshalb, weil der Bund meines Wissens zum gleichen Verlag gehört wie die Bernerzeitung und die hat bereits vier Mal über Frau Meier und im Speziellen über diesen Rechtstreit berichtet und hat (vorallem im letzten Beitrag) transphobe Formulierungen übelster Art verwendet. Ich hab echt null Verständnis dafür, dass ein Journalist gerade beim Thema “verweigerte Personenstandsänderung” rotzfrech von “einem Hoteldirektor” spricht.

Adieu Herr Meier – grüessech Frau Meier
Transsexualität ist nicht ansteckend
Ihr männlicher Vorname ist Geschichte
Transsexualität: Namensänderung braucht Zeit

Dass “der Bund” den Artikel anfängt mit dem Satz: “Claudia Meier war schon immer eine Frau” weckt Hoffnungen, dass auch Medienschaffende lernfähig sind. Ich aber auch andere trans-Aktivistinnen haben beispielsweise die Bernerzeitung/Tagesanzeiger anlässlich solcher Artikel mehrfach über ihre Falschdarstellung informiert, vielleicht hat es ja schlussendlich doch etwas genützt – bleiben wir dran ;-)

UPDATE: Hab wohl nicht gut genug gesucht, dieser Artikel wurde auch auf Tagesanzeiger, Bernerzeitung und Baslerzeitung erschienen, die Hoffnung, dass diese Redaktionen dazulernen, scheint begründet :-)

PS: falls Claudia Meier hier mitliest, Super Foto in diesem neusten Zeitungsartikel…… und danke für Deinen Einsatz

PPS: zur hier gestellten Frage, weshalb ich Medien so heftig kritisiere:
Dianas Medienschelte mit dem Zweihänder

2 Reaktionen zu “SF1 Reporter – Von Andreas zu Claudia”

  1. Claudia Sabine Meier

    Hallo Diana
    Ja ich lese mit… Ich lese auch Deine Äusserungen gegenüber den Journalisten, die Du wenig zimperlich äusserst… Ich bin etwas erstaunt, denn Du kennst weder Adrian Moser, noch Wolf Röcken oder Rolf Dietrich und urteilst diese als unfähig ab… Schau ich mache die Berichte, damit andere den Mut finden einen Weg zu gehen, den ich erst vor knapp einem Jahr zu gehen beging, also mache ich die Berichte nicht für uns… So gesehen, lese ich übrigens jeden Bericht im Voraus und korrigiere was mir absolut notwendig oder falsch erscheint – das ist sowieso immer mein Standpunkt bei Interviews gewesen, dennoch gibt’s ein Feingefühl und ewas Verständnis von unserer Seite, so dass wir die Journalisten auch als Menschen bezeichnen sollen und nicht als sansationslüsterne Blutsauger. Viele von Ihnen versuchen einen guten Bericht zu machen und schiessen dabei am Ziel vorbei, aber die drei oben genannten, die geniessen mein Vertrauen – sie haben bewiesen, dass diese mit Herz und Verstand schreiben – Wie oft werde ich im Beirag von den Berichtenden als Er bezeichnet? Wie wäre es also, wenn wir etwas weniger gehässig darauf reagieren und etwas verständnis haben würden – ein gemeinsamer Weg kann nur zum Ziel führen… Ich schätze die drei sehr als kompetente Fachleute, die wirklich versuchen zu verstehen was Sache ist und die gar mehr wissen als je auf meinem Blog zu lesen ist – dennoch wird dies nie die Walzen der Druckpresse erreichen – ich persönlich kann zu jedem der Beiträge stehen – ich werde mich daher in diesem Kontext sicher nicht mit den Journalisten anlegen, wenn ich wichtigere Ziele verfolge als die kleinen Makel die ab und an vorkommen, solange diese also im Rahmen bleiben, erscheint mir hier wenig handlungsbedarf – ich habe die Presseleute immer mit Würde und Anstand behandelt und so schallte es dann auch heraus… Klar der SF1 Teaser war für viele von uns Provokativ aber das war ja gut so, denn sonst wäre sicher was anderes zu Beanstanden gefunden worden, wie mein Gang über die Thuner Bällizbrücke wo wir die Einstellung sicher 10x machen mussten, weil immer was nicht passte oder die Kamerafrau nicht zufriden war, ich dann irgenwo hin sollte und meine bessere Hälfte schon etwas genervt war weil wir alles immer wieder von vorne machten… :-) Sei doch ein bisschen Grosszügig, das kostest nichst und die Steine bleiben dennoch im Diadem welche wir auf unseren Häuptern tragen…
    Herzlichst
    Claudia
    PS: ich würde mich sehr freuen Dich auch mal live kennen zu lernen

  2. Diana

    Hey Claudia, schön Dich hier zu lesen :-)

    Dass ich Deinen Einsatz schätze, brauche ich glaub nicht mehr zu erwähnen, ich bin wie gesagt froh darum, wenn Betroffene sich den Medien stellen und so das arg schräge Bild in der Öffentlichkeit etwas verbessern können.

    Dass ich mit Journalisten nicht zimperlich umspringe, erklärt sich ganz einfach dadurch, dass ich schon zuviele “Transen-Beiträge” gelesen habe, in denen Journalisten zugunsten einer peppigen Geschichte mal wieder auf unseren Kosten “lustige Formulierungen” verwenden. Da muss ich diese Schreiber auch nicht persönlich kennen, ich beurteile ja nicht die Menschen sondern ihre Arbeit, die mir vorliegt.

    Siehst Du, es geht eben nicht um Kleinigkeiten, wenn eine Frau mit “er” betitelt wird, das ist nicht einfach ein wenig unkorrekt sondern radikal falsch. Die Stigmatisierung von transsexuellen Menschen beruht darauf, dass die Psychlogie-Ecke uns ein Jahrhundert lang zuerst als pervers und dann als gestört hingestellt hat. Für die Meisten sind wir transFrauen einfach bekloppte Jungs die einen Fetisch mit Röcken haben. Solange die Leute uns so sehen, werden wir niemals wirklich als die Frauen respektiert, die wir sind.

    Ich schlage mich seit bald drei Jahren mit diesem Quatsch rum, habe beispielsweise erlebt wie eine transsexuelle Frau die vergewaltigt wurde vom Blick als “Transe Peter” tituliert wurde, während ich gleichzeitig zur Kenntnis nehmen muss, dass jedes Jahr um die hundert transMenschen zutode geprügelt werden, weil es immer noch genug Gestörte gibt, die vor Menschen wie uns null Respekt haben.

    Medien haben eine Verantwortung und gerade im Umgang mit Stigmatisierten wären sie zu entsprechender Sorgfalt verpflichtet.

    Nun kann man einwenden, dass es ein grosser Unterschied ist zwischen so Boulevard-Schlagzeilen wie bei genannter “Transe Peter” Schlagzeile und solchen Artikeln wie die über Dich. Aber ist der Unterschied wirklich so gross, wenn unser elementarstes Anliegen, nämlich die Anerkennung unseres wirklichen Geschlechts, uns dabei vorenthalten wird.

    Der Teaser auf SF1 war nicht provokativ, er war ganz einfach kreuzfalsch und er hat den Lesern bestehende Vorurteile bestätigt.

    Ich bin gerne grosszügig, aber nicht wenn es darum geht, dass Medien uns in der Psycho-Ecke einsperren. Eben weil es um mehr geht als um simple Formulierungen, es geht um die Bilder die mit diesen Worten mitschwingen, wenn so ein Journalist schreibt: “er war ein Mann” oder “er wollte immer eine Frau sein”.

    Viele transMenschen gehen kaputt daran, dass die Öffentlichkeit so ein Bild von ihnen hat und sie bluten innerlich bei jedem Artikel der erscheint und wieder Fehlinformationen verbreitet. Deshalb habe ich diesbezüglich unterdessen eine Null-Toleranz.

    Aber wie Du in diesem Blogbeitrag ja siehst, sehe ich nicht nur das was falsch ist, ich betonte ja auch, dass ich die Sendung ansonsten gut fand und ich schwärmte sogar vom neusten Zeitungsartikel über Dich, der mich sogar zu einem jubelnden Kommentar bewogen hat.

    Und bevor ich’s vergesse, ich würd mich auch freuen, Dich mal kennen zu lernen :-)

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